Alexander Kluge und die Groteske

Von Tho­mas Com­brink

Häu­fi­ger erwähnt Alex­an­der Klu­ge in Gesprä­chen die Metho­de des „Cross-Map­pings“. Der Aus­druck ist eine Meta­pher, denn im All­tag ist die Kon­fron­ta­ti­on zwei­er Kar­ten sinn­los. Wer mit einer „Stra­ßen­kar­te von Groß-Lon­don den Harz durch­wan­dern“ möch­te, wird sich im Wald ver­ir­ren oder vor einen Baum lau­fen. Auf lite­ra­ri­scher Ebe­ne bie­tet die­ser Gegen­satz die Mög­lich­keit des Gedan­ken­spiels. Die Kar­te, auf der Län­der, Städ­te, Stra­ßen, aber auch Ber­ge und Seen ver­zeich­net sind, dient als Bild für eine Vor­stel­lung, die ein Mensch von der Rea­li­tät besitzt. In Klu­ges Geschich­te „Zustöp­seln eines Kin­der­hirns“ geht es um den sechs­jäh­ri­gen Bau­ern­sohn Ger­hard, der Schwie­rig­kei­ten in der Schu­le hat. Der Tier­arzt bit­tet ihn, den Schwanz einer Kuh zu hal­ten. Der Jun­ge ist so in die Auf­ga­be ver­tieft, dass er das Hin­ter­teil noch in der Hand hat, als der Medi­zi­ner bereits mit sei­nem Auto auf dem Weg zum nächs­ten Dorf ist. Die Vor­stel­lung, die das Kind von der Wirk­lich­keit hat, kol­li­diert mit der Rea­li­tät des Erwach­se­nen. „Cross-Map­ping“ bedeu­tet in die­sem Fall, dass Ger­hards Atlas der Emp­fin­dun­gen mit dem prak­ti­schen Sinn kon­fron­tiert wird, den der Arzt von sei­nem Beruf besitzt. Der Humor, der dadurch erzeugt wird, gehört zur Komik der Gro­tes­ke.

Dies hängt wie­der­um mit Alex­an­der Klu­ges Vor­stel­lung vom „Ant­ago­nis­mus des Gefühls“ zusam­men; die Kraft der Lite­ra­tur liegt für ihn in der Beschrei­bung von Situa­tio­nen, bei denen sich die Emo­tio­nen der Men­schen gegen ihre geschicht­li­che oder sozia­le Situa­ti­on rich­ten. Folgt man den Über­le­gun­gen von Michail Bacht­in in sei­nem Buch „Rabelais und sei­ne Welt“, so wür­de die Geschich­te über den Arzt und den Bau­ern­sohn zum Humor der „Volks­kul­tur“ gehö­ren. Klu­ge geht es in sei­nem Text aber nicht um eine Abwer­tung von Ger­hard als lang­sam den­ken­des Kind der Land­be­völ­ke­rung; das Hal­ten des Kuh­schwan­zes ist viel­mehr ein Beweis des Ver­trau­ens. Der Jun­ge fühlt sich respek­tiert durch den „direk­ten Blick“ des Arz­tes. Dass der Medi­zi­ner in den After des Tie­res greift, erin­nert bei Bacht­in an die gro­tes­ke Kon­zep­ti­on vom Kör­per. Kot gehört zum bio­lo­gi­schen Abfall, wird eher mit Schmutz und Ver­un­rei­ni­gung in Ver­bin­dung gebracht.
In Klu­ges Geschich­te „Wie zwei Lie­ben­de sich trotz Schwie­rig­kei­ten im Win­ter 1941 näher­ka­men“ aus dem „Buch der Kom­men­ta­re“ geht es um einen deut­schen Sol­da­ten, der Front­ur­laub hat und aus Finn­land zu sei­ner Frau nach Hau­se kommt. Die Zunei­gung, wel­che die bei­den für­ein­an­der emp­fin­den, wird gebremst durch eine gemein­sa­me Darm­ko­lik. „Sein Kör­per, einst mit dem Begriff Statt­lich­keit kon­no­tiert, wirk­te in impro­vi­sier­ter Unter­ho­se gro­tesk“, heißt es in dem Text. Das Glück der Lie­be wird unter­bro­chen durch die stän­di­gen Gän­ge zur Toi­let­te. Der Aus­druck „Cross-Map­ping“ bezieht sich in die­sem Fall auf die Dis­kre­panz zwi­schen See­le und Kör­per. Die gro­tes­ke Ästhe­tik, mit wel­cher Klu­ge men­ta­le Zustän­de auf den Darm­be­reich bezieht, fin­det sich auch in ande­ren Geschich­ten. Ein Bom­ber­pi­lot in der Erzäh­lung „Absichts­lo­ses Glück“ ver­fehlt das Gebäu­de mit der Hoch­zeits­ge­sell­schaft, weil er sich vor­her in die Hose macht. Ein Mann („Der Tau­cher“) holt eine Kau­ri­schne­cke für eine Frau aus dem Meer, flüch­tet aller­dings vor einem gro­ßen Fisch und ent­leert dar­auf­hin sei­nen Darm. Eine Frau will sich in dem Text „Ble­cher­nes Glück“ umbrin­gen, stürzt sich vom Mai­län­der Dom und lan­det auf einem Auto. Sie über­lebt, sieht aber auf dem Dach des Fahr­zeugs „auf gro­tes­ke Wei­se beschä­digt“ aus.

