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Mittwoch, 15. Oktober 2003

«Sie müssen verzeihen, aber darauf scheiße ich echt»

 

Alban Nikolai Herbst im Gespräch mit Sebastian Fasthuber über literarische Konventionen, seine Nazi-Familie, den Literaturbetrieb und die Börse.

VOLLTEXT Unter Büchermenschen gelten Sie als kontroversieller Autor und es herrschen gewisse Animositäten Ihnen gegenüber. Restlos erklären kann das jedoch niemand. Sie?

 

ALBAN NIKOLAI HERBST (lacht) Nein, wirklich erklären kann ich das auch nicht. Aber seit ich zum ersten Mal im Literaturbetrieb aufgetaucht bin, habe ich in jedem Fall immer aufs heftigste polarisiert. Nun bin ich auch nicht der Mann, mich irgendwelchen Konventionen anzupassen. Meine Erscheinung hat sicher ein übriges zu den vielen Antipathien beigetragen: Ich war schon vor 25 Jahren gern mit Anzug und Krawatte gekleidet und liebte es, mit einem Gehstock herumzulaufen. Damals waren die deutschen Literaturbetriebsler aber komplett auf Jute, Sackpullover und dreckige Fingernägel abonniert, und Eitelkeit ist ihnen bis heute unangenehm.

 

VOLLTEXT Sie vermischen in Ihren Büchern wild Barock und Science Fiction, Mythologie und deutsche Geschichte. Können Sie es verstehen, wenn Rezensenten Ihnen deshalb Größenwahn vorwerfen?

 

HERBST Ja.

 

VOLLTEXT In diesem Punkt treffen sie sich ja auch mit der Rezeption des umstrittenen Künstlers Fichte in ihrem neuen Roman Meere. Sie haben dafür mit Anselm Kiefer auf ein real existierendes Vorbild zurückgegriffen. Inwiefern decken sich Werk und Biografie von Person und Kunstfigur?

 

HERBST Es deckt sich Kiefers Werk mit dem Werk meiner Kunstfigur; jedenfalls meistens. Deshalb habe ich ja gerade Kiefers Arbeiten gewählt. Aber das ist insgesamt ein Modell, das mit der Realität, jedenfalls Kiefer, gar nichts zu tun hat. Ich weiß von Kiefers Biografie nichts und hätte es andernfalls auch nicht für erlaubt gehalten, damit zu arbeiten. Kiefers Arbeiten ähneln in Atem und Ausmaß( losigkeit) dem, was mein Protagonist Fichte versucht. Und sie leben Fichte sozusagen den Mut vor, so etwas auch Gestalt werden zu lassen.

 

VOLLTEXT Die Geschichte und Herkunft Fichtes weist auch deutliche Parallelen zu der Ihren auf. Können Sie das ausführen?

 

HERBST Dass ich als Ribbentrop geboren wurde, gurrt ja unterdessen jede Taube im Rinnstein. Was soll ich dazu noch mehr sagen? Mein Großonkel war Außenminister im Dritten Reich. Im Roman war Fichtes Großvater einer jener berüchtigten NS-Ärzte. Das sind die äußeren Parallelen. Was ich von Fichtes Kindheit erzähle, ist hingegen nicht einmal örtlich verstellt und also die meine.

 

VOLLTEXT Fichte hieß ursprünglich Kalkreuth und hat sich im Zuge einer Selbstneuerfindung einen neuen Namen gegeben – wie das auch bei Ihnen der Fall war. Wie wurde aus Alexander von Ribbentrop Alban Nikolai Herbst?

 

HERBST Stellen Sie sich vor: Jemand wie ich, der literarisch deutlich fantastische Ambitionen hat, dabei durchaus großspurig auftritt und obendrein aus einer Nazi-Familie stammt. Das musste doch jedem Linken verdächtig sein. Da war es dann gar kein Wunder, dass mich 1980 Arno Münster beiseitenahm, der das Manuskript meines damals geschriebenen Dolfinger-Romans1 gelesen hatte. „Unter deinem Namen wirst du in Deutschland niemals ein Buch publizieren können“, sagte er mir und legte mir nahe, einen Künstlernamen zu wählen. Mir gefiel das nicht, ich war der Meinung, meine Namens-Erbschaft tragen zu müssen; außerdem war ich als „Alexander Ribbentrop“ ja einigermaßen in der Szene bekannt. Zu meinem Geburtstag im Februar 1981 entschieden dann einfach die Freunde für mich, indem sie mir Visitenkarten und Briefpapier mit einem neuen Namen, meinem jetzigen, drucken ließen. Da reagierte ich dann sehr konsequent und verließ Bremen, wo ich damals lebte. In Frankfurt am Main sozialisierte ich mich mit dem anderen Namen dann völlig neu.

