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Donnerstag, 16. Juni 2005

Halsstück in niederrheinischer Landschaft

 

Männer, natürlich, sehen das anders. Er sah nichts, da er abseits saß. Ein Kellner bediente uns, kurz. Später kam ihr Mann hinzu, zu spät. Alles war schon entschieden. Und vorher hatte er nichts bemerkt, da er Zeitung las. Sie hatte sich angestrengt, wahrscheinlich nahm sie das gar nicht wahr: Die Aufmerksamkeit, die sie ihrem Gegenüber entgegenbrachte, ihre Mimik, die Ordnung ihres Kleides mit den farblich passenden Schuhen und die Gestik, diskret, charmant in Verbindung mit ihrer wohlartikulierten Sprache. Alles, was scheinbar auf ihrer Oberfläche saß, war tatsächlich in sie eingelassen, steter Druck auf immer dieselben Stellen der Haut über Generationen, nicht ganz so tief wie die in den Schichten weit unterhalb der Epidermis arbeitenden Organe, aber tief genug, um untrennbar von ihrem Körper zu sein und programmatisch von ihm abzustrahlen. Die Einwachsungen waren ihre Aura, salopp gesagt. Sie trug einen auffälligen Halsschmuck, vielleicht um die Mühe zu verdecken, die ihr das Atmen machte, so kurz wie die eingebundenen Schritte einer alten Chinesin. Auch eine Chinesin der alten Generation zeigt ihre verkrüppelten Füße nicht gern. Sie lächelte und hatte einen Beruf, Ärztin, psychosomatische Domäne mit allem professionellen Procedere und Apparat, was dazu gehört, gründlich und verantwortungsvoll, ohne zu klagen. Dieses und das Halsband und der Ort, an dem wir zufällig zusammentrafen, und was dann geschah! Vor allem das Halsband. Die Sorte war mir bekannt. Nicht, daß es mich an meinem Verstand zweifeln lassen würde, nicht einmal an meinem ohnehin dürftigen Verhältnis zu meiner Erinnerung. Ganz im Gegenteil, es war die Bestätigung von allem, was bereits geschehen war, in Form, Ablauf und Farbe, alles eine Wiederholung, scheinbar nur dazu gemacht, um mich endlich zu entlassen, sehr spät zugegebenermaßen. Von was? Von etwas, das mich immer umschlossen und am Ort gehalten hatte, versorgt mit den unglaublichsten Gründen aus einem magnetisch wirkenden Metall, das als Zehbeschwerer in meinen Füßen gelegen hatte über all die Jahre. Ich war fortgewesen, durchaus, aber immer zurückgekehrt, angezogen von etwas Spannungsgeladenem, das von damals kam. Damals. Nur kirschkerngroß, von gleicher Konsistenz und leicht konvex an den Außenseiten, mittig zusammengeschlossen in einer wulstigen Narbe, also viel, viel kleiner, weniger glänzend und nicht so glatt wie die Perlen in dem Halsband meiner Tante, das aus lokalpatriotischen Gründen mit einem Herzen aus Rheinkiesel in der ungefähren Größe einer Hühnerleber schloß, ist mein Vergnügen, wenn mich die Bilder meiner frühsten Tage beschleichen, behende wie gerade geschlüpfte Schlangen, klein und kundig schleichend durch das nasse Gras, in dem ich mir als Mädchen von drei, vier, fünf die ewig sumpfgrünen Ränder meiner ewig rosafarbenen Kleider holte und Fiebergrippe. Die ganze lange Kindheit lang. Sie wurde mit einem Kleidersaum am Fußknöchel begonnen und erst entlassen, als der Saum den unteren Backenrand des berüschten Pos erreichte. Das war im zwanzigsten, nicht im neunzehnten Jahrhundert. Bei uns sah ein Jahrhundert wie das andere aus. Ohne Geschichte, ohne Plot, ohne Reue oder Abgesang.

