Alternative Fakten und künstliche Intelligenz als Antiutopie

Alain Rob­be-Gril­lets ver­ges­se­ne Pro­gno­se. Von Felix Phil­ipp Ingold

Wie­der­hol­te Lek­tü­re ist nicht nur erneu­te, es ist immer auch erneu­er­te Lek­tü­re. Nicht nur erkennt man beim Wie­der­le­sen Stel­len im Text, die man einst über­se­hen oder zwi­schen­zeit­lich ver­ges­sen hat, bis­wei­len erschlie­ßen sich lite­ra­ri­sche Wer­ke bei einem zwei­ten, drit­ten Durch­gang völ­lig neu, sei es, weil man sie zuvor miss­ver­stan­den hat oder weil sie über­haupt erst in zeit­li­cher Ver­set­zung – unter aktu­el­lem Gesichts­punkt – ver­ständ­lich wer­den. Nach­träg­lich kön­nen sich sol­che Tex­te als „pro­phe­tisch“ erwei­sen, wenn ihr ursprüng­lich uto­pi­sches Poten­ti­al in der Rea­li­tät oder als Rea­li­tät wie­der­kehrt.

Eben die­se Erfah­rung ist aus dem vor einem hal­ben Jahr­hun­dert erschie­ne­nen Roman Djinn von Alain Rob­be-Gril­let zu gewin­nen.* Die fran­zö­si­sche Erst­aus­ga­be hat­te ich mir damals, 1981, gleich besorgt und ich hat­te es auch – mei­ne Anstrei­chun­gen und Rand­no­ti­zen bele­gen es – recht sorg­fäl­tig gele­sen. Neu­lich kam mir das Buch beim Auf- und Aus­räu­men mei­ner Biblio­thek erst­mals wie­der in die Hand, und des­sen noch­ma­li­ge, eher zufäl­li­ge Lek­tü­re führ­te mir, durch­aus uner­war­tet, eine fik­ti­ve Welt vor Augen, die mit der heu­ti­gen rea­len Welt zu gro­ßen Tei­len in eins fällt.

Die heu­ti­ge rea­le Welt nimmt unter dem Ein­fluss neu­er Medi­en und künst­li­cher Intel­li­genz zuneh­mend