Franz Josef in Redipuglia

Von Nor­bert Gst­rein

Die Geschich­te mit Lei­ra und ihrem Namen in Osi­jek, die eigent­lich kei­ne Geschich­te ist, erzäh­le ich nur, weil mir in die­sem Juli, mit­ten in der größ­ten Som­mer­hit­ze, genau einen Tag davor in dem ita­lie­ni­schen Ort Redi­pu­glia unweit von Gori­zia eine ver­gleich­ba­re Geschich­te zuge­fal­len ist, in der es auch um einen Namen geht.

Dass ent­we­der mit mir oder der Wirk­lich­keit oder den Namen so man­ches nicht stimmt, weiß ich seit dem 24. Dezem­ber 2003, als ich nach einer lan­gen Auto­fahrt von Tirol aus im Hotel Palace in Zagreb auf einen Por­tier namens I. Radiš gesto­ßen bin. Für sich ist das kei­ne gro­ße Sache, in Kroa­ti­en ein Name wie vie­le ande­re, aber weil just in jener Woche Iris Radisch in der Zeit mit mei­nem Roman Das Hand­werk des Tötens sehr ungnä­dig ver­fah­ren war und ich auf der gan­zen Fahrt nichts Bes­se­res zu tun gewusst hat­te, als auf Iris Radisch zu schimp­fen (was ich selbst­ver­ständ­lich seit­her bereue), starr­te ich auf das Namens­schild des Por­tiers und muss­te mich fra­gen, wel­chen Streich mir die Wirk­lich­keit da spiel­te. Ich bat ihn, mir das Schild zu kopie­ren, was eini­ges an Über­re­dungs­kunst brauch­te, weil ich ihm nur schwer klar­zu­ma­chen ver­moch­te, war­um mich sein Name so sehr erschüt­ter­te, und die Kopie des Schil­des fin­det sich jetzt als „Beweis­mit­tel gegen alle Wahr­schein­lich­keit des wirk­li­chen Lebens“ am Ende mei­nes Essays Wem gehört eine Geschich­te?.

So etwas hät­te viel­leicht in einem Roman von Alek­sand­ar Tiš­ma vor­kom­men kön­nen, aber es war die Wirk­lich­keit.

Ich bin sonst nicht jemand, der die Emp­fangs­leu­te in Hotels auf ihre Namen anspricht, aber bei der jun­gen Frau im Hotel Waldin­ger in Osi­jek hat­te ich es doch wie­der getan, weil ich den Namen Lei­ra auf ihrem Schild noch nie gese­hen und noch nie gehört hat­te. Kei­ne drei Stun­den davor, am Spät­nach­mit­tag, hat­te ich in Jasen­o­vac noch ver­geb­lich nach Namen gesucht. Es war eine Zeit her, seit ich das letz­te Mal in der Gegend gewe­sen war, und die Erin­ne­rung hat­te mich getro­gen. An dem in der sla­wo­ni­schen Ebe­ne schon von wei­tem sicht­ba­ren Denk­mal für die in dem dor­ti­gen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger im Zwei­ten Welt­krieg Ermor­de­ten fan­den sich kei­ne Namen, und das nahe gele­ge­ne Muse­um, in dem sich sicher wel­che gefun­den hät­ten, hat­te schon geschlos­sen gehabt. Vie­le Zehn­tau­sen­de waren an die­sem Ort von den Hen­kern der kroa­ti­schen Usta­scha umge­bracht wor­den, vor allem Ser­ben, Juden und Roma, und ich hat­te mir von mei­nem letz­ten Besuch ein­ge­bil­det, die gan­ze Innen­sei­te des Denk­mals sei mit Namen beschrif­tet, aber nichts als der in die Form einer stei­ner­nen Blu­me gegos­se­ne rohe Beton, vie­le Meter hoch, der aus der Fer­ne auch eine rie­si­ge, in den Him­mel gereck­te Faust oder eine in der Glut­hit­ze erstarr­te lodern­de Flam­me sein könn­te, und die erschre­cken­de Schön­heit und Fried­lich­keit der Fluss- und Wie­sen­land­schaft an der Save mit ihren aus­ge­ho­be­nen Kra­tern, die einer neben dem ande­ren die Orte der ehe­ma­li­gen Lager­ge­bäu­de mar­kie­ren. Zu behaup­ten, ich hät­te die jun­ge Frau in Osi­jek des­we­gen nach ihrem Namen gefragt, geht viel zu weit, aber jeden­falls frag­te ich sie, woher ihr Name kom­me, und sie sag­te, Lei­ra sei die Umkeh­rung von Ari­el, sag­te, der Hin­ter­grund sei jüdisch, sag­te, ihr Vater, der sie so genannt habe, sei ein Ver­rück­ter gewe­sen, erzähl­te, auf der ande­ren Sei­te der Gren­ze in Bos­ni­en gebe es den Namen Lei­la häu­fig, mit einem „l“ statt ihrem „r“, und sag­te, wie um nur kein Miss­ver­ständ­nis auf­kom­men zu las­sen, ihr zwei­ter Name sei Baruch, nach dem jüdi­schen Phi­lo­so­phen Baruch Spi­no­za.

