volltext.net

Freitag, 30. März 2012

„Kitsch“ ist die deutsche Wortwaffe schlechthin

 

Klaus Zeyringer im Gespräch mit Julia Franck über Literatur, Moral und neues Spießbürgertum.

Die Leseprofis haben in letzter Zeit den „Familienromanen“ kaum ihr Wohlwollen bekundet. Dabei vermag die Gattung, nicht erst seit Thomas Manns Buddenbrooks, das Bild einer Gesellschaft im Privaten zu konzentrieren und daraus wiederum gesellschaftliche Reflexe zu gewinnen. Julia Franck ist dies mit ihrem vom Deutschen Buchpreis gekrönten Erfolg Die Mittagsfrau 2007 gelungen. Im Oktober letzten Jahres hat sie erneut einen literarischen Brennspiegel vorgelegt, in dem sie mit dem Zerfall einer Familie soziale, politische sowie kulturelle Brüche bündelt und insbesondere die Frage nach Verantwortung stellt. Für die vielfältigen Schichten der inneren und äußeren Handlung findet sie eine adäquate Sprache, bezeichnende Motiv- Verschränkungen (Kälte, Wasser, Stein) und starke Sätze: „Am Ende solcher Sätze versuchte er im Gedächtnis rückwärts zu hören“, heißt es über den jungen Thomas, als seine Schwester Ella ihre Wörter so betont, dass sie den Sinn „fleddert“. Und dann: „Sie glaubte jetzt an ihre Geschichte, an jedes Detail. Er wusste nicht, ob sie nur vor ihm so tat, als könnte sie die Welt allein mit ihren Einfällen und Behauptungen ändern – oder ob sie es selbst glaubte.“ Rücken an Rücken betitelt Julia Franck ihren Roman, der in das Ostberlin der Fünfziger Jahre bis zum Mauerbau führt und sich um eine intensive Geschwisterbeziehung dreht. Rücken an Rücken sitzen sie 1954 im Baumhaus: Die elfjährige Ella erzählt ihrem Bruder Thomas zum wiederholten Mal vom gefallenen Vater, wie er auf Kriegsurlaub gekommen war. „Es blieb immer dieselbe Geschichte“, lehnt sich der Junge an der Schilderung und an die Schwester an, „also stimmte sie, selbst wenn Ella erst ein Jahr alt gewesen war, als er geboren wurde“, selbst wenn sie in den Bergen im Februar nicht, wie sie behauptet, Käfer fangend auf der Wiese gesessen sein könne. Die Perspektive wechselt zwischen Ella und Thomas; und nicht nur die zentrale Rücken-an-Rücken-Passage gibt feine, aber deutliche Hinweise, dass die Wahrheit der Schilderung keineswegs sicher sei. In dieser DDR bemerkt Thomas, der sich in die Sprache seiner Gedichte flüchtet, „ein Reden in eine Abhängigkeit hinein“. Für das gesamte Romangebilde ist es von grundlegender Bedeutung, dass Wesentliches aus zweiter Hand mitgeteilt wird. So auch der sexuelle Missbrauch, als dessen Opfer sich die instabile Ella ihrem Bruder gegenüber ausgibt, der ihre Worte wiederum aus seiner Erinnerung zur Missbrauchsszene imaginiert – und derart indirekt erfährt man sie als Leser. Im Romangeschehen fallen den Geschwistern die Unsicherheiten der Erinnerung und der Wahrnehmung in den Rücken, und vor allem die Widrigkeiten einer kalten, meist hinterfotzigen Umwelt. Eine geradezu paradigmatische Reaktion, die Verhaltens- und Denkweisen im heutigen Feuilleton – womöglich überspitzt – vor Augen führt, kam von Hubert Winkels. Dem Kritiker ist offenbar die prinzipielle Unsicherheit des Erzählens in Julia Francks Roman entgangen. In seiner Rezension in der Zeit erhebt er den moralischen Vorwurf, der Zusammenhang zwischen KZ-Opfer und Kinderschänder sei „schändlich“. Nun weiß man nicht nur nach der Lektüre von Primo Levi, Kertesz, Semprún, Klüger literarisch von der Vielfältigkeit der Menschen im KZ. Wären alle, die den Horror der Nazis überlebt haben, deswegen und durchwegs Gute, dann könnte wer auf die Idee kommen, das KZ als Besserungsanstalt zu bezeichnen.

