Der globale Bernhard

Jahr­zehn­te nach sei­nem Tod geis­tert Tho­mas Bern­hard in viel­fäl­ti­ger Form durch die inter­na­tio­na­le Gegen­warts­li­te­ra­tur. Julia­ne Wer­ner im Gespräch über das über­ra­schen­de welt­wei­te Echo von Bern­hards Werk. Von Ida Dupal und Tho­mas Keul
Thomas Bernhard © Andrej Reiser / Suhrkamp Verlag

Fort­le­ben als Gespenst im Werk ande­rer Autoren: Tho­mas Bern­hard

VOLLTEXT Im Rah­men Ihres For­schungs­pro­jek­tes „Glo­bal­Bern­hard“ por­trä­tie­ren Sie mehr als 150 inter­na­tio­na­le Autoren und Autorin­nen, die sich lite­ra­risch mit Tho­mas Bern­hard aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Wie kam es zu die­ser erstaun­li­chen Wir­kung sei­nes Wer­kes?

Julia­ne Wer­ner Wenn man sich mit Tho­mas Bern­hard beschäf­tigt, stößt man recht bald auf die­sen Nach­hall im Werk ande­rer Autoren und Autorin­nen. Die Art der krea­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung vari­iert dabei eben­so deut­lich wie  die Grün­de dafür. Dass Bern­hard zu einem sol­chen writer’s wri­ter gewor­den ist, liegt sowohl an der gro­ßen Sug­ges­tiv­kraft sei­ner Spra­che, die inno­va­tiv und nach­ahm­bar zugleich ist, als auch  am effekt­vol­len Bre­chen mit lite­ra­ri­schen und außer­li­te­ra­ri­schen Kon­ven­tio­nen. In der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur setzt die pro­duk­ti­ve Rezep­ti­on von Bern­hards Werk früh ein, meist in Form von Par­odien oder Hom­ma­gen, etwas spä­ter auch inter­na­tio­nal, in ganz unter­schied­li­chen Gestal­ten: neben Bern­hard-Zita­ten und ‑Ver­wei­sen, wie dem „Bern­hard-Buch im Buch“, ste­hen vor allem for­ma­le, the­ma­ti­sche und sti­lis­ti­sche Über­nah­men, etwa die Wie­der­ho­lungs- und Über­trei­bungs­kunst, der absatz­lo­se mono­lo­gi­sche Erzähl­strom oder der Ein­satz von Reiz­wör­tern wie das berühm­te „soge­nannt“. Der Autor selbst lebt eben­falls als lite­ra­ri­sche Figur fort, sei es als Gespenst in Cyril Huots Le spect­re de Tho­mas Bern­hard, als geschie­de­ner Fami­li­en­va­ter in Alex­an­der Schim­mel­buschs Die Murau Iden­ti­tät oder als Fast­food-Restau­rant-Besu­cher in Tho­mas Mel­les Die Welt im Rücken.

Bern­hard-Anver­wand­lun­gen funk­tio­nie­ren auch in Roma­nen aus Sri Lan­ka und Ägyp­ten wun­der­bar.

VOLLTEXT Wie ent­deckt man Bern­hards Ein­fluss im Werk von so vie­len unter­schied­li­chen Autoren aus zum Teil ent­le­ge­nen Sprach­räu­men, deren Werk meist gar nicht auf Deutsch vor­liegt?

Wer­ner Es ist viel Recher­che, die meist mit einem „Bern­hard-Ver­dacht“ beginnt, der sich dann je nach Fall mit­hil­fe von Über­set­zun­gen, sti­lo­me­tri­scher Ana­ly­se und Über­prü­fung inter­tex­tu­el­ler Ver­wei­se zuneh­mend erhär­ten oder ent­kräf­ten lässt. Die Spu­ren­su­che wird dadurch erleich­tert, dass Autoren und Autorin­nen oft auf­ein­an­der ver­wei­sen. Es gibt regel­rech­te Bern­hard-Clus­ter. Nur ein Bei­spiel: Die Ame­ri­ka­ne­rin Kate Zam­bre­no beschreibt in ihrer Pro­sa To Wri­te As If Alre­a­dy Dead eine schei­tern­de Stu­die über den „Bern­hard-Roman“  À l’ami qui ne m’a pas sau­vé la vie des fran­zö­si­schen Schrift­stel­lers Her­vé Gui­bert. In ihrem Erzähl­band Screen Tests hat sie zuvor schon Bern­hards Kurz­pro­sa­stil mit dem der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Lydia Davis amal­ga­miert, die ihrer­seits mit ihrem Ex-Mann Paul Aus­ter und des­sen zwei­ter Frau Siri Hust­vedt einen dekla­riert aus­ge­präg­ten Hang zu Bern­hard teilt. Das erklärt Zam­bre­no in einem Inter­view der Autorin Ste­pha­nie La Cava, die sich eben­falls in der Bern­hard-Nach­fol­ge ver­or­tet. So kommt man vom einen zum ande­ren. Gele­gent­lich haben wir es schon mit Über­nah­men aus zwei­ter Hand bezie­hungs­wei­se Anver­wand­lun­gen zwei­ter Stu­fe zu tun. Der Bernhard’sche Bau­satz wird dabei immer wei­ter vari­iert.

VOLLTEXT Ist es nicht ver­blüf­fend, dass aus­ge­rech­net ein Autor, des­sen Stil so stark von den Eigen­hei­ten der deut­schen Spra­che geprägt ist und der zudem mit so vie­len pro­vin­zi­ell-öster­rei­chi­schen Ver­satz­stü­cken spielt – neh­men wir die berüch­tig­ten Brand­teig­krap­fen oder Orts­na­men wie Gas­polts­ho­fen – in ande­ren Spra­chen und Kul­tu­ren funk­tio­niert? Wie erklärt sich das?

Wer­ner Ja, das ist fas­zi­nie­rend. Wir sehen