So etwas hät­te viel­leicht in einem Roman von Alek­sand­ar Tiš­ma vor­kom­men kön­nen, aber es war die Wirk­lich­keit, und die Wirk­lich­keit war es auch am Tag davor in Redi­pu­glia gewe­sen, wo ich auf mei­ner Fahrt in den Süden zuerst halt­ge­macht hat­te, und der für die­se Wirk­lich­keit zustän­di­ge Autor am ehes­ten Joseph Roth. Auf dem dor­ti­gen öster­rei­chisch-unga­ri­schen Mili­tär­fried­hof, der sich nicht weit von dem faschis­ti­schen Monu­men­tal­denk­mal für über 100.000 ita­lie­ni­sche Tote aus dem Ers­ten Welt­krieg befin­det, lie­gen Tote der Dop­pel­mon­ar­chie von den zwölf Ison­zo-Schlach­ten, Rei­hen und Rei­hen von in den Boden ein­ge­las­se­ne Stei­ne. 2.550 sol­len es sein, und erin­nert wird auch an wei­te­re 12.000 unbe­kann­te Gefal­le­ne, 14.550 also alles in allem in Sum­me die schreck­li­che Zahl.

Auf Metall­plat­ten ste­hen die Namen, Nach­na­me, Vor­na­me, in die­ser Rei­hen­fol­ge, dazu das Todes­da­tum, soweit es bekannt ist, und bei vie­len ist es nicht bekannt, was nichts Gutes bedeu­tet. Kei­ne Geburts­da­ten, als soll­te ver­schämt ver­schwie­gen wer­den, was sonst nur offen­sicht­lich gewor­den wäre, näm­lich wie jung die meis­ten von ihnen gewe­sen sein müs­sen. Denn sonst hät­ten sich die gan­zen 1890er-Jahr­gän­ge auf den Grab­stei­nen gefun­den, auch wel­che von davor natür­lich, und auf dem einen oder ande­ren Grab wäre sicher auch 1900 als Geburts­jahr gestan­den, viel­leicht sogar 1901, wenn sich einer älter gemacht und durch die Mus­te­rung geschwin­delt hät­te und dann nach sei­nem Tod doch noch von der Büro­kra­tie ein­ge­holt wor­den wäre, die er im Leben über­lis­tet hat­te. Sol­da­ten aus der gan­zen Mon­ar­chie, wenn es nach den Namen ging, von Gali­zi­en bis Süd­ti­rol, aus Wien, Buda­pest und Prag, egal ob sie sich ange­spro­chen fühl­ten oder nicht, wenn eine Ver­laut­ba­rung des Kasisers mit „An mei­ne Völ­ker“ begann.

Wenn man nichts ande­res zu tun weiß an die­sem Ort, den man sich aus irgend­wel­chen Grün­den selbst aus­ge­sucht hat, kann man zwi­schen den Grab­stei­nen auf und ab gehen und irgend­wann die Sinn­lo­sig­keit die­ser Rei­hen und Rei­hen von Grä­bern mit der sinn­lo­sen Fra­ge zu parie­ren ver­su­chen, wie vie­le von den Toten Franz gehei­ßen haben, weil einem der Name schon so oft begeg­net ist. Sinn­los, viel­leicht pie­tät­los, aber wenn man sich die Fra­ge ein­mal gestellt hat, wird man sie nicht mehr los, kommt man allein mit den Fran­zen auf eine trau­ri­ge Zahl und kann dann plötz­lich an dem direkt dem Haupt­ein­gang gegen­über­lie­gen­den Ende des Fried­hofs in der hin­ters­ten oder in einer der hin­ters­ten Rei­hen ein Grab ent­de­cken, auf dem „Franz Josef“ steht und das Todes­da­tum 16. 10. 1918, kei­ne vier Wochen vor Kriegs­en­de und knapp zwei Jah­re nach dem Tod des gleich­na­mi­gen Kai­sers, Franz Joseph I., der sei­nen „Joseph“ aller­dings mit „ph“ geschrie­ben hat.

„Obwohl ich damals noch so jung war, schien es mir, daß es bei­na­he unschick­lich sei, spä­ter zu ster­ben als der Kai­ser, des­sen Glanz mei­ne Jugend erleuch­tet hat­te.“

Ein zufäl­li­ger Fund, ver­steht sich, der nichts bedeu­tet, Franz Josef, der nach der Dik­ti­on der Grab­stei­ne in Wirk­lich­keit Josef Franz gehei­ßen hat, aber die Gedan­ken haben sich längst ver­selbst­stän­digt und sind bei der Beschrei­bung, die Joseph Roth vom Begräb­nis des Kai­sers gege­ben hat. Er stand an jenem Tag, dem 30. Novem­ber 1916, in Wien als einer sei­ner Sol­da­ten im Glied mit ande­ren Sol­da­ten ganz in der Nähe der Kapu­zi­ner­gruft, nur weni­ge Wochen bevor er selbst ins Feld gehen soll­te, wie er es for­mu­liert, und erweist spä­ter dem toten Kai­ser in sen­ti­men­ta­ler Wei­se die Ehre, und wenn man ihm glau­ben darf, muss es zu die­sem Anlass gereg­net haben, wie es auf der Welt noch nie und wie es auch in der Lite­ra­tur noch nie gereg­net hat.

