Buddenbrooks, chinesische Variante

War­um Pearl S. Buck den Nobel­preis für Lite­ra­tur ver­dient und nicht ver­dient hat. Von Nor­bert May­er. (Aus der Serie „Zu Recht ver­ges­sen“.)

Ein uner­war­te­tes Wie­der­se­hen nach gut fünf­zig Jah­ren: In der nächst­ge­le­ge­nen Bücher­box ste­hen zwei ele­gan­te Bän­de mit schwar­zen Leder­rü­cken, dar­auf die Titel in geschwun­ge­ner, gol­de­ner Schrift: Die ver­bor­ge­ne Blu­me und Die Mut­ter. Ihre Ein­bän­de zei­gen ein altes chi­ne­si­sches Pflan­zen­bild sowie eine häus­li­che Sze­ne aus der Samm­lung Pree­to­ri­us, einst bedeu­tend für ost­asia­ti­sche Kunst. Genau die­se bei­den Bücher hat es doch auch in unse­rem Regal gege­ben! (Damals war es für die Eltern­ge­nera­ti­on noch üblich, Mit­glied eines Lese­rings zu sein.) Die­se Roma­ne von Pearl S. Buck sowie eine Tri­lo­gie von ihr gehör­ten mei­ner Mut­ter. Sie stan­den neben Wer­ken von Ernest Heming­way, Gwen Bris­tow oder John Stein­beck und wur­den auch von mei­nen Tan­ten eif­rig gele­sen. Die ver­schlan­gen Das Haus der Erde wahr­schein­lich mit eben­sol­cher Begeis­te­rung wie Wem die Stun­de schlägt, Kali­for­ni­sche Sin­fo­nie oder Jen­seits von Eden.

Nach der Ver­ga­be des Nobel­prei­ses führ­ten Stock­holms Preis­rich­ter eine Nach­denk­pau­se für über­eif­ri­ge Juro­ren ein, von Bös­wil­li­gen „Lex Buck“ genannt.

Einem Puber­tie­ren­den wie mir schien die­se Autorin in den Sieb­zi­ger­jah­ren aller­dings nicht inter­es­sant genug. Ihre Bücher gal­ten als Frau­en­li­te­ra­tur. Ein kur­zer Blick auf die ers­ten Sät­ze der deut­schen Über­set­zung von The Mother (1934) schien mir damals zu genü­gen, um mei­ne vor­ge­fass­te Mei­nung bestä­tigt zu wis­sen: „In der Küche des klei­nen, stroh­ge­deck­ten Bau­ern­hau­ses saß die Mut­ter auf einem nied­ri­gen Bam­bus­stuhl hin­ter dem Lehm­herd, in des­sen Öff­nung sie flink Gras­bü­schel warf.“ Lang­wei­lig! Von unse­rem Deutsch­leh­rer, der uns auch beherzt zum Dich­ten anstif­te­te, waren wir bereits davor gewarnt wor­den, all­zu leicht­sin­nig mit Adjek­ti­ven umzu­ge­hen. Hat­te die­se Ame­ri­ka­ne­rin noch nichts von der Schön­heit des längst in Mode gekom­me­nen spar­sa­men Umgangs mit der Spra­che gehört? Sie müss­te das doch gewusst haben. Hat­te sie doch als eine von weni­gen Frau­en an der Eli­te­uni­ver­si­tät Cor­nell einen Mas­ter of Arts in eng­li­scher Lite­ra­tur gemacht und die­ses Fach als Pro­fes­so­rin in Nan­king unter­rich­tet. Außer­dem war Charles Dickens ihr erklär­tes Vor­bild, ein Welt­meis­ter des Sen­ti­ments und der fan­tas­ti­schen Cha­rak­ter­zeich­nung in der vik­to­ria­ni­schen Ära. Mit ihm teilt Buck das Mit­ge­fühl für die Benach­tei­lig­ten die­ser Erde und den kla­ren Blick einer Repor­te­rin auf sozia­le Ver­hält­nis­se. Sei­ne iro­ni­sche Schär­fe und sei­ne poe­ti­sche Viel­schich­tig­keit erreicht sie jedoch bei Wei­tem nicht.

