Der Amerika-Enthusiast

Fried­rich Ger­stä­cker präg­te im 19. Jahr­hun­dert mit sei­nen süf­fi­gen Roma­nen und Rei­se­be­schrei­bun­gen das Bild der Deut­schen von der Neu­en Welt. Auch in den USA waren sei­ne Bücher beliebt. Von Fati­ma Naq­vi

Es ist ein Leich­tes, über schlech­te Dich­ter zu schrei­ben. War­um ist es aber so schwie­rig, über mittelmäßige zu schrei­ben – die­je­ni­gen, die zwar zitiert, aber kaum mehr gele­sen wer­den? Die­se Fra­ge stellt sich bei Fried­rich Gerstäcker (1816–1872), einem zu sei­ner Zeit viel gedruck­ten Ver­fas­ser von Rei­se­be­schrei­bun­gen, Erzählungen und Emi­gran­ten­ro­ma­nen. 44 Bände umfasst sein Œuvre. Ver­traut ist uns sein Name heu­te nur, weil Wal­ter Ben­ja­min ihn in sei­nem berühmten Auf­satz zu Niko­lai Less­kow erwähnt. In Der Erzähler (1936/37) führt Ben­jam in die­sen Anhänger des Rea­lis­mus an, einen der Pole des guten Erzählers abzu­ste­cken. Zusam­men mit Charles Seals­field (ali­as Karl Anton Postl) wird Gerstäcker zu den rei­sen­den Erzählern gerech­net, die die Welt gese­hen haben. Im Gegen­satz zum ver­wur­zel­ten Schrei­ber, der sich an die Hei­mat hef­tet und das Ver­trau­te ver­frem­det, kom­me der ver­spreng­te durch Aben­teu­er ange­rei­chert nach Hau­se, um vom Aus­land zu erzählen. Bei­de Typen, der „seß­haf­te Acker­bau­er“ und der „han­del­trei­ben­de See­mann“, wüssten Rat. Die­se sei­en Grund­ty­pen im „Reich der Erzählungen“. Meis­tens kreuz­ten sich bei Erzählern Zeit- und Raum­ach­sen, es ver­men­ge sich bei den­je­ni­gen, die das Erzählen als Hand­werk betrei­ben, die „Kun­de von der Fer­ne, wie der Viel- gewan­der­te sie nach Hau­se bringt, mit der Kun­de aus der Ver­gan­gen­heit, wie sie am liebs­ten dem Seß­haf­ten sich anver­traut“ (104–05).

Der „seß­haf­te Acker­bau­er“ und der „han­del­trei­ben­de See­mann“, wüss­ten Rat. Sie sind für Ben­ja­min Grund­ty­pen im „Reich der Erzäh­lun­gen“.

Nach Ben­ja­min steht das Vermögen des Erzählers, Rat zu wis­sen, nicht mehr hoch im Anse­hen. Welt­krieg und Infla­ti­on, Mate­ri­al­schlacht und Stel­lungs­krieg haben den Rat­ge­ber deva­lu­iert. Unter dem Druck der tech­ni­schen Umwälzungen und der Erkennt­nis der mensch­li­chen Zer­brech­lich­keit geht die Weis­heit flöten, die es überhaupt ermöglicht, „Rat zu wis­sen“, und die gespro­che­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on bil­det sich zurück. Die mündliche Mit­teil­bar­keit, die Grund­la­ge zwi­schen­mensch­li­chen Aus­tau­sches, schwin­det, und mit ihr die Erzählung, die auf dem Mündlichen basiert. Im Zeit­al­ter der Infor­ma­ti­on, die mit die­sen welt­po­li­ti­schen Veränderungen um 1900 ein­her­geht, schreibt Ben­ja­min, ist es um den Erzähler beson­ders schlecht bestellt.

