Der Quasiautobiograf

Zur Neu­auf­la­ge von Hart­mut Geer­kens Obduk­ti­ons­pro­to­koll. Von Tho­mas Com­brink

In einem Brief an den Rund­funk­re­dak­teur Hel­mut Hei­ßen­büt­tel schreibt Hart­mut Geer­ken am 29. Sep­tem­ber 1975 aus Kabul in Afgha­ni­stan: „,obduk­ti­ons­pro­to­koll‘ ist ein durch inter­punk­ti­on nicht unter­bro­che­ner 200 sei­ten lan­ger text mit den schwer­punk­ten free jazz / zeit­ge­nös­si­sche emu­sik / indi­vi­du­al­my­tho­lo­gie / por­no­gra­fie.“ Gera­de ist sein Buch im Ver­lag von Klaus Ramm in Lich­ten­berg erschie­nen. Lud­wig Harig greift in sei­ner Bespre­chung vom 6./7. Dezem­ber 1975 in der Süd­deut­schen Zei­tung die Ver­bin­dung zur Musik auf und bezieht den Text auf einen Tanz, den Jit­ter­bug. Auch Jörg Drews erkennt in der Zeit die musi­ka­li­schen Prin­zi­pi­en im Buch von Hart­mut Geer­ken. Er wie­der­um bringt in sei­ner Rezen­si­on vom 3. Sep­tem­ber 1976 die Rock­mu­sik ins Spiel, sieht Par­al­le­len zu dem Song „Goin’ Home“ von den Rol­ling Stones, auch zu „The End“ von den Doors. Und Lothar Bai­er ver­gleicht in einer Bespre­chung vom 4. Sep­tem­ber 1976 in der Frankfurter All­ge­mei­nen Zei­tung das Buch mit einer „Jam­Ses­si­on im Jazz“, bei der sich die Musi­ker, die Sti­le, die Instru­men­te abwech­seln und ver­än­dern.

Hart­mut Geer­ken hat mit Obduk­ti­ons­pro­to­koll einen Text geschrie­ben, der sich gegen die Ver­wen­dung von Satz­zei­chen rich­tet. Die Inter­punk­ti­on regu­liert die Gedan­ken­füh­rung, ord­net die Aus­sa­gen und Erfah­run­gen. Geer­ken woll­te mit sei­nem Buch zei­gen, dass die Spra­che im Kopf eines Men­schen kei­nem gedruck­ten Text ent­spricht. Der inne­re Mono­log gehorcht nicht den Regeln der Syn­tax. Die Erleb­nis­se, Bil­der und Gedan­ken sind der Gram­ma­tik des Sub­jekts unter­wor­fen, unter­lie­gen einer Pri­vat­spra­che, die nur der Mensch ver­ste­hen kann, in des­sen Kopf sich die­se Aus­drü­cke befin­den. Da sich aber nie­mand beim Den­ken zuschau­en kann, ist es unmög­lich, ein Pro­to­koll zu erstel­len von den Gescheh­nis­sen in unse­rem Gehirn.

Geer­kens Sudel­pro­sa ist süf­fig; man­che Ereig­nis­se besit­zen den Cha­rak­ter „uner­hör­ter Bege­ben­hei­ten“, die das Zen­trum einer Novel­le bil­den.

Die­se unun­ter­bro­che­ne Fol­ge von Inhal­ten in unse­rem Bewusst­sein ähnelt für Geer­ken den Mit­teln der Musik. Dabei meint er vor allem den Free Jazz, der zur Zeit der Nie­der­schrift des Buches erst weni­ge Jah­re alt war. Die Impro­vi­sa­tio­nen ent­spre­chen dem frei­en Ver­lauf der Gedan­ken in den Köp­fen der Men­schen. Der Ver­zicht auf die Satz­zei­chen dient aber auch dazu, dass der Autor die unter­schied­lichs­ten Sprach­ma­te­ria­li­en mit­ein­an­der ver­bin­det. Geer­ken ver­mischt eige­ne Erfah­run­gen mit Pas­sa­gen aus Fra­ge­bö­gen zum Sexu­al­ver­hal­ten,