Wörter des Grauens
Während also sein Kollege Salzer, der es später bis zum „Editor at large“ bringen sollte, mit seinen wenigen Bleistiftanmerkungen entspannt die Suhrkampkultur von circa 1970 nachspielte, wurden bei ihm die Manuskripte im Korrekturmodus digitaler Dokumente in grässlich zähflüssigem Tempo unübersichtlich bunt zerrissen und durch lange Kommentare bedrängt. Aber das Schlimme war eben: Auch er wurde mehr und mehr zerrissen und bedrängt. Seine geistige und dann auch fast körperliche Schwächung und Hilflosigkeit wuchsen, und es wurde ihm dabei immer klarer, dass er – neben den üblichen falsch verschlungenen Satzkonstruktionen und aus dem Papierdeutsch ins Sprechdeutsch zu bringenden Dialogen – nicht nur einfach diese ewigen vielen „Wörter des Grauens“, wie er sie dann nannte, bekämpfte, sondern ein ganzes System, eine allgemeine, undurchdringliche Sprachsuppe, die für alle Beteiligten ganz selbstverständlich zur deutschen Standardliteratursprache geworden war und in der jeder Text, ob alt oder neu, avantgardistisch oder konventionell, verschmutzte, versank und verschwand.
Eine allgemeine, undurchdringliche Sprachsuppe, die für alle Beteiligten ganz selbstverständlich zur deutschen Standardliteratursprache geworden war.
Es ging dabei nämlich nicht nur um hier und da Auftauchendes, zum Beispiel Begriffe aus dem Wörterbuch der kitschigen Spießigkeit wie „schmunzeln“ und „mustern“ („Er musterte sie schmunzelnd“), sondern um die konsequente Systematik eines vermeintlich hochsinnigen Tons, die alle Schreibenden schon völlig unbewusst beherrschte. Signifikant für dieses System ist das Schicksal des Wörtchens „aber“, das in der Literatursprache des Grauens zugunsten des spitzmündig professoralen und hochtrabend den Widerspruch vertiefenden „doch“ fast vollständig abhandenkommt. Es kann bei Übertragungen in der Ausgangssprache noch so schlicht „mais“, „pero“, „but“ (also „aber“) heißen – es wird zu einem vornehmen „doch“ hinaufübersetzt (was in den Ausgangssprachen eigentlich ein vornehm veraltendes anderes Wort wäre).
In dieser Sprache kommen die Menschen nicht ins Zimmer, sie „betreten“ es, sie schauen andere nicht an, sie „betrachten“ sie, sie waren nicht etwa nicht in der Lage, etwas zu tun, sie „vermochten“ es nicht, und sie machen nicht Urlaub in Frankreich, sie „verbringen“ ihn dort und fahren auch nicht, sondern „begeben sich“ dorthin, sie versuchen auch nicht zu vergessen, sie „suchen“ zu vergessen, etwas ist nicht ganz bestimmt oder sicher so oder so, sondern „gewiss“ so oder so, nichts und niemand geht vorbei, sondern lieber „vorüber“, nichts passiert vorher, sondern stets „zuvor“, und das oberlehrerhafte „stets“ ersetzt immer die offenbar als zu banal empfundenen „immer“ und „ständig“, und nichts geschah jemals zu „diesem“ bestimmten Zeitpunkt, sondern immer an „jenem“ Tag, in „jenem“ Jahr.
