„Einmal waren wir alle Götter“

Lek­tü­re­no­ti­zen von Patrick Holz­ap­fel

Flann O’Brien: Der drit­te Poli­zist

Die­ses Buch habe ich im eng­li­schen Ori­gi­nal in einer ein­zi­gen fieb­ri­gen Nacht gele­sen. Nie wie­der habe ich so lachen müs­sen, nie wie­der war mir so mul­mig dabei. Um nicht wahn­sin­nig zu wer­den, muss ich auf eine kur­ze Beschrei­bung der Hand­lung ver­zich­ten. Viel­leicht nur das: Die Welt ist nicht das, was sie zu sein scheint, alles ver­pufft, wenn man vor­bei­schielt an der ach so löch­ri­gen Zusam­men­set­zung der Din­ge.

Dank Flann O’Brien weiß ich jetzt, dass wir Rad­fah­rer uns mit unse­ren Fahr­rä­dern ver­bin­den. Sie leben wie wir und haben Gefüh­le. Sie bewe­gen sich von ganz allein. Ich weiß, dass man­che Men­schen Din­ge sam­meln, die so klein sind, dass man sie nicht sehen kann. Ich weiß, dass wir schwe­ben und plat­zen kön­nen und dass die Freu­de über den begin­nen­den Tag dem Schau­der vor dem ver­gan­ge­nen Tag ähn­lich ist. Das Leben als Hal­lu­zi­na­ti­on zu begrei­fen, ist zugleich äußerst tröst­lich und ein Grund zur Panik. Wenn es mir gelingt, das Leben als lan­ges Ster­ben zu betrach­ten, wie es so üblich ist bei iri­schen Schrift­stel­lern, dann ver­zückt mich der phi­lo­so­phisch grun­dier­te Wahn­sinn O’Briens. Wenn ich aller­dings dar­an glau­be, dass ich noch nicht tot bin, kommt mir das alles vor wie ein Alb­traum, „it’s near­ly an inso­lu­b­le pan­ca­ke, a conundrum of ins­cruta­ble poten­tia­li­ties, a snor­ter“.

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Marie Lui­se Kaschnitz: Beschrei­bung eines Dor­fes

In die­sem Text beschreibt Marie Lui­se Kaschnitz, wie sie ihren Hei­mat­ort Boll­sch­weil beschrei­ben wird. Es ist ein Ver­such, eine Arbeit, die sich andau­ernd an der Mög­lich­keit auf­reibt, gar nicht geschrie­ben zu wer­den. Ich lese einen Text, der noch geschrie­ben wird. „Eines Tages, viel­leicht sehr bald schon, wer­de ich den Ver­such machen, das Dorf zu beschrei­ben.“ Kaschnitz zählt auf, was sie beschrei­ben wür­de und ermög­licht sich so ein Immer-Wie­der-Neu-Anset­zen, ein ste­tes Begin­nen und damit auch eine Wie­der­ho­lung des­sen, was wohl das besee­lends­te, zumin­dest unbe­schwer­tes­te am Schrei­ben ist, näm­lich die ers­ten Asso­zia­tio­nen, die sich nie­mals ein­lö­sen müs­sen, die aber ein­mal nie­der­ge­schrie­ben, eine Tem­pe­ra­tur, einen Rhyth­mus, eine Nähe zu den Din­gen ermög­li­chen.

Der Text ist fast biblisch, Kaschnitz schreibt vom vier­ten oder elf­ten Tag und von dem, was ein­tre­ten wird. Dadurch erhebt sie ihr Dorf zu jedem Dorf, auch zu mei­nem Dorf, das nicht weit von ihrem ist. Ich gehe mit ihr die Wege, blät­te­re in den Antho­lo­gien und rie­che die Pflan­zen, die ich eigent­lich längst ver­ges­sen habe.

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Ivo Andrić: Insom­nia. Nacht­ge­dan­ken

Wie alle bei Ver­stand, könn­te ich die­se „Lek­tü­re­no­ti­zen“ allein mit Die Brü­cke über die Dri­na von Ivo Andrić fül­len, weil es ein Buch ist, das fast alles ent­hält, was mir etwas Wert ist in der Lite­ra­tur. Sei­ne von Micha­el Mar­tens über­setz­ten Gedan­ken und Noti­zen zur Schlaf­lo­sig­keit und der Ver­gäng­lich­keit des Alters offen­ba­ren einen mit sich selbst rin­gen­den Mys­ti­ker hin­ter dem Epi­ker und erklä­ren mir, wes­halb er so viel ver­stan­den hat vom Leben der Ande­ren. Immer wie­der denkt Andrić in sei­nen Minia­tu­ren über den Kampf zwi­schen Ner­vo­si­tät und Ruhe als Grund­be­din­gung der Schrift­stel­le­rei nach. Die Schlaf­lo­sig­keit ist viel­leicht die Zeit, in der die­se bei­den Rich­tun­gen des inne­ren Füh­lens am stärks­ten inein­an­der­fal­len. Ganz weit weg sein, ganz nah sein, alles erin­nern, alles ver­ges­sen, ich gebe zu, dass ich zu die­sem Buch grei­fe wie zu einer Initia­ti­on ins Schrei­ben.

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Yas­u­na­ri Kawa­ba­ta: Tau­send Kra­ni­che

Eigent­lich sind es recht ein­fa­che Sät­ze, die Yas­u­na­ri Kawa­ba­ta schreibt. Haupt­sät­ze und knap­pe Dia­lo­ge. Aber irgend­wann gerät etwas in Schwin­gung und mit einem Mal lese ich wie ver­zau­bert, als stün­de da mehr auf dem Papier, als ich mit mei­nen blo­ßen Augen sehen kann. Das geht mir immer so mit ihm, nicht nur