Nichts trennt mich mehr von dieser Kindheit als die Erinnerung, obwohl ihre Bereitschaft, mich zu verwirren, mehr als großzügig, um nicht zu sagen, großmütig ist, vielleicht sogar übermütig, denn die Unangemessenheit dieser Stimmung mischt sich aufs beste mit dem Talent meiner Landschaft zur Überschwemmung. Im ausgehenden Winter war die gesamte Gegend, in der meine Kindheit stattfand, maßlos unter Wasser gesetzt. Der zunehmende Februar, auch noch der März schickten geschmolzenes Eis aus den Bergen. Der Fluß stieg an, es hieß, wir söffen ab und bei den Nachbarn schwämmen schon die Ratten im Keller. Besinnungslos vor Angst rannte ich, alle Jahre wieder, runter in die Waschküche und sah die Pumpe ächzen und kotzen, Wasser kotzen, rannte hinauf und begann zu beten, Gott möge uns schützen vor der Flut, dem Dammbruch, dem Ertrinken. Aus dieser Maßlosigkeit beziehe ich bis heute die Koordinaten meiner Orientierung.

Es ist schwer zu sagen, ob es in erster Linie an ihrem Halsband lag, dessen Perlen größer als Kirschkerne waren, daß mich diese Verwirrung überkam und die Feuchtigkeit im Herzen und mit ihr, wie in einem Labyrinth, in dem man plötzlich nicht mehr zu entscheiden vermag, wie man weitergehen soll, die Bewegungslosigkeit, welche wiederum den Weg zurück in meine Kindheit schlug, damit erst meine Worte, sodann meinen Atem verschlang und mich fast spucken machte, als hätte ich etwas verschluckt, das es tunlichst auszuspeien galt. Oder an der Gegend. Möglich, daß es auch der Ausblick auf den Fluß an dieser Stelle war. Sicher war ich in dem Moment auch schwach, denn mich band nichts an die nicht mehr ganz junge, hübsche Frau mit dem kurzen blonden Haar und ihren Mann. Nur der Regen wirkte offenbar auf alle von uns, das Paar und mich, lähmend. Warum sie dort waren, weiß ich nicht. Zuerst fragte ich nicht, weil ich überhaupt selten frage, wahrscheinlich, weil ich immer und grundsätzlich die Folgen einer Antwort scheue, die meistens Verstrickung in etwas bedeuten, das unübersehbar ist, oder zumindest längeren Aufenthalt, und hinterher war keine Zeit mehr dazu. Auch wäre hinterher jede Neugier unangemessen, um nicht zu sagen rüde und geschmacklos gewesen. Ich war nervös wegen des Regens. Ich hoffte ein bißchen zu dringlich, er möge nachlassen, es möge endlich nicht mehr so naß draußen sein. Der Fluß schien mir reißend und steigend, obwohl der Überschwemmungsmonat längst vorüber war, und niemand schien meine inständige Bitte zu erhören. Es war ein Lokal abseits von der Stadt, nah dem Gebiet, in dem ich aufgewachsen war, und ein Wochenende. Beides war absehbar gewesen, nicht jedoch, daß es von Bedeutung sein würde. Von Bedeutung wurde es erst durch den Zusammenfall des Regens, des Halsbandes und des Ortes mit der plötzlichen Absage desjenigen, mit dem ich verabredet war. Die Ungunst der Stunde erlaubte sich ein melodramatisches Übermaß an Faktoren, auf die ich nicht vorbereitet war. Wir waren allein. Es war niemand mehr zu erwarten, da es kein Ort für Passanten war. Was den Fortlauf des Nachmittags anbelangt, hatte er wohl damit zu tun. Den Mann nahm ich nicht weiter wahr. Nur sie. Mit einem gewissen Bedauern, einem Mitgefühl, dessen Grund mir zunächst nicht ganz einsichtig war. Ihre Augen – es fällt mir schwer, das zu sagen, und ich möchte auch nicht ungerecht sein und mich an ihrer Person vergreifen; ihre Stimme also, sage ich unverfänglicher, war so süß. Erst die Stimme, dann ihr Blick. Auch er begann zu klingen aus den hohlen Augen heraus, als seien durch einen inneren Gang Stimme und Augen miteinander verbunden. Es war, es träte ihre süße Stimme aus ihren leeren Augen, Unsinn natürlich, wie jede Fata Morgana. Schließlich wurde mir klar, mich sangen weder ihre Augen noch blickte mich ihre Stimme an, während sie sprach, sondern das Halsband. Gewiß, es war das Halsband, das mich, mit dem sonderbaren Rhythmus des rasselnden Atems und den Augenblicken der Frau verwachsen, gefangen nahm. Es sah mich an und sprach und wußte in dem Anblick ganz genau, wie schwach ich war. Wir kennen uns doch, sagten die Perlen in der Kette, die größer als Kirschkerne waren, und in ihrer Mitte winkte die Hühnerleber und die verschweißte Narbennaht, die besagte, daß drinnen etwas lag, geboren noch nicht oder gerade zu Grabe getragen. Ein Effekt des Wiedersehens, des plötzlichen Erinnerns, des Zusammenfalls von Gestern und Heute, selbst wenn man nicht gut im Gedächtnis ist.

