Lord Byron und die Erfindung des Pop

Von Richard Schu­berth

Ein Vor­ab­druck aus Richard Schu­berths soeben im Wall­stein Ver­lag erschie­ne­nen Essay­samm­lung „Lord Byron – der ers­te Anti-Byro­nist“, ein Buch, das anläss­lich des 200. Todes­jah­res des eng­li­schen Dich­ters ein Pan­op­ti­kum von The­men behan­delt, die ihre Aktua­li­tät nicht ein­ge­büßt haben (Ori­en­ta­lis­mus, Femi­nis­mus, Anti­se­mi­tis­mus, Raub­kunst, Sitt­lich­keit und Liber­ti­na­ge, Homo­se­xua­li­tät, Dich­tung und Witz, Nar­ziss­mus etc.) und bei denen Byron mal als Mode­ra­tor, mal als Haupt­fi­gur agiert. Hier ein Aus­schnitt aus dem Lang­es­say „Lord Byron und die Erfin­dung des bür­ger­li­chen Ichs“, die sich mit dem damals jun­gen Phä­no­men Pop aus­ein­an­der­setzt.


 

Selbst­ver­lust durch Authen­ti­zi­tät

„Die Gesel­lig­keit des Spiels beruht nicht auf der gegen­sei­ti­gen Selbst-Offen­ba­rung. Men­schen wer­den viel­mehr dann gesel­lig, wenn sie vor­ein­an­der Distanz wah­ren. Die Inti­mi­tät zer­stört sie dage­gen.“
Richard Sen­nett

Byron wan­del­te nicht nur an der Bruch­kan­te zwei­er Zeit­al­ter. Der Riss ver­lief mit­ten durch ihn hin­durch. Was die Welt an ihm inter­es­sant fand, war – nie­mand wuss­te es bes­ser als er – Schall und Rauch, Täu­schung und Pro­jek­ti­on. Dass er die­sen Riss erkann­te und beredt mach­te, ist sein blei­ben­des Ver­dienst, sein wah­rer Hero­is­mus. Der ver­ächt­li­che Indi­vi­dua­lis­mus des Chil­de Harold, mit dem der ado­les­zen­te Lord sich selbst mys­ti­fi­zier­te, lie­fer­te eines der reiz­volls­ten Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mo­del­le für sei­ne eige­ne und fol­gen­de Gene­ra­tio­nen, eine präch­tig-schö­ne, ein­sa­me Rau­pe, aus deren Ver­pup­pung indes außer ihm kein Schmet­ter­ling schlüp­fen wür­de. Das Ich ist eine Fal­le. Die soge­nann­ten sozia­len Medi­en am Beginn des 21. Jahr­hun­derts sind die aktu­el­len Fried­hö­fe die­ses uner­lös­ten Wie­der­gän­gers. Byron gelang es den­noch, die Ver­pup­pung zu spren­gen, nur um aus der von ihm mit­ge­schaf­fe­nen Roman­tik ins gelieb­te Augus­te­ische Zeit­al­ter zurück­zu­flie­gen, zurück in die Zeit von Alex­an­der Pope, Jona­than Swift, Hen­ry Fiel­ding und Mary Mon­ta­gu, von Ver­nunft, Witz und Spiel. Doch die Flug­bahn in die Ver­gan­gen­heit exis­tier­te nicht, der apar­te, hei­mat­lo­se Kohl­weiß­ling wur­de als Schäd­ling emp­fun­den, und so blieb ihm nichts, als sei­ne Zeit­ge­nos­sen zu umflat­tern und zu necken.

Die Ent­wick­lung des moder­nen, bür­ger­li­chen Sub­jekts voll­zog sich all­mäh­lich. Model­le der Peri­odi­sie­rung sind nicht mehr als Model­le. Woll­te man aber einen abrup­ten psy­cho­his­to­ri­schen Umschlag pos­tu­lie­ren, so könn­te man den zum Bei­spiel auf den 2. Mai 1824 datie­ren. An die­sem Tag sprach Johann Peter Ecker­mann zu Goe­the: „Ich tra­ge in die Gesell­schaft gewöhn­lich mei­ne per­sön­li­chen Nei­gun­gen und Abnei­gun­gen und ein gewis­ses Bedürf­nis zu lie­ben und geliebt zu wer­den. Ich suche eine Per­sön­lich­keit, die mei­ner eige­nen Natur gemäß sei; die­ser möch­te ich mich ganz hin­ge­ben und mit den andern nichts zu tun haben.“ Dar­auf ver­setzt ihm der alte Goe­the, der noch einer ande­ren Zeit ange­hör­te, fol­gen­den Rüf­fel: „Die­se ihre Natur­ten­denz ist frei­lich nicht gesel­li­ger Art; allein was wäre alle Bil­dung, wenn wir uns­re natür­li­chen Rich­tun­gen nicht woll­ten zu über­win­den suchen. Es ist eine gro­ße Tor­heit zu ver­lan­gen, daß die Men­schen zu uns har­mo­nie­ren sol­len, ich habe es nie getan. Dadurch habe ich es dahin­ge­bracht, mit jedem Men­schen umge­hen zu kön­nen, und dadurch allein ent­steht die Kennt­nis mensch­li­cher Cha­rak­te­re, sowie die nöti­ge Gewandt­heit im Leben. Denn gera­de bei wider­stre­ben­den Natu­ren muß man sich zusam­men­neh­men, um mit ihnen durch­zu­kom­men. So soll­ten Sie es auch machen. Das hilft nun ein­mal nichts, Sie müs­sen in die gro­ße Welt hin­ein. Sie mögen sich stel­len, wie Sie wol­len.“1

