Das Lektorat spricht

Von Sebas­ti­an Gug­golz.

Lek­to­rin­nen und Lek­to­ren sind nahe­zu unsicht­ba­re Schat­ten­ge­stal­ten in der Ent­ste­hung von Lite­ra­tur, obwohl sie oft einen erheb­li­chen Anteil dazu bei­tra­gen. Wäre es nicht wün­schens­wert, mehr dar­über zu wis­sen, wer da bestän­dig an der Lite­ra­tur mit­formt? Mal erhascht man ihren Namen, wenn er sich in die Dank­sa­gung hin­ten im Buch ver­irrt hat, mal bekommt man sie zu Gesicht, wenn sie als Beglei­tung bei einer Preis­ver­lei­hung auf­tau­chen oder eine Lesung mode­rie­ren. Doch Außen­ste­hen­den bleibt oft unklar, was Lek­to­rat über­haupt von Kor­rek­to­rat unter­schei­det. „Du fin­dest also die Feh­ler?“ ist die häu­figs­te Vor­stel­lung von der Lek­to­rats­ar­beit. Ist auch nicht falsch: Feh­ler fin­den, gram­ma­ti­ka­li­sche, sprach­li­che und inhalt­li­che, ist ein wich­ti­ger Teil der Auf­ga­ben.

Doch beim Wunsch nach mehr Sicht­bar­keit des Lek­to­rats spre­che ich von ande­ren Aspek­ten. Die Arbeit am Text ist das eine, das lie­ße sich auch mit einer Notiz im Impres­sum nach­wei­sen. Das ande­re aber, das „Poli­ti­sche­re“, ist die Fil­ter­funk­ti­on, die Auf­ga­be, Tex­te und Autoren für ein Ver­lags­pro­gramm aus­zu­wäh­len und damit zu ent­schei­den, wel­che Bücher über­haupt erschei­nen. Die­se Tätig­keit ist gestal­tend, sie hängt von Exper­ti­se, indi­vi­du­el­lem Geschmack und der Vor­stel­lung davon ab, was Lite­ra­tur ist und sein soll­te. Das kann, wie in mei­nem eige­nen Ver­lag, das gesam­te Pro­gramm aus einer Hand sein, das kann aber auch, wie bei mei­ner zwei­ten Arbeit im S. Fischer Ver­lag, ein­zel­ne Berei­che betref­fen, denen die Pro­gramm­lei­tung ihren Stem­pel mit ihren Ent­schei­dun­gen auf­prägt. Die­se müs­sen mit Selbst­be­wusst­sein getrof­fen wer­den, ästhe­tisch und auch poli­tisch – im grö­ße­ren Sinn wie auch auf Ver­lags­ebe­ne. Ein­zel­ne Per­so­nen sind dafür ver­ant­wort­lich. Und war­um sol­len die­se im fürs Publi­kum unsicht­ba­ren Bereich blei­ben?

Wer sicht­bar wird, setzt sich Reso­nanz aus, posi­ti­ver oder nega­ti­ver. Wer unsicht­bar bleibt, ent­zieht sich.

Sicht­bar­keit (begriff­lich unscharf auch: Trans­pa­renz) ist eine poli­ti­sche Kate­go­rie, sie