Ich meine, aber auch darin mag meine Erinnerung mich täuschen, die nie gemeinsame Sache mit mir machte, sondern immer das Belegbett meiner weiblichen Verwandten war, daß sie etwas gesagt hatte. Ihr Mann nickte, stand auf und ging fort. Daraus, daß wir uns wenig später setzen mußten, weil der Kellner mit Teezeug kam, schließe ich, daß er gegangen war, um das zu bestellen, was uns serviert wurde. Und ich schließe daraus, daß ich mittat, vollkommen gelähmt aber nicht willenlos, denn der Tee, als ich ihn endlich probierte, schmeckte mir nicht. Ich hatte recht daran getan, ihn so lange nicht zu versuchen, bis sie sagte: „Ihr Tee wird kalt.“ Mein Tee war kalt, und auch meine Erinnerung war einig mit ihr, denn sie antwortete darauf mit dem Bild eines strubbeligen Mädchens, das auf einem Gerstenhalm kaut, mit dreckigen Knien, das rechte davon gezeichnet mit halb abgekratztem Schorf, dem Bastardzeichen für ein Mädchen aus gutem Haus, und meine Lähmung erkannte jene Aussichtslosigkeit des Tages wieder, die mich ehemals so verzweifelt das Haus hinter dem Deich hatte verlassen machen, heimlich, wenn niemand zusah und sie längst vertieft waren in ihre Gespräche über Kleinstadt, Kleinfamilie und Kleinmut und über alles, das immer kleiner wurde, das Schrumpfen an sich, das auf einen geheimnisvollen Zeitlauf zurückzuführen war, den niemand in den Griff bekam.

Ich lief, obwohl ich gar nicht laufen wollte. Ich wäre lieber zuhause geblieben, allein, aber das war nicht möglich, da ich fort von ihnen wollte und dem kleinen Ton ihrer Gespräche. Ich lief unwillig in die feuchten Gräben und nassen Wiesen hinter den Bäumen, den Trauerweiden, um bei der Wahrheit zu bleiben, in der Hoffnung, jenen Rand hinter dem überfluteten Gelände endlich zu finden, wo das wirkliche Leben beginnt und das Muster, nach dem meine Kleider zugeschnitten waren, an seine Grenzen stößt: Der Ort nämlich, an dem die Narbe der Kirschkerne platzt und die Welt offenbart, hinausspritzend jene Städte, deren Namen in meinen Ohren einen so ausgeprägt farbigen, um nicht zu sagen: grellen Klang hatten, daß ich mir ihr Antlitz, ihre Anatomie, die Ausprägung ihrer Gebäude sowie den Geruch in ihren Straßen ausmalen konnte, obwohl ich niemals in jenem Kinderleben weiterkam als bis zu der Stelle, an der ich jetzt wieder stand, mit der Teetasse in der Hand.