Es war nicht zu fassen, wie es normal sprechenden und denkenden Menschen natürlich sein konnte, ihre schriftlichen literarischen Äußerungen vollkommen unironisch mit Wörtern wie „obschon“, „gleichwohl“, „bisweilen“, „zuweilen“, „unverzüglich“ und „indessen“ zu pflastern oder mit dem größten Schrecken, dem Zeigefingerwort der dumpfesten Wichtigtuerei: „freilich“. Wie oft änderte er Wörter wie „abermals“, „nunmehr“, „dieserlei“, „dergleichen“, „derlei“, wie oft ersetzte er „hingegen“ durch „dagegen“, „gewöhnlich“ durch „normalerweise“, „jedoch“ durch „allerdings“, „dennoch“ durch „trotzdem“? Wie oft hatte er das dauernde „noch immer“ ins „immer noch“ zurechtgedreht? Wie viele Stunden, Tage, Monate hatte er gegen diese gekünstelten Geschraubtheiten gekämpft? Wann hatte diese Mischung aus Brief der lieben Tante, Belehrung des gebildeten Onkels, kaiserlichem Amtsdeutsch und Pseudo-Thomas-Mann die Macht übernommen und war unbeherrschbar geworden? Denn ihm wurde auch schnell immer bewusster, dass es nicht nur seine kleine Welt der Übersetzungslektorate betraf, sondern die gesamte literarische Landschaft, und dass dieses sprachliche hohe Traben allen so selbstverständlich war, dass am Ende gar nicht sie die Verrückten waren, sondern vielleicht er der einzige Irre.
Englische Bücher las er jedenfalls möglichst nur noch im Original, andere musste er gequält nach einigen Seiten aufgeben, übersetzte genauso wie deutschsprachige, die auch immer mehr wie schlecht lektorierte Übersetzungen zu klingen begannen. Immer seltener, immer verzaubernder wurden die Funde von Texten, die gar nicht von dieser Sprachsuppe befleckt waren, die kunstvoll waren oder schlicht, unverfälscht und rein, ganz sie selbst.
Und er sollte sich für immer einigermaßen genau an die Sätze erinnern, die das Ende seiner Verlagskarriere besiegelten, weil sie wohl das Grauen in seiner höchsten Potenz waren. Der erste lautete: „Sie vermochte es nicht zu glauben, dass er in der Tat unversehens jenen Entschluss gefasst hatte, obgleich er zuvor stets die Auffassung vertrat, er habe nichts damit zu schaffen.“ In mindestens zwanzigminütiger Arbeit, nach vielen Blicken ins 300-seitige italienische Original der jungen Autorin und ins Onlinewörterbuch (weil er ja kein Italienisch kann) verbesserte er ihn in: „Sie konnte nicht begreifen, dass er sich wirklich plötzlich dafür entschieden hatte, obwohl er vorher immer behauptet hatte, überhaupt nichts damit zu tun zu haben.“ Das war auch nicht richtig gut, aber schon besser.
Dann folgte im Manuskript: „Noch immer freilich war ihr in jenem Jahr nicht zu Bewusstsein gekommen, dass es gewöhnlich im Falle solcherlei Verhaltensweisen seinerseits mittlerweile nachgerade vergebens war, auf die Widersprüche in seinem Vorgehen zu verweisen, und es somit jedweder Vernunft widersprechend höchst verkehrt von ihr war, in seinem Spiel mitzuwirken, wohingegen er selbst indes ihr gegenüber nunmehr auftrat, wie wenn ein Kamel durch eine Nadelspitze zu kommen suchte, doch es längst geschafft habe, oder als seien ihr gewiss schon dümmere Entscheidungen unterlaufen und er müsse ihr gegenüber ganz gewiss keine Rechenschaft üben.“
Er las diesen Satz ungefähr fünfmal. Er konnte nicht mehr.
Er weinte (er weinte wirklich), ließ sich am nächsten Tag krank schreiben und kündigte eine Woche später.
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Axel von Ernst ist freier Autor und Lehrbeauftragter, Co-Verleger der Verlage Lilienfeld (gegründet 2007) und C.W. Leske (gegründet 1821) und als Vorstand des Vereins der Hotlist Aktivist für die Belange der unabhängigen Verlage. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem Romanprojekt, das vermutlich trotz Bestsellerpotenzial nie fertig werden wird. Ähnlichkeiten mit realen Geschehnissen und Personen sind rein zufällig.
Die Lektoratskolumne „unverlangt eingesandt“ wird betreut von Kristine Kress. Sie berichtet an dieser Stelle mit weiteren Lektorinnen und Lektoren aus dem Backstagebereich des Literaturbetriebs.
Online seit: 21. April 2024
Zuletzt geändert: 21. Juni 2026
