„Jennylein, was war ich für ein Esel!“

Zu Recht ver­ges­sen: Hanns Heinz Ewers’ Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te und ihr brau­nes Ende. Von Cle­mens Ruther

Vor Jah­ren gab es so etwas wie eine Initia­ti­ve, die man appro­xi­ma­tiv Ein Buch fürs gan­ze Leben nen­nen könn­te. Anlass war, dass der dama­li­ge nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Lan­des­haupt­mann Erwin Pröll zuge­ben muss­te, erin­ner­lich (und nach­hal­tig?) nur ein Buch gele­sen zu haben, näm­lich Karl Mays Schatz im Sil­ber­see. Eine Wie­ner Buch­hand­lung fand den pas­sen­den Slo­gan dazu und gestal­te­te eine gan­ze Aus­la­ge mit dem Lebens­buch des Lan­des­fürs­ten.

Bei einem ähn­li­chen Zugang im Fall Adolf Hit­lers (womit selbst­re­dend kein poli­ti­scher Ver­gleich insi­nu­iert wer­den soll) wür­de man auf einen Roman sto­ßen, den der spä­te­re „Füh­rer“ nach­weis­lich gele­sen hat: Alrau­ne. Die Geschich­te eines leben­den Wesens (1911), eine deka­den­te Spät­le­se der Jahr­hun­dert­wen­de, ver­fasst von Hanns Heinz Ewers, des­sen Lebens­span­ne fast voll­stän­dig jene bei­den fata­len deut­schen Ver­su­che abdeckt, ein Reich – und dazwi­schen eine schwa­che Repu­blik – zu errich­ten.

Alrau­ne han­delt (in sehr loser Anknüp­fung an die alchi­mis­ti­sche Legen­de) von der künst­li­chen (Er-)Zeugung einer Frau – ein häu­fi­ges Phan­tas­ma in der deutsch­spra­chi­gen Kul­tur des frü­hen 20. Jahr­hun­derts, man den­ke etwa an Metro­po­lis (1927). Wäh­rend aber Fritz Langs Kino-Meis­ter­werk ein frü­hes Zeug­nis deut­scher Sci­ence-Fic­tion ist, han­tiert Ewers noch mit dem Inven­tar der Schau­er­li­te­ra­tur. Sein Mäd­chen namens Alrau­ne wird von einem Pro­fes­sor aus dem Eja­ku­lat eines hin­ge­rich­te­ten Lust­mör­ders im Schoß einer Pro­sti­tu­ier­ten zusam­men­ge­panscht. Wenn man nun die häu­fig von grel­lem Geschlech­ter­krieg ein­ge­färb­ten Dis­kur­se jener Zeit kennt, die beginnt, das Ver­hält­nis von Mann und Frau neu zu bestim­men, so wun­dert es kaum, dass das Ergeb­nis die­ser wis­sen­schaft­li­chen Zucht­be­mü­hung ein Mons­trum ist, bezie­hungs­wei­se eine femme fata­le, die glei­cher­ma­ßen anzieht, aus­zieht und mor­det, was ihr an Män­nern in den Weg tritt. Böse Zun­gen behaup­ten nun, dass Hit­ler von die­sem Best­sel­ler (eine hal­be Mil­li­on ver­kauf­te Exem­pla­re zu Leb­zei­ten des Autors sowie meh­re­re Ver­fil­mun­gen) die schau­ri­ge Grund­idee sei­nes Ras­se­züch­tungs­pro­gramms ent­lehnt habe – das spä­ter unter dem Namen Lebens­born rea­li­siert wer­den soll­te.