 

Klaus ZEYRINGER Du hast in einer kurzen Antwort am Ende eines Radio-Interviews dem Kritiker (auf den Namen habt ihr im Interview verzichtet) eine „Blockwartmentalität“ vorgeworfen.

JULIA FRANCK Die Abwehr auf den Roman, in dem es um unterschiedliche Formen der Zurichtung und des Schmerzes geht, die diktatorischsozialistische Vergewaltigung des Einzelnen, war enorm. Übrigens hatte ich das auch erwartet. Der Roman verklärt die Protagonisten der muffigmiefigen deutschen Nachkriegsgesellschaft nicht zu linksideologischen Helden. Hier gibt es keine strahlenden Sieger und keine armen, guten Opfer. Man spürte an den größtenteils westdeutschen Befindlichkeiten, die gegenüber dem Roman zum Ausdruck gelangten, wie erschreckend wenig Wissen es um die Folgen des Nationalsozialismus und die Gesellschaftsfindung der DDR gibt. Natürlich kennen solche Kritiker gewisse Zahlen und oberflächliche Zusammenhänge, aber die staatliche Durchwucherung des Privaten, das Hineinlangen staatlicher Interessen in das Familiäre, darüber ist ganz offensichtlich wenig bekannt. So wenig, wie über die Beschädigungen von KZ-Überlebenden durch den Nationalsozialismus. Blockwartmentalität ist ein vielleicht nicht ganz glückliches Wort für die Beobachtung gewisser Marktschreier. Es ist offenbar, dass ein solcher Kritiker in seinem Leben keinen Kontakt zu NS-Opfern hatte und keine Literatur über derartige Beschädigungen kennt. Das Perfide an der moralistischen Pose auf meinen Roman ist ja, dass unter dem Deckmantel, man wolle sich kanonisch auf eine mutmaßlich gelungene DDR-Prosa und Geschichtsbewältigungsschreibung einigen, hier artikuliert wird, wie wenig sein kann, was nicht sein darf. Zu behaupten, es sei moralisch zweifelhaft einen „KZ-Überlebenden“ als „Kinderschänder“ darzustellen, enthält zweierlei Irrtümer. Zum einen benutzt ein solcher Kritiker plakative Etiketten für Charaktere, für die ich an keiner Stelle so dumme Worte benutzen würde. Diese Worte negieren die Besonderheit und Würde des Individuums.

ZEYRINGER Und außerdem negieren sie grundlegende Übereinkünfte der Literaturbetrachtung, die von professionellen Lesern in den letzten Jahren immer öfter gerade dann außer Kraft gesetzt werden, wenn sie es eben brauchen. Spätestens seit dem Bovary-Prozess gegen Flaubert ist doch eindeutig klar, dass Literatur Fiktion ist und nicht eins zu eins mit der Historie und der gesellschaftlichen Realität aufgerechnet werden kann.