II

Gerstäckers Lite­ra­tur hat tatsächlich etwas von einer Rat­ge­ber-Lite­ra­tur an sich. Als Welt­rei­sen­der hat Gerstäcker sei­ne glo­ba­len Erfah­run­gen ver­wer­tet. Er durch­wan­der­te Nord- und Südamerika, die Sand­wich­in­seln im Südpazifik, Aus­tra­li­en und das heu­ti­ge Indo­ne­si­en; eben­so Pana­ma, Ecua­dor, Peru, Chi­le, Uru­gu­ay, Bra­si­li­en, Ägypten, Mexi­ko und die West­in­di­schen Inseln der Kari­bik. Sei­ne Berich­te wer­den als authen­ti­sche Erfah­rung ver­mark­tet.

Gerstäcker, gebo­ren in Ham­burg als ein Kind von Opernsängern, war in die USA als aus­ge­bil­de­ter Land­wirt emi­griert. Er bereis­te zwi­schen 1837 und 1843 den Süden und Wes­t­en­des Lan­des. Im Vor­wort zu sei­nem sechsbändigen Werk Nach Ame­ri­ka! (1855) stellt Gerstäcker sei­ne Arbeit in den Dienst einer brei­ten Aufklärung. Der ver­brei­te­te Wunsch, Armut und Unfrei­heit hin­ter sich zu las­sen, beschwin­ge vie­le Deut­sche; sein Buch soll die­sen Unwis­sen­den einen Ein­blick in das geben, wor­auf sie sich ein­las­sen. Gerstäcker scheut die pathe­ti­sche Rede nicht, um die Sog­kraft des jun­gen Lan­des auf die deut­sche Bevölkerung anschau­lich zu machen. Mit Gedan­ken­stri­chen wer­den die Men­schen­ty­pen anein­an­der­ge­reiht, denen die Neue Welt lacht. Die überstürzte Ent­schei­dung und der has­ti­ge Auf­bruch wer­den so dem Leser ver­mit­telt:

„[N]ach Ame­ri­ka,“ leicht und keck ruft es der Toll­kopf trot­zig der ers­ten schwe­ren, trau­ri­gen Stun­de ent­ge­gen, die sei­ne Kraft prüfen soll­te, sei­nen Muth stählen – „nach Ame­ri­ka,“ flüstert der Ver­zwei­fel­te, der hier am Rand des Ver­der­bens dem Abgrund lang­sam aber sicher ent­ge­gen geris­sen wur­de – „nach Ame­ri­ka,“ sagt still und ent­schlos­sen der Arme, der mit männlicher Kraft und doch immer und immer wie­der ver­ge­bens gegen die Macht der Verhältnisse angekämpft, der um sein „tägliches Brod“ mit blu­ti­gem Schweiß gebe­ten […].

Gerstäckers sti­lis­ti­sche Trick­kis­te wird in die­sem Pas­sus wun­der­bar evi­dent. Ana­phern beschwören das Land der Sehnsüchte („Nach Ame­ri­ka!“). Alli­te­ra­tio­nen las­sen den Toll­kopf trot­zen und den Ver­zwei­fel­ten ver­der­ben; das Männliche ent­fal­tet Macht. Der Arme ist fast ana­gram­ma­tisch im „männlichen“ „immer“ unter­wegs. Die Lis­te der Unterdrückten und Wage­mu­ti­gen dehnt sich über eine wei­te­re stab­rei­men­de Sei­te des Vor­worts, mit „sich und die Sei­nen“, dem Raub „verübende[n] Ver­bre­cher“, „Bilan­zen“ in den „Büchern“, „Kis­ten und Kas­ten“, „Haupt in d[er] Hand“. Der Text strotzt vor star­ken Ver­ben: Die Emi­gran­ten sind „gezwun­gen“, dem neu­en Land eine Exis­tenz „abzu­rin­gen“. Zisch­lau­te evo­zie­ren ono­ma­to­poe­tisch die Ver­zweif­lung der Aus­wan­de­rer – „scheu“, „zag­haft“, „zer­knirscht“ und „zer­tre­ten“ ste­hen sie da, die Einöde „verwünschend“. Para­tak­tisch brei­tet sich in der Wüste jedoch das Licht der Aufklärung aus. Wir lesen, „wie sich die Wild­niß lich­tet, wie Far­men und Städte ent­stehn, und sich das deut­sche Ele­ment aus­brei­tet nach allen Sei­ten, und fol­gen den ein­zel­nen Bekann­ten und Freun­den, die wir zu Hau­se schon, oder auf der Fahrt erst lieb gewon­nen, oder für die wir uns inter­es­si­ren, auf ihren ver­schie­de­nen, oft wun­der­li­chen Bah­nen.“ All die­sen Men­schen will Gerstäcker zur Sei­te ste­hen – nur uns armen Lesern nicht, es bleibt uns weder Stab­reim noch end­lo­se Aufzählung erspart –, indem er ein akku­ra­tes Bild die­ser Leu­te präsentiert, ein Bild, das die Extre­me nicht scheut. Ins­be­son­de­re die Best­sel­ler Die Regu­la­to­ren in Arkan­sas (1846) und Die Fluß­pi­ra­ten des Mis­sis­sip­pi (1847) waren für ihre radi­ka­le Dar­stel­lung furcht­ba­rer Schick­sa­le und abge­feim­ter Aben­teu­rer bekannt. Gerstäcker konn­te nach dem Erschei­nen die­ser Wer­ke sei­nen Lebens­un­ter­halt als frei­er Schrift­stel­ler bestrei­ten.