Schlich­ter Erzähl­stil

Was sagt der gro­ße Brock­haus über Pearl Sydenstri­cker Buck? 19 Zei­len Text hat die­ses Lexi­kon in 24 Bän­den für die Best­sel­ler­au­torin übrig: „Ihre Wer­ke sind in schlich­tem Erzähl­stil geschrie­ben und geben ein Bild des chin. All­tags­le­bens, wobei der Kon­flikt zw. Tra­di­ti­on und Moder­ne zum Tra­gen kommt.“ Sie wird als „Mitt­le­rin zw. Chi­na und dem Wes­ten“ bezeich­net.

Sie hat­te vor allem wegen die­ser Rol­le Renom­mee, wegen ihres Wer­bens um Ver­ständ­nis für die viel­fäl­ti­ge ost­asia­ti­sche Gesell­schaft. Wahr­schein­lich erhielt sie 1938 auch des­halb als ers­te Ame­ri­ka­ne­rin den Nobel­preis für Lite­ra­tur. Ein star­ker Hauch von Exo­tik umgab die Viel­schrei­be­rin. Die 1892 in West Vir­gi­nia gebo­re­ne Toch­ter pres­by­te­ria­ni­scher Mis­sio­na­re wuchs seit ihrer frü­hes­ten Kind­heit in Chi­na auf. Ihre ers­te Spra­che, die sie bald flie­ßend beherrsch­te, war Man­da­rin. Ihre Eltern setz­ten auf Inte­gra­ti­on, sie spiel­te mit den chi­ne­si­schen Nach­bars­kin­dern. Die chi­ne­si­sche Kin­der­frau erzähl­te der klei­nen Pearl Mär­chen. Ers­te Schrift­spra­che wur­de dann aller­dings doch Eng­lisch. Aber Chi­na, wo sie spä­ter, so wie ihr ers­ter Mann eben­falls, in der Mis­si­on tätig war, wur­de zu ihrem Leib­the­ma. Sie behan­del­te es in zahl­rei­chen Roma­nen, Kin­der­bü­chern, Bio­gra­fien, in den Gen­res Dra­ma, Dreh­buch, Essay und Tage­buch. Ins­ge­samt dürf­ten es bei­na­he hun­dert Titel sein. Für The Good Earth erhielt sie 1932 – vor allem wegen der dar­in genau beob­ach­te­ten Zustän­de im vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Chi­na – den Pulit­zer-Preis.

Faul­k­ner, der elf Jah­re spä­ter den Nobel­preis bekam, soll erwo­gen haben, die Aus­zeich­nung nicht anzu­neh­men, weil ihn die Bevor­zu­gung der als min­der ein­ge­schätz­ten Kol­le­gin kränk­te.

Immer­hin. Die zufäl­li­ge Begeg­nung in der Bücher­box hat ent­schie­den: Im rei­fen Alter las­se ich mich noch ein­mal auf die Lek­tü­re ein. Bucks alte, gebun­de­ne Bücher wer­den gegen zwei Taschen­bü­cher eines noch leben­den chi­ne­si­schen Autors getauscht, eines pas­sio­nier­ten Erzäh­lers, der die Mythen und Bräu­che sei­ner Hei­mat genau kennt: Die Knob­lauch­re­vol­te und Die Schnaps­stadt von Mo Yan. Er ist eben­falls ein Nobel­preis­trä­ger, als ers­ter Chi­ne­se erhielt er den Preis 2012, eine Ent­schei­dung, die wie einst jene für Buck kri­ti­siert wur­de. Zu ange­passt ans Regime in Peking schien er man­chen Dis­si­den­ten. Aber das ist eine ande­re Geschich­te.

