volltext.net

Montag, 09. Juli 2012

Mörikes Schlüsselbein

 

Von Olga Martynova

„Sehr geehrte Damen und Herren,

leider konnte Fjodor Stern aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Präsentation seines Buches erscheinen. Daher werde ich, der die Ehre hat, sein Übersetzer zu sein, Ihnen sein Werk vorstellen. Ich lese zuerst ein Kapitel vor, das einen russischen Blick auf die USA darstellt. Also, wie sieht man uns aus der verschneiten Ferne“, sagte John und dachte sofort, dass es seiner Begrüßung an Witz fehlte. Oder an Dramatik. Er begann zu lesen:

Amerika – zu groß, um nahtlos zu sein. Immer wieder schlägt das Urchaos durch.

Es geht mir hier manchmal wie in einer russischen Provinzstadt im Norden: eine Straße mit festlich beleuchteten großen Häusern. Kurz vor Neujahr. Schnee und Kälte sind gezähmt. Lichterketten. Lachen. Die Schwarzbrotkruste der Nacht riecht trügerisch nach warmer Feinbrotkruste. Hinter einem harmlos aussehenden Haus beginnt plötzlich die Leere, ein breites weißes Feld, Ödnis. Du fühlst dich verloren. Jemand pfeift ein langes freches Pfeifen. Es kann alles passieren. Manchmal passiert auch etwas. Deshalb erzählen Leute in solchen Städtchen ihre Gruselgeschichten.

Zum Beispiel:

Eine junge Frau ging aus ihrer Wohnung, um Milch zu holen, die sie für den Teig brauchte. Es war ihr Namenstag und sie wollte einen Kuchen backen, um ihre Familie und ihre Freunde zu bewirten. Nach einer halben Stunde öffnete eine verwirrte alte Frau die Tür mit dem Schlüssel. Der Mann der jungen Frau fragte sie, wer sie sei und woher sie den Schlüssel von seiner Wohnung habe. Die Alte, in unsauberer Kleidung und mit ungekämmtem weißen Haar, wollte ihn auf die Wange küssen, wie es seine Frau immer tat, wenn sie nach Hause kam. Da merkte er, dass die Kleidung dieselbe war wie bei seiner Frau, nur eben schmutzig und alt. Die Kinder begannen zu weinen. Die alte Frau auch. Die junge Frau kam nicht mehr. Die Polizei suchte vergeblich nach ihr. Die Namenstagsgäste mussten wieder nach Hause gehen. Die Alte lebt jetzt im Irrenhaus. Ab und zu kommt der Mann der jungen Frau ins Irrenhaus und bringt ihr Pfefferminzkekse, die sie sehr liebt, die auch seine Frau geliebt hatte, das haben die beiden Frauen gemeinsam. Die Kinder der jungen Frau leben bei deren Eltern.

Aber wenn du durchhältst und etwas Glück hast, erreichst du die Stelle, wo die Straße weitergeht, und siehst wieder schmucke Häuser und adrette Menschen.

Egal wie gepflegt das jeweilige Leben ist, direkt neben ihm ist Draußen, Der Dunkle Wald mit unbestimmten Ansichten, jeder spürt seine Nähe. Aber in Amerika und in Russland ist diese Nähe näher. Deshalb erzählen auch Amerikaner gerne Gruselgeschichten: Von Riesenaffen und -fledermäusen, von lebenden Mechanismen und toten Organismen, von allem, womit man die Angst vor diesem Draußen fassen kann. Von unterirdischen Krokodilen, die von ihren Herrchen und Frauchen in die Kanalisationssysteme entlassen wurden: In der mondlosen Nacht hebt man einen Schachtdeckel, rund wie der abwesende Mond, glanzlos und rostig, und lässt das Tierchen hinunter. Sie vermehren sich im Verborgenen und bereiten den großen Aufstand der Reptilien vor.