III

Inter­es­san­ter­wei­se haben die USA Gerstäcker sei­ne Tex­te gedankt: mit einer Viel­zahl von Aus­ga­ben für Stu­die­ren­de, die um 1900 des Deut­schen kun­dig wer­den woll­ten. Beson­ders die Novel­le Ger­mels­hau­sen (1860) hat vie­le Auf­la­gen erfah­ren. Die kur­ze Novel­le han­delt von einem Dorf die­ses Na- mens, das auf­grund sei­nes Abfalls vom Papst im Sumpf unter­geht. Ein jun­ger Mann wohnt dort einem Fest bei und opfert sich fast unwis­sent­lich auf, um das Dorf zu erlösen und aus der Ver­sun- ken­heit zu erret­ten.

In einer Aus­ga­be, die ich in der New York Public Libra­ry in Händen hat­te, wird im Vor­wort die mäßige Qualität des Schrift­stel­lers offen zuge­ge­ben. Der ame­ri­ka­ni­sche Her­aus­ge­ber, Pro­fes­sor Law­rence A. McLouth an der New York Uni­ver­si­ty, ver­gleicht Gerstäcker zuerst mit Hum­boldt, gegen den er abfällt: „His [Gerstäcker’s] jour­neys in so many stran­ge lands made the sub­ject mat­ter inte­res­t­ing to a wide cir­cle of rea­ders, but his descrip­ti­ons of for­eign count­ries and peo­p­les were not suf­fi­ci­ent­ly detail­ed and accu­ra­te to give them the value of such works as Humboldt’s.“ Wie Ben­ja­min drei­ßig Jah­re später rückt der Her­aus­ge­ber Gerstäcker in die Nähe von Seals­field – um die­sem den Vor­zug zu geben: „Gerstäcker does not rank with Charles Seals­field as a nove­list, but he knew inti­m­ate­ly the things about which he wro­te.“ Um der Authentizität wil­len macht man eben qua­li­ta­ti­ve Zugeständnisse. Gerstäcker zeich­ne ein kurz­wei­li­ges Bild nach der Natur: „Gerstäcker’s novels are inte­res­t­ing,“ fährt McLouth fort, „becau­se they car­ry the rea­der rapidly along through stran­ge adven­tures among peo­p­le in distant count­ries, and becau­se the author’s style, while not always high­ly polished, is lively and natu­ral“ (mei­ne Her­vor­he­bung). Obwohl Gerstäckers Tex­te gele­gent­lich ins Sen­sa­tio­nel­le abglei­ten und die Cover­bil­der ins Gewalttätige abdrif­ten würden, ver­die­ne der Inhalt Lob. Unser Bedürfnis nach Action befrie­di­ge Gerstäcker.