Goe­the, der an ande­rer Stel­le auch schrieb, wer in Gesell­schaft ver­ges­se, den Schlüs­sel von sei­nem Her­zen abzu­zie­hen, sei ein Narr, hat­te gegen­über Ecker­mann, die­sem Pracht­ex­em­plar klein­bür­ger­li­cher Selbst­fin­dung, frei­lich leich­tes Spiel, sich als aris­to­kra­ti­scher hom­me du mon­de in Kon­trast zu set­zen. Doch tadel­te er auch den Ecker­mann in sich selbst, des­sen Bedürf­nis­se ihm nicht fremd waren. […]

 

Pop! Goes the Weas­le

 „Ich wach­te auf und war berühmt.“
– Lord Byron

Ein legen­dä­rer Satz in der Byron­my­tho­gra­fie, der weni­ger als Aus­druck von Byrons Selbst­ge­fäl­lig­keit denn des kopf­schüt­teln­den Erstau­nens über den Anlass sei­ner plötz­li­chen Berühmt­heit zu lesen ist.

Als Lord Byron im Juli 1811 nach Eng­land zurück­kehr­te, hat­te er im Gepäck: einen Schal und Rosen­öl für Lady Gor­don, sei­ne Mut­ter, vier Schä­del aus Athen, eben­so vie­le Schild­krö­ten, eini­ge anti­ke Mar­mor­büs­ten für sei­nen Freund Hob­house, eine Phio­le voll atti­schen Schier­lings­tranks für sich selbst und zwei Manu­skrip­te für eine unbe­stimm­te lite­ra­ri­sche Zukunft. Sein alter Men­tor Robert Charles Dal­las, selbst Dich­ter, frag­te ihn, ob er denn einen Bericht über sei­ne Rei­sen ver­fasst habe. Byron, der sich über die Mode des Rei­se­be­richts und die Ver­wer­tung authen­ti­scher Erleb­nis­se erha­ben fühl­te, ant­wor­te­te, er habe von Anfang sei­ner Tour an nicht vor­ge­habt, dar­über zu schrei­ben. Eini­ge Tage vor sei­ner Rück­kehr hat­te er an Dal­las geschrie­ben: „Ich glau­be nicht, irgend­et­was getan zu haben, das mich von ande­ren Rei­sen­den unter­schei­det, aus­ge­nom­men viel­leicht, dass ich die Enge zwi­schen Ses­tos und Aby­dos durch­schwom­men habe, eine sehr lehr­rei­che Erfah­rung für einen Moder­nen.“

Sei­ne Stär­ke sei die Sati­re, bedeu­te­te er Dal­las und drück­te ihm eine Para­phra­se auf die Dicht­kunst des Horaz in die Hand, ein Stück Gedan­ken­ly­rik mit dem Titel Hints from Hor­ace. Selbst wenn die Sati­re gelun­gen gewe­sen wäre, weder Sujet noch Stil ent­spra­chen der Mode der Zeit. Ver­le­gen hak­te Dal­las nach, ob er nicht auch etwas ande­res habe. Etwas ver­dutzt wegen des ver­hal­te­nen Lobs pack­te Byron ein wei­te­res Manu­skript aus, das Frag­ment eines län­ge­ren Gedichts, in dem er Ein­drü­cke sei­ner Rei­se ver­ar­bei­tet hat­te. Es hieß Chil­de Harold’s Pil­grimage und war eigent­lich nur für den inti­men Kreis sei­ner Freun­de aus der Stu­di­en­zeit in Cam­bridge ver­fasst wor­den. Es ver­die­ne nicht, sprach Byron, gele­sen zu wer­den, aber wenn er, Dal­las, es haben wol­le, schen­ke er es ihm. Und es war genau das, wonach der berühm­te Ver­le­ger John Mur­ray gesucht hat­te und wofür sich Byron in glei­chem Maße schäm­te, wie er sich dar­in gefiel. Ein Schlüs­sel­werk der Roman­tik! Mag sein, dass Byrons Gering­schät­zig­keit Koket­te­rie war, oder ver­letz­te Eitel­keit, denn er hat­te es zuvor einem Kol­le­gen zu lesen gege­ben, dem es miss­fiel. Chil­de Harold war der unmit­tel­ba­re Aus­druck jener schwär­me­ri­schen Selbst­mys­ti­fi­ka­ti­on, die er an ande­ren Dich­tern bereits ver­spot­tet hat­te, aber den Stem­pel der schwär­me­ri­schen Zeit trug, gegen die er sich zeit­le­bens auf­lehn­te und deren Sym­ptom er doch war. Unver­kenn­bar hat­te er sich in der Figur des Harold gespie­gelt: ado­les­zen­ter Indi­vi­dua­lis­mus, Selbst­mit­leid, Welt­schmerz, Men­schen­hass, die Sti­li­sie­rung als ver­fluch­te, getrie­be­ne See­le, die zu früh ver­stei­nert, in exo­ti­schen Orten nach stets neu­en Sen­sa­tio­nen und Erlö­sung durch Lie­be sucht. Es war Byron uncen­so­red; sei­ne spöt­ti­sche Unbe­ein­druckt­heit indes, die Atti­tü­de, mit der er kaschie­ren woll­te, die Gefühls­la­gen sei­ner Zeit zu tei­len, eben­so Koket­te­rie wie die Behaup­tung, nichts ande­res als alle ande­ren Levan­ter­ei­sen­den erlebt zu haben.