FRANCK Woher will dieser Kritiker wissen, dass Eddy ein Kinderschänder ist? Sehr wohl hat jener Eddy Dachau überlebt – und allerdings ist er nicht „geheilt“ aus dem KZ entlassen worden, wie so ein deutscher Kritiker sich das vielleicht vorstellt. Nur ist Eddy kein Märtyrer, der fromm die Missetaten eines KZs erduldet und nach der Befreiung unbeschadet als Guter ein fröhliches Leben beginnt. Er ist auch kein Held. Er ist beschädigt. Übrigens mussten alle KZ-Überlebenden Beschädigungen erfahren, niemand hat das KZ heil und unbeschadet überlebt. KZs waren Mordanstalten und Folterstätten. In dem moralistischen Vorwurf jenes Kritikers wohnt die Annahme, ein KZÜberlebender müsse ein guter, heiler Mensch sein und dürfe gefälligst auch nur so in der Literatur vorkommen. Das grenzt in meinen Augen an der Leugnung des Holocaust, darin liegt ein Bestreiten der Gräueltaten der Nationalsozialisten. Ein Blockwart ist jemand, der Meldungen macht, andere anschwärzt, denunziert und notfalls verleumdet, um für Ordnung zu sorgen und im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie das schadhafte und kriminalisierte Individuum aus dem gesunden Volkskörper auszuschließen. In meinem Roman lassen sich Eddys Beschädigungen keineswegs darauf reduzieren, er sei ein Kinderschänder. So wenig, wie ich Ella als Verrückte bezeichnen würde. Wer das als Kritiker unternimmt, verleumdet die Figuren des Romans für seine Zwecke der Abwehr. Von der Literatur zu wollen, dass sie ein KZ-Opfer als Gutmenschen und Märtyrer zeigt, ist eine groteske und verheerende Forderung nach Kitsch. So viel Dreistigkeit und Dummheit muss sich Literatur nicht gefallen lassen.

ZEYRINGER Wir kennen das aus den Vorwürfen gegen Thomas Hürlimann, die zunächst Reich- Ranicki und danach andere 2001 erhoben haben, seine Novelle Fräulein Stark enthalte antisemitische Tendenzen. Dabei standen die inkriminierten Sätze in einem literarischen Konzept, das sie historisch in einer Figurenrede situiert – keine Spur von Antisemitismus. Warum greifen Rezensenten und Feuilletonistinnen gerade seit zehn, zwölf Jahren oft zu derartigen Beschuldigungen, die mir – dazu später – Ausdruck eines neuen Spießertums zu sein scheinen? Hast du diese Art von Angriff erwartet?

FRANCK Nein, diesen Vorwurf konnte ich nicht erwarten. Er zielt natürlich auf einen Boulevard, er geht entweder darüber hinweg, dass ich jüdischer Herkunft bin, und leicht recherchierbar ist, welche verheerenden Tribute und Brüche der Nationalsozialismus in meiner Familie verursacht hat – oder aber, er greift mich instinktiv genau dafür an –, schließlich hätte es mich nach der Politik der Nationalsozialisten heute gar nicht geben dürfen. Eine Schriftstellerin in Deutschland darf dieses Thema offenbar nur berühren, wenn sie sich an das verkitschte Judenbild der Nachkriegsdeutschen hält. Darf es in der deutschen Literatur nach 1945 Juden und vormals verfolgte Kommunisten geben, die nicht allein Opfer sind? Sind Juden und Kommunisten überhaupt differenzierte Charaktere? Den Furor hinter den Angriffen dagegen verstehe ich gut. Der Roman erzählt Schlimmes und er kennt kaum Gnade. Hier von „saurem Kitsch“ zu sprechen, empfinde ich fast als Kompliment. Es zeugt von der starken Emotion des Kritikers, seiner Abwehr gegen meinen Roman. Offenbar bedroht und stört dieser Roman seine deutsche Erinnerungs- und Weltordnung. Kitsch ist ja ein äußerst beliebtes Wort, inhaltsleer und wirkungsstark. Kürzlich hörte ich die Definition, Kitsch sei der Wille zum Glück ohne die Bereitschaft zum Schmerz. Ich denke, der Kritiker verrät hier seine eigene Sehnsucht, seinen Wunsch nach Trost und Glück in der Literatur – er fühlt sich brüskiert, weil der Roman ihm all das vorenthält, ihm stattdessen bis zuletzt Schmerzerfahrungen bereitet.

ZEYRINGER Kitsch ist ja auch eine Sentimentalisierung im spießbürgerlichen Sinn, also die Sicherheit der Ordnung fixer Denkschemata, Sprachformeln und Emotionsmasken. Kommt der Kitsch-Vorwurf selbst aus der von dir angesprochenen Verkitschung, insbesondere des Judenbildes – und dient eine derartige Position, die ja seit einigen Jahren verstärkt im deutschen Feuilleton mit großer Selbstgefälligkeit auftritt, dazu, vom Kitsch der Phrasen eben dieser Selbstgefälligkeit abzulenken?