Ob der Tausch für mich ein Gewinn war? Ich sehe erst ein­mal nach, was die Lite­ra­tur­ge­schich­te meint. Kei­ne ein­zi­ge Zei­le über Buck im US-Band der Pen­gu­in Histo­ry of Lite­ra­tu­re. Ein wenig schmei­chel­haf­ter Absatz in The Cam­bridge Gui­de to Lite­ra­tu­re in Eng­lish. Wahr­schein­lich noch mehr Demü­ti­gung in den acht­hun­dert Sei­ten über Ame­ri­ka im viel­bän­di­gen Peli­can Gui­de to Eng­lish Lite­ra­tu­re: Sie kommt dort ohne irgend­ei­ne Wer­tung oder Bemer­kung bloß in einer biblio­gra­fi­schen Fuß­no­te vor: „Buck, Pearl Sydenstri­cker (1892–1973)“ – vier Roma­ne und eine Über­set­zung aus dem Chi­ne­si­schen wer­den kom­men­tar­los auf­ge­lis­tet.

Tief­schlä­ge

Auf die deut­sche Lite­ra­tur­pfle­ge ist dage­gen Ver­lass. In Kind­lers all­um­fas­sen­dem Welt­li­te­ra­tur­le­xi­kon wer­den fünf Roma­ne aus­führ­li­cher vor­ge­stellt: Das Debüt East Wind – West Wind von 1930, die dar­auf­fol­gen­de Tri­lo­gie The House of Earth, bestehend aus The Good Earth, Sons und A House Divi­ded, sowie The Patri­ot aus dem Kriegs­jahr 1939. Zusam­men­fas­send heißt es dazu: „Die meis­ten der im schlich­ten Erzähl­stil geschrie­be­nen Wer­ke der Autorin ver­mit­teln ein anschau­li­ches Bild vom dama­li­gen Leben in Chi­na … Einer tie­fer­grei­fen­den, gesell­schafts­kri­ti­schen Ana­ly­se weicht die Autorin frei­lich zumeist aus. Ihre Men­schen sind bei allem Natu­ra­lis­mus der Dar­stel­lung häu­fig all­zu gefühls­be­tont, aus gewollt opti­mis­ti­scher Sicht gezeich­net.“ Als eini­ger­ma­ßen posi­tiv wird her­vor­ge­ho­ben, dass sie „die Bezie­hun­gen der Geschlech­ter, ins­be­son­de­re das Pro­blem der Gleich­be­rech­ti­gung der Frau“ behand­le. „Die­se The­ma­tik und ihr unter­halt­sa­mer, flüs­si­ger Stil sicher­ten ihren Roma­nen vor allem unter der weib­li­chen Leser­schaft bis heu­te wei­te Ver­brei­tung.“

Was für ein Tief­schlag! Das könn­te doch glatt von einem elend miso­gy­nen Skri­ben­ten geschrie­ben wor­den sein. Lob bekommt Buck im Kind­ler nur für Die gute Erde, den ers­ten Band ihrer Tri­lo­gie. Das sei ihr bes­ter Roman, sie habe damit „wei­te Leser­krei­se erst­mals an die All­tags­pro­ble­me des fern­öst­li­chen Lan­des her­an­ge­führt“. Dafür habe sie auch den Nobel­preis erhal­ten. Des­sen Komi­tee hat­te als beson­ders posi­tiv die „kraft­vol­len und wahr­haft epi­schen Schil­de­run­gen des bäu­er­li­chen Lebens in Chi­na“ her­vor­ge­ho­ben sowie ihre bio­gra­fi­schen „Meis­ter­wer­ke“. Die Fol­ge­bän­de von The Good Earth hät­ten jedoch nicht mehr des­sen Geschlos­sen­heit und Aus­sa­ge­kraft, heißt es im Kind­ler.