Dal­las schrieb an Byron: „Sie haben eines der köst­lichs­ten Gedich­te geschrie­ben, die ich je gele­sen habe […]. Ich war so bezau­bert von Chil­de Harold, dass ich es über­haupt nicht mehr weg­le­gen moch­te.“ Dal­las schick­te das Manu­skript an Mur­ray, und so wur­de aus einem jun­gen Dich­ter, der so ger­ne ein neu­er Pope, ein neu­er Swift, ein neu­er Sher­i­dan gewor­den wäre, die Iko­ne der euro­päi­schen Roman­tik.

Es ist nicht mehr zu ermit­teln, ob Byron den Satz „Ich wach­te auf und war berühmt“ wirk­lich gesagt hat. Nichts­des­to­we­ni­ger demons­triert er schön die Initia­ti­on einer ange­maß­ten Indi­vi­dua­li­tät in ein Sys­tem, das weit mäch­ti­ger war als er. In der guten alten Zeit des Feu­da­lis­mus war der Künst­ler vom Adel abhän­gig gewe­sen, von dem er sich befrei­te, indem er den Schutz des Mark­tes such­te. Byron aber war ade­li­ger Künst­ler und ver­stand sich auch als sol­cher. In Eng­land hat­te sich sei­ne Klas­se längst mit dem Markt arran­giert. Byron konn­te es sich zunächst per Stand leis­ten, nicht allein Künst­ler zu sein, das heißt abhän­gig von Buch­ver­käu­fen, dem Wohl­wol­len der Rezen­sen­ten und dem Geschmack des Publi­kums. Das von ihm mit­un­ter gehass­te Stan­des­pri­vi­leg sicher­te sei­ne Auto­no­mie und den Habi­tus, sei­ne lite­ra­ri­sche Tätig­keit nur als „Krit­zeln“ (scribb­ling) zu betrach­ten, als zweck­frei­en Zeit­ver­treib und krea­ti­ve Fleiß­auf­ga­be. Die fra­gi­le Iden­ti­tät des Autors war jeder­zeit geschützt durch Aus­wei­chen in die Iden­ti­tät des Rei­ters, Cau­seurs, Aben­teu­rers, Schloss­be­sit­zers, Glo­be­trot­ters und Bon­vi­vants. Kon­se­quen­ter­wei­se lehn­te er zu Beginn sei­ner Kar­rie­re jeg­li­ches Autoren­ho­no­rar ab, über­trug das Copy­right von Chil­de Harold und The Cor­sair auf Dal­las. Mit kari­ta­ti­vem Groß­mut bestand Byron auf die Über­wei­sung der Ver­kaufs­ho­no­ra­re an bedürf­ti­ge­re Kol­le­gen wie Samu­el Rod­gers, Samu­el Tay­lor Coler­idge und ein­mal sogar an den radi­ka­len Dich­ter und Phi­lo­so­phen Wil­liam God­win (womit er zwei­fels­oh­ne sei­nen kon­ser­va­ti­ven Ver­le­ger ärgern woll­te) und gefiel sich dar­in, von Mur­ray befleht zu wer­den, das Geld doch anzu­neh­men. Sei­ne zwei Anwe­sen News­tead und Roch­da­le waren mit Hypo­the­ken belas­tet, er selbst war hoch ver­schul­det. Zwi­schen Mur­ray und ihm herrsch­te als­bald das unaus­ge­spro­che­ne Ein­ver­ständ­nis, dass Byron in Brie­fen und Äuße­run­gen wei­ter Mam­mon als Dich­ter­lohn von sich wies und die­ser den­noch dis­kret auf sei­nem Kon­to lan­de­te. Byron, der Kul­tur­markt und die Öffent­lich­keit, die zwi­schen bei­den ver­mit­tel­te, waren in ihrem Ver­hält­nis zuein­an­der alle­samt noch recht uner­fah­ren. If a star was born, it was a vir­gin birth.