FRANCK Überlegen wir, was Kitsch eigentlich ist. Hermann Broch hat sich schon ausführlich mit Adolf Hitler und seinen Kitsch-Vorwürfen gegenüber jüdischer Literatur und Kunst befasst, und dabei Hitler selbst als den Kitsch-Menschen schlechthin entlarvt. Ähnliches könnte man leicht mit einem Kritiker meiner Romane tun. Aber überlegen wir ausgehend von größter Naivität: Es handelt sich ja um ein deutsches Wort, für das es in keiner Sprache eine treffende Übersetzung gibt. Es ist die deutsche Wortwaffe schlechthin. Herabsetzung, Zerstörung, Kerker. Dicht folgen die beiden anderen K-Worte, Klischee und Kolportage. Kitsch ist vielleicht ein Bild von Glück ohne Risse, ohne Spuren und damit ohne innere Wahrheit. Wer einem Kunstwerk Kitsch vorhält, sagt laut: Dieses Bild halte ich für falsch, ihm fehlt eine innere Wahrheit, der Prozess, dem Entwicklung und Schwanken anzumerken wären, darin das Ungewisse lauert. Das Ungewisse wird mit dem Wort Kitsch aus der Wahrnehmung verbannt zugunsten eines mutmaßlich plumpen Glücks- oder Liebesbildes. Das Ungewisse halten Menschen schlecht aus, ihre Wahrnehmung glättet Welt und Kunst, um jenes Ungewisse nicht als störend zu empfinden.

ZEYRINGER Hast du konkrete Beispiele?

FRANCK Nehmen wir als Beispiel Gerhard Richter, zu dessen Atlas-Ausstellung ich kürzlich eine Rede hielt. Richter war gewiss, man werde seinen RAF-Zyklus für Polit-Kitsch halten „und vielleicht ist es das auch“, fügt er hinzu. Elegante Antwort, nicht wahr? Auch unzählige andere seiner Bilder mussten sich im Verlauf der Jahrzehnte den Kitsch-Vorwurf gefallen lassen, Lars von Trier wird Kitsch vorgeworfen. Es sind Werke, die das Allgemeine und Einfache, das Schlichte feiern, einerseits, und andererseits starke Empathie provozieren, emotional den Betrachter in ihren Bann ziehen. Wer sich darauf einlässt, muss Seele zeigen. Das fällt häufig besonders Menschen schwer, die Kritiker werden. Denn Kitsch ist ja ein Kritikerwort, eine Waffe, deren Existenz vor allem eines offenbart: Angst. Liegt es an einem Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit? Der Einheit, die es da zwischen Geist und Körper, also im Sinne einer sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit gibt? Niemand kann Kunst ohne Seele erkennen. Richters Antwort finde ich übrigens deshalb so elegant, weil er seinen Kritikern diese Wortwaffe zugesteht. Und trotzdem malt er, was ihn interessiert – rücksichtslos. Wie viele Künstler und Literaten in Deutschland kneifen seit Jahrzehnten alle Arschbacken zusammen, aus Angst vor der deutschen Wortwaffe? Intellektualisieren, erklären, vertrocknen. Wie wenige setzen sich noch ernsthaft mit Liebe, Tod und Schönheit auseinander?

ZEYRINGER Wie siehst du das nun in Bezug auf deine Romane?

