volltext.net

Donnerstag, 02. Dezember 2010

Literatur, die jeder lesen kann

 

Mit "1Q84" hat Haruki Murakami den ersten Service-Roman des Jahrhunderts geschrieben. Von Thomas Lang

Eines Tages tragen drei Männchen einen Fernseher in die Wohnung eines jungen Ehepaars. Sie schließen ihn an und schalten ihn ein. Zunächst zeigt er nichts als Rauschen. Ein weißes Licht, kein Programm. Die Männchen zappen sich durch die Kanäle, irgendwann gehen sie wieder. Den Fernseher lassen sie da. Der Mann hat alles beobachtet. Er fürchtet die Reaktion seiner Frau, die Wert darauf legt, dass in der Wohnung alles an Ort und Stelle bleibt. Doch als sie heimkommt, bemerkt sie den Fernseher nicht einmal. Ein ähnliches Erlebnis hat der Mann am nächsten Tag bei der Arbeit. Dort tauchen die TV-People, wie sie sich nennen, in einer Konferenz auf, im Gepäck den obligatorischen Sony-Fernseher. Wieder ignorieren alle außer dem Protagonisten die Erscheinung vollständig.

„TV-People“ ist eine Kurzgeschichte Haruki Murakamis aus den Neunzigerjahren, enthalten in dem Band Als ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah. In dieser kleinen Geschichte eines Realitätsverlustes ist ein Hauch von Kafka spürbar. Sie bildet in nuce ein Negativ des großen Entwurfs, den der japanische Autor nun mit dem 1000-seitigen Roman 1Q84 vorgelegt hat. Auffällig an den TV-People ist eigentlich nur ihre Unauffälligkeit – und dass sie fast ein Drittel kleiner sind als Menschen. Das verbindet sie mit den in der Größe variablen, maximal ein Drittel menschengroßen Little People des neuen Romans.

1Q84 lässt die Grenzen unserer Realität viel unmerklicher und langsamer hinter sich als die Kurzgeschichte „TV-People“. Und führt uns viel weiter darüber hinaus. Wie weit, lässt sich noch nicht sagen. Publiziert sind erst zwei des auf drei Teile angelegten Romans. Murakami erzählt darin abwechselnd zwei sich verzahnende Geschichten. Die erste handelt von der Fitness-

Trainerin Aomame, die zweite von dem Schriftsteller Tengo. Beide sind etwa dreißig Jahre alt.

Hin und wieder ein Mord

Aomame ist bekannt für ihr extremes, aber erfolgreiches Stretching-Programm. Neben ihrer Arbeit in einem Fitness-Studio wird sie deshalb immer wieder von Privatpersonen als Personal Trainerin beziehungsweise Physiotherapeutin engagiert. Sie hat noch einen zweiten Nebenberuf. Im Auftrag einer „alten Dame“ und erfolgreichen Börsenmaklerin, die eine Art Frauenhaus leitet, mordet sie hin und wieder. Moralisch fühlt sie sich dazu berechtigt, da ihre Opfer schlechte Menschen sind, Männer, die ihre Frauen schwer misshandeln oder Kinder schänden. Gleich zu Beginn begleiten wir Aomame auf dem Weg zu einem solchen Auftragsmord. Wir werden Zeuge ihrer Tat und erfahren von ihrer perfekten Mordtechnik, die den gewaltsamen als natürlichen Tod verschleiert. Bevor Aomame den ersten im Buch geschilderten Mord ausführt, passiert ihr etwas Merkwürdiges. Sie bleibt mit dem Taxi, das sie an den Tatort bringen soll, im Stau stecken. Der Fahrer rät ihr, stattdessen den Zug zu nehmen. Er kennt eine Art Nottreppe, über welche die junge Frau die Autobahn verlassen kann. Das tut sie auch. Gleichzeitig hat sie so ein Gefühl, als würde sie umgestülpt und innerlich aufgezogen. Sie wird nur allmählich darauf kommen, dass sie auf dieser Treppe nicht allein die verstopfte Tokioter Stadtautobahn, sondern auch das zeitgeschichtliche Jahr 1984 verlassen hat. Sie kommt in eine Welt, die der uns allen bekannten sehr ähnelt. Die Polizisten tragen hier jedoch schwerere Waffen, eine geheimnisvolle Sekte treibt ihr (Un-)wesen und am Himmel stehen zwei Monde. Eine fünf- bis siebenköpfige Gruppe von Gnomen wirkt auf diese Welt einen unheimlichen, womöglich unheilvollen Einfluss aus. Es sind die Little People.