Alrau­ne ist Teil einer Tri­lo­gie, die nach ihrem gemein­sa­men Prot­ago­nis­ten Frank Braun benannt ist. Die­ser führt für sei­nen Autor in den drei Roma­nen unhei­li­ge und wenig huma­ne Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te durch, die eben­so krass sind, wie sie schei­tern. Nach der künst­li­chen Men­schen­zucht in Alrau­ne sind dies die Mas­sen­ma­ni­pu­la­ti­on eines gan­zen Dor­fes in Der Zau­ber­lehr­ling oder Die Teu­fels­jä­ger (1909) – ein Text, der the­ma­tisch inter­es­san­te Über­schnei­dun­gen mit Her­mann Brochs Die Ver­zau­be­rung (1936–1950) auf­weist, – sowie eine epi­de­misch gewor­de­ne Blut­gier in sei­nem Roman Vam­pir. Ein ver­wil­der­ter Roman in Fet­zen und Far­ben (1921). Hier sehen wir Frank Braun als Gestran­de­ten, der zu Beginn des Ers­ten Welt­kriegs in den USA fest­sitzt, ohne Hoff­nung, je nach Hau­se zurück­zu­keh­ren. Er schließt sich einer Grup­pe von Deutsch-Ame­ri­ka­nern an, die Pro­pa­gan­da und Lob­by­ing für das Kai­ser­reich betrei­ben, und lernt dort Lot­te Levi ken­nen. Sofort gibt es wie­der femme-fata­le-Alarm, denn die schö­ne rot­haa­ri­ge Jüdin steht zunächst im Ver­dacht, sein Blut zu trin­ken, bis sie ihm die gehei­me Wahr­heit offen­bart:

„Sie sag­te: ‚Der Blut­wahn ist es. Irgend­wo fings an, in einem Land oder in meh­re­ren zugleich. Sehr anste­ckend ist es, reißt mit, was mit ihm in Berüh­rung kommt. Blut wol­len die Men­schen, Blut! – Wie du! […] Fie­ber­krank war die Mensch­heit – und Blut muß sie trin­ken, um gesund zu wer­den und jung!‘“

Der Welt­krieg wird hier aber nicht nur als blu­ti­ge Mas­sen­psy­cho­se erklärt, mehr noch: der aller­größ­te Blut­sauger ist 1918 schließ­lich das besieg­te Deutsch­land selbst.

„‚Zu Boden lie­gen wir‘, sag­te er. ‚Deutsch­land ist nicht mehr.‘ Da glänz­ten ihre Augen. ‚Es wird auf­ste­hen vom Nicht­sein, das Nie­der­ge­bro­che­ne!‘ flüs­ter­te sie. ‚Man wacht über sei­nem Haup­te am strah­len­den Him­mel! Es wird sei­ne Fein­de nie­der­schla­gen, wird tri­um­phie­ren über alles, was gegen es steht – wie Horus, der Rächer sei­nes Vaters.‘ […] – Alle Tage nun – heu­te und mor­gen und immer: Schwert­tag, Kriegs­tag, Blut­tag!“

In den drei Tei­len der Frank-Braun-Tri­lo­gie bekommt also die boo­men­de Jahr­hun­dert­wen­de-Fan­tas­tik in deut­scher Spra­che, der Ewers genau­so wie etwa Gus­tav Mey­rink (mit sei­nem unver­ges­se­nen Golem-Roman) oder Karl Hans Strobl ange­hör­te, einen deut­li­chen Rechtsd­rall und gebiert ein neu­es Gespenst: den deut­schen Revan­chis­mus der 1920er-Jah­re. Der Prot­ago­nist erweist sich als per­fek­tes Alter Ego (oder Wunsch­bild?) sei­nes Autors, des­sen bio­gra­fi­sche Erfah­run­gen er ver­ar­bei­tet. So war auch Ewers selbst wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs in den USA und dürf­te dort als Spi­on für das Deut­sche Reich gear­bei­tet haben, was schließ­lich zu sei­ner Inhaf­tie­rung führ­te.

Gene­rell ist der Autor ein skru­pel­lo­ser und immer bedenk­li­che­rer Grenz­gän­ger gewe­sen, ein Expe­ri­men­ta­tor par­al­lel zur Moder­ne, gewis­ser­ma­ßen Dr. Fran­ken­stein zum Lite­ra­ten reso­zia­li­siert. 1871 in Düs­sel­dorf gebo­ren, gerät der stu­dier­te Jurist nach einem kur­zen Inter­mez­zo beim Mili­tär und einem län­ge­ren bei schla­gen­den Ver­bin­dun­gen schon bald in den Sog der fan­tas­ti­schen Lite­ra­tur und des Kaba­retts (wie im Übri­gen auch Gus­tav Mey­rink): in sei­nem Fall das Über­brettl in Ber­lin. Danach begann er sich einen Ruf als Rei­se­schrift­stel­ler auf­zu­bau­en. Indem er sich ver­pflich­te­te, den Namen Hapag Lloyd in allen Tex­ten zu erwäh­nen, durf­te er gra­tis auf den Schif­fen der Ree­de­rei mit­fah­ren und gelang­te so nach Spa­ni­en, Latein­ame­ri­ka, in die Kari­bik und nach Indi­en. Dane­ben mach­te er sich als Dreh­buch­au­tor, Regis­seur und Pro­du­zent des frü­hen deut­schen Kinos ver­dient. So gilt sein Stu­dent von Prag (1913) als der ers­te deut­sche Kunst­film über­haupt.

