„Wenn ich mich an den Schreibtisch setze, weiß ich nicht, wie es weitergeht“

Ange­li­ka Klam­mer im Gespräch mit Eva Schmidt

ANGELIKA KLAMMER Im Zen­trum Ihres Romans Neben Frem­den steht Rosa, eine pen­sio­nier­te Kran­ken­pfle­ge­rin, die vor kur­zem ihren Part­ner ver­lo­ren hat, vor der Fra­ge: Was nun? Wir ler­nen sie ken­nen, als sie sich einen Kaf­fee macht und auf den Bal­kon geht. Bal­ko­ne, die facet­ten­reichs­ten, am wenigs­ten fest­ge­leg­ten Räu­me einer Woh­nung, spie­len eine wich­ti­ge Rol­le in Ihren Büchern. Es sind Schwel­len­or­te: halb drin­nen, halb drau­ßen, halb öffent­lich, halb pri­vat. Man nimmt ein wenig am Leben ande­rer teil, ohne sich zu ver­pflich­ten.

EVA SCHMIDT Bal­ko­ne spie­len eine wich­ti­ge Rol­le, ja, und das hängt mit mir zusam­men, mit mei­nen Erleb­nis­sen. Der Kos­mos mei­ner Bücher ist ja klein. Er stimmt geo­gra­fisch nicht mit der Rea­li­tät über­ein, ist aber immer Bre­genz. Ich habe lan­ge in einer Woh­nung am See gelebt, in einem Hoch­haus, und eine mei­ner Lieb­lings­be­schäf­ti­gun­gen war es, auf dem Bal­kon zu sit­zen und hin­un­ter­zu­schau­en. Es gab immer einen Men­schen, der etwas aus­ge­löst hat in mir, und wenn er mich lan­ge genug inter­es­sier­te, folg­te ich ihm. So ent­ste­hen Geschich­ten.

Eva Schmidt © Klaudia Longo

Eva Schmidt: „Die­sen Schre­cken des lee­ren Blatts – heu­te ist es der lee­re Bild­schirm – erle­be ich tag­täg­lich.“

KLAMMER Etwas aus­lö­sen kann eine Bewe­gung, ein auf­fäl­li­ges Klei­dungs­stück, die Grup­pe, in der sich jemand bewegt, Stock, Schirm, Hut?

SCHMIDT Oft ist es die Mimik, es sind bestimm­te Ges­ten, oder ich sehe jeman­den, der mit einem ande­ren spricht. Was sie mit­ein­an­der spre­chen, möch­te ich gar nicht hören, aber in mir ent­steht eine Idee davon.

KLAMMER Das tei­len Sie mit Rosa, sie ach­tet auf das­sel­be. Als Kran­ken­pfle­ge­rin war sie auch in einem Schwel­len­be­reich tätig, hat­te es mit Inti­mem zu tun, ohne sich aber, im Gegen­satz zu den Ange­hö­ri­gen, psy­chisch zu ver­stri­cken.

Es gibt kein Kon­zept. Es funk­tio­niert für mich nicht, weil das Aben­teu­er Schrei­ben dann weg­fällt.

SCHMIDT Auch Rosa habe ich auf ihrem Bal­kon gese­hen und mich gefragt: Was hat sie gemacht? Dann ist die Idee mit der Kran­ken­pfle­ge­rin gekom­men: Rosa hat ihr gan­zes Leben gear­bei­tet, schwer gear­bei­tet, und plötz­lich hat sie Zeit. Was