Die zweite Geschichte handelt von Tengo. Er hat Mathematik studiert und verdient seinen Lebensunterhalt als eine Art Nachhilfelehrer für Oberschüler. Der Job nimmt lediglich einen Teil seiner Zeit in Anspruch. Daneben verfasst Tengo literarische Texte, das Schreiben sieht er als seine Berufung. Allerdings fehlt ihm eine Veröffentlichung, die ihn als Autor legitimieren würde. Komatsu, ein befreundeter Redakteur, macht Tengo ein unmoralisches Angebot: Er soll das Manuskript einer 17-jährigen Newcomerin stark bearbeiten. Es handelt sich um eine tolle Geschichte, aber ihr fehlt der Stil. Trotz einiger Skrupel lässt Tengo sich auf die Bearbeitung ein; er scheint gar keine andere Wahl zu haben. Bald lernt er die eigentliche Autorin kennen: Eriko Fukada, kurz Fukaeri, hat gegen eine Überarbeitung ihres Romans überhaupt nichts einzuwenden, sie vertraut Tengo sogar an, dass sie das Manuskript nicht selbst geschrieben, sondern ihrer Freundin die Geschichte bloß erzählt hat. Fukaeri hat eine Schreib- und Leseschwäche. Das Rewriting gelingt Tengo sehr gut, der Roman gewinnt in der neuen Form einen wichtigen Debütpreis und wird ein Bestseller. Tengo begreift nach und nach, dass er sich auf viel mehr eingelassen hat als die moralisch zweifelhafte heimliche Überarbeitung eines Manuskripts. Dieser Roman, „Die Puppe aus Luft“, handelt von den Little People und von einem Himmel, an dem zwei Monde stehen. Fukaeri gehörte als Kind zu der geheimnisvollen Sekte, deren Führer womöglich ein brutaler Vergewaltiger ist.

Sorgfältig wird Faden um Faden verknüpft, bis rauskommt, dass auch Tengo und Aomame eine gemeinsame Geschichte haben. Als Kinder sind sie ein paar Jahre zusammen zur Schule gegangen. Aomame war eine Außenseiterin, ihre Eltern Zeugen Jehovas. Auch Tengo war in der Schulzeit ein Einzelgänger, mathematisch sehr begabt und groß gewachsen, aber mit einem sozial unterprivilegierten Vater, der ihn sonntags zwang, mit auf Tour zu gehen, um Fernsehgebühren einzutreiben. Als die beiden zehn Jahre alt sind, wird Aomame einmal von Mitschülern gehänselt. Tengo hilft ihr. Später drückt Aomame ihm im Klassenzimmer die Hand. Bald verlieren sie sich aus den Augen. Doch bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr wird die Erinnerung an den Händedruck sie beide begleiten: Diese Geste hat die Liebe gestiftet und die hält sie fortan besetzt. Weder Tengo noch Aomame haben jemals richtige Liebesbeziehungen. Sie sind die Königskinder der Geschichte, füreinander bestimmt, aber unerreichbar. Das Motiv der fortdauernden Jugendliebe, wie Murakami es schon häufiger durchspielte, kehrt hier im epischen Ausmaß wieder.

Selbstheilungen und Zeitreisen

Explizit bezieht Murakami sich auf die japanischen Nationalepen Die Geschichte der Heike über einen mittelalterlichen Samurai-Klan und Kojiki, das die Entstehung von Himmel und Erde erzählt. Gleichzeitig lässt 1Q84 uns aber an einen Comic denken oder an die amerikanische TV-Serie Heroes, in der das Rad der Evolution weitergedreht wird und Menschen mit wundersamen Eigenschaften wie Selbstheilung oder der Fähigkeit zum Zeitreisen mitten in einer sonst realistischen Szenerie erscheinen. Murakamis Roman reiht sich eindeutig in die Tradition der Heldengeschichten. Und am Ende soll es um nicht weniger gehen als die Rettung der Welt.