Schon in sei­nen Schau­er­ge­schich­ten der Jahr­hun­dert­wen­de war Ewers wenig hei­lig oder extrem; ihn des­we­gen aber zum „Ste­phen King des wil­hel­mi­ni­schen Deutsch­lands“ (Deutsch­land­funk, 2020) aus­zu­ru­fen, scheint doch etwas über­zo­gen. Schon bald erwarb sich Ewers jeden­falls den Ruf eines Viel­schrei­bers, der alles außer Mord macht, etwa als er eine Fort­set­zung zu Schil­lers Roman­frag­ment Der Geis­ter­se­her vor­leg­te. Die Häme war häu­fig genau­so groß wie die Auf­la­gen hoch. Als Hans Rei­mann gleich nach Erschei­nen des Vam­pir mit der Par­odie Ewers. Ein garan­tiert ver­wahr­los­ter Schund­ro­man in Lum­pen, Fetz­chen, Mätz­chen und Unter­ho­sen (1921) kon­ter­te, lob­te Kurt Tuchol­sky fre­ne­tisch:

„Die­se Par­odie ist fast schon Lei­chen­schän­dung. Ewers, eine net­te klei­ne Jour­na­lis­ten­be­ga­bung aus der Zeit des Spät­na­tu­ra­lis­mus, sah bald aus den Abrech­nun­gen sei­ner Ver­le­ger und aus den Brie­fen jener Ver­eh­re­rin­nen (…), dass eines sich in Deutsch­land – und viel­leicht auf der gan­zen Welt – immer lohnt: durch heim­li­che Andeu­tun­gen mit sata­ni­schen Las­tern zu prun­ken.“

In sei­ner Lie­be zum rei­ße­risch Außer­ge­wöhn­li­chen und Anti­bür­ger­li­chen – wobei häu­fig die lite­ra­ri­sche Form nicht mit dem Inhalt mit­hal­ten konn­te – ist der bohé­mi­en Ewers frei­lich auch ein sehr wider­sprüch­li­cher Autor. Zeigt er sich einer­seits als Stir­ner lesen­der Anar­chist, als Phi­lo­se­mit, der sich gegen die Dis­kri­mi­nie­rung der Juden stellt, als Anhän­ger des wegen Homo­se­xua­li­tät inhaf­tier­ten Oscar Wil­de (mit diver­sen Kon­tak­ten ins schwu­le Milieu des Kai­ser­reichs) und als frü­her Tier­schüt­zer, schwärmt er ande­rer­seits von sei­nen Schmis­sen und voll­zieht wie erwähnt mit dem Welt­krieg eine national(istische)e Wen­de weg vom Kos­mo­po­li­tis­mus. Die­se neu­er­li­che Selbst­er­fin­dung lässt sich frei­lich auch als Akt eines unfass­ba­ren und doch nai­ven Oppor­tu­nis­mus ver­ste­hen.

Ewers wirft sich näm­lich den Nazis an den Hals. 1932 ver­öf­fent­lich­te er den Frei­korps-Roman Rei­ter in deut­scher Nacht, der ähn­lich wie Arnolt Bron­nens O.S.(1929) auf den Gefech­ten zwi­schen deut­schen und pol­ni­schen Mili­zio­nä­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg auf­baut und ihn in rechts­extre­men Krei­sen salon­fä­hig mach­te. Im sel­ben Jahr erschien dann als Gip­fel der Anbie­de­rung sein Roman Horst Wes­sel. Ein deut­sches Schick­sal, der den 1930 von einem Kom­mu­nis­ten ermor­de­ten SA-Füh­rer ver­herr­lich­te und zu des­sen Mythi­sie­rung in der NS-Pro­pa­gan­da bei­tra­gen woll­te. Es gibt auch Stim­men, die behaup­ten, Ewers habe am Text des berüch­tig­ten Horst-Wes­sel-Lieds als Ghost­wri­ter mit­ge­schrie­ben.