 

VOLLTEXT Haben sie Meere auch im Sinne einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte geschrieben oder ist die schon vorher passiert?

 

HERBST Eigentlich ging das Ende Januar 2000 mit der Geburt meines Sohnes los. Unbewusst ist das für mich der Punkt gewesen, von dem an ich mich mit meiner Geschichte beschäftigten musste. Doch das betrifft nur die persönliche Ebene. Literarisch ist diese Auseinandersetzung eigentlich in jedem meiner Romane gegenwärtig, das New-York-Buch2 vielleicht einmal ausgenommen. Im Wolpertinger 3 sogar explizit; etwa gibt es dort bereits einen jungen Mann, dessen Vater Nazi-Arzt war. Und überhaupt geht seit 1983 die Geschichte eines falschen Passes wie ein roter Faden durch alle Romane.

 

VOLLTEXT Bemerkenswert ist Ihr Spiel mit (Erzähler-)Identitäten, das sich in Meere in einem Fließen zwischen den Formen „Er“und „Ich“ manifestiert: „Bis zur Studentenrevolte war Westdeutschland nichts als ein Mief aus Verklemmung gewesen, Fichtes Kindheitserinnerungen sind insgesamt spärlich. Dennoch, wenn ich zurückdenke, legt sich ihm ein Geschmack von Waschküchen und Kohl auf die Zunge, von unklarem schlechten Gewissen und Prüderie, von milchiggelben Präservativen und tagelang getragenen Unterhosen, die fast schon starre Urinflecken haben. Das will gereinigt werden.” Wie kamen Sie zu diesem Ansatz, der ja nicht nur formal interessant ist?

 

HERBST Er ergab sich aus einer eigentlich germanistisch-poetologischen, zumal banalbekannten Fragestellung, nämlich derjenigen nach der Perspektive einer Erzählung. Mir war die Beschränkung poetologisch unergiebig, die aus der Festlegung auf Ich-Perspektive oder allwissenden Erzähler notwendig folgte. So habe ich begonnen, die Perspektiven zu verwischen und die Protagonisten durcheinandererzählen zu lassen. Im Wolpertinger-Roman machte ich daraus ein Erzählprinzip, allerdings fuhr ich die Ich-Stimmen kräftig herunter und konzentrierte mich auf drei, die sich gegenseitig erzählen und kommentieren. Daraus hat sich dann die Polyperspektivität der Anderswelt- Romane4 entwickelt, in denen sich schließlich nicht nur Personen, sondern auch Gegenstände ineinander verwandeln können. „Morphen“ nennt man das in der Sprache der Cyberwelten. Ich halte das übrigens nicht für einen Modus phantastischer Literaturen, sondern für eine unterdessen höchst realistische Dynamik. Cronenberg ist mit eXistenZ übrigens auf einer ganz ähnlichen Spur, während The Matrix in einer gleichermaßen faschistoiden wie materialistisch fundierten Erlöserideologie stecken bleibt.

 

VOLLTEXT Meere ist deutlich dünner als einige frühere Romane und doch haben Sie Ihn vollgepackt mit Themen wie Bildender Kunst, Musik, Leidenschaften oder Geschichte, die jeweils Stoff für ein eigenes Buch geben würden. Woher kommt diese Lust am Prallen und Überbordenden?

 

HERBST Also zum einen ist das mit den dicken Büchern ein nettes Vorurteil: Ich habe bislang zwei solche Wälzer geschrieben, Wolpertinger oder Das Blau und Thetis. Anderswelt und ein dritter Wälzer wird folgen, nämlich Anderswelt III. Alle anderen Bücher – immerhin sind es elf weitere – bewegen sich zwischen 60 und 300 Seiten. Die Lust am Prallen ist für mich Ausdruck von Lebenshunger und Lebenslust. Ich lebe gerne, sehr gerne und nehme dafür auch Leid in Kauf. Das gehört dazu, und ich kann es betrauern, kann wütend werden, schreien. Aber vor die hypothetische Entscheidung gestellt, würde ich mich immer fürs Leben entscheiden. Sie dürfen auch Prallheit und Überbordendes nicht mit Formlosigkeit verwechseln; im Gegenteil hat mir meine formale Gestaltungslust schon den ein bisschen irren Vorwurf eingebracht, Formalist zu sein. Freilich habe ich eher eine Tendenz zur Überdeterminierung von Themen und ihrer Durchführung, als dazu, sie „einfach nur“ runter zu erzählen. Ich bin zu sehr musikalisch geprägt worden, um es in meiner Arbeit anders zu halten. Alles ist mit allem verbunden. Ich bin Verschwörungstheoretiker, das muss einen ja wohl nicht wundern. Dass meine Verschwörungstheorien stimmen, das steht auf einem anderen, sehr realistischen Blatt.

