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Klaus Hoffers Bei den Bieresch wird neu aufgelegt.
Bücher, die zunächst für gerechtfertigte Furore sorgen, dann aber schnell in Vergessenheit geraten, gibt es viele. Zu viele, leider. Bei den Bieresch, ein Roman in zwei Teilen von Klaus Hoffer, ist eines davon. Als Halbwegs, der erste Teil, 1979 praktisch aus dem Nichts als Taschenbuch bei S. Fischer erschienen, war der Zuspruch einhellig positiv. Insbesondere Schriftstellerkollegen wie Peter Handke, Urs Widmer, Wolfgang Hildesheimer oder Hanns-Josef Ortheil zeigten sich davon begeistert, was Hoffer in Halbwegs, wie auch in der Fortsetzung Der große Potlatsch (1983) aus der wildfremden Welt der Bieresch zu berichten wusste. Hoffer verstummte zwar nicht nach Abschluss seines Erzählprojekts, unter anderem publizierte er eine Poetikvorlesung zum Werk von Kafka und übersetzte zahlreiche Bücher angloamerikanischer Autoren, es folgten jedoch keine weiteren literarischen Werke mehr und damit fielen – den Mechanismen des Literaturbetriebs entsprechend – der Bieresch-Roman und sein Autor der Vergessenheit anheim.
Da gerät einer – der Städter mit dem Allerweltsnamen Hans – unter das absonderliche Volk der Bieresch. Davon, und noch sehr viel mehr, erzählt das Buch. Das extraterritoriale Gebiet der Bieresch siedelt Hoffer in der pannonischen Ebene an, dem heutigen Burgenland im Grenzgebiet von Österreich und Ungarn. Angeregt zum Roman wurde Hoffer, wie er in seinem Essay Pusztavolk (1991) erläutert, durch die Kultur der „béresek“, das heißt der ehemaligen Meierhofleute Westungarns, einer ausgegrenzten Gemeinschaft leibeigener Landarbeiter, die abgeschottet und in großer Armut abseits der Dörfer lebte.
Ein Knechtvolk also, das aber reich ist an verwunderlichen Mythen, Legenden, Erzählungen, Riten, Bräuchen und komplexen Welterklärungssystemen. Deren Zweck es ist, den Bieresch das als Fluch empfundene Los der Unterprivilegiertheit zu erklären. Die widerstreitenden Denkschulen der Monotomoi und Histrionen streiten etwa um die alte Frage, ob Geschichte ein Prozess oder vielmehr ein Kreislauf ist. Vor allem aber kämpfen sie um die richtige Auslegung der tradierten Schriften und Weissagungen, welche Hoffer teils erfunden, teils den Texten von Kafka, Joyce, Borges, Marx, Lovecraft, Scholem, Wiener, Rühm, Vonnegut und vielen anderen (verdeckt) zitierend entnommen hat.
Die Bieresch sind ein Knechtvolk ohne Herren, das dennoch unterdrückt ist, weil es sich trotz seiner verzweifelten Sehnsucht nach Erlösung nicht befreien kann von jenem Urfrevel an Gott/Ahura, der sich in mystischer Vorzeit ereignete. Dieser Frevel der vier Urväter der Bieresch ist derselbe, der auch die Basis unserer Gesellschaftsordnung bildet: die Aufteilung des Bodens nämlich, also grob gesprochen das, was Marx die ‚ursprüngliche Akkumulation‘ nannte. Weil die Bieresch erkannten, dass Besitzverhältnisse zugleich Diebstahlsverhältnisse sind, versuchten sie diese Urschuld auszugleichen, indem sie das System des Potlatsch einführten, wie ihn auch Georges Bataille in seiner Aufhebung der Ökonomie (1967) beschrieben hat: Indem man sein Hab und Gut verschenkt, reinigt man sich von der Schuld des Besitzes – zugleich aber gewinnt man ihn in getauschter Form wieder zurück durch die Geschenke anderer. Dieser Tauschhandel degenerierte im Laufe der Generationen allerdings zu einer sanktionierten Praktik gegenseitigen Diebstahls, wodurch die Urschuld bis in alle Ewigkeit verlängert wird.
Bei den Bieresch ist vieles: aufgrund seiner umfassenden Intertextualität ein postmoderner Roman avant la lettre, des Weiteren ein ethnologischer Entwicklungsroman der eine Brücke schlägt zwischen der Ethnopoesie eines Hubert Fichte und Provinzromanen wie etwa Gerhard Roths Der Stille Ozean (1981), zudem eine moderne Variante der Mythopoesie und vielschichtige Zivilisationskritik, vor allem aber ein bestechendes Buch, das verdient, neu gelesen, neu entdeckt zu werden.
Klaus Hoffer Bei den Bieresch Droschl, Graz 2007 275 Seiten, € 21 (D) / € 21 (A) / sFr 36 |