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Montag, 17. Oktober 2011

Himmel in Fetzen

 

Wolfgang Hermann Körners rätselhafte Erzählung „Das Weinschiff”. Von Nummer 6

Eine schon vor längerer Zeit zumindest in Gedanken mehrmals vorsichtig eingekreiste und bereits vage geplante Meditation über einen halb verfallenen Heustadel am Eingang des Seitentals, in dem wir wohnen, welcher bei Unwettern den Kühen als Unterstand dient und im Spätsommer in größerer Höhe manchmal von Schwalbenschwärmen umkreist wird, bevor diese sich schließlich auf den Weg in Richtung Afrika machen, wird wieder einmal warten müssen, nachdem ich unlängst auf ein vor fünfundzwanzig Jahren in einem der renommiertesten deutschsprachigen Verlage erschienenes und dennoch weitgehend unbemerkt gebliebenes, aber wahrhaft außergewöhnliches Buch gestoßen bin. Nach wie vor ist dessen erste Auflage nicht verkauft, und der Autor ist erstaunlicherweise selbst unter Literaturinteressierten so gut wie unbekannt geblieben. Ich suchte nach der Lektüre der besagten Erzählung seinen Namen etwa im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und fand dort zwei zufälligerweise nahezu namensgleiche Autoren, nämlich einen 1937 in Breslau geborenen Wolfgang Körner und den bekannteren Vorarlberger Schriftsteller Wolfgang Hermann, Jahrgang 1961, doch nach dem 1941 in Sindelfingen zur Welt gekommenen Wolfgang Hermann Körner, den Autor der Erzählung Das Weinschiff und rund zwanzig weiterer Bücher, suchte ich vergeblich. In einem Hinweis im elektronischen Allerweltssuchmedium fand sich dann zu seiner Person allerdings unter anderem der aufschlussreiche Hinweis, der Autor verweigere sich konsequent dem literarischen Betrieb. Dies dürfte ihm auch ziemlich gut gelungen sein, denn obwohl nach wie vor Bücher von ihm erscheinen, mittlerweile freilich in vergleichsweise ziemlich unbekannten Verlagen, blieb er weitgehend unbeachtet.

Schon der aus sechs kurzen, unvermittelt aufeinander folgenden und manchmal mitten im Satz abbrechenden Abschnitten bestehende Prolog seiner Erzählung Das Weinschiff machte mich gespannt. Ich zitiere daraus: „Jedes Leben sucht Befreiung. Die Blütenblätter wollen die Knospe … das Küken die Eierschale sprengen, der Krüppel will galoppieren wie ein übermütiges Pferd …“ Weiters heißt es: „Revolutionen mißlingen immer ... und genau deswegen. Dem geschundenen Menschen bleibt nur die Idee der individuellen Revolte ...“ Eine Fußnote bezeichnet diesen Prolog übrigens als die Übersetzung eines fragmentarischen, in Kalkstein geritzten Hieroglyphentextes aus dem Sonnenheiligtum von Abu Gurob, er ist aber vermutlich – wie ein Großteil der aus sieben Kapiteln bestehenden Erzählung – nichts anderes als pure Poesie in Prosa.

Ein Johann Flaig genannter und aus dem Ort Weil der Stadt in Baden Württemberg stammender Ingenieur, soviel verrät auch der Klappentext des Buchs, wird von seiner Firma nach Ägypten geschickt, soll dort am Bau einerBrücke über den Nil mitwirken. Krieg bricht aus, der Ingenieur taucht unter, bleibt auch nach dem Auslaufen seines Arbeitsvertrags in Ägypten, zeichnet Fantasien und Erfahrungsberichte sowie allerhand an Wahnvorstellungen Erinnerndes auf, bis er nach Jahren ausgewiesen wird und in sein Heimatland zurückkehrt. Wild durcheinander schießende Assoziationspartikel und konkret anmutende Beschreibungen einer verstörenden Welt gehen ineinander über, faszinieren und verwirren, doch ist methodische Verwirrung bekanntlich wie ein unverzichtbares Gewürz nicht zuletzt ein wesentlicher Bestandteil jeglichen Erzählens.

Fragen, die bei solch einer Erzählweise bald einmal auftauchen, könnten vielleicht lauten: Welche Geräusche macht bitte ein in der Mittagssonneknisterndes Weizenfeld? Und um welch rätselhafte anatomische  Besonderheit, von der zwanzig Seiten später die Rede ist, die den Blick des Erzählers auf sich selbst angeblich verhindert, mag es sich wohl bloß handeln?