Die­se Aus­ga­be von Ger­mels­hau­sen, samt Voka­bel­an­hang und Übersetzungsschlüssel, kam beim renom­mier­ten Ver­lag Hen­ry Holt and Com­pa­ny im Jah­re 1904 her­aus. Sie erschien knapp nach einer Edi­ti­on aus dem Jah­re 1900, deren Her­aus­ge­ber, ein Leh­rer in Kan­sas, Gerstäcker noch persönlich gekannt hat­te. Auf die Holt-Aus­ga­be fol­gen wei­te­re Auf­la­gen (1904, 1911, 1916), bevor der Ers­te Welt­krieg und anti­deut­sche Pro­pa­gan­da der bevor­zug­ten Stel­lung der deut­schen Spra­che im Schul­be­trieb und in der Ger­ma­nis­tik an den Universitäten ein Ende berei­te­ten und die­se Art Aus­ga­ben rarer wur­den. Den­noch erschie­nen 1927 und 1937 noch neue Vari­an­ten, bei so bedeu­ten­den Ver­la­gen wie A. A. Knopf und Barron’s Edu­ca­tio­nal Series.

Für Ken­ner der deut­schen Novel­le des 19. Jahr­hun­derts schafft es Ger­mels­hau­sen nie auf einen Lis­ten­platz – Tex­te von Mörike, Hebel, Kel­ler, Droste-Hülshoff, Gott­helf, Stif­ter, Raa­be domi­nie­ren. Dabei ist Gerstäckers Geschich­te, wie McLouth her­vor­hebt, rela­tiv span­nend. Ein ande­rer Her­aus­ge­ber um 1902 gesteht freimütig, eini­ge Moti­ve sei­en von Uhland und Hei­ne ent­lehnt: Arnold, ein jun­ger Maler auf Wan­der­schaft, begeg­net unter­wegs einem hübschen Mädchen. Er folgt ihm in des­sen ent­le­ge­nes, merkwürdiges Hei­mat­dorf zum Mit­tag­essen. Auf dem Weg dort­hin stellt Arnold sei­ne Naivität auf gera­de­zu frap­pie­ren­de Wei­se zur Schau. Alles erscheint ihm „totenähnlich“, die Glo­cke des Kirch­turms klingt „bös“. Arnolds ers­tes Gespräch mit der hübschen Ger­trud dreht sich um den an sei­ner Stel­le erwar­te­ten Lieb­ha­ber, der jedoch gestor­ben sein könnte. Da kei­ne Hun­de anschla­gen oder Hähne krähen, hält der Gast den Ort Ger­mels­hau­sen für „tot“. Mit sei­ner Schönen geht er nach einer selt­sa­men Mahl­zeit mit ihrer Fami­lie spa­zie­ren – und lan­det aus­ge­rech­net auf dem Fried­hof. Am Ran­de des Dor­fes wird es wie­der melan­cho­lisch düster mit einem zurückkehrenden Lei­chen­zug und ver­wahr­los­ten Gärten: „[S]o still und ein­sam, ja so totenähnlich wur­de es hier.“ Nachts wird ein rau­schen­des Fest gefei­ert; Ger­trud benimmt sich eigen­ar­tig und bringt Arnold von dort weg. Als er am Mor­gen in Sicher­heit erwacht, wirft er sich „todes­matt“ unter die Bäume. Die Kri­tik Gerstäckers am Deutsch­land des 19. Jahr­hun­derts ist ein­deu­tig, wenn sie auch dem nicht gera­de feinfühligen Maler zuge­schrie­ben wird, der nach dem Besuch in Ger­mels­hau­sen nicht begreift, „wie es möglich sei, daß noch Men­schen in Deutsch­land so abge­schie­den, so förmlich getrennt von der übrigen Welt und außer der gerings­ten Ver­bin­dung mit ihr leben konn­ten“. Das Dorf ist Inbe­griff der Sta­gna­ti­on, des In-der-Zeit-Fest­sit­zens, der Iso­la­ti­on.

