volltext.net

Montag, 18. Juni 2007

Die Farben des Windrads

 

Wendelin Schmidt-Dengler über den Erzähler Arno Geiger

Vier Bücher sind es vor allem, auf denen der gute Ruf Arno Geigers ruht – eine Schriftstellerkarriere in eindeutig aufsteigender Linie: Kleine Schule des Karusselfahrens (1997), Irrlichterloh (1999), Schöne Freunde (2002) und Es geht uns gut (2005), vier Romane, die alle, wenngleich nicht durch die Themen, so doch durch ihre Figuren und die angewendeten Verfahren viele Parallelen aufweisen. Die Kritiken waren dem ersten Roman Kleine Schule des Karusselfahrens noch nicht allzu gewogen: Philipp Worovsky hieß der Held des Romans, im Jahre des Heils 1989 gerade einundzwanzig; ein Spiel mit Daten und Buchstaben, ein Blick zurück über zwei Jahrhunderte ins Jahr 1789 zur Französischen Revolution, ein Mädchen- und Frauenkarusell mit Lila, Lana, Lolly, Lu und Lore; Personen und Episoden sind unverbunden, und so wirkt das Meiste etwas unverbindlich. Nicht auf eine Story kommt es an, sondern auf die Wiederkehr des Gleichen, wie sie ja schon der Titel nahe legt. Mithilfe von Redewendungen, Assoziationen und Wortbrücken wird Entferntes miteinander verbunden werden. Von Waterloo kommt man zum Sieger Wellington und von dort zur gleichnamigen Hauptstadt Neuseelands. Man ließ sich bei der Lektüre gerne treiben, denn Geiger verstand es schon in diesem Buche, seine erzählerische Phantasie mit einer gehörigen Suggestionskraft auszustatten, die an die besten Nachtstücke der deutschen Romantik erinnert. Auch Napoleon tritt auf, diesmal als weibliches Wesen, in „absatzlosen Schnürstiefeln“ und in „giftgrünen Nylons, die zum Knie hochsteigen“, „ein Glückskind, eine schnürgestiefelte Katze“. Man findet sich im Warenhaus, es ist wieder einmal die Ware Liebe: gleich ist man auf der Dachterrasse eines achtzehnstöckigen Hochhauses, und dort wird flugs das Unbeschreibliche Ereignis. Dass Geiger vor höchst gewagten Metaphern und üppig wuchernden Satzgebilden nicht zurückschreckte, dass er mit einer Fülle von Zitaten den Leser überschwemmte, so dass man mit nicht geringer Sorge nach dem Ausschau hielt, was des Autors Eigenstes sein könnte, hat die Kritik bei aller Bewunderung des Kunstverstandes und der in der Manier Jean Pauls immer wieder witzig demonstrierten und zugleich ironisierten Gelehrsamkeit verstört. Manches Pointierte kehrte sich gegen den Text selbst: „Das Gespenst der Fadesse krault dir sozusagen den Nacken, dass du außerstande bis, noch eine Minute ruhig zu sitzen.“
Doch dass es sich hier um einen Autor von Rang handelte, war so ziemlich allen klar, die sich mit dem Buch auseinander setzten, und das wurde durch den nächsten Roman Irrlichterloh denn auch vollauf bestätigt. Dem Buch wurde schnell die Signatur des Roadmovies verpasst, nicht ganz zu unrecht, doch wird damit nur dessen inhaltliche Struktur getroffen: Die Anarchie ist radikaler und hintergründiger als die Textbücher für solche Filme zulassen: „Der Mensch muss verwirrt sein oder ist es, und gerade dann, wenn er eine Ordnung zu erkennen meint, eine Logik, einen Zweck – die gerade gezogenen Fallstricke des Himmels.“ Das scheint mir eine Devise für die frühen Texte Geigers zu sein, worin dem Leser immer just dann der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn er trittsicher dahinzuschreiten wähnt. Die Beziehungskiste, in der so viele das Material für ihr ganzes Autorenleben verpackt wähnen, hat Geiger in diesem Buch auch geöffnet, aber, ehe ihr beklemmende Dünste entsteigen können, hat er sie wieder zugemacht. Jonas Kreuzer heißt diesmal der Held, und seine Gefährtin Ann-Kathrin ist ihm mit seinem Chef Caspar Zelzer durchgegangen; ein Postfräulein namens Noemi taucht auf und schließt sich Jonas an, und mit ihr ist er hinter dem neuen Paar her; vor allem geht es um das Bild des ‚Rauchenden Mädchens‘ – ob dieses das Werk eines alten Meisters oder ein Fälschung ist, bleibt unklar. Hier bekommt man zwar eine Story geliefert, aber so recht froh wird man ihrer doch nicht; auf die Zeichnung der Figuren kommt es fürwahr nicht an, selbst wenn man in Jonas den Antihelden schlechthin erkennen mag, der zwischen unbedachter Aktivität und komischer Handlungshemmung schwankt: „Im Zweifellsfall ist es besser, nichts zu tun als etwas Falsches. Verdammter Augenblick mit seinen Möglichkeiten.“ Die Unverbindlichkeit, die in der Kleinen Schule des Karusselfahrens noch verstören möchte, wird hier zum sympathischen Lebenselixier des Buches. Mag sein, dass die Figuren kaum lebendig werden, mag sein, dass der Drang, originell zu wirken, mitunter zu unverhüllt zutage tritt – im Vergleich zum vorigen Buch hat hier einer doch den Ausweg aus dem Labyrinth der Befangenheit in der eigenen Virtuosität gefunden und den einzelnen Episoden ein Eigenleben gestattet, durch das hindurch doch immer der komplexe Zusammenhang des Ganzen erkennbar wird.
