Was ich dir nicht gesagt habe

Nico­le Vidals Sie­ger­text beim FM4-Kurz­ge­schich­ten­wett­be­werb „Wort­laut“

Unse­re Hoch­zeit war laut auf die Wei­se, die Nach­barn stört, des­halb hat­ten wir sie alle ein­ge­la­den. Ein Zelt im Gar­ten dei­ner Mut­ter, ein gro­ßes Zelt im gro­ßen Gar­ten, hun­dert­drei­und­zwan­zig Gäs­te, Klein­kin­der nicht mit­ge­zählt, alle unse­re Freun­de und eini­ge Ver­wand­te, die Nach­barn und ein DJ, den ich mit einer lan­gen Play­list aus­ge­stat­tet hat­te. Neu­lich, als ich mir – ein letz­tes Mal – die Fotos ange­se­hen habe, dach­te ich: Das war ein gelun­ge­nes Fest.

Das mit den Anru­fen fing fünf Mona­te vor unse­rer Hoch­zeit an, und ich erin­ne­re mich genau an den ers­ten. Ich erwach­te kurz nach halb eins, wäh­rend du so tief schliefst, dass du die sich wie­der­ho­len­de fünf­tei­li­ge Ton­fol­ge nicht hör­test. Ich stand nicht sofort auf, denn ich dach­te, dass sich jemand ver­wählt haben muss­te. Spä­tes­tens nach dem drit­ten Klin­geln, wenn der Anruf­be­ant­wor­ter ansprin­gen und dei­ne Ansa­ge abge­spielt wür­de, wäre dem Anru­fer klar, dass er sich ver­wählt hat­te. Aber es klin­gel­te nach einer kur­zen Unter­bre­chung erneut.

Das Tele­fon stand auf der Bau­ern­kom­mo­de, die ich im Som­mer wäh­rend mei­nes Urlaubs abge­beizt und geölt hat­te. Sie erin­ner­te mich an die hei­ßen Tage, die ich in der Gara­ge ver­bracht hat­te, der Küh­le atmen­de Beton um mich, die Che­mi­ka­li­en, mit denen man sich in Sekun­den­schnel­le ver­ät­zen konn­te, in mei­nem Kopf nur Wat­te, kein Ter­min­druck und nur das eine Ziel, die­ses Möbel­stück her­zu­rich­ten. Nun stand sie an der Wand gegen­über der Bal­kon­tür, ein schö­ner Ort, wo das Holz in der Nach­mit­tags­son­ne einen gül­de­nen Glanz annahm.

Nachts hin­ge­gen war sie bloß ein grau­er Gegen­stand, der sich sche­men­haft von der Wand abhob, ich glau­be, in jener Nacht habe ich sie zum ers­ten Mal im Dun­keln gese­hen. Wir hat­ten ein schon damals ver­al­te­tes Tele­fon mit Hörer und Kabel, und als ich abnahm, mel­de­te ich mich nicht mit mei­nem Namen, son­dern mit einem „Hal­lo“, denn noch immer ging ich davon aus, dass der Anruf weder dir noch mir galt.

„Ich will Mar­kus spre­chen“, sag­te eine Män­ner­stim­me. Ich fühl­te mich durch die­sen Befehl ohne jed­we­de Ent­schul­di­gung für die nächt­li­che Stö­rung sofort ange­grif­fen, obwohl die Stim­me nicht reso­lut klang – Inhalt und Ton pass­ten nicht zusam­men. Mein Puls poch­te in den Ohren.

„Wer ist denn da?“

„Ich will Mar­kus spre­chen, ja?“ Das nach­ge­scho­be­ne Ja wie ein Schub­sen.

„Moment“, sag­te ich und leg­te den Hörer neben das Tele­fon, denn obwohl ich sei­ne Stim­me noch nie gehört hat­te, ahn­te ich, wer der Anru­fer war.

Es war immer schwie­rig, dich zu wecken: Mor­gens um halb sie­ben, wenn wir auf­ste­hen muss­ten, um zur Arbeit zu fah­ren, erst recht mit­ten in der Nacht. Ich berühr­te dich vor­sich­tig an der Schul­ter. „Ich glau­be, dein Bru­der ist am Tele­fon.“ Als hät­te das Wort „Bru­der“ einen elek­tri­schen Stoß in dein Hirn geschickt, bist du auf­ge­schreckt und sofort ins Wohn­zim­mer geeilt.