FRANCK Es wundert mich nicht, dass der Kitsch- Vorwurf in Bezug auf meine Romane von Beginn an immer mal wieder aufleuchtet. Obwohl in meinen Büchern Arme nicht reich werden, und Liebende nicht glücklich zueinander und in die Ehe finden. Ich mache in der Literatur etwas, das sich nicht gehört, vor allem aus Deutschland nicht. Lieber lesen wir Deutschen Tolstoi, Duras, Faulkner oder unsere Klassiker. Welchem Werther würde heute nicht der Vorwurf Kitsch entgegen geschleudert werden? Was müssten sich Jonathan Franzen oder Javier Marías, Siri Hustvedt oder Zeruya Shalev in die Annalen schreiben lassen – wären sie deutsche Schriftsteller? Bis Kertesz’ Roman eines Schicksallosen nicht nur gedruckt, sondern auch gelesen und verstanden wurde, vergingen bekanntlich zwanzig Jahre. Warum tun sich besonders die Deutschen mit ihrer emotionalen Wahrnehmung so schwer? Sind Schmerz, Verantwortung und Scham der deutschen Seele so unerträglich? Hat das etwas mit ihrem Misstrauen gegen sich selbst zu tun? Die Erfahrung, dass ihr Größenwahn und ihre Gier, die German Angst, ihr kollektiv schier narzisstischer Aufschwung, den Mord und die Vertreibung von Millionen hervorbrachte? Oder ist es ein und derselbe Vorgang, der Ausschluss des Fremden, die Bedrohung des Narziss? Der Ruf nach der vorbildlichen Erinnerung, ja einer so genannten festzuschreibenden „Erinnerungskultur“ lässt das befürchten.

ZEYRINGER Eine „festzuschreibende Erinnerungskultur“ funktioniert umso besser, wenn sie mit den Sicherheiten eines neuen Spießbürgertums versehen ist, also dem Denken im fixen Reflex. Spießer sitzen mit Bildungsfassaden unbeweglich in Denkmustern fest, die Grenzen ihrer Welt sind die Grenzen ihrer Phrasen, mit denen sie sich als Wahrer einer guten Ordnung ausstellen – und da diese gute Ordnung ja nicht real gegeben ist, können sie dauernd auf diesen, ihren Horizont hindeuteln. Um auf deinen Roman und die Reaktionen darauf zurückzukommen: Siehst du da auch eine Äußerung eines Spießertums?

FRANCK Das Wesen des Spießers ist vermutlich von ständiger Angst vor unüberschaubaren ästhetischen und gesellschaftlichen Verhältnissen und einer ständigen Absicht der Vergewisserung und Einigung über allgemeine Werte geprägt? Wer mit dem Reigen deutscher Kulturkritik vertraut ist, weiß, wie schnell einer Kritik anzumerken ist, ob der Leser mit wahrer Neugier und Interesse ein Buch liest – oder ob sein Urteil schon zuvor feststeht und die Lektüre (meist dann entsprechend oberflächlich und inhaltlich falsch) lediglich der Illustration vorgefasster Urteile dient. Auch tropft aus vielen Kritiken Eitelkeit, manchmal bittere und neidische. Kritiker beziehen sich immer deutlicher aufeinander, schreiben immer häufiger inhaltliche Fehler voneinander ab – richtige Kolportagemaschinen –, wohl weil das Honorar nicht mehr zu einer eigenen vollständigen Lektüre langt, auch die Positionierungen, egal ob opportunistisch oder oppositionell, gehören zum Spiel. Die Absonderung ist wichtiger als die Rezeption. Rezeption zahlt keiner, keiner zahlt für neues Denken, neues Sehen, eigenständiges Urteilen. Abgesehen davon verstehe ich die starken Affekte auf den jüngsten Roman als unmittelbare Reaktion. Einige Leser haben mir gestanden, dass sie die Erfahrungen von Ella und Thomas in den ersten Kapiteln so furchtbar und grausam empfanden, dass sie nicht weiterlesen konnten. Lesen hat also auch etwas mit Empathie, mit Einlassen, nicht nur mit Denken, sondern auch mit Leidens- und Liebesfähigkeit, vielleicht grundsätzlich damit zu tun, ob man sich auf eine fremde Welt einlassen kann und will. Offensichtlich störte der Roman, weil er nicht in die vermeintliche „Erinnerungskultur“ passte, wo er Abwegiges und Abgründiges erzählt. Dass einer das nicht lesen möchte, finde ich nicht verwunderlich, auch nicht schlimm. Ein Roman ist eine Möglichkeit, keine Verpflichtung. Im besten Fall gelingt Kunst, eigensinnig und wahr – wer allgemeine Informationen über historische Realitäten sucht, lese besser Tageszeitungen und Geschichtsbücher. – Ich kann und will auch keinen Roman für jedermann schreiben, das ist ein Kriterium, über das ich bei der Arbeit gar nicht nachdenke. Wobei die Argumente wie auch die Empörung der Kritiker tatsächlich sehr viel vom schmalen Horizont ihrer Erfinder verraten. Es handelt sich eher um eine Enge, in der sie denken, als um einen Horizont. Das ist unerfreulich, weil geistlos. Also was erwarten wir? Literaturkritik ist äußerst schlecht bezahlt, man kann damit weder reich noch berühmt werden, der Wirkungskreis ist zunehmend eingeschränkt.