Michail Bacht­in weist in sei­nem Buch auf den Ursprung der Gro­tes­ke in der ita­lie­ni­schen Renais­sance hin. Dabei ging es um die Decken- und Wand­ma­le­rei­en in dem römi­schen Palast Domus Aurea, den Nero in der Anti­ke erbau­te. Ende des 15. Jahr­hun­dert wur­de das zuge­schüt­te­te Gebäu­de wie­der­ent­deckt; da die Male­rei­en unter der Erde lagen, wur­den sie als Gro­tes­ken bezeich­net, abge­lei­tet von dem ita­lie­ni­schen Wort für Höh­le: „grot­ta“. Dies wie­der­um erin­nert an Alex­an­der Klu­ges Geschich­te über Andrej Tar­kow­ski mit dem Titel „Die Brun­nen der Göt­ter“. Der rus­si­sche Regis­seur schlägt dar­in vor, eine Was­ser­quel­le in der Nähe von Nea­pel auf­zu­su­chen, die von einer christ­li­chen Kapel­le über­baut wor­den sei. In gerin­ger Ent­fer­nung befän­de sich ein Land­haus, durch des­sen Kel­ler man zum Brun­nen gelan­ge, der wie­der­um in die Unter­welt füh­ren wür­de.

Bei den Gro­tes­ken des anti­ken Palas­tes in Rom han­delt es sich vor allem um Orna­men­te, bei deren Aus­ge­stal­tung die Maler den Bereich der sinn­lich erfahr­ba­ren Rea­li­tät erwei­ter­ten. Die Bil­der wirk­ten über­trie­ben, erreg­ten schon früh die Kri­tik der Zeit­ge­nos­sen. Die Über­zeich­nung und Über­stei­ge­rung der wirk­li­chen Ver­hält­nis­sen kor­re­spon­diert auf lite­ra­ri­scher Ebe­ne im anti­ken Rom mit der Gat­tung der Sati­re. Die Hyper­bel, also die Über­trei­bung, ist in Alex­an­der Klu­ges Büchern ein häu­fi­ges rhe­to­ri­sches Mit­tel. Dabei geht es um die Eigen­schaft der Nai­vi­tät, wodurch die Figu­ren sym­pa­thisch wir­ken. Ein deut­scher Schrift­stel­ler („Kleists Rei­se“) will ¬-1803 die fran­zö­si­schen Sol­da­ten am Ärmel­ka­nal von den Büchern Imma­nu­el Kants über­zeu­gen und wird als Träu­mer ent­larvt. Die Leh­re­rin Gabi Tei­chert, die in dem Film „Die Patrio­tin“ auf dem Par­tei­tag der SPD die Geschich­te ver­än­dern will, besitzt den Charme der Leicht­gläu­big­keit. In allen Fäl­len spielt die Idee der „Degra­die­rung“ eine Rol­le, über die Michail Bacht­in in sei­nem Buch schreibt. Hein­rich von Kleist und Gabi Tei­chert hät­ten es bes­ser wis­sen kön­nen; sie besit­zen die Fähig­keit, kom­ple­xe Situa­tio­nen zu ver­ste­hen. Klu­ge zeigt in sei­nen Tex­ten und Fil­men, wie anfäl­lig für Täu­schun­gen und Irr­tü­mer intel­li­gen­te Men­schen sind. Es fällt ihnen schwer, die sozia­len und his­to­ri­schen Räu­me zu lesen, in denen sie sich befin­den. Sie neh­men Feh­ler in Kauf, um ihre Wün­sche und Hoff­nun­gen aus­zu­drü­cken.

 

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Online seit: 18. Sep­tem­ber 2024

Zuletzt geän­dert: 18. Sep. 2024