Es sind zwei klei­ne Pro­sa­stü­cke, in denen er auf das Begräb­nis des Kai­sers zu spre­chen kommt, „Sei­ne k. und k. apos­to­li­sche Majes­tät“ das eine, Ste­fan Zweig gewid­met, „In der Kapu­zi­ner­gruft“ das ande­re. „Die Sinn­lo­sig­keit sei­ner letz­ten Jah­re erkann­te ich klar, aber nicht zu leug­nen war, daß eben die­se Sinn­lo­sig­keit ein Stück mei­ner Kind­heit bedeu­te­te“, schreibt er in dem einen über den Kai­ser. „Die kal­te Son­ne der Habs­bur­ger erlosch, aber es war eine Son­ne gewe­sen.“ Und in dem ande­ren kann man lesen: „Und obwohl ich in jener Stun­de wuß­te, daß ich bald, bald für den toten Kai­ser und für sei­nen Nach­fol­ger zu ster­ben befoh­len und bestimmt war, und obwohl ich damals noch so jung war, schien es mir, daß es bei­na­he unschick­lich sei, spä­ter zu ster­ben als der Kai­ser, des­sen Glanz mei­ne Jugend erleuch­tet und des­sen Leid mei­ne Jugend ver­düs­tert hat­ten.“

„Ich stand reg­los in der ‚Habt acht‘-Stellung“, um noch eine Kost­pro­be zu geben, Joseph Roth, Jahr­gang 1894. „Aber mein Herz war schwer, und mei­ne Augen, befehls­ge­mäß und sol­da­tisch dem Kon­dukt zuge­wandt, füll­ten sich mit Trä­nen, so daß ich zwar blick­te, aber gar nichts sah.“

Dass ent­we­der mit mir oder der Wirk­lich­keit oder den Namen so man­ches nicht stimmt, weiß ich seit dem
24. Dezem­ber 2003.

Zitie­ren lässt sich das leicht, doch es ist immer noch kei­ne Geschich­te, und es soll auch kei­ne sein. Ein Sol­da­ten­fried­hof aus dem Ers­ten Welt­krieg mit Tau­sen­den von Toten und ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger aus dem Zwei­ten Welt­krieg mit noch viel mehr Tau­sen­den, ja, Zehn­tau­sen­den von Toten. Wie hängt das alles zusam­men? Joseph Roth und der absur­de, aber glück­li­che Gedan­ke, dass er bei­dem ent­gan­gen ist, Redi­pu­glia und Jasen­o­vac, nimmt man die Namen nur stell­ver­tre­tend für die Namen von ande­ren Fried­hö­fen und ande­ren Lagern, über halb Euro­pa ver­streut. Dabei hät­te es jeweils bloß eine klei­ne Wen­dung der Geschich­te zum Schreck­li­che­ren bedurft, und es wäre anders gekom­men. Joseph Roth, der am 27. Mai 1939 in Paris sicher am Alko­hol und an sei­ner Trau­rig­keit, aber in Wirk­lich­keit wohl auch am Ers­ten Welt­krieg und am her­auf­zie­hen­den Zwei­ten Welt­krieg gestor­ben ist, ein viel­leicht kit­schi­ger Gedan­ke, aber nichts als die Wahr­heit. Der Beweis dafür steht in sei­nen Büchern, und ich wür­de für die­se Behaup­tung vor jedem Gericht auf die­ser Welt und in jeder ande­ren Welt ein­ste­hen.

Fehlt ein letz­ter Satz zu Lei­ra, der jun­gen Frau im Hotel Waldin­ger in Osi­jek, die in einer Geschich­te Ari­el oder wenn nicht Ari­el, dann Baruch nach dem jüdi­schen Phi­lo­so­phen Baruch Spi­no­za hei­ßen könn­te. Auch das Kitsch, Noti­zen für einen Roman, den hof­fent­lich nie jemand schreibt? Mag sein, und selbst wenn Alek­sand­ar Tiš­ma sich dar­an ver­sucht hät­te … aber wie gesagt, es ist kei­ne Geschich­te, und ich wer­de mich hüten, eine dar­aus zu machen.

 

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Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er den Roman Vier Tage, drei Näch­te (Han­ser, 2022) sowie den Band Mehr als nur ein Frem­der (Han­ser, 2023).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2023

Online seit: 2. August 2023

Online seit: 2. August 2024

Zuletzt geän­dert: 2. Aug. 2024