Es for­mier­ten sich aller­dings auch Ewers par­tei­in­ter­ne NS-Kri­ti­ker. Ihm wur­de vor­ge­wor­fen, sein Roman sei nicht anti­se­mi­tisch genug, der Autor zu deka­dent, und auch die Dar­stel­lung von Wes­sels Ver­lob­ter Erna, einer ehe­ma­li­gen Pro­sti­tu­ier­ten, war nicht nach dem Nazi-Geschmack. 1934, nach dem soge­nann­ten Röhm-Putsch, gelang es Ewers’ Par­tei­fein­den schließ­lich, ihn mit Schreib­ver­bot zu bele­gen, wobei pikan­ter­wei­se zuerst sei­ne Nazi-Roma­ne von der NS-Zen­sur ver­bo­ten wur­den, dann Alrau­ne und schließ­lich der Rest.

Nach lan­gem Hin und Her schaff­te es Ewers, den Publi­ka­ti­ons­bann wie­der auf­zu­he­ben. Dane­ben zeig­te er sich ent­setzt von den Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­zen 1935 und half offen­sicht­lich auch jüdi­schen Freun­dIn­nen aus der Film­welt bei deren Emi­gra­ti­on, und es ist – neben sei­nen „ent­ar­te­ten“ Eska­pa­den – wahr­schein­lich sein Ruf als „Juden­freund“ gewe­sen, an dem sein hef­ti­ger Flirt mit dem Drit­ten Reich letzt­lich schei­ter­te. 1943 starb er ver­einsamt in sei­ner Woh­nung am Ber­li­ner Tier­gar­ten. Sei­ne letz­ten Wor­te sol­len laut sei­ner Sekre­tä­rin gewe­sen sein: „Jen­ny­lein, was war ich für ein Esel!“

Mit sei­ner zuneh­men­den Rechts­las­tig­keit hat Ewers jeden­falls – im Ver­bund mit sei­nem üblen alt-öster­rei­chi­schen Kol­le­gen Karl Hans Strobl, der ein hoher Funk­tio­när der NS-Reichs­schrift­tums­kam­mer wur­de – die deutsch­spra­chi­ge Fan­tas­tik der Jahr­hun­dert­wen­de zu Recht in lite­ra­ri­schen Ver­ruf gebracht; so sehr, dass der schwe­di­sche Autor Lars Gustafs­son 1985 monier­te, jener in der Hor­ror­li­te­ra­tur kul­ti­vier­te Schre­cken, bei dem der Mensch über­na­tür­li­chen Kräf­ten aus­ge­lie­fert ist, die er nicht (mehr) kon­trol­lie­ren kann, sei ein Zei­chen reak­tio­nä­ren Den­kens. Dage­gen haben etli­che AutorIn­nen und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rIn­nen zu Recht pro­tes­tiert. Und eben­falls zu Recht, könn­te man hin­zu­fü­gen, ist Ewers, abge­se­hen von diver­sen dubio­sen Reprints bei Ama­zon, ver­ges­sen. Ein span­nen­des The­ma für die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft sind sein Leben und Werk aber alle­mal.

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ZU RECHT VERGESSEN
Die Serie Zu Recht ver­ges­sen – die bes­ten schlech­ten Dich­ter aller Zei­ten wid­met sich dem Phänomen der Berühmtheit zu Leb­zei­ten, die durch kei­ner­lei ästhetische oder poe­to­lo­gi­sche Qualität gerecht­fer­tigt ist. Der zu Recht ver­ges­se­ne, einst aber bekann­te und gefei­er­te Autor ist mentalitätsgeschichtlich grundsätzlich inter­es­san­ter als das zu Leb­zei­ten ver­kann­te Genie, das „sei­ner Zeit vor­aus“ war. Im Unter­schied zum „all­zeit gültigen“ Werk des Klas­si­kers stellt sich am Bei­spiel der Pro­duk­ti­on des schlech­ten Autors oder der schlech­ten Autorin die Fra­ge nach der his­to­ri­schen Kon­tin­genz ästhetischer Wer­te und Wer­tun­gen.

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Cle­mens Ruth­ner, gebo­ren 1964 in Wien, ist Lite­ra­tur- und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler am Tri­ni­ty Col­lege Dub­lin.

Quel­le: VOLLTEXT 3/2021

Online seit: 8. Sep­tem­ber 2024

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Zuletzt geän­dert: 8. Sep. 2024