IV

Mein Unter­fan­gen spie­gelt sich in dem Plot von Ger­mels­hau­sen als mise-en-abî- me: Gerstäcker aus der Ver­sen­kung her­auf­zu­ho­len woll­te mir nicht gelin­gen. So wie ich die­sen Auf­satz über ihn vor mir her­schob, erging es Ben­ja­min mit Less­kow. Ben­ja­min brauch­te länger als gedacht, um den Essay über den rus­si­schen Schrift­stel­ler zu schrei­ben. In einem Brief an Kit­ty Marx-Stein­schnei­der beschwer­te er sich über die „aus lei­di­gen Umständen ein­ge­gan­ge­ne Ver­pflich­tung“. Auch sei­nem Freund Ger­schom Scholem gegenüber beton­te er, die kur­ze Stu­die sei eine Arbeit, zu der er sich „ver­pflich­tet habe“ (Ben­ja­min II.3, 1276–77). Die Her­aus­ge­ber sei­ner Gesam­mel­ten Schrif­ten, Rolf Tie­de­mann und Her­mann Schweppenhäuser, unter­strei­chen die lan­ge Geburt des Essays, zu dem ein­zel­ne Moti­ve schon 1928 auf­tau­chen. Es fällt auch auf, dass Ben­ja­min – trotz sei­ner offen aus­ge­spro­che­nen Wertschätzung Less­kows – nur in weni­gen Abschnit­ten des 30-sei­ti­gen Auf­sat­zes tatsächlich auf den rus­si­schen Dich­ter ein­geht. Less­kows Name wird zwar 38 Mal erwähnt, kommt jedoch nur geballt in den letz­ten drei Tei­len von Der Erzähler vor. In einem Ausweichmanöver führt Ben­ja­min jedoch vie­le ande­re Schrift­stel­ler und Phi­lo­so­phen an, von Hebel und Hero­dot über Valéry und Edgar Allan Poe bis zu Ernst Bloch und Georg Lukács.

Ben­ja­min ging es mit Less­kow trotz­dem deut­lich bes­ser als mir mit Gerstäcker: Für ihn gehörte der Rus­se, dem man zwi­schen 1924 und 1927 eine neunbändige Aus­ga­be im Ver­lag Beck wid­me­te, zu den „wenig bekann­ten, sehr bedeu­ten­den Zeit­ge­nos­sen von Dos­to­jew­ski“. Für Ben­ja­min, der sich im Auf­satz auf Gor­ki beruft, ist Less­kow einer der „größten Erzähler“. Hof­manns­thal gegenüber beschei­nigt er dem rus­si­schen Dich­ter gar eine beson­de­re Sog­kraft, einen „beherr­schen­den Ein­fluß“.

Trotz­dem schleicht sich zu Beginn des Auf­sat­zes Gerstäcker und nicht Less­kow in Ben­ja­mins Überlegungen ein, beson­ders mit einer Anspie­lung auf Tau­send­und­ei­ne Nacht. Auch Gerstäcker hat­te im Vor­wort zu Nach Ame­ri­ka! das schwin­den­de Vermögen beklagt, in Erzählungen ein­zu­tau­chen und so von der Weis­heit ande­rer zu pro­fi­tie­ren. Anschei­nend beschäftigt Gerstäcker die Unmöglichkeit, sich mit Fan­ta­sie in Nar­ra­ti­ve hin­ein­zu­ver­set­zen, die im Fer­nen spie­len und somit Rat bereit­hal­ten. Eine Art von Mündlichkeit wird bei Gerstäcker evo­ziert, deren Toten­glo­cken Ben­ja­min in Der Erzähler läutet:

„Nach Ame­ri­ka!“ — Leser, erin­nerst Du Dich noch der Märchen in Tau­send und eine Nacht, wo das klei­ne Wörtchen „Sesam“ dem, der es weiß, die Tho­re zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen gehört, die vor alten Zei­ten wei­se Männer gekannt, Geis- ter her­auf­zu­ru­fen aus ihrem Grab, und die gehei­men Wun­der des Welt­alls sich dienst­bar zu machen? — Mit dem ers­ten Klang der ein­fa­chen Syl­be schlu­gen, wie sich die Sage seit Jahr­hun­der­ten im Mun- de des Vol­kes erhal­ten, Blitz und Don­ner zusam­men, die Erde beb­te, und das kecke, tollkühne Men­schen­kind das sie gespro- chen, beb­te zurück vor der furcht­ba­ren Gewalt die es her­auf­be­schwo­ren.