Schöne Freunde sorgt bei der Interpretation für noch größere Schwierigkeiten; es gibt keine nacherzählbare Story, aber es gibt doch eine Reihe von Gewissheiten: Eine Erzählstimme ist vorhanden, ein Ich, ein Knabe in einem Dorf, das vom Bergbau lebt. Es gab ein schreckliches Grubenunglück, die Menschen haben das Dorf verlassen – ein Aufbruch ins Ungewisse. Das sind die Umrisse der Handlung, mit denen man versorgt wird. Dem Direktor kann die Katastrophe angelastet werden, aber doch lässt sich keine kohärente Geschichte von Schuld und Sühne ableiten. Die Fülle der Ereignisse widersetzt sich jedem Versuch, die Handlungsfolgen dem Gedächtnis einzuspeichern, und doch ist jede Episode scharf konturiert. Vor allem die sieben Abschnitte im letzten Kapitel entfalten eine beklemmende Wirkung, kleine Novellen, die für sich stehen könnten und die meisterhaft und mit überraschenden Pointen von fatalen Situationen berichten. Die einzelnen Szenen gehorchen nicht der Scheinlogik einer erzählerischen Anordnung, wodurch sie jedoch ihre Autonomie, ihre Leuchtkraft erhalten.
Diese Trias der drei frühen Romane legt den Verdacht nahe, der Autor wolle sich auf das von Broch dereinst spöttisch abgetane „G’schichtelerzählen“ nicht einlassen und sich der feingliedrigen Analyse von Zuständen widmen, von denen durch Inhaltsangaben so gut wie keine Vorstellung zu vermitteln ist. Dass sich Geiger auch auf das versteht, was landläufig als handfeste realistische Prosa bezeichnet wird, hat er mit der kurzen Erzählung Koffer mit Inhalt (Literatur und Kritik 1997, H. 315/16) souverän unter Beweis gestellt. An die dort praktizierten Verfahren knüpfte Geiger mit dem Buch an, das ihm bislang den größten Erfolg auf dem Buchmarkt und den „Deutschen Buchpreis“ im Jahre 2005 brachte: Es geht uns gut erzählt die Geschichte einer Familie, und doch greift man zu kurz, wenn man daraus die österreichische Variante zu den Buddenbrooks machen möchte. Der Handlungszeitraum umfasst die Jahre von 1938 bis 2001; begonnen wird mit der Gegenwart, und Philipp Erlach, ein naher Verwandter des Jonas aus Irrlichterloh, muss nach dem Tod seiner Großmutter Alma das Gerümpel aus dem ererbten Haus entfernen: „Er hat nie darüber nachgedacht, was es heißt, dass die Toten uns überdauern.“ Die Vergangenheit ist präsent, und Philipp und mit ihm wohl auch der Leser lernen, was es mit dieser Präsenz des Vergangenen in der Gegenwart auf sich hat. Das Verfahren beweist gestalterisches Feingefühl. Es sind acht Rückblenden, die jeweils einen Tag aus dem Leben der Familie Erlach darstellen, von 1938 bis 2001. Die gezielte Selektion soll den Blick auf die Vorgänge schärfen. Die Figur, die in allen Rückblenden mehr oder weniger präsent ist, ist Alma Sterk, und mit Bezug auf sie wird auch dieses Erzählverfahren metaphorisch erläutert und begründet: „In der Schule hat Alma gelernt, dass sich die Farben eines rasch rotierenden Windrads im menschlichen Auge vermischen, blau und gelb zu grün. Wenn jedoch bei völliger Dunkelheit ein Blitz das rotierende Windrad für eine Hundertstelsekunde erhellt, wird das Windrad in Ruheposition gesehen, die Farben klar voneinander abgegrenzt. Aus demselben Grund scheinen die heim eilenden Vögel in der Luft erstarrt zu sein, wenn der Blitz sie erleuchtet. Ganz ähnlich frieren die Dinge in der Erinnerung ein; als würde die Erinnerung das Farbengemisch der Vergangenheit in seine Bestandteile zerlegen und einzelne Farben herauslösen.“ So versinkt nichts im tiefen Brunnen der Vergangenheit, aus dem die Ereignisse mühsam hervorgeholt werden müssten; die Schicksale der einzelnen Gestalten erhalten deutlich gezeichnete Umrisse, wir berühren unaufdringlich die Daten der großen Geschichte– Anschluss, Kriegsende 1945, Unabhängigkeit 1955, die Wende 1989 – und erfahren noch mehr über den Alltag, ohne dass der Autor mit seinen aus intensiven Studien gewonnenen Kenntnissen posiert. Richard Sterk, der Großvater Philipps und Mann Almas, brachte es sogar für kurze zum Minister, eine Figur, die große Einfühlungsgabe erforderte. Aber Geiger zerrt seine Gestalten nie vor das Tribunal derer, die stets politisch einwandfrei gewesen sein wollen. Er nähert sich vielmehr seinen Gestalten mit einer feinen Einfühlungsgabe, so auch dem Minister: „Ich habe mich bemüht, die Sache meiner Figuren immer als kritischer Sympathisant zu sehen. Am meisten Berührungsangst hatte ich bei den Richard-Kapiteln, weil mir Richard als Person nicht sonderlich nahe steht. Aber auch für ihn habe ich mit der Zeit ein Gespür bekommen. Überhaupt muss ich sagen, dass mir alle am Ende sympathischer waren als am Anfang.“ Doch schreckt er vor jeder bedenklichen Identifikation mit  den Figuren zurück. Hier bekommt man bei der Lektüre, was man in den frühen Romanen vermisste, man hat Geschichten und man hat die Geschichte, man lernt Figuren kennen, die zwar Kunstfiguren sind, aber nie künstlich wirken, man freut sich des Witzes und der Ironie, man kann seinen Scharfsinn üben, indem man die Lücken, die zwischen den einzelnen Rückblenden liegen, zu rekonstruieren versucht. Ein Buch, das seine Form nicht an die Inhalte und das seine Inhalte nicht an die Form verrät, sondern die Trennung der beiden unmöglich macht.

