#Fremdgelesen

Eine Kolum­ne von Sebas­ti­an Gug­golz

Hel­gard Haug: All right. Good night (Rowohlt Ver­lag)
Das dürf­te für mich die größ­te Ent­de­ckung bis­her in die­sem Jahr sein. Hel­gard Haug schreibt auf wirk­lich auf­se­hen­er­re­gen­de Wei­se über das Phä­no­men des „ambi­guous loss“, also den „mehr­deu­ti­gen Ver­lust“, zum einen über die schlei­chen­de Demenz­er­kran­kung ihres Vaters, zum ande­ren über das Ver­schwin­den des Flug­zeugs MH370, das 2014 beim Flug von Kua­la Lum­pur nach Peking von den Radars ver­schwand. Haug erzählt for­mal und dra­ma­tur­gisch gran­di­os den Rück­zug des Vaters, geht den Geschich­ten der Hin­ter­blie­be­nen des ver­schwun­de­nen Flug­zeugs nach und macht die­ses Spiel von An- und Abwe­sen­heit, Ver­lie­ren und Fest­hal­ten so ein­dring­lich, dass mir der ziem­lich kur­ze Roman auch Wochen nach der Lek­tü­re noch ganz fest im Kopf und im Kör­per sitzt.

Patri­cia Görg: Der Sturz aus dem Schne­cken­haus (Schirm­er Ver­lag)
Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass eine zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­le­rin schö­ner und klü­ger und anre­gen­der über Bil­den­de Kunst schrei­ben kann als Patri­cia Görg. Sie weiß eine Men­ge über Kunst und das Ent­ste­hen von Kunst, und dann ist ihr unbe­stech­li­cher Blick auch noch so gedul­dig, dass sich ihr in den Bil­dern Din­ge zei­gen, die allen ande­ren ent­ge­hen. Man wünscht sich, mit Patri­cia Görg gemein­sam durchs Muse­um zu strei­fen, hier und dort ste­hen­zu­blei­ben und anhand von Details plötz­lich die gan­ze Welt zu ver­ste­hen.

Sher­wood Ander­son: Wines­burg, Ohio, über­setzt von Mir­ko Bon­né, Ver­lag Schöff­ling & Co.
Manch­mal schleicht man Jah­re um einen Autor her­um, von dem man eigent­lich schon weiß, dass er einem gefal­len wird. Irgend­wann dann macht man sich end­lich an die Lek­tü­re. Und Wines­burg, Ohio, ver­öf­fent­licht 1919, ist noch bes­ser, als ich dach­te. Ein Erzähl­rei­gen (die lie­be ich eh), der mich an Johan­nes V. Jen­sens kurz vor­her ent­stan­de­ne Him­mer­lands­ge­schich­ten erin­nert hat, geschrie­ben mit gro­ßer Lie­be zum länd­li­chen All­tags­ame­ri­ka, vol­ler Zunei­gung für Kau­zig­kei­ten, Umwe­ge, Mensch­lich­kei­ten. Zum Glück habe ich jetzt noch eini­ge Bücher Sher­wood Ander­sons vor mir!

Han­na Engel­mei­er: Trost. Vier Übun­gen, Matthes & Seitz Ber­lin
Für klu­ge, unbe­re­chen­ba­re Essay­bän­de habe ich eine Schwä­che. Und Trost von Han­na Engel­mei­er ist noch ein biss­chen klü­ger und unbe­re­chen­ba­rer, als die meis­ten. Was Ador­no mit Eis­creme zu tun hat, war­um auch Gebe­te ohne intel­lek­tu­el­le Unter­for­de­rung tröst­lich sein kön­nen, all das steht in die­sem Buch. Trös­ten­de Autoren und Autorin­nen, wie Eileen Myl­es und David Fos­ter Wal­lace, kom­men auch vor. Der größ­te Trost für uns Leser ist am Ende natür­lich, dass es die­ses Buch über­haupt gibt und wir es lesen kön­nen.

Ste­fan Mos­ter: Bin das noch ich, Mare
Bis­her habe ich vor allem Ste­fan Mos­ters groß­ar­ti­gen Über­set­zun­gen aus dem Fin­ni­schen (beson­ders gern: Vol­ter Kil­pi: Im Saal von Alas­ta­lo) gele­sen. Doch es lohnt sich auch, sei­ne Roma­ne zu lesen. Bin das noch ich erzählt von einem Gei­ger, des­sen Kör­per plötz­lich streikt. Er kann nicht mehr gei­gen, und so stürzt er, ver­ständ­lich, in eine Sinn­kri­se, zieht sich auf eine ein­sa­me fin­ni­sche Schä­ren­in­sel zurück, beginnt, die Musik der Natur zu erken­nen und dringt, bis auf die Kno­chen von sei­ner gesell­schaft­li­chen Rol­le befreit, an die Wur­zeln der eige­nen künst­le­ri­schen Iden­ti­tät.

Jakob Was­ser­mann:  Cas­par Hau­ser, S. Fischer Ver­la­ge
Klas­si­ker lesen und ver­öf­fent­li­chen ist mein Beruf. Aber Klas­si­ker lesen ist auch nach wie vor eine mei­ner größ­ten Freu­den. Cas­par Hau­ser erzählt, in Frak­tur gedruckt, die fes­seln­de Geschich­te von Cas­par Hau­ser, die­sem irri­tie­ren­den, plötz­lich in der Welt ste­hen­den Men­schen, des­sen Rät­sel bis heu­te nicht gelöst sind. Jakob Was­ser­mann hat in sei­nem 1908 erschie­ne­nen Roman die Fra­ge­zei­chen auch nicht auf­lö­sen kön­nen, aber mir stock­te beim Lesen der Atem, wenn er die Mensch­lich­keit Cas­par Hau­sers und die Unmensch­lich­keit und Ver­dor­ben­heit der Gesell­schaft zeich­net. Wir alle sind Cas­par Hau­ser.

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Sebastian GuggolzSebas­ti­an Gug­golz, gebo­ren 1982 am Boden­see, stu­dier­te Kunst­geschichte, Ger­ma­nis­tik und Volks­kun­de in Ham­burg. Nach eini­gen Jah­ren als Lek­tor bei Matthes & Seitz Ber­lin grün­de­te er 2014 den Gug­golz Ver­lag, in dem er Neu- und Wie­der­ent­de­ckun­gen ver­ges­se­ner Klas­si­ker aus Nord- und Ost­eu­ro­pa in neu­er Über­setzung her­aus­gibt. Seit 2022 arbei­tet er zudem im Lek­to­rat des S. Fischer Ver­lags.

Online seit: 14. Sep­tem­ber 2023

Zuletzt geän­dert: 15. Sep. 2023