Du hat­test die Türen offen ste­hen las­sen, und wäh­rend der ers­ten Minu­ten hat­te ich ver­sucht, etwas zu hören, aber du hast kaum gespro­chen, nur ein gele­gent­li­ches lei­ses Mur­meln klang durch den Flur, also schloss ich die Schlaf­zim­mer­tür und schlief wei­ter.

Als ich gegen fünf Uhr wach wur­de und du nicht neben mir lagst, stand ich auf, um nach dir zu sehen – und da saßt du, im Dun­keln auf dem Fuß­bo­den, mit dem Rücken an die Kom­mo­de gelehnt, ein­ge­wi­ckelt in die dun­kel­ro­te Woll­de­cke, die immer auf dem Sofa lag. Ich stand im Tür­rah­men und gab dir ein Zei­chen auf­zu­le­gen, aber du sahst mich nur müde an und schüt­tel­test lang­sam den Kopf.

Eine Stun­de spä­ter hast du dir in der Küche Früh­stück gemacht. Du hast immer Kellogg’s Smacks mit reich­lich Kakao­pul­ver und war­mer Kuh­milch geges­sen, jeden Mor­gen das­sel­be, und das hat mich etwas ange­ekelt, denn ich kann den Geruch war­mer Kuh­milch kaum aus­hal­ten und auch nicht das Geräusch der Smacks, wenn sie sich mit Flüs­sig­keit voll­sau­gen – ein lei­ses Quel­len und Knis­tern.

„Was war denn los?“, habe ich dich gefragt.

„Ich möch­te nicht drü­ber reden“, hast du geant­wor­tet, „nicht jetzt.“

Wir fuh­ren dann gemein­sam zur Arbeit, ich setz­te dich, wie jeden Mor­gen, bei dei­ner Fir­ma ab und fuhr wei­ter in mei­ne Pra­xis. Im Gegen­satz zu mir hat­test du gere­gel­te Arbeits­zei­ten, des­halb fuhrst du fast täg­lich mit dem Zug um 16:48 Uhr zurück. Manch­mal, wenn ich um die­se Zeit gera­de etwas an der Anmel­dung zu tun hat­te und mein Blick auf die gro­ße Wand­uhr fiel, dach­te ich: „Gleich fährt sei­ne Bahn“ oder „Jetzt sitzt er schon im Zug.“

Ich fuhr erst zurück, wenn alle gegan­gen waren. Und die­se eine Stun­de, die ich dann täg­lich allein im Auto ver­brach­te, wur­de in jener Zeit immer mehr zum High­light, und viel­leicht hät­te mir das zu den­ken geben sol­len. Aber das tat es nicht, ich stieg ein­fach ein und dreh­te mei­ne Musik auf und gab mich ihr hin, wie ich es schon immer gemacht habe, wenn ich mit mir allein war und nichts ande­res woll­te.

Du hast mir auch wäh­rend des Abend­essens nichts über das nächt­li­che Tele­fo­nat erzählt und erst als du danach zur Kom­mo­de gingst, um zu prü­fen, dass der Anruf­be­ant­wor­ter aus­ge­schal­tet war, stand es wie­der zwi­schen uns, denn ich habe dich dabei beob­ach­tet und du hast es gemerkt.

„Mei­nem Bru­der geht es ziem­lich schlecht, kann sein, dass er noch­mal anruft“, hast du gesagt.

Auch in der zwei­ten Nacht hast du das Tele­fon nicht gehört, aber dies­mal stand ich nicht auf, son­dern rüt­tel­te an dir, bis du wach warst. Erst spä­ter, als ich dich schluch­zen hör­te, ging ich ins Wohn­zim­mer, um nach dir zu sehen. Da saßt du, wie­der in die Woll­de­cke gehüllt, dein Ober­kör­per nach vorn gekrümmt, beben­de Schul­tern. Ich setz­te mich neben dich auf den Boden und woll­te dir den Arm um die Schul­tern legen, aber du hast mei­ne Berüh­rung abge­wehrt und so stand ich wie­der auf und ging zurück ins Bett.

