#Fremdgelesen II

Eine Kolum­ne von Sebas­ti­an Gug­golz

Karl Ove Knaus­gard: Der Wald und der Fluss. Über Anselm Kie­fer und sei­ne Kunst, aus dem Nor­we­gi­schen von Paul Berf (Luch­ter­hand Ver­lag).
Wenn zwei künst­le­risch zusam­men­kom­men, die mich inter­es­sie­ren, die aber bei­de auch für ihre Eigen­tüm­lich­kei­ten und Eitel­kei­ten bekannt sind – Karl Ove Knaus­gard und Anselm Kie­fer –, könn­te viel schief­ge­hen. Doch die­ses Buch ist nicht weni­ger als groß­ar­tig: Zum einen bekommt man schier unglaub­li­che Ein­bli­cke in das Arbei­ten und die Arbeits­or­te von Anselm Kie­fer (ähn­lich beein­dru­ckend, aber viel distan­zier­ter gibt es das der­zeit auch im Doku­men­tar­film Das Rau­schen der Zeit von Wim Wen­ders), zum ande­ren erzählt Knaus­gard wie immer gleich­zei­tig von sei­nen eige­nen Unsi­cher­hei­ten, sei­nen Zwei­feln, sei­nem Zögern, sei­nem Hadern und sei­nem Schei­tern. Bei­de Künst­ler belau­ern sich unent­wegt, tän­zeln umein­an­der her­um, nut­zen sich gegen­sei­tig aus, mani­pu­lie­ren sich und las­sen ein­an­der links lie­gen. Und am Ende hat man einen sehr deut­li­chen Ein­druck der bei­den, von ihren Ambi­va­len­zen und ihrer ein­drucks­vol­len künst­le­ri­schen Schaf­fens­kraft.

Cla­ri­ce Lis­pec­tor: Wofür ich mein Leben gebe. Kolum­nen 1946–1977, aus dem bra­si­lia­ni­schen Por­tu­gie­sisch von Luis Ruby (Pen­gu­in Ver­lag).
Jeder ein­zel­ne Text von Cla­ri­ce Lis­pec­tor strotzt nur so vor Ein­falls­reich­tum, Beson­der­heit, Kapri­zio­si­tät. Wenn ich nach Lieb­lings­au­torin­nen gefragt wer­de, fällt mir immer sofort sie ein: Denn Lis­pec­tor hat es geschafft, eine ganz eigen­stän­di­ge Spra­che zu fin­den, einen Stil, den vie­le nach­ah­men, an den aber kei­ner her­an­kommt. Hier sind ihre Kolum­nen aus meh­re­ren Jahr­zehn­ten ver­sam­melt, die sie neben­her schrieb und die um All­täg­li­ches, eigent­lich Bana­les krei­sen, sich aus wenig ent­wi­ckeln, dann aber Fahrt auf­neh­men und irgend­wo­hin ins Reich der über­sprü­hen­den Phan­ta­sie abbie­gen – und vor allem jeder­zeit unbe­re­chen­bar blei­ben.

Cor­de­lia Edvard­son: Gebrann­tes Kind sucht das Feu­er, aus dem Schwe­di­schen von Ursel Allen­stein (Carl Han­ser Ver­lag).
Kaum mög­lich, über die­ses sehr schma­le, aber unge­heu­er inten­si­ve Buch zu spre­chen. Es erzählt die auto­bio­gra­fi­sche Geschich­te der Autorin, 1929 in Ber­lin als unehe­li­che Toch­ter der Schrift­stel­le­rin Eli­sa­beth Lang­gäs­ser gebo­ren. Es ist der Lebens­be­richt einer viel zu wenig Gelieb­ten, eines Mäd­chens, das zwi­schen alle Stüh­le gerät, viel zu gro­ße Ver­ant­wor­tung schul­tern – und sogar Ausch­witz durch­le­ben muss. Sie ver­sucht eisern, so nüch­tern wie mög­lich zu berich­ten, nicht zu ver­ur­tei­len. Doch was sie erzählt, ist kaum aus­zu­hal­ten, die Ego­zen­trik und Lie­bes­un­fä­hig­keit der Mut­ter ist him­mel­schrei­end. Das Kind über­lebt das Lager – und die Mut­ter hat nichts Bes­se­res zu tun, als ihre Toch­ter und deren Schick­sal nach dem Krieg lite­ra­risch aus­schlach­ten zu wol­len. Erschüt­ternd.