ZEYRINGER Literatur ist bekanntlich keine „natürlich“ codifizierte Angelegenheit, die Kriterien beruhen auf einem Konsens, wesentliche Kriterien auf einem lang anhaltenden Konsens. Wird der Konsens außer Kraft gesetzt, wenn es jemand gerade opportun erscheint, dann regiert die eigen-mächtige Behauptung. Gegen formelhaftes Denken, gegen Phrasen wehren sich ja deine zwei Hauptfiguren nicht zuletzt sprachlich. Sie versuchen zumindest, Rücken an Rücken, sich mittels Sprachfantasie zu stützen. Ella imaginiert Wortspiele, Thomas schreibt Gedichte. Er macht das gegen „ein Reden in eine Abhängigkeit und Anpassung hinein“, das ihn in der DDR – als eine dortige Art des Spießertums? – stört. „Sungalaruuh, varon te maih“, sagt er, und dann heißt es: „Die Erfindung von Worten schien ihm angemessen, etwas Neues, Eigenes, ein Spiel gegen den Glauben, der Einzelne könne und müsse in unserer Gesellschaft etwas bewegen“. An den Grenzen, auch an jenen sprachlicher Wirklichkeitsvermittlungen scheitert er.

FRANCK Ja, die eigene Sprache, die Thomas und Ella miteinander entwickeln, besteht aus Fantasie und der fantastischen Vorstellung, diese erfundenen Worte besäßen genauere Bedeutung und Wirkung als die ihnen sonst zur Verfügung stehende Sprache. Die deutsche Sprache nach ’45, das sollte man nicht vergessen, war zudem eine Mördersprache, es war die Sprache derjenigen, unter denen Thomas und Ella aufwuchsen, in deren Augen und Absicht es aber Menschen wie Ella und Thomas nicht hätte geben dürfen. Thomas und Ella wachsen ja als uneheliche Mischlingskinder auf, sie sind die Frucht so bezeichneter Rassenschande. Ihre Fantasiesprache schafft einen eigenen und neuen Erfahrungsraum. Es ist eine Geheimsprache und auch die Sprache ihrer Liebe und ihres Bestehens zu zweit – zwischen ihnen gibt es etwas, das sie mit niemandem sonst teilen, nur miteinander. Indem Thomas aber anfängt Gedichte zu schreiben, und schließlich auch Marie trifft, entzieht er sich dieser geschwisterlichen Blase. Am Erwachsenwerden, das Ella erfolgreich verweigert, hegt er wenig Zweifel. Die entschlossene Blindheit ist ihm nicht gegeben, eher ein unbarmherziges Gedächtnis für Worte. In ihm entsteht durch jede von Ellas Erzählungen eine Welt und eine Realität, deren Verletzungen er am eigenen Leibe erfährt. Dagegen ist er machtlos, er kann nicht überhören und übergehen, was ihm erzählt wird. Mit seinen Gedichten sucht er einen Weg der Kommunikation mit der Welt, von der er sich eingeengt und ausgeschlossen fühlt, die ihn in ihrer Kälte und Rohheit ekelt. Darin folgt Ella ihm nicht, sie interessiert sich kaum für seine Gedichte und die Gedichte sind ja von höchst unterschiedlicher Qualität. Hier habe ich etwas gemacht, das mir in Bezug auf mein Thema angemessen erschien. Ich habe diesem heranwachsenden Thomas keine Pubertätsgedichte voller Schmerz, romantischer Vision, Bitterkeit und Pathos erfunden, sondern habe Gedichte meines Onkels Gottlieb Franck verwendet, der nicht ganz zufällig dieselben Lebensdaten wie Thomas hat. In diesen Gedichten mit ihrem Formwillen und dem Scheitern, der Ohnmacht, der quälenden Hilflosigkeit, aber auch dem Ekel und der schmerzlichen Liebeserfahrung, die sie offenbaren, wird die Suche nach einer Alternative, nach einer Befreiung von der Welt deutlich, die ihn erdrückt. Schon meinem Roman Die Mittagsfrau hatte ich das Kafka-Zitat „Nichts Böses; hast Du die Schwelle überschritten, ist alles gut. Eine andere Welt und Du musst nicht reden“ vorangestellt. Die Kafka-Forschung ist nicht ganz einig darüber, ob er sich hier auf den bevorstehenden (kinderlosen) Tod bezieht – oder auf einen Besuch im Bordell. Beide Varianten werfen aber ein Licht auf die Sehnsucht des Sprachmenschen nach Ruhe, in Liebe und Tod. Mit dieser Vision und der Unbeugsamkeit einer Gesellschaft gegenüber, wie auch Kleist sie in seinem Werk bewegt, zeige ich Thomas als einen Romantiker, der zwar nicht Idealist ist wie seine Mutter, erst recht kein Ideologe, aber dem die Sprache nicht als Überlebensinstrument taugt.