Am nächs­ten Mor­gen hast du mir gesagt, dass du nicht arbei­ten könn­test; zwei Näch­te in Fol­ge ohne nen­nens­wer­ten Schlaf, du fühl­test dich erschöpft und über­mü­det und müss­test dich einen Tag krank­mel­den.

Zwei Stun­den musi­ka­li­sche Hin­ga­be für mich.

Mein Leben. Dein Leben.

Dein Bru­der. Dein Bru­der.

Auch am nächs­ten Tag konn­test du nicht arbei­ten. Da es ein Frei­tag war, beschloss ich, die Nacht in der Stadt mit Marei­ke zu ver­brin­gen, zu tan­zen, zu trin­ken. Als wir im Mor­gen­grau­en den Club ver­lie­ßen, Arm in Arm und gut gelaunt, dach­te ich an dei­ne zusam­men­ge­kau­er­te Gestalt, die gera­de auf dem Fuß­bo­den vor der Kom­mo­de sit­zen wür­de. Ich erzähl­te Marei­ke davon. Sie konn­te nicht begrei­fen, dass ich nichts wuss­te, und hör­te wäh­rend des gan­zen Weges zurück zu ihrer Woh­nung nicht auf, mir Fra­gen zu stel­len, auf die ich kei­ne Ant­wor­ten hat­te.

Als ich gegen Mit­tag nach Hau­se kam, fand ich vor der Kom­mo­de die zurück­ge­las­se­ne Decke und eine geleer­te Fla­sche Rot­wein, du lagst im Schlaf­zim­mer in einem koma­tö­sen Schlaf. Spä­ter am Tag, du schliefst noch immer, ging ich ins Fit­ness­stu­dio und von dort auf ein Kon­zert. Du hat­test die bei­den Kar­ten in der Küche auf die Anrich­te gelegt und auf einen Zet­tel geschrie­ben, dass du kei­ne Lust auf das Kon­zert hät­test und zu Hau­se blei­ben wür­dest.

Als ich gegen Mit­ter­nacht zurück­kam, warst du schon wie­der am Tele­fon. Neben einer Wein­fla­sche lag eine auf­ge­ris­se­ne 300-Gramm-Mil­ka-Man­del-Kara­mell-Packung. Ich blieb im Tür­rah­men ste­hen und hob mei­ne Hand zu einem stum­men Gruß, du nick­test mir zu. Wäh­rend ich mir die Zäh­ne putz­te, stellt ich mir vor, wie es in einem Magen aus­sieht, mit einem Vier­tel­ki­lo Scho­ko­la­de und einem Drei­vier­tel­li­ter Rot­wein drin. Wie der Teig eines Rot­wein­scho­ko­rühr­ku­chens, beschloss ich.

Wes­halb er immer nachts anrief – ich habe dich nie gefragt. Ich ahn­te, dass es etwas mit sei­nem Leben zu tun hat­te, er war zu die­sem Zeit­punkt in Rumä­ni­en, nie­mand wuss­te genau wo, und er hät­te es auch nicht gesagt, denn er fühl­te sich ver­folgt von euch, von dir und dei­ner Schwes­ter, die weni­ge Mona­te spä­ter mei­ne Schwä­ge­rin wur­de, und von dei­ner Mut­ter, die ihm monat­lich tau­send Euro über­wies, „wegen ihres schlech­ten Gewis­sens“, wie du mir erklär­test.

Die Tele­fo­na­te gin­gen noch meh­re­re Näch­te wei­ter, eine lan­ge Ankla­ge, von der du mir mitt­ler­wei­le eini­ges, nicht alles erzählt hat­test. Du und dei­ne Schwes­ter, ihr hät­tet ihn allein­ge­las­sen, seid damals ein­fach aus­ge­zo­gen, zu einem Zeit­punkt, als es schlim­mer zwi­schen euren Eltern wur­de, als der Vater immer sel­te­ner nach Hau­se kam und die Mut­ter sich am frü­hen Abend zurück­zog, um sich in der Inti­mi­tät ihres Schlaf­zim­mers mit Sher­ry in den Schlaf zu trin­ken. Er, ganz allein im gro­ßen Haus, nie­mand für ihn da, das sei der Punkt gewe­sen, an dem es mit ihm berg­ab gegan­gen sei, und nichts hät­test du unter­nom­men, um ihm zu hel­fen. Eure Schwes­ter traf eine gerin­ge­re Schuld, denn sie war die Ältes­te und gleich zu Beginn ihres Stu­di­ums schwan­ger gewor­den, nein, sie konn­te nicht blei­ben. Aber du, du hät­test die Wahl gehabt, hät­test in Frank­furt auch dann stu­die­ren kön­nen, wenn du nicht aus­ge­zo­gen, son­dern bei ihm geblie­ben wärst, um ihn zu beschüt­zen.

