Ein Säulenheiliger der Unsicheren

War­um Cer­van­tes’ Don Qui­jo­te gera­de heu­te ein wei­ser Rat­ge­ber ist. Von Ste­fan Kut­zen­ber­ger
Gustave Doré – Miguel de Cervantes: Don Quixote

Bedrängt von erle­se­nen Figu­ren: Don Qui­jo­te. Illus­tra­ti­on von Gust­ave Doré.

In einer Zeit, in der in Euro­pa Krieg herrscht und man nicht ent­schei­den kann, ob Waf­fen­lie­fe­run­gen gut oder böse sind, in einer Zeit, in der eine Pan­de­mie wütet und man dar­über strei­tet, ob Imp­fun­gen wirk­sam oder gefähr­lich sind, in einer Zeit, in der man nicht mehr erkennt, ob ein Text von einem Men­schen oder von einer Maschi­ne geschrie­ben wur­de, in einer sol­chen Zeit ent­steht eine Stim­mung, in der es immer schwie­ri­ger wird, sich selbst als real zu emp­fin­den. Der ein­zi­ge Schutz­hei­li­ge, an den man sich dann wen­den kann, ist Don Qui­jo­te. Ver­läss­lich wird er uns mit wei­sem Rat und star­kem Arm bedin­gungs­los zur Sei­te ste­hen.

Nach der Bibel ist Don Qui­jo­te tat­säch­lich das ver­brei­tets­te und mei­st­über­setz­te Buch der Welt.

Der Rit­ter von der trau­ri­gen Gestalt ist welt­be­kannt, doch ist es meist nur sein Bild, das uns geläu­fig ist, wie zum Bei­spiel auf dem Hei­del­ber­ger Mas­ken­um­zug, in dem zwei Män­ner als Don Qui­jo­te und Sancho Pan­za gegan­gen sind. Es gibt nicht vie­le lite­ra­ri­sche Figu­ren, die man als Faschings­ver­klei­dung wäh­len könn­te: Sher­lock Hol­mes mit Tabaks­pfei­fe, Deer­s­tal­ker-Müt­ze und Have­lock-Man­tel, Har­ry Pot­ter mit run­der Bril­le und blitz­för­mi­ger Nar­be auf der Stirn kom­men in den Sinn, Ham­let wahr­schein­lich, wenn man sich schwarz klei­det und einen Toten­kopf in die Hand nimmt. Don Qui­jo­te erkennt man aber auf jeden Fall. Erstaun­lich ist aller­dings, dass man schon beim besag­ten Hei­del­ber­ger Mas­ken­zug wuss­te, wen die bei­den Ver­klei­de­ten dar­stel­len woll­ten. Denn die­ser fand 1613 statt, noch zu Leb­zei­ten von Cer­van­tes, lan­ge vor der ers­ten deut­schen Über­set­zung und zwei Jah­re vor Erschei­nen des zwei­ten Teils. Und doch waren Don Qui­jo­te und Sancho schon damals Figu­ren, die, als wäre es die natür­lichs­te Sache der Welt, die Gren­zen zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on nach Belie­ben über­schrit­ten. Es war, als hät­ten sich die bei­den Spa­ni­er ver­selbst­stän­digt, als wären sie dem Buch ent­flo­hen, kaum dass es mit gro­ßem Erfolg erschie­nen war. Und wenn man es genau nimmt, ist dies ja in der Tat die natür­lichs­te Sache der Welt.

Kei­nen ande­ren Hel­den der Welt­li­te­ra­tur hat man so klar vor Augen wie den hage­ren Don Qui­jo­te, der mit einer Lan­ze in der Hand auf einem klapp­ri­gen Ross beglei­tet von sei­nem treu­en Knap­pen Sancho die Wei­ten des spa­ni­schen Hoch­lands durch­zieht. Meist ist es natür­lich nicht der tau­send­sei­ti­ge Roman, der uns die­ses Bild vor Augen führt, son­dern eine sei­ner zahl­lo­sen Illus­tra­tio­nen oder Bear­bei­tun­gen, sei dies als Kin­der­buch, Musi­cal, Gra­phic Novel oder Zei­chen­trick­se­rie. Doch das ist scha­de, denn Don Qui­jo­te ist viel mehr als das ewig wie­der­hol­te Bild des gegen Wind­müh­len anrei­ten­den Spa­ni­ers, das im Buch in zwei Sei­ten abge­han­delt wird und eine der lang­wei­ligs­ten Epi­so­den ist. Der 1605 von Miguel de Cer­van­tes ver­öf­fent­lich­te Roman (und sei­ne Fort­set­zung von 1615) ist ein Mei­len­stein der Welt­li­te­ra­tur, der in sei­ner Radi­ka­li­tät und Moder­ni­tät bis heu­te sei­nes­glei­chen sucht. Im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg erho­ben die Repu­bli­ka­ner das Buch zur welt­li­chen Bibel, und nach der Bibel ist Don Qui­jo­te tat­säch­lich das ver­brei­tets­te und mei­st­über­setz­te Buch der Welt. 2002 wähl­ten es hun­dert Autoren und Autorin­nen in einer Umfra­ge des Nobel­preis­in­sti­tuts zum bes­ten Roman aller Zei­ten, und der ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ker Lio­nel Tril­ling behaup­te­te 1950, dass jede Fik­ti­on nur eine Varia­ti­on des The­mas des Don Qui­jo­te sei.

Die­ses The­ma ist