Stilistisch ist seine Prosa weit runtergekocht, sie stellt keine hohen Ansprüche an die Lesekompetenz. Man könnte sagen, Murakami hat den ersten Service-Roman unseres Jahrhunderts geschrieben. Über die gesamte Länge des Textes lässt er die Geschichten Aomames und Tengos nicht nur konsequent abwechseln, er überschreibt auch jedes Kapitel noch mal mit dem entsprechenden Namen, um die Orientierung zu erleichtern. Ebenfalls im Stil der großen amerikanischen Fernsehserien gibt er häufig Zusammenfassungen des bereits Geschehenen und deutet Kommendes an, ohne den Leser je in die Irre zu führen. Auch über die Gefühlslagen seiner Figuren lässt er uns kaum jemals rätseln. Die Charakterzüge der Figuren werden stark pointiert, trotzdem gewinnen sie nach und nach an Tiefe. Man benötigt ein minimales Maß an Aufmerksamkeit, um dieses Buch zu lesen. Jedes einzelne Kapitel erzählt eine kleine Geschichte mit Einführung, Klimax und einem Spannungsakzent, der die Leser auf das Kommende vorbereitet. Sehr selten gibt es Überraschungen, fast jede Entwicklung wird im Voraus angedeutet.

Bewundernswert ist, dass uns dieser lange Text dennoch lesenswert erscheint. Die „Armseligkeit einer Überraschung“ beklagte ja schon Lessing, der unter der Qualität der Dramenproduktion seiner Zeit litt. Er würde an Murakami seine Freude haben. Der ästhetische Genuss beim Lesen dieses Romans stellt sich gewissermaßen unterschwellig ein. Es gibt ein wunderbares Feintuning der für sich oft bekannten und schnell erfassbaren Handlungsbausteine. Das Timing macht’s. So zum Beispiel zu Beginn des Romans, wenn Aomame die Treppe heruntersteigt (in einem Kostüm, mit High Heels) und in ihr gleichzeitig die Erinnerung an eine erotische Episode mit der Schulfreundin Tamaki (diese mit seidigem Schamhaar, Aomame mit struppigem, Tamaki mit üppigen Brüsten, Aomame mit kleinen ...). Lauter erwartbare Einzelheiten, wo wir auf die Erwartung von Neuartigem getrimmt sind. Erinnerung und Abstieg über die Treppe sind aber wunderbar verwoben und halten einen beim Lesen. Die Redundanz in den Schilderungen dient auch dazu, uns die wunderbare Welt von 1Q84 glaubhaft zu machen. Wiederholung lähmt den Widerstand gegen das Unwahrscheinliche.

Die absolute Disziplin im Handlungsaufbau, das Funktionale der Kapitelstruktur bringt auch Nachteile. Nie sind wir derart mit den Figuren und dem Geschehen identifiziert wie bei Stendhal oder Tolstoj, niemals so fasziniert wie vom grauenhaften Patrick Bateman aus American Psycho. Manches geht gar zu reibungslos. Wenn Aomame sich mit einer Freundin auf Männerfang in eine Bar begibt, taucht umgehend ein Männerpaar auf, das genau ihren jeweiligen Vorstellungen entspricht und schwups verbringen sie zu viert die Nacht. Auch wenn es nicht Murakamis Anliegen ist, sich mit Widerständen in der Konstruktion seiner Plots zu befassen, ermüdet diese Art von Vorhersehbarkeit auf Dauer. Darüber hinaus erscheint der Mensch so als Spielball eines gar nicht blinden Schicksals. Irgendjemand hält die Fäden in der Hand und sorgt dafür, dass alle Begegnungen zur rechten Zeit stattfinden. Ist so das Leben?