 

Julia Franck: Rücken an Rücken. Roman. S . Fischer, Frankfurt am Main 2011. 384 Seiten, € 19,95 (D) / € 20,60 (A).

 

Klaus Zeyringer ist Professor für Germanistik an den Universitäten Angers/Frankreich und Graz. Im Mai erscheint Eine Literaturgeschichte: Österreich seit 1650 (gemeinsam mit Helmut Gollner) im Studien Verlag.

 


<< zurück

    Dienstag, 04. März 2014 

    Cover Volltext 1/2014

    Titelgeschichte: 30. April 1945
    Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann. Von Alexander Kluge

    „Tausend Dank für das Meskalin“
    William S. Burroughs schreibt an Allen Ginsberg

    Das schwierige Wort Vaterland
    Daniela Danz im Gespräch mit Jens-Fietje Dwars über ihren neuen Gedichtband V

    Kleinkapitalistische Todesmaschinerie
    Gisela Trahms über Matthias Nawrats Roman Unternehmer

    Neulich Andreas Maier über Bärte und Klaus Schöffling

    Deutschlandreisen
    Vorabdruck aus einem neuen Buch von Helmut Krausser

    „Auf einmal willst du leben“
    Christoph Schröder über Angelika Klüssendorfs neuen Roman April

    Gebet beim Betrachten des Bildes
    Josef Winkler zu Die Beweinung Christi von Andrea del Sarto

    Außer der Reihe
    Leseerfahrungen mit Andrea Zanzotto und seinen Übersetzern. Von Felix Philipp Ingold

    Der Autor und die Autorität der Sprache
    Marco Baschera antwortet auf zwei Essays von Felix Philipp Ingold

    Die Bewohner von Château Talbot
    Von Arno Geiger

    Die allumfassende Einsicht eines Pubertierenden
    Alban Nikolai Herbst über Jan Kjærstads Roman Ich bin die Walker Brüder

    Strukturelles Trauern
    Ein Dramolett. Von Klaus Siblewski

    Ganz schön wirr
    Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Lyrik-Logbuch
    Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    [R]
    Stephan Groetzners Siegertext beim Literaturwettbewerb Wartholz

    Die Macht alter Schuld
    Hanjo Kesting zur Neuauflage von Nathaniel Hawthornes Roman Das Haus mit den sieben Giebel

    Lyrischer Moment
    Von Silke Scheuermann