Die paar Male, als ich in frü­he­ren Publi­ka­tio­nen über Byron schrieb, titu­lier­te ich ihn stets als ers­ten Pop­star. Pflicht­be­flis­sen zogen Lek­to­rin­nen dabei die Augen­brau­en hoch, viel­leicht auch, weil sie end­lich einen, der sich Stil- und Phra­sen­kri­tik anmaßt, eines knal­li­gen Angli­zis­mus über­füh­ren konn­ten. Doch mein­te ich das wort­wört­lich. Lord Byron ist der ers­te Star des Pop und auch sein ers­ter gefal­le­ner Engel.

Die Byro­ma­nia, die unmit­tel­bar nach der Ver­öf­fent­li­chung des Chil­de Harold ein­setz­te, zunächst nur in den Soi­reen der Socie­ty, sich aber suk­zes­si­ve auf das gesam­te Lese­pu­bli­kum aus­brei­te­te, war ein völ­lig neu­es Phä­no­men, dem kein ver­gleich­ba­rer Fall vor­aus­ging. Als Byron erwach­te, um sich als Berühmt­heit wie­der­zu­fin­den, war mit ihm eine neue Gesell­schaft erwacht. Natür­lich hat­te Byron als Pop­p­hä­no­men sei­ne Vor­gän­ger. Die Geburt des poli­ti­schen Popu­lis­mus als Per­so­nen­kult setzt Richard Sen­nett mit dem Whig-Poli­ti­ker John Wil­kes an. Auch mit Goe­thes Wert­her und des­sen Aus­wir­kun­gen auf die euro­päi­sche Jugend des spä­ten 18. Jahr­hun­derts lie­ße sich die Byronthe­se rela­ti­vie­ren. Doch nie­mand schick­te Goe­the sei­ne Scham­haa­re im Bil­lett, und es woll­ten zwar vie­le wie Wert­her, aber noch nie­mand wie Goe­the sein, der zunächst nur als Name über einem berühm­ten Buch­ti­tel prang­te.

Das Spe­zi­fi­kum der Mar­ke Byron, blei­ben wir beim Pop, erklärt sich aus der his­to­ri­schen Kon­flu­enz von bür­ger­li­cher Gesell­schaft, Säku­la­ri­sie­rung bei kon­stan­ten reli­giö­sen Bedürf­nis­sen, sen­ti­men­ta­lem Ich, Genie- und Per­sön­lich­keits­kult, dem Sie­ges­zug von Buch- und Medi­en­markt – und vor allem der rapi­den Zunah­me des weib­li­chen Lese­pu­bli­kums. Wie die­se Berei­che kau­sal auf­ein­an­der bezo­gen sind, wird immer ein Feld der Spe­ku­la­tio­nen blei­ben, und auch die Geschich­te der Ideo­lo­gie­kri­tik hat ihre Mytho­lo­ge­me: zum Bei­spiel das von der Erhö­hung des soli­tä­ren Ichs, weil die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Frei­heit unver­wirk­licht blieb.

Eine bezeich­nen­de Poin­te liegt dar­in, dass roman­ti­sche Dich­tung, die zu einem Gut­teil doch die Flucht aus der Sphä­re des Kom­mer­zes, kal­ter Ver­nunft und öko­no­mi­scher Objek­ti­vi­tät ver­kör­per­te, ihre Mas­sen­wirk­sam­keit dem Wachs­tum der Bewusst­seins­in­dus­trie ver­dank­te. Der roman­ti­sche Sub­jek­ti­vis­mus war einer der erfolg­reichs­ten Ver­kaufs­schla­ger pro­sa­ischer Waren­öko­no­mie. Dem wert­kon­ser­va­ti­ven Ver­le­ger John Mur­ray, des­sen ideo­lo­gi­sche Tole­ranz kei­ne Pro­fit­gren­zen kann­te, bedeu­te­te der Best­sel­ler des libe­ra­len Rebel­len Byron die uner­war­te­te Gold­quel­le, die ihm ermög­lich­te, noch im sel­ben Jahr sein Büro von der etwas schmud­de­li­gen Fleet Street in die Aber­mar­le Street im noblen West End zu über­sie­deln.

Byrons Freund, der iri­sche Dich­ter Tho­mas Moo­re, hat­te die Ratio­na­li­sie­rung des Lite­ra­tur­be­trie­bes und den Waren­cha­rak­ter äthe­ri­scher Dich­tung mit einem hell­sich­ti­gen Gedicht per­si­fliert. Dar­in schlug er, um der stets wach­sen­den Nach­fra­ge nach roman­ti­scher Dich­tung bei­zu­kom­men, ein Unter­neh­men zur Beschleu­ni­gung des lite­ra­ri­schen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses vor, in wel­chem bezahl­te Ghost­wri­ter am lau­fen­den Band die neu­es­ten Scotts, Words­wort­hs, Nor­tons, Sou­theys und Byrons pro­du­zier­ten. (Kaum eine Gene­ra­ti­on spä­ter soll­te Moo­res Visi­on Rea­li­tät wer­den. Wäh­rend Bal­zac, hin­ter der Tape­ten­tür vor den Gläu­bi­gern ver­steckt, in Büßer­kut­te und bei Hek­to­li­tern schwar­zen Kaf­fees sich die Comé­die humaine aus den Fin­gern sog, stand hin­ter der Mar­ke Alex­and­re Dumas père bereits eine lukra­ti­ve Manu­fak­tur aus bezahl­ten Schrei­ber­lin­gen.) Ein mul­mi­ges Gefühl könn­te Lesern und Lese­rin­nen beschlei­chen, wenn sie fol­gen­de Ver­se aus Tho­mas Moo­res Announce­ment Of A New Grand Acce­le­ra­ti­on Com­pa­ny For The Pro­mo­ti­on Of The Speed Of Lite­ra­tu­re in Hin­blick auf KI lesen:

Loud com­plaints being made in the­se quick-rea­ding times,
Of too slack a sup­p­ly both of pro­se works and rhy­mes,
A new Com­pa­ny, for­med on the keep-moving plan,
First pro­po­sed by the gre­at firm of Catch-‘em-who-can,
Beg to say they’ve now rea­dy, in full wind and speed,
Some fast-going aut­hors, of quite a new breed –

Such as not he who runs but who gal­lops may read –

[…]

The­re being on the estab­lish­ment six Wal­ter Scotts,
One capi­tal Words­worth and Sou­theys in lots; –
Three choice Mrs. Nor­tons, all sin­ging like syrens,
While most of our pall­id young clerks are Lord Byrons.
Then we’­ve ***s and ***s (for whom there’s small call),
And ***s and ***s (for whom no call at all).
In short, who soe’er the last “Lion” may be …
We’­ve a Bot­tom who’ll copy his roar to a T,
And so well, that not one of the buy­ers who’­ve got ‘em
Can tell which is lion, and which only Bot­tom.2

Was aber recht­fer­tigt für Byron und sei­ne Ära die pop­pi­ge Voka­bel Pop, die man doch spä­tes­tens für die Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg anzu­set­zen gewohnt ist? Denn wenn Pop so all­ge­mein gefasst wird, dann lie­ße er sich doch ahis­to­risch auf die beru­hi­gen­de Bana­li­tät beschrän­ken, dass außer­ge­wöhn­li­che Men­schen bezie­hungs­wei­se Halb­göt­tin­nen und Got­tessöh­ne doch zu allen Zei­ten umschwärmt und somit poten­zi­el­le Scham­haar­adres­sa­ten waren.

Die Plau­si­bi­li­tät von Byron als ers­tem Pop­star erhöht sich, wenn man vom gän­gi­gen Gemein­platz ein Stück­chen abweicht, dass Pop sei­ne Popu­la­ri­tät durch Ein­gän­gig­keit und Sim­pli­zi­tät erhal­te, als Anti­po­de zur exklu­si­ven Hoch­kul­tur. Dem wider­spricht, dass ab Mit­te der 1960er-Jah­re Maler und Anstrei­cher bei der Arbeit nach­weis­lich Bob Dylans sur­rea­lis­ti­sche Tex­te gesun­gen haben, in denen zum Bei­spiel „sil­ber­ne Saxo­pho­ne“ den Auf­trag ertei­len, die besun­ge­ne Frau abzu­wei­sen (I Want You). Doch weder die sin­gen­den Anstrei­cher noch die Jury des schwe­di­schen Nobel­preis­ko­mi­tees hat­ten ernst­haft Dylans Poe­sie stu­diert, wobei wir bei einem der zen­tra­len Kenn­zei­chen des Pop wären: dem Pri­mat des Künst­lers, sei­ner Per­sön­lich­keit, sei­ner Bio­gra­fie über sein Werk. Wei­te­re wären die Erhö­hung zum Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ob­jekt, eine bis zur Selbst­auf­ga­be emo­tio­na­li­sier­te Fan­ge­mein­de, ima­gi­nä­re Authen­ti­zi­tät, die Ver­schmel­zung von Künst­ler­per­son und sei­ner Kunst zu einem aura­ti­schen Gesamt­pa­ket, das der Markt in eine Ware trans­for­miert, des­sen Fetisch sei­ne Bewun­de­rer in Kon­su­men­ten und auf ver­track­te Wei­se selbst in Waren ver­wan­delt.