Wie schätz­te sie selbst ihr Schrei­ben ein? In der Dan­kes­re­de in Stock­holm sag­te sie 1938, dass sie zwar durch Geburt und Her­kunft Ame­ri­ka­ne­rin sei, dass sie aber ihr frü­hes­tes Wis­sen von Geschich­ten, wie man sie erzäh­le und schrei­be, in Chi­na erhal­ten habe. Dort „hat der Roman­cier nicht die Auf­ga­be, Kunst zu schaf­fen, son­dern zu den Men­schen zu spre­chen“. Ihr Ehr­geiz sei nicht auf „die Schön­heit der Buch­sta­ben oder die Anmut der Kunst“ aus­ge­rich­tet. Sie den­ke an ein Mas­sen­pu­bli­kum, nicht an weni­ge Leser.

Geben wir der Autorin also eine wei­te­re Chan­ce. The Hid­den Flower (1952): „Der Gar­ten war ruhig. Jen­seits sei­ner Mau­ern über­tön­te kein Echo von Schrit­ten das Plät­schern des Was­ser­falls. Die Stil­le war geplant und vor­ge­se­hen, wie alles in die­sem Gar­ten geplant und vor­ge­se­hen war, obwohl die Anla­ge den Ein­druck erweck­te, von der Natur selbst geschaf­fen wor­den zu sein.“ Der Text plät­schert dann dahin wie ein Hei­mat­ro­man, nur eben nicht auf der Alm oder den Hügeln von West Vir­gi­nia, son­dern irgend­wo in Chi­na. Wie hört solch eine Sto­ry auf? „Und mit einem tri­um­phie­ren­den Lächeln tät­schel­te sie Len­nies Rücken und schau­kel­te ihn sanft auf ihrem Schoß.“

Frem­den­hass im Reich der Mit­te

Auch ein noch spä­te­rer Schmacht­fet­zen, Let­ter from Peking (1957), wird rasch bei­sei­te­ge­legt: Der Sohn eines Ame­ri­ka­ners und einer Chi­ne­sin beschließt, sei­ne Frau Eli­sa­beth und ihren gemein­sa­men Sohn in die USA zu schi­cken, weil Chi­na in der Zeit der kom­mu­nis­ti­schen Revo­lu­ti­on für Frem­de zu gefähr­lich gewor­den ist. Frem­den­hass im Reich der Mit­te. Und schon ver­liert Eli­sa­beth den zurück­ge­blie­be­nen Gat­ten an eine Chi­ne­sin. Er nimmt die­se zur Frau, um sein Leben nicht zu gefähr­den, heißt es. Das ist erst der Anfang diver­ser kul­tu­rel­ler Kon­flik­te, für die es nur eine jen­sei­ti­ge Lösung gibt, wie der deut­sche Titel höchst pau­li­nisch signa­li­siert: Über allem die Lie­be.

Das Vor­ur­teil ver­fes­tigt sich: Eine Kitsch-Pro­du­zen­tin hat ver­se­hent­lich den Nobel­preis gewon­nen. Wahr­schein­lich nicht zuletzt auch des­halb, weil sich der damals ein­fluss­rei­che schwe­di­sche Geo­graf und Asi­en-Ken­ner Sven Anders Hedin vehe­ment für sie ein­ge­setzt hat­te. Ein Kri­ti­ker namens Pear­son (im Gegen­satz zu Buck weit­ge­hend ver­ges­sen) schrieb: „Gott sei Dank gibt es nie­man­den, der das ernst genom­men hat.“ Wil­liam Faul­k­ner, der elf Jah­re spä­ter zu Nobel­prei­seh­ren kam, hat das offen­bar auch so emp­fun­den. Angeb­lich soll er erwo­gen haben, die Aus­zeich­nung nicht anzu­neh­men, weil ihn die Bevor­zu­gung der als min­der ein­ge­schätz­ten Kol­le­gin kränk­te. „Mrs. Chi­na­hand Buck“ nann­te er sie abwer­tend. Dabei muss­te er doch bemerkt haben, war­um sie in den USA vor allem in den Drei­ßi­ger­jah­ren so erfolg­reich war. Es herrsch­te die Gro­ße Depres­si­on, die vor allem in sei­nen Roma­nen ein­ma­lig anschau­lich gemacht wur­de. Auch Buck beschrieb sie, mit ihren beschei­de­ne­ren sti­lis­ti­schen Mit­teln und in frem­des Umfeld ver­setzt – als Chi­nas Elend.

