Voran in die Vergangenheit!

Lebens­kno­ten – ein nach­ge­las­se­nes Werk­frag­ment von Juli­en Gracq. Von Felix Phil­ipp Ingold
Julien Gracq © Jose Corti

Ein lite­ra­risch reak­tio­nä­rer, unver­söhn­li­cher Kul­tur­pes­si­mist: Juli­en Gracq. Foto: Jose Cor­ti

Die renom­mier­tes­te lite­ra­ri­sche Aus­zeich­nung Frank­reichs, den Prix Gon­court, hat Juli­en Gracq (1910–2007) einst sou­ve­rän abge­lehnt, und er hät­te sicher­lich auch den Nobel­preis zurück­ge­wie­sen, wäre er ihm denn – durch­aus ver­dien­ter­ma­ßen – zuer­kannt wor­den. Prei­se und ande­re Ehrun­gen für künst­le­ri­sches Tun ver­ach­te­te er gene­rell als nichts­wür­di­gen, wenn nicht als belei­di­gen­den Hokus­po­kus, von dem er im Übri­gen auch das Rezen­si­ons­we­sen nicht aus­nahm. Die­se tief­sit­zen­de Ver­ach­tung für zere­mo­ni­el­le und geschäft­li­che Umtrie­be scheint schon früh zu den Trieb­kräf­ten sei­ner höchst pro­duk­ti­ven Schreib­ar­beit gehört zu haben, die ins­ge­samt zehn Roma­ne sowie rund ein Dut­zend Pro­sa- und Essay­bän­de erbrach­te.

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Nie­man­dem blieb Gracqs erbar­mungs­lo­se Pole­mik erspart – nicht sei­nen erfolg­rei­chen Schrift­stel­ler­kol­le­gen, nicht den mau­scheln­den Kri­ti­kern, auch nicht dem unbe­darf­ten Publi­kum: Ein star­ker Autor – Mall­ar­mé als Bei­spiel – brau­che nicht mehr (frei­lich auch nicht weni­ger) als fünf­zig ein­ge­schwo­re­ne Leser, die ihm bedin­gungs­los die Treue hal­ten, kon­sta­tier­te er, und star­ke Lite­ra­tur sei in jedem Fall schwie­ri­ge Lite­ra­tur – Kenn­wort: „unüber­setz­bar.“

Das ist ein offen­kun­dig eli­tä­rer Anspruch, doch Gracq hat kon­se­quent dar­an fest­ge­hal­ten, ohne des­halb ins Abseits ver­wie­sen zu wer­den. Er hat­te die rare Chan­ce, als unleid­li­cher Son­der­ling am Rand des Lite­ra­tur­be­triebs und fern­ab von irgend­wel­chen aktu­el­len Trends zu reüs­sie­ren, als ein Ein­zel­gän­ger mit unver­wech­sel­ba­rer Sta­tur und Stim­me, der sei­nen Son­der­weg so unbe­irrt wie bei­spiel­haft abschritt und dafür – stell­ver­tre­tend für vie­le ande­re bemer­kens­wer­te Ein­zel­gän­ger, die unbe­ach­tet blie­ben – reich­lich Zuspruch erhielt: Als Autor wur­de Juli­en Gracq zum exem­pla­ri­schen Stell­ver­tre­ter für alle „schwie­ri­ge“ Lite­ra­tur, die man unter sei­nem Namen pau­schal sub­su­mier­te.

Ernst zu neh­men ist aber Gracqs sar­kas­ti­scher Ein­wurf, ein star­ker, eben „ori­gi­nel­ler“ Autor kön­ne nur wer­den, wer den Lyrik­work­shop oder das Lite­ra­tur­in­sti­tut „geschwänzt“ habe.

Doch durch­wegs erfuh­ren sei­ne Bücher respekt­vol­le, obgleich nicht immer kom­pe­ten­te Aner­ken­nung, es gab Nach­auf­la­gen, dazu auch zahl­rei­che Über­set­zun­gen (vor­ab ins Deut­sche und Rus­si­sche), und noch zu sei­nen Leb­zei­ten