Europa ist hier überflüssig – als hätten sie die Städte mit der Absicht gebaut, alles zu retten, was für Gedächtnis und Andenken zu retten wäre. New Yorker Gotik, New Yorker Renaissance, New Yorker Romanik. Als hätte die Vergangenheit keine Zukunft: als wäre sie von Seuchen, Kriegen, Hunger und Revolutionen bereits gelöscht. So könnte eine Menschheit vorgehen, die sich vor einer Naturkatastrophe auf einen fremden Planeten gerettet und gewusst hätte, es gibt kein Zurück mehr. Sie würde alles Ursprüngliche auf diesem neuen Planeten ausrotten und durch das Eigene ersetzen. Das Nachgeahmte würde sehr wahrheitsgetreu sein, aber etwas unsicher in den Abmessungen. Wie hier: Einiges ist hier anderthalb bis zwei Größen kleiner. Das meiste anderthalb bis zwei Größen größer: Heidel- und Moosbeeren, Rotkehlchen und Milchpackungen, Kochherde
und Eichhörnchen. Nur in New York sind die Eichhörnchen klein, im Vergleich zu ihren XXL-Cousinen aus dem mittleren Westen. Sie ähneln den aufgeschürzten New Yorker Damen in Pelz. In der Provinz sind die Villen mit ihren Portiken und Säulen deutlich raumgreifender als ihre Urbilder in Europa. In den Großstädten kann man die Hochhäuser imaginär etwas verkleinern und – da sind sie: Paris, Berlin, Madrid. Aber Paris, Berlin und Madrid sind hier sowieso überflüssig.

Das ist ein redundantes System. Wenn es morgen kein Europa mehr gibt – bitteschön, hier ist es gespeichert. In großartigen Bibliotheken mit beweglichen Regalen, in kleinen Kaffeehäusern mit europäisch eng gestellten Tischen. Die nach Europa gebrachten Starbucks’ sind dort eine Art Rückwanderer.

Nach einem Besuch hier erstaunen dich die Nachrichten in den amerikanischen Sendern nicht mehr: Es ist völlig irrelevant, was in Europa passiert.

Aber warum regt mich das so auf? Vielleicht weil die heutigen Russen im Grunde nicht viel mehr mit den Russen vor Peter dem Großen zu tun haben als die Amerikaner mit den Indianern oder mit den Europäern? Auch wir haben die übrige Welt (nicht nur Europa) nachgeahmt. Auch Peter hat gebaut, als hätte Russlands Vergangenheit keine Zukunft.

Werden sich diese jeweiligen Vergangenheiten noch melden?

 

Olga Martynova
Gewinnerin des Ingeborg Bachmann-Preises 2012.

Geboren 1962 in Dudinka (Krasnojarsk), lebt in Frankfurt/M. Aufgewachsen in Leningrad. Hochschulabschluss: Russische Sprache und Literatur. Seit 1991 in Deutschland, schreibt auf Deutsch und auf Russisch. Seit 1999 schreibt sie u.a. für Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Neue Zürcher Zeitung.

 


<< zurück

    Dienstag, 04. März 2014 

    Cover Volltext 1/2014

    Titelgeschichte: 30. April 1945
    Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann. Von Alexander Kluge

    „Tausend Dank für das Meskalin“
    William S. Burroughs schreibt an Allen Ginsberg

    Das schwierige Wort Vaterland
    Daniela Danz im Gespräch mit Jens-Fietje Dwars über ihren neuen Gedichtband V

    Kleinkapitalistische Todesmaschinerie
    Gisela Trahms über Matthias Nawrats Roman Unternehmer

    Neulich Andreas Maier über Bärte und Klaus Schöffling

    Deutschlandreisen
    Vorabdruck aus einem neuen Buch von Helmut Krausser

    „Auf einmal willst du leben“
    Christoph Schröder über Angelika Klüssendorfs neuen Roman April

    Gebet beim Betrachten des Bildes
    Josef Winkler zu Die Beweinung Christi von Andrea del Sarto

    Außer der Reihe
    Leseerfahrungen mit Andrea Zanzotto und seinen Übersetzern. Von Felix Philipp Ingold

    Der Autor und die Autorität der Sprache
    Marco Baschera antwortet auf zwei Essays von Felix Philipp Ingold

    Die Bewohner von Château Talbot
    Von Arno Geiger

    Die allumfassende Einsicht eines Pubertierenden
    Alban Nikolai Herbst über Jan Kjærstads Roman Ich bin die Walker Brüder

    Strukturelles Trauern
    Ein Dramolett. Von Klaus Siblewski

    Ganz schön wirr
    Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Lyrik-Logbuch
    Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    [R]
    Stephan Groetzners Siegertext beim Literaturwettbewerb Wartholz

    Die Macht alter Schuld
    Hanjo Kesting zur Neuauflage von Nathaniel Hawthornes Roman Das Haus mit den sieben Giebel

    Lyrischer Moment
    Von Silke Scheuermann