Faul­k­ner war nicht der ein­zi­ge sar­kas­ti­sche Autor, der sie ver­ächt­lich mach­te. Lite­ra­risch wert­los sei ihr Werk, Tri­vi­al­li­te­ra­tur, mein­ten vie­le ein­fluss-
rei­che Stim­men. Ihr Pre­digt-Ton, der man­geln­de Humor und die durch­sich­tig simp­le Didak­tik fie­len selbst jenen auf, die ihr gewo­gen waren. Stock­holms Preis­rich­ter reagier­ten dar­auf, indem der Nobel­preis danach nur noch an jene gehen konn­te, die min­des­tens ein­mal zuvor dafür nomi­niert wor­den waren. Sie führ­ten also eine Nach­denk­pau­se für über­eif­ri­ge Juro­ren ein, von Bös­wil­li­gen „Lex Buck“ genannt. Das ergibt Sinn. Zwar hat Buck Ver­ständ­nis für eine frem­de Kul­tur zu ver­mit­teln ver­sucht, die sie in wirk­lich inter­es­san­ten Zei­ten (Bür­ger­krieg, Revo­lu­ti­on) bis 1934 haut­nah erleb­te. Doch 1938 haben noch Vir­gi­nia Woolf und Robert Musil gelebt! Jor­ge Luis Bor­ges hat­te bereits sei­ne genia­le Kom­ple­xi­tät demons­triert. Anna Ach­ma­towa reiz­te die Gren­zen des Sag­ba­ren aus.

Schwer­ge­wich­te der Welt­li­te­ra­tur in die Waag­scha­le zu wer­fen ist in die­sem Fall aber eigent­lich ver­fehlt. Nach dem Wil­len des Stif­ters Alfred Nobel soll­te sei­nen Preis erhal­ten, wer „das Vor­züg­lichs­te in idea­lis­ti­scher Rich­tung geschaf­fen hat“. Auch dar­in wäre Buck heut­zu­ta­ge jedoch pro­ble­ma­tisch. Eine wei­ße Ame­ri­ka­ne­rin, die Ein­füh­lung in Schick­sa­le einer völ­lig frem­den Kul­tur zum Haupt­mo­tiv ihres Schrei­bens macht? Nennt man das nicht neu­er­dings abfäl­lig „kul­tu­rel­le Aneig­nung“? Das hat einst bereits Chi­nas Groß­schrift­stel­ler Lu Xun bemerkt, als sei­ne US-Kol­le­gin in den Drei­ßi­ger­jah­ren auch in Chi­na mit Best­sel­lern reüs­sier­te. Er mein­te reser­viert, man soll­te es doch lie­ber den Chi­ne­sen über­las­sen, über ihr Land Roma­ne zu schrei­ben. Buck ken­ne es doch gar nicht wirk­lich. Sie habe die­ses Reich zwar als ihre Hei­mat bezeich­net, aber „ihr Werk sagt uns, dass sie nur eine weib­li­che Pries­te­rin war, die in Chi­na leb­te“.