Es brach­te nichts, dich dar­an zu erin­nern, dass du mir eine ande­re Ver­si­on erzählt hat­test, nichts, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Gan­ze zwölf Jah­re zurück­lag.

„Kann sein“, sag­test du, „aber für ihn ist es aktu­ell, er fühlt das so, es ist sei­ne Rea­li­tät.“

Nach nicht ein­mal zwei Wochen hat­test du dich voll­stän­dig schul­dig bekannt, gesagt: „Es tut mir alles so leid“, geweint und wie­der geweint und ihn gefragt: „Was soll ich machen? Wie kann ich dir jetzt hel­fen?“

Ich ver­mu­te, er hat dir dar­auf nichts Schlüs­si­ges geant­wor­tet; es ging haupt­säch­lich dar­um, dass du dich schul­dig bekennst, so viel glaub­te ich zu ver­ste­hen.

In den fol­gen­den Wochen wur­den die Anru­fe sel­te­ner, hör­ten aber nicht auf. Ein­mal ertapp­te ich mich dabei, wie ich dach­te, dass die regel­mä­ßi­gen Anru­fe bere­chen­ba­rer gewe­sen waren als der neue Zustand, denn nie wuss­te ich, ob uns eine stö­rungs­freie Nacht bevor­stand oder ob irgend­wann zwi­schen Mit­ter­nacht und Mor­gen­grau­en das Tele­fon klin­geln wür­de.

Du warst jetzt ein Ver­ur­teil­ter. Ein Ver­ur­teil­ter im Pyja­ma, den ein erra­ti­scher Wär­ter des Nachts aus sei­ner Zel­le zerr­te, um ihn ein biss­chen zu quä­len. Ein paar­mal mel­de­te ich dich krank, weil ich dich mor­gens deli­ri­ös auf dem Sofa vor­fand, der gan­ze Raum ein Gestank, und als du eines Nachts eine hal­be Fla­sche Whis­key getrun­ken hat­test, weil die Wein­vor­rä­te auf­ge­braucht waren, konn­te ich es nicht mehr aus­hal­ten.

„So geht das nicht wei­ter“, habe ich dich ange­schrien, „du machst dich hier kaputt! Es geht nicht, dass du dich krank­mel­dest, es geht nicht, dass wir nicht mehr unge­stört schla­fen kön­nen, es geht nicht, dass du dir jede Nacht die Kan­te gibst!“

Du bist ganz ruhig geblie­ben und hast gesagt: „Du hast recht. Ich rede mit ihm.“

Als du mir am fol­gen­den Mor­gen sag­test: „Ich habe ihn über­zeu­gen kön­nen. Er kommt zurück“, bin ich blass gewor­den, das habe ich gespürt. Du hast es nicht gese­hen oder igno­riert, aber ich weiß es genau.

Eine unge­woll­te Angst lag in mei­ner Stim­me, als ich frag­te: „Das bedeu­tet?“

„Dass er zurück nach Deutsch­land kommt, nach Mainz, da fin­den wir am ehes­ten eine Woh­nung für ihn.“

Wir, das war am Ende eure Mut­ter, denn die ver­kehr­te in sol­ven­ten Krei­sen, in denen es Immo­bi­li­en­be­sit­zer gab, die ihren Bekann­ten sol­che klei­nen Gefal­len tun konn­ten. Immer­hin: Mainz war gute fünf­hun­dert Kilo­me­ter ent­fernt.

Ein Umzug muss­te nicht orga­ni­siert wer­den, denn er besaß nichts. „Sogar sei­ne Gitar­re hat er nicht mehr“, hast du gesagt, bedau­ernd.