Vertrag mit den Lesern

Möglicherweise funktioniert die Welt von 1Q84<e/m> anders. Der zweite Mond am Himmel, den Aomame und irgendwann auch Tengo sieht, ist das deutlichste Zeichen dafür, dass wir es in dem Buch nicht mit unserer Alltagsrealität zu tun haben. Wir lernen mehr und mehr Merkwürdigkeiten zu akzeptieren. Mit dem zweiten müssten wir schließlich auch einen dritten und vierten Mond akzeptieren. Ohne Zweifel versucht Murakami aber, uns mit seinem Buch etwas über die Welt zu sagen, in der wir alle leben und die manche Autoren bis zur Peinlichkeit genau abzubilden versuchen. Was ist eigentlich mit den vielen Büchern, die uns vormachen, Geschichten aus dem „richtigen“ Leben zu erzählen? Die ihren Realismus auf historische Fakten oder zeitgeschichtliche Ereignisse gründen? Sie sind dennoch Fiktionen. Am Beginn der Moderne hat die Literatur einen Vertrag mit den Lesern geschlossen. Sie hat das Sagenhafte hinter sich gelassen und sich darauf beschränkt, Wahrscheinliches zu erzählen. So könnte es gewesen sein, sagte sie unentwegt. Die Fantastik von Hoffmann über Shelley bis zu, hmh, Kafka bekam ein Extra-Zimmer. Aber das Wahrscheinlichkeitserzählen bricht heute unter der Last der recherchierbaren Fakten beinah zusammen. Der englische Autor Geoff Dyer hat kürzlich in seinem Essay „The human heart of the matter“ für den Guardian herausgestellt, dass die Reportage – etwa über die Kriege im Irak und in Afghanistan – die Qualität der literarischen Erzählung mit der Authentizität verbindet und den Roman als Reaktion auf aktuelle Weltereignisse obsolet erscheinen lässt („Reportage ... has left the novel looking superfluous“).

Murakami greift zurück auf das Jahr 1984, ohne dass zeitgeschichtliche Korrektheit ihn sehr bekümmern würde. Er beginnt ein komplexes Spiel mit der Wahrscheinlichkeit. Einerseits setzt er sie, zunächst besonders in der Aomame-Geschichte konsequenterweise außer Kraft. Gleichzeitig deutet er an, dass beide Geschichten nicht nur durch die Liebe der beiden Hauptfiguren zueinander, sondern auch auf der Metaebene miteinander verbunden sind. So wie Fukaeri behauptet, dass Tengo ihren Roman deshalb perfekt überarbeiten kann, weil sie beide eins wären, so gibt der Erzähler des Ganzen immer wieder Hinweise darauf, dass Tengo die Aomame-Geschichte selbst schreiben könnte. Angeregt von der „Puppe aus Luft“ arbeitet Tengo nämlich an einem eigenen Text, in dem ebenfalls zwei Monde vorkommen und über den wir im Übrigen erst mal wenig erfahren. Dem Leibwächter der alten Dame gegenüber äußert Aomame einmal: „Hier geht es nicht um eine erfundene Geschichte. Sondern um die Realität.“ Tamaru erwidert: „Wer weiß.“ Darin geht die Konstruktion des Textes aber nicht auf. Tengo und Aomame können sich erst einmal nicht begegnen. Wie sie sich wirklich zueinander verhalten, wird erst der dritte Teil zeigen. Jedenfalls bewegen sie sich zusehends auf derselben Fiktionsebene und Tengo ist da längst nicht mehr Autor, sondern Teil des Geschehens. Aomame geht schließlich anscheinend in Tengo auf. Gegen Schluss hat sie das Gefühl, in ihrem Geliebten zu sein – ab diesem Punkt ist sie bereit zu sterben. Die Verschiebungen, die Murakami uns gewissermaßen on the job vorführt, sind diejenigen, die fiktionale Literatur immer vornimmt. Wiederum gewinnt der Roman in der Konstruktion seine größte Tiefe.