Traumhaft und irreal

Ein stellenweise von technischen Details bestimmter Bericht über die Tätigkeit des Ingenieurs hebt an, auch wenn der an verschiedenen Stellen schon bald von traumhaft und irreal wirkenden Passagen unterbrochen wird. Einmal wird festgestellt: „Stundenlang joggte er nackt und lehmbeschmiert haldenauf und haldenab, bis wir ihn schließlich mit einem Fischernetz (das gewöhnlich für unsere Ernährung sorgte) einfingen und seinem Problem mit einer Prise Haschisch zu Leibe rückten.“

Bereits im Kapitel „Gemurmel in den Palästen“ taucht dann des Öfteren eine geheimnisvolle Sibylle auf, an welche sich der Ich-Erzähler offenbar insgeheim wendet, als richte er all die Schilderungen von der zunehmend fantastischer werdenden Baustelle am Nil in Wahrheit allesamt nur an sie. „(Dieser Planet, Sibylle, hat eine seidendünne und geile Atmosphäre, die hauptsächlich aus Kohlendioxyd besteht. Kein Wunder, daß hier die vorbildlichsten Träume gedeihen. …“)

In einem dieser offensichtlichen Tagträume tastet der Ich-Erzähler sich im über Kairo kreisenden Flugzeug, angezogen von den Beinen der Stewardess und „zwischendurch am Genick gepackt und heftig geschüttelt (schlingernd rast die Maschine dicht über Wüstenboden dahin), an den Schenkeln vor“, bis er „den Duft des Allerheiligsten (frisch geschnittene Brunnenkresse mit einem Hauch von Urin) ansaugen darf.“

Es häufen sich mittlerweile auch die Andeutungen, in denen weiter Zweifel über die physiologische Gestalt des Ich-Erzählers gestreut werden, welche eher die Vermutung nahe legen, es handle sich um ein Lebewesen, das im wesentlichen nur aus Gehirn und Sinnesorganen bestehe.

Und fast schon prophetisch – wenn man bedenkt, dass die Erzählung 1987 veröffentlich wurde – heißt es an einer Stelle einmal: „Am Tahrirplatz läuft eine Menschenmenge zusammen. Mir wurde gerade ein Zettel gereicht: Der Mob ist im Aufruhr!“ Doch erneut blitzen mitten in einer realistisch wirkenden Beschreibung einzelne Sätze auf, die einen beim Lesen innehalten lassen: „Da und dort werden die ersten Leichen in Honig gelegt.“ Oder: „Keiner verlange, daß ich mein Grübeln in dieser Bockelhitze mit plätschernder Erzähltechnik verwässere.“ Freilich, neben den ohnehin alles andere als „plätschernden“ erzählenden Passagen gibt es auch kühne, an der Grenze zum Wahnwitz dahintaumelnde Dialoge, die sich bisweilen über mehrere Seiten hinziehen. Es entstehen flüchtige, flirrende Bilder, denen eine immer wieder ins Fantastische und Albtraumhafte driftende Erzählweise entspricht, die oft assoziativ arbeitet, mit wilden Sprüngen und plötzlichen Schwenks, und dazwischen hineinmontiert die erwähnten Bruchstücke von Dialogen, die kein klar zu umreißendes Ziel zu haben scheinen, eher über die geschilderten Szenen hinwegschweben oder sie in einigem Abstand umkreisen. Handelt es sich also um die Wahnvorstellungen eines aus sämtlichen festen Bezügen herausgerissenen Bewusstseins, das zwischen Wissenschaft und Poesie zu vermitteln versucht? „Die Wirklichkeit marschiert in der Gestalt von Hieroglyphen, überzieht sich selbst mit ägyptischem Kostüm.“

Unerwartete Enthüllung

Eine gänzlich unerwartete Wendung bringt schließlich die im Epilog der Erzählung gelieferte Enthüllung, dass besagter Johann Flaig zeit seines Lebens in einem Heim verbracht habe als der ohne Gliedmaßen zur Welt gekommene Sohn einer „alkoholisierten Vagantin“, die bei seiner Geburt gestorben sei. Vom Vater keine Spur. Doch ein Arzt namens Hoffranzen, der in Flaigs fantastischen Botschaften verschiedentlich bereits aufgetaucht ist als kühl und skrupellos und als der letztlich Verantwortliche für das Ägypten-Abenteuer des vermeintlichen Ingenieurs, habe in jahrelanger Zuwendung das Bewusstsein des Heranwachsenden geweckt und seine Entwicklung entscheidend gefördert durch gewaltige Mengen von Lektüre, die der Rumpfmensch gierig verschlang, nachdem er sowohl das Lesen und Schreiben (mittels einer Prothese) als auch das Sprechen erlernt habe. „Ingenieur hätte er sein wollen, würde er zu wählen oder zu wünschen gehabt haben.“ Seine in schwer zu entziffernder Schrift verfassten Aufzeichnungen wurden jedoch letztlich nur zum Beweis für Hoffranzens ernüchternde Theorie, „daß ein Hirn, das sich fast ausschließlich unter dem Einfluß jener Signale entwickeln muß, die von Büchern ausgehen, die Realität niemals begreifen wird.“

Weil sein Vorgänger im Zimmer des Heims eine Landkarte des östlichen Teils von Nordafrika an die Wand geheftet habe, hätten Johann Flaigs Augen stundenlang den Lauf des Nils verfolgt. „Im Herbst beobachtete er durch sein Fenster die Schwalben. Auf den elektrischen Drähten über den Giebeln der Altstadt versammeln sie sich vor dem Flug nach Ägypten. Jahr für Jahr werden es weniger.“

Welch erstaunliches, beeindruckendes Buch.


Wolfgang Hermann Körner: Das Weinschiff. Erzählung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. 200 Seiten, € 12,80 (D) / € 13,20 (A).

 


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