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Prä­gen­de Lek­tü­ren deutsch­spra­chi­ger Autorin­nen und Autoren – Teil 11

James Bald­win: Ein Frem­der im Dorf
Mei­ne Ein­füh­rung in den Kolo­nia­lis­mus, der natür­lich auch in einem klei­nen Schwei­zer Berg­dorf sei­ne Wir­kung ent­fal­te­te. Meis­ter­haft beschreibt Bald­win, wie er im klei­nen Schwei­zer Dorf Leu­ker­bad zum Objekt der Neu­gier und gleich­zei­tig zum Frem­den (othe­ring) wird. Bald­win ver­knüpft in die­sem schma­len Text gekonnt den ame­ri­ka­ni­schen mit dem schwei­ze­ri­schen Ras­sis­mus und ver­deut­licht, war­um die Fra­ge der kul­tu­rel­len Teil­ha­be bis heu­te aktu­ell ist.

Her­mann Bur­ger: Dia­bel­li
Im Anschluss an Frischs Stil­ler ali­as Mr. White ein Gip­fel der Schwei­zer Iden­ti­täts­li­te­ra­tur. Mit Furor, rasant und mit irr­wit­zi­gem Sprach­charme ver­juxt Her­mann Bur­ger sein Selbst in Sät­zen, die so gefähr­lich und bril­lant sind wie Glet­scher­schluch­ten. Und ver­zau­ber­te mich als jun­ger Leser. Eine Absa­ge an jede Natur­tü­me­lei, so arti­fi­zi­ell und schön wie ein japa­ni­scher Gar­ten.

Jor­ge Luis Bor­ges: Erzäh­lun­gen
Eine zeit­lo­se Ein­füh­rung in die Dia­lek­tik fan­tas­ti­scher Lite­ra­tur, denn Bor­ges zeigt, dass Fik­tio­nen dann am bes­ten funk­tio-nie­ren, wenn sie mit dem Güte­sie­gel des Rea­lis­ti­schen ver­se­hen sind. Und dass es in der Rea­li­tät nur einen klei­nen Riss braucht, um ins Fan­tas­ti­sche zu gelan­gen. Als Schrift­stel­ler leb­te ich lan­ge in die­sem Riss.

W. G. Sebald: Aus­ter­litz
Ein Koloss in der Lite­ra­tur­land­schaft, an dem nur vor­bei­kommt, wer sich nicht für ver­lo­re­ne Land­schaf­ten, rät­sel­haf­te Frem­de und archi­tek­to­ni­sche Denk­mä­ler wie Bahn­hö­fe inter­es­siert. Mit fana­ti­schem Detail­rea­lis­mus ver­zau­bert mich Sebalds Spra­che, mit einem eigen­wil­li­gen Sound, mit dem er sei­nen Son­der­ling durch unse­re Kul­tur und Geschich­te auf die Rei­se schickt, damit er sei­ne jüdi­sche Kind­heit, sei­nen Namen und sei­ne Hei­mat wie­der­fin­de. Ein Buch, das für das letz­te Jahr­hun­dert eben­so wich­tig ist wie die Erfin­dung des Anti­bio­ti­kums oder die Lan­dung auf dem Mond.

Annie Ernaux: Die Jah­re
Bei Ernaux lässt sich das Per­sön­li­che und Pri­va­te nicht ohne die sozia­le Klam­mer erzäh­len. Hier fin­det der All­ge­mein­platz, dass wir „alle Kin­der unse­rer Zeit sind“, sei­ne klügs­te Aus­for­mu­lie­rung. Ernaux’ küh­le Pro­sa betreibt die Ber­gung des Pri­va­ten inklu­si­ve des mit­be­stim­men­den Lebens­ge­fühls. Sie zeigt, wie und wodurch ein Leben geformt wird und wie es sei­ne Gestalt kriegt.

V.S. Nai­paul: Das Rät­sel der Ankunft
Ein Buch, in dem sich wenig ereig­net, außer die von Mil­lio­nen erfah­re­nen, hier minu­ti­ös beschrie­be­nen Ritua­le des Ankom­mens in einem frem­den Land. Nai­pauls The­ma ist die glo­ba­le Ent­wur­ze­lung, und wie man mit Spa­zier­gän­gen wie­der Boden unter die Füße bekommt.

John Burn­si­de: So etwas wie Glück. Geschich­ten über die Lie­be
Dunk­le, geheim­nis­vol­le Erzäh­lun­gen mit viel exis­ten­ti­el­lem Sub­text. Natür­lich sind es Geschich­ten über die Unmög­lich­keit oder Schwie­rig­keit der Lie­be eben­so wie über Krank­heit, das (Un-)Glücklichsein und das Schick­sal klei­ner Leu­te. Burn­si­de ist ein Meis­ter der Stim­mun­gen und der Natur­de­tails.

 

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Quel­le: VOLLTEXT 1/2024 – 18. März 2024

Online seit: 26. April 2024

Online seit: 26. April 2024

Zuletzt geän­dert: 27. Apr. 2024