Ver­su­chen wir abschlie­ßend wenigs­tens, Ver­ständ­nis für das Früh­werk von Buck zu fin­den: Her mit dem Roman­de­büt Ost­wind – West­wind. Der Text besteht aus einer Art Tage­buch, das eine ima­gi­nä­re Lese­rin ins Ver­trau­en zieht: „Dir kann ich die­se Din­ge sagen, mei­ne Schwes­ter. So wie zu dir könn­te ich nicht ein­mal zu einer Frau mei­nes Vol­kes spre­chen, denn sie wür­de die fer­nen Län­der nicht ver­ste­hen, in denen mein Gat­te gelebt hat.“ Damit ist fast schon alles gesagt. Ver­stand und Gefühl rin­gen mit­ein­an­der im fik­ti­ven Buck-Land. Kwei-Ian, die als Erzäh­le­rin fun­giert, wur­de streng tra­di­tio­nell erzo­gen, ihr chi­ne­si­scher Mann hat in den USA Medi­zin stu­diert und will mit ihr ein auf­ge­klär­tes, nach west­li­chem Mus­ter aus­ge­rich­te­tes Leben füh­ren. Als ihr Bru­der von sei­ner Fami­lie ver­sto­ßen wird, weil er eine Ame­ri­ka­ne­rin hei­ra­tet, beginnt bei der Dia­ri­um-Schrei­be­rin ein Pro­zess der Los­lö­sung. Die endet dann so: „Und wenn ich an die­se bei­den den­ke, an mei­nen Sohn und des­sen Vet­ter, dann weiß ich, dass mein Gat­te recht hat – immer recht!“ Oh Gott!

Aus der Sicht eines Bau­ern

Letz­te Chan­ce. Der Buck-Klas­si­ker Die gute Erde, aus dem Ame­ri­ka­ni­schen über­setzt von Rob­by Rem­mers, 2008 neu her­aus­ge­ge­ben und mit einem Vor­wort ver­se­hen vom kennt­nis­rei­chen Schrift­stel­ler Til­man Speng­ler. Kapi­tel I: „Es war Wang Lungs Hoch­zeits­tag. Als er im Dun­kel sei­ner Bett­vor­hän­ge die Augen öff­ne­te, wuss­te er nicht gleich, war­um die Däm­me­rung ihm heu­te anders erschien als sonst.“ Die Erzähl­per­spek­ti­ve war für 1931 ganz zeit­ge­mäß. Aus der Sicht die­ses ein­fa­chen Bau­ern, aber nicht in Ich-Form, son­dern per­so­nal, wird der Kampf ums Über­le­ben erzählt, Wangs Auf­stieg aus der Armut, wäh­rend zugleich ein gro­ßes Haus ver­fällt. Wang Lung hei­ra­tet eine Skla­vin aus dem Haus des rei­chen Grund­be­sit­zers Hwang. Die­se O‑lan ist äußerst flei­ßig und bis zur Selbst­auf­ga­be ihrem Man­ne unter­tan. Mit ihrer Hil­fe kann er sein Pro­jekt durch­füh­ren: Hart arbei­ten und spa­ren, um den Hwangs Grund abzu­kau­fen. Stück für Stück gute Erde, schließ­lich auch das herr­schaft­li­che Haus in der Stadt. Am Ende, nach Hun­gers­not, Flucht in den Süden, um zu über­le­ben, und viel Gewalt, ist Wang Lung der Rei­che. Neben der flei­ßi­gen Frau, die ihm fünf Kin­der geschenkt hat, nimmt er eine zwei­te, das Tee­haus-Mäd­chen Lotus, eine Pro­sti­tu­ier­te. Spä­ter wird eine wei­te­re Skla­vin den Haus­halt berei­chern: Pfir­sich­blü­te. Man ahnt an der Ent­wick­lung der Kin­der, dass jedem Auf­stieg irgend­wann der Abstieg folgt. Es dräut bereits die Revo­lu­ti­on, auch der west­li­che Ein­fluss auf uralte Tra­di­tio­nen ist zu spü­ren. Fazit: Bud­den­brooks in einer chi­ne­si­schen  Vari­an­te, ohne die fein gespon­ne­ne Genia­li­tät eines Tho­mas Mann. In ein­fa­cher, archa­isch anmu­ten­der Spra­che, in einer Serie von Wie­der­ho­lungs­mus­tern, wird Exo­ti­sches ser­viert, das jedoch unter­schwel­lig auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Ame­ri­ka­nis­mus ent­hält. Bucks Bibel­fes­tig­keit ist nicht zu über­hö­ren.