„Sie trinken ja gar nicht, mögen Sie Ihre Erinnerung nicht?“ „Wie bitte?“ „Ich sagte, Sie trinken nicht. Mögen Sie Ihren Tee nicht?“ Sie sprach wie zu einem Kind. „O, doch, aber er ist kalt geworden. Ich – “ „Ich hatte Ihnen ja gesagt, der Tee würde kalt, wenn Sie ihn nicht trinken.“ „Entschuldigen Sie, es ist vielleicht unhöflich zu fragen, woher Ihr Halsband stammt.“ „Woher ich komme, nein, warum sollte das unhöflich sein.“ Sie erzählte mir, daß sie in Süddeutschland geboren sei, also weit weg von dem Ort, an dem wir uns nun befanden, und daß sie lange schon verheiratet sei und daß ihre Familie, und dabei lachte sie, nur aus ihr und ihrem Mann, ihrer Praxis und seinen Geschäften bestehen würde. „Bei uns sind auch alle Frauen kinderlos“, hörte ich mich sagen, und starrte das Halsband mit den übergroßen Kirschkernen an, das meine Tante von ihrer Tante geerbt hatte, die ebenfalls kinderlos war und so fort in einer Reihe, so daß ich mich als Kind immer verwundert gefragt hatte, woher sie uns hatten. Das hatte nichts mit meiner Erinnerung zu tun, das war eine Familienlegende, die mich längst nicht mehr betraf.

Als ich das sagte, griff sie sich an den Hals. Ihr Mann sprang auf, stammelte etwas von einem Asthmaanfall und daß er hinaus zum Wagen laufen müsse, um ein Medikament zu holen. Ich hielt sie und wollte ihr die Kette vom Hals lösen, aber ich bekam den Verschlußmechanismus nicht auf. Ich wußte wirklich nicht, wie ich ihn packen konnte, meine Finger glitten an den Perlen ab, ihr Glanz schien mir glitschig, mit Widerhaken an der Innenseite. Mir statt ihrer standen Perlen von Schweiß auf der Stirn, mehr und mehr heißes Wasser, das auf ihr Gesicht zu tropfen begann, und mit Ungestüm, noch weit bevor ihr Mann zurückkam, um sie chemisch zu retten, was ihm nicht gelang, sah ich ihr Kleid zum Hals hin kriechen, seinen Saum bedenklich kürzer werden, den Körper hinaufkrabbeln, auf dem besten Weg zu einer Halskrause schrumpfen, und das alles wie ein Votiv für mich, für immer meine Entlassung aus der Gegend betreibend. Als sie bewegungslos am Boden lag, nah an der Zeitung, daneben ihr Mann mit einem Asthmaspray, das er im Raum verteilte, als solle es sommerliche Mücken vertilgen, hörte der Regen auf.



BARBARA BONGARTZ
Vorgeschlagen von Ilma Rakusa
geboren 1957 in Köln, lebt in Berlin. Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Philosophie und Germanistik. 1989 Promotion. 1982–1988 Regieassistentin, Filmautorin, Regisseurin. 1990–1996 Assistentin am Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft der Universität Köln. Seit 1996 freie Schriftstellerin. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Eine der Geschichten aus Donner und Sturm. Galrev 1997. Örtliche Leidenschaften – Compilationes. Galrev 1997. Herzbrand – Der Fall Cordelia Richter. Galrev 1999. Die Amerikanische Katze. Klett-Cotta 2001. Inzest oder die Entstehung der Welt. (gem. mit Alban Nikolai Herbst), in Schreibheft,No. 58/2002. Eine schmutzige Geschichte.In: stadt land krieg.Hrsg. von Tanja Dückers und Verena Carl. Aufbau 2004.

Auszeichnungen
Arbeitsstipendium der Stadt Düsseldorf 1998. Akademie Schloss Solitude 1999/2000. Arbeitsstipendium Schloss Röderhof 2000. Arbeitsstipendium Künstlerhaus Lucas, Ahrenshoop 2001.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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