Die ers­te Wel­le der Byro­ma­nia zeich­ne­te sich noch durch die Rezep­ti­on der Lyrik selbst aus, der Iden­ti­fi­ka­ti­on mit ihrer Haupt­fi­gur und den Topoi des Gedichts. Byrons Gedich­te waren getrie­ben von einer nie zuvor gekann­ten Inten­si­tät. In der Tat wäre die Ana­lo­gie zum Rock ’n‘ Roll nicht abwe­gig. Sobald Byron selbst das Objekt der nar­ziss­ti­schen Begier­de wur­de, geriet sei­ne Kunst zur Devo­tio­na­lie, sei­ne Por­träts zu tau­send­fach geküss­ten Votiv­bil­dern, sei­ne Bücher zu bloß has­tig ange­le­se­nen Talis­ma­nen, deren Berüh­rung allein reich­te, das eige­ne ereig­nis­lo­se Leben in einen ero­ti­schen Hexen­sab­bat oder eine Enter­fahrt in die Levan­te zu ver­wan­deln. Chil­de Harold erfüll­te ein roman­ti­sches Bedürf­nis, das fort­hin auch des­sen Schöp­fer zu befrie­di­gen hat­te, und wäre er nicht in Ungna­de gefal­len, so wäre auch sein höchst unro­man­ti­scher Don Juan mit der roman­ti­schen Bril­le gele­sen wor­den, und die Mora­lis­ten hät­ten gegen die kon­for­me Mas­se enthu­si­as­mier­ter Byro­nis­ten einen schwe­re­ren Stand gehabt. Mit der Abkehr von ihrem dämo­ni­schen Ver­füh­rer, nach die­sem ers­ten noch unver­stan­de­nen Rausch eines Popex­zes­ses, wur­den sie per kol­lek­ti­ver Buße auf den Pfad von Maß und Tugend zurück­ge­führt. Byron war nicht nur ers­ter Pop­star wider Wil­len, Ahn­va­ter aller Bohe­mi­ens mit iro­ni­schem Stand­ort­vor­teil gegen­über nai­ven Roman­ti­kern, son­dern auch ein dia­lek­ti­scher Geburts­hel­fer der Vik­to­ria­ni­schen Ära. Deren Mut­ter­ge­ne­ra­ti­on, jenes letz­te Auf­bäu­men des derb-fröh­li­chen 18. Jahr­hun­derts (einer Regen­cy genann­ten Epo­che), war eine lie­der­li­che Bon­vi­van­te gewe­sen, ehe sie Buße tat und mit Trieb­ver­zicht, Leis­tung, Fort­schritts­op­ti­mis­mus und der für Rene­ga­ten so cha­rak­te­ris­ti­schen mora­li­schen Bestra­fungs­kom­pe­tenz die Welt­herr­schaft des Empires auf­bau­te.

Das dunk­le Geheim­nis des Star­kults liegt in der nar­ziss­ti­schen Beschaf­fen­heit der bür­ger­li­chen Sub­jek­te, die sich der bewun­der­ten All­macht der mensch­li­chen Pro­jek­ti­ons­ziel­schei­be unter­ord­nen, sich beschei­den und lern­be­reit geben. Es wirkt so, als mach­ten sie ihr Objekt grö­ßer, als es ist, und sich klei­ner, als sie sind. Doch so wie der Maso­chist einen grö­ße­ren Lust­ge­winn erfährt als der Sadist, ist die­se Liai­son mit dem Super­star ein raf­fi­nier­ter Trick des ver­kap­sel­ten Selbst. Im Star hat der zur Objekt­lie­be immer unfä­hi­ge­re Mensch ein Schein­ob­jekt zur Ver­fü­gung, in wel­chem es sich selbst lie­ben kann. Der Fan will nicht bloß die Auf­merk­sam­keit, die Gra­ti­fi­ka­ti­on durch den Star, er will in einer ima­gi­nä­ren Hoch­zeit mit ihm ver­schmel­zen, sich ihn ein­ver­lei­ben, sei­ne scha­ma­ni­sche Macht über­neh­men. Das ist die Tau­to­lo­gie des Per­sön­lich­keits­sub­sti­tuts, die von nichts fer­ner sein kann als idea­ler Indi­vi­dua­li­tät.

„Je wei­ter der vom Huma­nis­mus ver­klär­te abs­trak­te Begriff des Men­schen von ihrer wirk­li­chen Lage ent­fernt war“, schrieb Max Hork­hei­mer in sei­nem Essay Indi­vi­dua­lis­mus und Frei­heits­kampf, „des­to erbärm­li­cher muss­ten die Indi­vi­du­en der Mas­se sich selbst erschei­nen, des­to mehr beding­te die idea­lis­ti­sche Ver­got­tung des Men­schen, die in den Begrif­fen der Grö­ße, des Genies, der begna­de­ten Per­sön­lich­keit, des Füh­rers und so wei­ter sich bekun­det, die Selbst­er­nied­ri­gung, Selbst­ver­ach­tung des kon­kre­ten Ein­zel­nen.“

Die Ver­got­tung des Pop­in­di­vi­du­ums ver­langt die Negie­rung sei­ner stö­ren­den, wider­bors­ti­gen Eigen­heit. Des­halb schnüf­felt der Fan so gie­rig in des­sen Pri­vat­le­ben, um jede Abwei­chung pro­jek­tiv in das idea­le Spie­gel­bild der eige­nen All­machts­wün­sche zurück­zu­scheu­chen. Für die nie befrie­dig­te Illu­si­on, eine authen­ti­sche Per­sön­lich­keit zu ver­eh­ren, muss die­se sowohl ihre Authen­ti­zi­tät als auch ihre Per­sön­lich­keit ein­ge­büßt haben, um auch der Ent­per­sön­li­chung des Fans einen indi­vi­dua­lis­ti­schen Anstrich zu geben. Die­se Ent­wick­lung läuft zu die­ser Zeit noch gemäch­lich aus dem Hafen der Geschich­te wie die ers­ten Dampf­schif­fe, wird aber Fahrt auf­neh­men und im 20. Jahr­hun­dert zur hege­mo­nia­len Ent­wick­lung syn­the­ti­scher Sub­jek­ti­vi­tät von der Stan­ge. Guy Debord wird schrei­ben: „Der als Star in Sze­ne gesetz­te Agent des Spek­ta­kels ist das Gegen­teil, der Feind des Indi­vi­du­ums (…) Indem er als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mo­dell ins Spek­ta­kel über­geht, hat er auf jede auto­no­me Eigen­schaft ver­zich­tet, um sich selbst mit dem all­ge­mei­nen Gesetz des Gehor­sams gegen­über dem Lauf der Din­ge zu iden­ti­fi­zie­ren.“