Arno Geiger: Kleine Schule des Karussellfahrens. Roman. Dtv, München 2006. 256 S., € 9 (D) / € 9,30 (A) / sFr 16.

Arno Geiger: Irrlichterloh. Roman. Dtv, München 2002. 208 S., € 9,90 (D) / € 10,20 (A) / sFr 17,40.

Arno Geiger: Schöne Freunde. Roman. Dtv, München 2006. 176 S., € 8 (D) / € 8,30 (A) / sFr 14.

Arno Geiger: Es geht uns gut. Roman. Dtv, München 2007. 400 S., € 9,50 (D) / € 9,80 (A) / sFr 16,80.

Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien.

 


<< zurück

    Montag, 14. Januar 2008  –  dradio.de

    Hans Magnus Enzensberger: "Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte"

    Montag, 14. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das gedruckte Wort allein reicht schon lange nicht mehr aus, um Bücher zu verkaufen.

    Montag, 14. Januar 2008  –  taz

    Rumänische Kirche gegen "Satanische Verse"

    Montag, 14. Januar 2008  –  FAZ

    Im Gespräch: Wladimir Sorokin

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Ein hochdramatisches Familienschicksal ist der Plot des Buches "Hammerstein oder der Eigensinn".

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Seine Geschichte erinnert an Will Smith, der in "I am a legend" allein durch New York streift ...

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Intensiv: Friedrich Hahn über die postmoderne Liebe.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Aus einem Prosaband von Andrea Winkler

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Drago Jancars „Katharina, der Pfau und der Jesuit“.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Alfredo Bauer, Ruth Klüger, Felix Pollak, Stella Rotenberg und mehr als 270 weitere Exilanten sind...

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Hans Magnus Enzensberger gedenkt des Reichswehr-Generals Kurt von Hammerstein-Equord.

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Ulrich Peltzer erkundet den Zusammenhang von Politik, Liebe, Medientheorie und Überwachungskameras

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Spanischer Dichter starb im Alter von 82 Jahren

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Dass der Kanon oft das Ende der Debatten ist, lässt sich an vielen Versuchen zeigen, die Literatur...

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Hans Magnus Enzensbergers Recherche über General Hammerstein und seinen Kreis

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Michael Donhausers neue Prosagedichte

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Berliner Zeitung

    Hans Magnus Enzensbergers Buch über den eigensinnigen General Kurt von Hammerstein

    Freitag, 11. Januar 2008  –  dradio.de

    Peter Handke: "Die morawische Nacht"

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das grüne Archiv als Nachlass: Michael Hamburger war nicht nur Dichter, sondern auch Apfelzüchter.

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Enzensberger über Hammerstein