D i e Zei­ten sind vorüber; die Geis­ter, die damals dem Men­schen­ge­schlecht ge- horcht, gehor­chen ihm nicht mehr […].“

Der Erfah­rungs­schatz der Mensch­heit, der sich in Erzählungen niederschlägt, droht zu schwin­den. Das Zau­ber­wort ist auch bei Gerstäcker unbe­kannt, das die Tore zum tra­dier­ten Wis­sen öffnen könnte. Bei Ben­ja­min wird die­se Distanz aus­ge­lo­tet und Tau­send­und­ei­ne Nacht als die lis­ten­rei­che Vari­an­te beschwo­ren, mit der man als Erzähler die Auf­merk­sam­keit der Zuhörer gewin­nen und fes­seln kann. Wenn Ben­ja­min über den Erzähler schreibt, dass er unter die Leh­rer und Wei­sen ein­geht, dann hat er Gerstäcker als Rei­sen­den und mündlich Erzählenden im Kopf, der zu den rhe­to­ri­schen Fin­ten des mündlichen Berichts greift sowie mit Para­ta­xen und Alli­te­ra­tio­nen den Ein­druck der gespro­che­nen Spra­che her­vor­ruft. Denn die „Han­del­trei­ben­den [haben] an der Kunst des Erzählens“ einen „kei­nes­wegs verächtlichen Anteil“; „sie muß­ten weni­ger deren beleh­ren­den Inhalt meh­ren, als die Lis­ten, mit denen die Auf­merk­sam­keit der Lau­schen­den gebannt wird, ver­fei­nern. Im Geschich­ten­krei­se der Tau­send und Eine Nacht haben sie eine tie­fe Spur hin­ter­las­sen“. In die­sem Sin­ne bleibt Ben­ja­min dem Resi­du­um von Mündlichkeit treu, das in Gerstäckers rhe­to­risch überladenem Stil zu fin­den ist – und ver­wahrt in sei­nem Schrei­ben die Weis­heit des heu­te Ver­ges­se­nen. Sesam, öffne Dich! – dies ist das Losungs­wort, um Gerstäcker über Ben­ja­min aus der Ver­sen­kung auf­er­ste­hen zu las­sen. Wenn man das denn will.

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ZU RECHT VERGESSEN
Die Serie Zu Recht ver­ges­sen – die bes­ten schlech­ten Dich­ter aller Zei­ten wid­met sich dem Phänomen der Berühmtheit zu Leb­zei­ten, die durch kei­ner­lei ästhetische oder poe­to­lo­gi­sche Qualität gerecht­fer­tigt ist. Der zu Recht ver­ges­se­ne, einst aber bekann­te und gefei­er­te Autor ist mentalitätsgeschichtlich grundsätzlich inter­es­san­ter als das zu Leb­zei­ten ver­kann­te Genie, das „sei­ner Zeit vor­aus“ war. Im Unter­schied zum „all­zeit gültigen“ Werk des Klas­si­kers stellt sich am Bei­spiel der Pro­duk­ti­on des schlech­ten Autors oder der schlech­ten Autorin die Fra­ge nach der his­to­ri­schen Kon­tin­genz ästhetischer Wer­te und Wer­tun­gen.

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Fati­ma Naq­vi, gebo­ren 1972 in New York, ist Pro­fes­so­rin für Ger­ma­nis­tik in Yale und Co-Her­aus­ge­be­rin von VOLLTEXT. Zu ihren wich­tigs­ten Veröffentlichungen zählen The Lite­ra­ry and Cul­tu­ral Rhe­to­ric of Vic­tim­hood (2007), Trügerische Ver­traut­heit (2010) und How We Learn Whe­re We Live (2016).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2019

Online seit: 2. Sep­tem­ber 2024

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Zuletzt geän­dert: 2. Sep. 2024