Dazu passt auch, dass im Lauf der Geschichte mehrfach betont wird, es gebe keine Parallelität der Welten 1984 und 1Q84. „Es gibt nur eine Realität“, sagt schon der rätselhafte Taxifahrer im ersten Kapitel und auch der Leader behauptet Aomame gegenüber: „Für dich und mich gibt es keine andere Zeit als das Jahr 1Q84.“ Tengo fühlt sich irgendwann genauso „verdreht“ wie zu Beginn Aomame. Und diese scheitert, als sie schließlich die einleuchtende Idee hat, die Welt der zwei Monde auf demselben Weg zu verlassen, auf dem sie hineingekommen ist. Die Auflösung dieses Spiels müssen wir einstweilen abwarten. Womöglich wird es keine einfache Antwort geben. Als Tengo an seinem eigenen Text arbeitet, hat er einmal folgenden Gedanken: „Die Zeit besaß die Kraft, künstlich herbeigeführte Veränderungen vollständig aufzuheben ... Was er tun musste, war, an der Wegkreuzung der Gegenwart stehenzubleiben, von dort aus die Vergangenheit genau in Augenschein zu nehmen und dann entsprechend seiner veränderten Vergangenheit seine Zukunft zu gestalten.“

Im Unterschied zu der eingangs erwähnten Erzählung unternimmt der japanische Autor es mit diesem Buch, das Ineinander der Zeiten und Räume als einen Weltzustand zu begreifen. in den „TV-People“ ist es noch der Einzelne, der sich fragen muss, ob er richtig tickt. Denn niemand außer ihm bemerkt die Veränderung. In 1Q84 wird diese Frage auch aufgeworfen. Für Aomame ist es schnell klar: „Nicht ich bin verrückt, die Welt ist es.“

Wirbelsturm visueller Medien

Mit 1Q84 und Mark Z. Danielewskis Das Haus liegen die ersten beiden großen Romane des neuen Jahrtausends vor, jedenfalls die ersten, die schon durchgedrungen sind. Sie weisen in unterschiedliche Richtungen. Beide verbindet, dass sie vom Wirbelsturm der visuellen Medien, der das 20. Jahrhundert geschüttelt hat, wieder ausgespuckt wurden und uns Literatur nun nicht als verklemmte Abwehrreaktion auf die Übermacht der populär gewordenen Bildmedien präsentieren, sondern als eine quicklebendige, hinreißende Spielart des menschlichen Ausdrucksbedürfnisses. „TV has won“, hat Philip Roth in einem Interview einmal gesagt. Von dieser Resignation ist weder bei Danielewski noch bei Murakami irgendwas zu spüren. Der Amerikaner nutzt unter anderem die Typografie, um ein genuines Textkunstwerk zu schaffen. Im satten Plot und Thrill äußert sich die Anpassung der Literatur an ein Publikum, welches Fernsehen und Film an ebendiese Merkmale gewöhnt hat. Der ausgedehnte Anmerkungsapparat in Das Haus weist auf die postmodernistische Literatur des 20. Jahrhunderts zurück, zeichnet sich aber durch eine wohltuende Überflüssigkeit aus.

Auch Murakami setzt Comic- und Fernseh-ästhetik ein, um seine Leser zu gewinnen. Nur dass er jeden akademisch geschraubten Anspruch abgelegt hat. Er macht Literatur, die eigentlich jeder lesen kann. Klarheit und Orientierung sind oberstes Gebot, die Aufmerksamkeit des Lesers wird so wenig wie möglich gefordert, ohne dass Abstriche bei der Komplexität des Ganzen gemacht würden. Es ist schwer und auch wenig sinnvoll zu sagen, wohin die Reise der Literatur im 21. Jahrhundert führen wird. Von den elitären Spielplätzen eines Joyce oder Pynchon, den verrätselten Fiktionen eines David Lynch scheint sie jedenfalls wegzugehen. In jedem Fall ist sie lebendig und frisch, lesenswert und breitentauglich. 1000 Seiten bleiben eine Aufgabe, selbst bei so viel Leser-Service. Doch es ist auch eine wunderbare Möglichkeit. Die lange Verweildauer in einer Geschichte, in einer fiktiven Welt, macht das Lesen nach wie vor einzigartig. Im besten Fall führt Literatur uns völlig von uns weg, um uns am Ende des Tages spüren zu lassen, dass wir bei uns selbst angekommen sind.

