Der allerletzte Ritter

Oder: Die Krän­kun­gen des Richard Schau­kal. Aus der Serie „Zu Recht ver­ges­sen“. Von Harald Gschwandt­ner

„Ich erklä­re unser Ver­hält­nis für drin­gend ruhe­be­dürf­tig und schla­ge vor, daß wir ein­an­der vor­läu­fig ver­ges­sen.“
– Tho­mas Mann an Richard Schau­kal

Man darf sich Richard Schau­kal als einen unglück­li­chen Men­schen vor­stel­len. Zeit­le­bens fühl­te er sich ver­kannt und unter­schätzt. An der Lite­ra­tur des 19. Jahr­hun­derts geschult, sah er das „Niveau des deut­schen Schrift­tums“ stets im Nie­der­gang begrif­fen, beklag­te den unver­dien­ten Erfolg ande­rer Autoren und geriet am Ende in eine Art Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on zur „ver­haß­ten Gegen­wart“. Doch wie kam es dazu, dass Schau­kal, der als viel­ver­spre­chen­des Talent galt und mit dem Who’s Who der lite­ra­ri­schen Moder­ne kor­re­spon­dier­te, heu­te vie­len als zu Recht ver­ges­se­ner Mis­an­throp gilt?

Richard Schau­kal wur­de 1874 im mäh­ri­schen Brünn gebo­ren. Schon als Gym­na­si­ast zeig­te er lite­ra­ri­sche Ambi­tio­nen, 1893 erschien ein ers­tes Buch mit Gedich­ten, das der gleich­alt­ri­ge Karl Kraus rezen­sier­te und dem Schau­kal – par­al­lel zu einem Jus-Stu­di­um in Wien – rasch wei­te­re lyri­sche Bän­de fol­gen ließ. Dane­ben ver­öf­fent­lich­te er Feuil­le­tons, Essays und Kri­ti­ken in ange­se­he­nen Zeit­schrif­ten und knüpf­te Bezie­hun­gen im lite­ra­ri­schen Feld. „Ein wohl­erzo­ge­ner, net­ter Mensch“, notier­te Marie von Ebner-Eschen­bach nach einer Begeg­nung mit dem jun­gen Schau­kal in Mäh­risch-Weiß­kir­chen, wo er 1899 nach voll­ende­tem Stu­di­um eine Stel­le im Staats­dienst ange­tre­ten hat­te. Er sei „wirk­lich begabt, nur unglaub­lich unreif“: „Trotz­dem macht er sehr hüb­sche Gedich­te und schreibt sehr gute Kri­ti­ken.“

Der edle Wein gro­ßer Gedich­te
Mit die­sen „hüb­schen“ Gedich­ten hat­te Schau­kal gleich­wohl eini­ge Auf­merk­sam­keit erregt. Der Band Mei­ne Gär­ten erschien 1897 im Ber­li­ner Ver­lag Schus­ter & Loeff­ler, in dem auch Det­lev von Lili­en­cron und Richard Deh­mel publi­zier­ten. „Aus brei­ter gol­de­ner Scha­le will ich den edlen Wein / Gro­ßer Gedich­te trin­ken, die der Men­ge fern sind“, hebt der Pro­log an und eta­bliert sowohl die Stil­ebe­ne des Buches als auch den aris­to­kra­tisch-welt­ent­ho­be­nen Ges­tus die­ser Lyrik. Rit­ter­ro­man­tik steht neben schwer­mü­ti­ger Deka­denz, die pathe­ti­sche Anru­fung ein­sa­men Künst­ler­tums neben ästhe­ti­sier­ten Still­le­ben. Spä­ter hat Schau­kal Mei­ne Gär­ten selbst­be­wusst als „Haupt­werk des deut­schen Sym­bo­lis­mus“ bezeich­net.

Der auf­dring­li­che Öster­rei­cher, der Buch um Buch, Zei­tungs­ar­ti­kel um Zei­tungs­ar­ti­kel schick­te, wur­de Tho­mas Mann lang­sam läs­tig

Die Welt der Aris­to­kra­tie fas­zi­nier­te Schau­kal schon in jun­gen Jah­ren. In sei­nem Tage­buch notier­te er 1896: „Ich bin Aris­to­krat des Geis­tes. Mei­ne sehn­süch­tigs­te Nei­gung: ein Frei­her­ren­ti­tel.“ Er such­te die Nähe zu Ebner-Eschen­bach und Fer­di­nand von Saar; die Lite­ra­tur erlaub­te es ihm zudem, sei­ner bür­ger­li­chen Her­kunft in der Ima­gi­na­ti­on aris­to­kra­ti­scher Lebens­wel­ten zu ent­flie­hen.

Phan­tast und Beam­ter
In Mäh­risch-Weiß­kir­chen ein wenig im Abseits und oft von dienst­li­chen Pflich­ten okku­piert, ver­such­te Schau­kal den­noch teil­zu­ha­ben am Wie­ner Lite­ra­tur­be­trieb (obwohl er die­sen, wie er nicht müde wur­de zu beto­nen, ver­ach­te­te). Die Lis­te sei­ner Kor­re­spon­denz­part­ner die­ser Zeit ist über­aus pro­mi­nent, sein Bemü­hen, zum Kreis der beach­te­ten Autoren der Zeit zu gehö­ren, unüber­seh­bar. Schau­kals zur Pene­tranz nei­gen­de Selbst­prä­sen­ta­ti­on und der oft pole­mi­sche Ton sei­ner Brie­fe erweck­ten frei­lich bei man­chen Adres­sa­ten rasch Unbe­ha­gen.

Arthur Schnitz­ler ließ er Ende des Jah­res 1900 „als Aus­druck schät­zen­der Ach­tung“ eine umfäng­li­che Bücher­sen­dung zukom­men: „Wenn Sies nicht freut, sagen Sie lie­ber gar nichts, als mir mit gezwun­ge­nen Zei­len Con­ven­tio­nel­les zu erwi­dern.“ Hier schreibt einer, der schon die Ableh­nung ein­kal­ku­liert und sich im Fall des Fal­les in sei­ner rand­stän­di­gen Beson­der­heit bestä­tigt fühlt. Und Schau­kal fällt, als Schnitz­ler ihm Freund­li­ches zu sei­nem Gedicht­band Tage und Träu­me (1899) schreibt, gleich mit der Tür ins Haus: Er sei näm­lich „ein Ver­ab­scheu­er der Lite­ra­ten“ und über­zeugt davon, in Schnitz­ler einen eben­sol­chen zu fin­den. So wie Schau­kal in Brie­fen oft unver­mit­telt vom Kon­ver­sa­ti­ons­ton in den Angriff über­geht, wei­sen auch sei­ne Kri­ti­ken ein defi­zi­tä­res anger manage­ment auf. Eine Rezen­si­on der