 

VOLLTEXT Ein schönes Wahnsystem ist auch die Börse, an der Sie jahrelang als Broker gearbeitet haben. Diente das nur dem Broterwerb oder ging davon auch eine Faszination aus, die sich vielleicht mit der von Literatur vergleichen lässt?

 

HERBST Ich bin zuerst aus Notwehr dahin gegangen. Ich brauchte dringend Geld – und damals fanden das nicht nur noch die Gerichtsvollzieher, sondern endlich auch ich selbst. Literatur zu schreiben, wie sie angeblich das Publikum verlangte, wollte ich auch nicht, auch nicht Sachen rezensieren, die vor Muff schon staubten … also brauchte ich etwas anderes. Und schließlich hat mir das auch Spaß gemacht. Klar: Kaum etwas lebt so sehr von Fiktionen wie die Börse. Als ich das mal raushatte, wurde ich richtig gut.

 

VOLLTEXT Fühlten Sie sich als Literaturmensch dort nicht ein wenig fremd?

 

HERBST Fremd? Also wissen Sie, fremder als unter Autorenkollegen kann ich mich nirgendwo fühlen. Es ist nichts inzestuöser als der Literaturbetrieb, meine Mutter war halt nicht schön genug, um wirklich mit ihr schlafen zu wollen. Obendrein fällt, weil er so klein ist, im Literaturbetrieb jede Korruption sofort auf, sodass man geradezu stündlich mit neuen Fällen konfrontiert wird, die einem den Ekel in die Speiseröhre treiben. Dagegen war der Umgang an der Börse – ehrlich. Nicht weniger grausam, das stimmt, und mit bisweilen schlimmen, weil volkswirtschaftlich miesen Folgen. Doch im Literaturbetrieb geht es um nichts außer Pfründe, die selten den Monatsscheck eines Sparkassen-Filialleiters übersteigen. Das ist doch peinlich, wegen sowas solch sich selbst permanent demütigenden Aufwand zu treiben. Die gewonnene Macht ist doch allenfalls ulkig und erinnert an Leute, die Kaninchenvereine unterwerfen.

 

VOLLTEXT Wofür Sie auch schon kritisiert wurden, sind Ihre Rückgriffe auf Fantasy und Science Fiction. Hatten Sie keine Berührungsängte mit diesen Genres, die gerade sprachlich meist eher Dürftiges bieten? HERBST Nein, Berührungsängste hab ich nie gehabt. Nicht gegenüber der Pornografie, nicht gegenüber so genannten Terroristen, nicht gegenüber Genre-Literaturen. Man sollte nie vergessen, wem man den Spannungsaufbau und die Themen verdankt. Sogar Adorno sprach vom „Bodensatz der guten Musik“, wenn er den Schund meinte. Die Frage, die sich in der Kunst stellt, ist doch im Grunde bloß die: Wie ist etwas verarbeitet und wie – wenn überhaupt – transzendiert worden? Alles andere ist kleinliche, kleinbürgerliche Rücksichtnahme auf irgend welche Konventionen. Sie müssen schon verzeihen, aber darauf scheiße ich echt.

 

Alban Nikolai Herbst, 1955 als Alexander von Ribbentrop geboren, gehört zu Unrecht zu den großen Unbekannten des Literaturbetriebs. Nach dem Schulabbruch unternahm er Anfang der Achtziger erste literarische Versuche, studierte im zweiten Bildungsweg Philosophie und arbeitete von 1987 bis 1992 als Aktien- und Devisenbroker in Frankfurt am Main. Bücher sollte er erst veröffentlichen, nachdem er seinen Namen änderte. Vom Feuilleton wird Herbst dennoch bis heute nicht akzeptiert und wahlweise als größenwahnsinnig bezeichnet oder als Fantasy-Autor verunglimpft. Nichtsdestotrotz erschrieb er sich mit Büchern wie Wolpertinger oder Das Blau oder Thetis. Anderswelt eine langsam, aber stetig wachsende Fangemeinde. Auf Meere soll im nächsten Jahr ein Band mit Erzählungen folgen, den letzten Teil der Anderswelt-Trilogie wird der in Berlin lebende Autor vermutlich nicht vor 2008 fertigstellen.

 

 

 

1 Alban Nikolai Herbst, Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman: Göttingen 1986; heute als Ausgabe Zweiter Hand bei axel dielmann, FFM 2000

 

2 In New York, Manhattan Roman, Schöffling und Co., FFM 2000

 

3 Wolpertinger oder Das Blau, Roman: axel dielmann FFM 1993; dtv, München 2000

 

4 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman: Rowohlt Reinbek 1998; heute vertrieben durch den Berlin Verlag. Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, Berlin Verlag, Berlin 2001

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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