Wenn es einen Byron’schen Hel­den gibt und so die­ser Byron selbst ist, wird des­sen Hero­is­mus vor allem dar­in bestehen, die Ansprü­che sei­ner Sub­jek­ti­vi­tät einen äußerst bru­ta­len Macht­kampf gegen sei­ne Ver­ding­li­chung, an der er Mit­schuld trägt, füh­ren zu las­sen. Er wird in sei­nem Arse­nal recht unter­schied­li­che Waf­fen dafür fin­den: Flucht in die Ein­sam­keit, Flucht nach Ita­li­en, sar­kas­ti­sche Gegen­wehr oder aber die eben­so lis­ti­ge wie fata­le Tak­tik, gera­de durch Annah­me der zuge­schrie­be­nen Rol­le die Deu­tungs­ho­heit dar­über zu behal­ten: Wenn ihr Chil­de Harold haben wollt, dann gebe ich ihn euch.

Byron war 24 Jah­re alt, der Erfolg sei­nes anfäng­lich iro­nisch gemein­ten Rol­len­spiels ließ ihn als­bald mit der Rol­le ver­schmel­zen. Sei­ne natür­li­che sozia­le Unsi­cher­heit half ihm bei Emp­fän­gen und in Clubs, die Rol­le des ver­düs­ter­ten anämi­schen Außen­sei­ters hin­rei­ßend zu spie­len und in eine stra­te­gi­sche Stär­ke zu ver­wan­deln. Sei­ne Freun­de wie Hob­house und Scro­pe Davies lach­ten zu Beginn noch über die gelun­ge­ne Tra­ves­tie, als aber der Dar­stel­ler sei­nes noch jun­gen Mythos auf­hör­te, mit ihnen hin­ter den Kulis­sen dar­über zu lachen, wuss­ten sie, dass ihm die Rol­le in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen war, und der ers­te Pop­star bekam die ers­te Lek­ti­on im noch als Ver­suchs­an­ord­nung exis­tie­ren­den Pop­busi­ness erteilt: die Unmög­lich­keit, der eige­nen kul­tur­in­dus­tri­el­len Ver­ding­li­chung die Zügel anzu­le­gen. Der Her­ren­rei­ter, sich über alle Kon­ven­tio­nen und Dumm­hei­ten erha­ben füh­lend, spür­te plötz­lich selbst einen Sat­tel auf dem Rücken, den der jun­ge Markt ihm auf­ge­setzt hat­te, als dem bes­ten Pferd, das sich je den Kon­ven­tio­nen und Dumm­hei­ten der Gesell­schaft wider­setzt hat. Mit Markt mei­ne ich natür­lich nicht bloß eine öko­no­mi­sche Instanz, die nach Plan und Wil­le ver­fährt, son­dern das oft gar nicht bewuss­te und sehr viel­schich­ti­ge Ver­hält­nis zwi­schen Mar­ke­ting, Insti­tu­tio­nen der Dis­tri­bu­ti­on (Ver­la­ge, Dru­cke­rei­en, Zei­tun­gen, Lite­ra­tur­kri­tik, Fan­ar­ti­kel­her­stel­ler), Kon­su­men­ten und mensch­li­cher Ware.

Doch noch gestal­te­te sich alles bur­lesk und wie ein amü­san­tes Spiel. Aus jener Zeit, in der das Leben ein amü­san­tes Spiel zu sein hat­te, weil noch cha­rac­ters und kei­ne Per­sön­lich­kei­ten auf­ein­an­der­tra­fen, stamm­te Eliza­beth Fos­ter, die Her­zo­gin von Devon­shire, der wir das Zeug­nis der ers­ten Sym­pto­me von Byro­ma­nia ver­dan­ken: „Gegen­stand der Unter­hal­tung, der Neu­gier, der Begeis­te­rung sind im Augen­blick weder Spa­ni­en noch Por­tu­gal, noch der Krieg, noch der Patrio­tis­mus, son­dern ist ein­zig Lord Byron! Das Gedicht liegt auf jedem Tisch, und er selbst wird hofiert, ihm wird geschmei­chelt, er wird gelobt, über­all, wo er erscheint. Er ist blass, sieht krank aus, sein Kör­per ist häss­lich [sic!], aber sein Gesicht ist schön; kurz und gut, er ist Gegen­stand jeden Gesprächs – die Män­ner sind eifer­süch­tig auf ihn und die Frau­en eine auf die ande­re.“3