Hans Erich Nossack: Der Unter­gang, (Kabel Ver­lag)
Vor ein paar Wochen war ich in Schwe­den, in Upp­sa­la und Göte­borg, um zu Stig Dager­mans 100. Geburts­tag über sei­ne Repor­ta­ge­rei­se Deut­scher Herbst zu spre­chen. Dabei war die neue schwe­di­sche Über­set­zung von Hans Erich Nossack in aller Mun­de: Das Buch wird dort gera­de bewun­dernd als ein­zig­ar­ti­ges Zeit­do­ku­ment gele­sen, als Mög­lich­keit der Dar­stel­lung des Unfass­ba­ren. Grund genug, die­sen Text auf Deutsch neu zu lesen, den W. G. Sebald als gro­ße Aus­nah­me der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur ansah. Und es ist in der Tat ein Aus­nah­me­text: Nossack tas­tet sich lite­ra­risch an das höl­li­sche Infer­no her­an, an die Zer­stö­rung Ham­burgs im Luft­krieg, die er selbst zufäl­lig in der umlie­gen­den Hei­de über­lebt hat. Tas­tend, sich zögernd und lang­sam an die eigent­lich unaus­sprech­li­che Apo­ka­lyp­se her­an­schrei­bend. Es ist ein Text exis­ten­zi­el­ler Trau­er, 1943 unter dem unmit­tel­ba­ren Ein­druck der Gescheh­nis­se geschrie­ben, der das Erleb­te aus­drückt und pro­to­kol­liert und es noch nicht end­gül­tig ein­zu­ord­nen weiß.

Jan Peter Bre­mer: Nach­hau­se­kom­men, (Ber­lin Ver­lag)
Noch ein Buch ohne gro­ßen Erzähl­bo­gen, ohne aus­ge­feil­te Hand­lungs­strän­ge. Jan Peter Bre­mer ist der Meis­ter der klei­nen Form, des ver­meint­lich Unspek­ta­ku­lä­ren, der Robert-Wal­ser-haf­ten Ver­klei­ne­rung. Hier erzählt er sein eige­nes Leben. Das Auf­wach­sen als Kind im Wend­land als Sohn eines über­mäch­ti­gen Groß­künst­lers der Bun­des­re­pu­blik, geplagt von Unsi­cher­hei­ten, von Unbe­hol­fen­heit und von unfrei­wil­li­ger Komik. Der Jun­ge will nir­gend­wo rich­tig hin­ein­pas­sen, ist oft ein­sam, auf der Suche nach Zunei­gung, sein Hori­zont ist zu weit für die Pro­vinz, aber zu ver­quer und ver­dreht, um über den Din­gen ste­hen zu kön­nen. Auf selt­sa­me Wei­se rührt mich die Haupt­fi­gur tief an – die Zunei­gung, um die er im Roman kämpft, erhält er von mir als Leser unbe­dingt. Ein schö­nes Buch, das sehr viel weni­ger harm­los ist, als es auf den ers­ten Blick erschei­nen mag.

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Sebastian GuggolzSebas­ti­an Gug­golz, gebo­ren 1982 am Boden­see, stu­dier­te Kunst­geschichte, Ger­ma­nis­tik und Volks­kun­de in Ham­burg. Nach eini­gen Jah­ren als Lek­tor bei Matthes & Seitz Ber­lin grün­de­te er 2014 den Gug­golz Ver­lag, in dem er Neu- und Wie­der­ent­de­ckun­gen ver­ges­se­ner Klas­si­ker aus Nord- und Ost­eu­ro­pa in neu­er Über­setzung her­aus­gibt. Seit 2022 arbei­tet er zudem im Lek­to­rat des S. Fischer Ver­lags.

Online seit: 19. Novem­ber 2023

Zuletzt geän­dert: 20. Nov. 2023