Das also war das Bes­te, was Buck zu bie­ten hat? Was sagt Til­man Speng­ler zu die­sem Roman? Er bezeich­net ihn als groß und lobt das Völ­ker­ver­bin­den­de, das die Autorin bewirk­te: „Zum ers­ten Mal kam die chi­ne­si­sche Lite­ra­tur vor einem gro­ßen Publi­kum zur Spra­che, als näm­lich die Nobel­preis­trä­ge­rin in ihrer Dan­kes­re­de über deren his­to­ri­sche Höhe­punk­te sprach.“ Der Erfolg ihres Buchs soll „nicht uner­heb­lich dazu bei­getra­gen haben, dass sich in Ame­ri­ka und in dem nicht von den Nazis unter­wor­fe­nen Euro­pa das Feind­bild des schur­ki­schen Chi­ne­sen ver­flüch­tig­te“. Kri­tisch fragt sich Speng­ler zwar, war­um alle im Roman gestal­te­ten weib­li­chen Figu­ren so „scho­nungs­los tra­di­tio­nell ihren Rol­len ver­bun­den“ sei­en. Käuf­li­che Frau­en. Still dul­den­de Frau­en. „Waren, anders gefragt, die Chi­ne­sen und auch die Chi­ne­sin­nen, die Pearl S. Buck beschreibt, nicht doch ein wenig so, wie das west­li­che Urteil von jeher ver­mu­te­te?“ Sein Gesamt­ur­teil spricht für die Viel­ge­schmäh­te: Wer sich so vie­le Geg­ner zuge­zo­gen habe wie sie, müs­se eine Men­ge rich­tig gemacht haben. „Viel­leicht war ihr das Geheim­nis offen­bart wor­den, auf krum­men Zei­len gera­de zu schrei­ben.“

Also gut. Las­sen wir das Krum­me gera­de sein. Aber ein Buch von ihr soll­te genü­gen. Und dann lesen wir zum Aus­gleich noch ein­mal Wu Cheng’ens Die Rei­se in den Wes­ten, einen Klas­si­ker aus der Zeit der Ming-Dynas­tie, oder Jung Changs Wil­de Schwä­ne. Die Frau­en mei­ner Fami­lie von 1991 oder viel­leicht gar eine kri­ti­sche Mao-Bio­gra­fie.

 

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Nor­bert May­er, gebo­ren 1958 in Fürs­ten­feld, stu­dier­te Sprach- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten in Graz, Lon­don und New York. Er war ab 1984 als Jour­na­list tätig, zuletzt als lei­ten­der Feuil­le­ton-Redak­teur der Wie­ner Tages­zei­tung Die Pres­se. Seit sei­ner Pen­sio­nie­rung in die­sem Jahr ist er frei­er Autor.

ZU RECHT VERGESSEN
Die Serie „Zu Recht ver­ges­sen – die bes­ten schlech­ten Dich­ter aller Zei­ten“ wid­met sich dem Phä­no­men der Berühmt­heit zu Leb­zei­ten, die durch kei­ner­lei ästhe­ti­sche oder poe­to­lo­gi­sche Qua­li­tät gerecht­fer­tigt ist. Der zu Recht ver­ges­se­ne, einst aber bekann­te und gefei­er­te Autor ist men­ta­li­täts­ge­schicht­lich grund­sätz­lich inter­es­san­ter als das zu Leb­zei­ten ver­kann­te Genie, das „sei­ner Zeit vor-aus“ war. Im Unter­schied zum „all­zeit gül­ti­gen“ Werk des Klas­si­kers stellt sich am Bei­spiel der Pro­duk­ti­on des schlech­ten Autors oder der schlech­ten Autorin die Fra­ge nach der his­to­ri­schen Kon­tin­genz ästhe­ti­scher Wer­te und Wer­tun­gen. Oder, mit Karl Kraus gesagt: „Nicht alles, was tot­ge­schwie­gen wird, lebt.“ – Danie­la Stri­gl, Karin S. Wozo­nig

Online seit: 20. Febru­ar 2024

Zuletzt geän­dert: 20. Feb. 2024