Byrons Kör­per war mit­nich­ten häss­lich, der zur Kor­pu­lenz Nei­gen­de war seit sei­ner Stu­den­ten­zeit in Cam­bridge stark abge­ma­gert. Die Her­zo­gin spricht damit in nicht son­der­lich sym­pa­thi­scher Wei­se auf Byrons Behin­de­rung an, eine Seh­nen­ver­kür­zung des rech­ten Fußes. Die­se despek­tier­li­che Wahr­neh­mung mag ein Kol­la­te­ral­scha­den des klas­si­zis­ti­schen Schön­heits­ide­als wäh­rend Mrs Fos­ters Jugend gewe­sen sein, zu Byrons Zei­ten und danach erhöh­te das Hin­ken sogar sein tra­gi­sches Flair und wur­de Bestand­teil des Pop­bau­kas­tens der Byro­ma­nia.

Nach anfäng­li­chem Mit­spie­len begann sich das rea­le Vor­bild des Pop-Byron gegen die­sen zu weh­ren, und zwar mit der aris­to­kra­ti­schen Selbst­ge­wiss­heit eines Aso­zia­len, der offen­bar noch nicht ein­ge­se­hen hat­te, dass er längst öffent­li­ches Eigen­tum war. Die­se Wider­bors­tig­keit kam ihm teu­er zu ste­hen. Nur ein Mensch erlag der Byro­ma­nia nicht. Statt­des­sen präg­te er die­sen Begriff. Anne Mil­ban­ke, die Byrons ers­ten Hei­rats­an­trag abge­lehnt hat­te, schrieb 1812 das Gedicht The Byro­ma­nia:

Reforming Byron with his magic sway
Com­pells all hearts to love him and obey –
Com­mands our woun­ded vani­ty to sleep
Bid us for­get the Truths that cut so deep,
Inspi­res a gene­rous can­dour in the mind
That makes us to our friend’s oppres­si­on kind.

Es half ihr nichts. Anne Mil­ban­ke wur­de sei­ne Frau. Byron wuss­te, dass er nicht ein­mal sei­nen bes­ten Freun­den dar­in trau­en konn­te, das not­wen­dig fal­sche Bild, das sich die Öffent­lich­keit von ihm mach­te, zu kor­ri­gie­ren. Bei einem gemein­sa­men Aus­ritt eröff­ne­te er Lady Bles­sing­ton, dass ihm sei­ne Freun­de das Leben geret­tet hät­ten. Denn bloß die Angst, dass sie sei­ne Bio­gra­fien ver­fas­sen könn­ten, habe ihn vor dem Selbst­mord bewahrt. „Ich weiß nur zu gut, was sie über mich schrei­ben wür­den – ihre Ent­schul­di­gun­gen, so lahm wie ich selbst, die sie für mei­ne Ver­feh­lun­gen vor­bräch­ten, bloß um die­se unnö­ti­ger­wei­se bloß­zu­stel­len; und all dies mit der erklär­ten Absicht, zu recht­fer­ti­gen, was – Gott hel­fe mir! – nicht zu recht­fer­ti­gen ist, näm­lich mei­nen unpoe­ti­schen Ruf, den die Welt nichts angeht. Der eine wür­de sei­ne Feder in geklär­ten Honig, der ande­re in Essig tau­chen, um mei­ne viel­fäl­ti­gen Ver­feh­lun­gen zu beschrei­ben; und nur weil ich weder will, dass mein armer Ruhm süß kon­ser­viert noch sau­er ein­ge­legt wird, habe ich wei­ter­ge­lebt und mei­ne Memoi­ren geschrie­ben, in denen die Tat­sa­chen für sich selbst spre­chen, ohne redak­tio­nel­le Ergän­zun­gen wie: ‚Wir kön­nen die­sen unse­li­gen Feh­ler nicht ent­schul­di­gen oder die­se Unge­hö­rig­keit ver­tei­di­gen!‘ In jener Façon also, fuhr Byron fort, in der Freun­de ihre eige­ne Klug­heit und Tugend ver­herr­li­chen, indem sie deren Man­gel bei dem hoch­ge­schätz­ten Ver­bli­che­nen auf­zei­gen. Ich habe mei­ne Memoi­ren geschrie­ben, sag­te er, um mir die Not­wen­dig­keit zu erspa­ren, dass sie von einem oder meh­re­ren Freun­den geschrie­ben wer­den, und ich kann nur hof­fen, dass sie kei­ne Anmer­kun­gen hin­zu­fü­gen wer­den.“ Byrons Memoi­ren wur­den am 17. Mai 1824 im Büro sei­nes Ver­le­gers Mur­ray ver­brannt.

 

* * *

Richard Schu­berth: Lord Byron, der ers­te Anti-Byro­nist.
Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2024. 528 Sei­ten, € 40.

Online seit: 12. Okto­ber 2024

Zuletzt geän­dert: 14. Okt. 2024

Anmer­kun­gen:

[1] Ecker­mann 2000: 104f.
[2] Quel­le: poet­ry nook – https://www.poetrynook.com/poem/announcement-new-grand-acceleration-company-promotion-speed-literature.
[3] Zit. n. Mau­rois 1990: 124.