In der Erzählung „Schlaf“ von 1990 liest die Heldin mehrfach hintereinander Tolstojs Anna Karenina. Beim ersten Mal wundert sie sich: Die Hauptfigur taucht erst auf Seite 116 auf, und vorher wird uns ewig der langweilige Oblonskij beschrieben – warum haben die Leute das gelesen? Murakami hat sich offenbar entschlossen, nicht zu langweilen. Einen anderen Zug, den die Heldin von „Schlaf“ kritisiert, hat er dagegen offenbar übernommen: „Tolstoj schrieb mit einer bewundernswerten Präzision. Doch genau dadurch war seinen Beschreibungen eine Erlösung verwehrt.“ Die Präzision und niemals aufweichende Disziplin bereiten, wie gesagt, auch bei 1Q84 Probleme. Die Erinnerung an den Roman – weniger an seine Handlung, aber an das Erlebnis, ihn zu lesen – wird recht schnell wieder blasser. In der Strukturierung, der innewohnenden Spannkraft seiner Prosa wirkt der große alte Realist meistens organischer, biegsamer, stärker. Und er hat ein Moment in seinem Erzählen, das ihn selbst überschreitet. Die Kreutzersonate etwa spricht ganz anders zu uns als ihr Autor es möchte. Dasselbe bemerkt die Schlaflose an Anna Karenina: „Ich verstand genau, was der Schriftsteller Tolstoj sagen wollte, ... wie seine Botschaft sich organisch als Roman kristallisiert hatte und was in diesem Roman am Schluss den Schriftsteller selbst übertroffen hatte.“

Genau dies, der Moment der Transzendenz, muss bei Murakamis großem Roman noch sichtbar werden.

Haruki Murakami: 1Q84. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont, Köln 2010. 1024 Seiten, € 32 (D) / € 32,90 (A).

Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, lebt als Schriftsteller in München. Zuletzt erschienen die Romane Unter Paaren (C. H. Beck, 2007) und Bodenlos oder Ein gelbes Mädchen läuft rückwärts (C. H. Beck, 2010).

 


<< zurück

    Donnerstag, 16. Oktober 2014 

    VT_3_14_Cover

    AUSGABE 3/2014

    „Das Vergessen ist eine Illusion“
    Nino Haratischwili im Gespräch mit Insa Wilke über ihren Jahrhundert-Roman Das achte Leben (Für Brilka).

    Alles voll kalter Gefühle   
    Herta Müller im Gespräch mit Angelika Klammer über die Verhörmethoden der Securitate

    Jeder hinkt für sich allein
    Robert Seethalers fatalistischer schmaler Roman Ein ganzes Leben. Von Christoph Schröder

    Paroli geboten   
    Klaus Zeyringer im Gespräch mit Ludwig Laher über dessen Roman Bitter 

    Keine Schreibmaschine, keine Signierstunde
    Gisela Trahms im Gespräch mit dem Julien Gracq-Übersetzer Dieter Hornig

    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Staub über Hamburg
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Erkundungen im Möglichkeitsraum
    Ernst-Wilhelm Händlers Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument. Von Andreas Puff-Trojan

    Neulich
    Von Andreas Maier

    Noten  
    Eine Erzählung von Thomas Ballhausen

    Die Bewohner von Château Talbot   
    Von Arno Geiger

    Maschinelle Zukunftsprognose   
    Alban Nikolai Herbst über das Haus der Halluzinationen von Lars Popp

    Writer at Large   
    In den Rettungsbooten. Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Wälzer-König von Amsterdam
    Detlev van Heest über J. J. Voskuils monumentalen Roman Das Büro

    Laienherrschaft – in Klagenfurt und anderswo   
    Zum aktuellen Status von Literatur und Literaturkritik. Von Felix Philipp Ingold

    Der Nachhall von 9/11   
    Mit Der Distelfink ist Donna Tartt ein facettenreicher Roman gelungen. Von Clarissa Stadler

    Schreiben 2020
    Mit Texten von: Marion Poschmann, Thomas Melle, Ulrike Draesner, Thomas Hettche, Marcel Beyer, Teresa Präauer, Philipp Schönthaler, Benjamin Stein, Matthias Nawrat, Daniela Seel, Gunther Geltinger