Er hat­te sich für so talen­tiert gehal­ten, dass er nach dem Abitur nicht ein­mal ver­sucht hat­te, an der Musik­hoch­schu­le auf­ge­nom­men zu wer­den. Er wür­de auch so reüs­sie­ren. Zwei Nach­wuchs­prei­se hat­te er gewon­nen, mit selbst kom­po­nier­ten Songs, du hast sie mir mal vor­ge­spielt, und wirk­lich, sie waren rich­tig gut. Musik, die ori­gi­nell und den­noch ein­gän­gig war, Tex­te, die klan­gen wie Poe­sie. Aber zum Stand-up-Star hat­te es trotz­dem nicht gereicht.

Ein Super-Gitar­rist ohne Gitar­re, habe ich gedacht und mir vor­ge­stellt, wie er sie zer­trüm­mert hat­te, um sich an einem klei­nen Feu­er die klam­men Hän­de zu wär­men, da unten, in Rumä­ni­en, dem idea­len Aus­wan­der­land.

Dei­ne Schwes­ter hat ihn am Bahn­hof in Emp­fang genom­men, und sie war es auch, die Möbel, Geschirr und Bett­wä­sche orga­ni­siert hat­te. Sie hat­te ihm auch ein Pre-Paid-Han­dy gekauft, doch das hat­te er abge­lehnt, denn er woll­te ver­mei­den, dass ihr ihn „jeder­zeit orten“ konn­tet.

Weni­ge Tage nach sei­ner Ankunft rief er an, aus­nahms­wei­se am Nach­mit­tag. Ich ging schon seit län­ge­rem nicht mehr ans Tele­fon und saß an unse­rem Ess­tisch, der, wie ich gleich erfah­ren wür­de, nicht mehr unser Tisch war und es eigent­lich auch nie gewe­sen war.

„Ja, klar weiß ich das“, sag­test du in den Hörer, wäh­rend du vor der Kom­mo­de stan­dest, das Tele­fon­ka­bel inner­halb kür­zes­ter Zeit mehr­fach um dei­ne Hand gewi­ckelt. „Kein Pro­blem, wir orga­ni­sie­ren das.“ Die­se Mischung aus Furcht und Ver­ständ­nis in dei­ner Stim­me, die ich vor Beginn der Anru­fe nicht gekannt hat­te.

Der Tisch gehö­re dei­nem Bru­der und der wol­le ihn nun wie­der­ha­ben, hast du mir erklärt. Ich lach­te kurz auf: „Und dafür mie­ten wir jetzt einen Trans­por­ter und fah­ren schlap­pe tau­send Kilo­me­ter durch die Repu­blik, oder was?“ Aber schon wäh­rend ich es sag­te, ahn­te ich, dass du ein­fach nur beja­hen wür­dest.

Es war ein älte­rer Tisch aus Kie­fern­holz, schlich­tes Modell, mit einer Schub­la­de an einer Sei­te, die wir nie benutzt hat­ten. Nichts an die­sem Tisch war beson­ders und sein Zustand war lamen­ta­bel, denn unser Raclette-Gerät war dar­auf durch­ge­schmort und nun befand sich in der Mit­te eine vier­ecki­ge Brand­ver­fär­bung. Ich schlug dir vor, ihm hun­dert­fünf­zig Euro zu geben, dafür wür­de er min­des­tens ein eben­bür­ti­ges Modell bei Ebay-Klein­an­zei­gen bekom­men, aber du woll­test davon nichts wis­sen. Also mie­te­ten wir einen Klein­trans­por­ter und fuh­ren den Tisch nach Mainz.

Es war Anfang Mai, ein unge­wöhn­lich war­mer Tag. Die Woh­nung befand sich am Ran­de der Alt­stadt, ruhi­ge Lage, Sei­ten­stra­ße mit Baum­be­stand, Blick auf einen gepfleg­ten klei­nen Platz mit Spiel­ge­rä­ten und Bän­ken. Dei­ne Mut­ter hat­te wirk­lich gute Kon­tak­te.

Wir hoben den Tisch aus dem Trans­por­ter und du sag­test: „Klin­gel bei Samsa!“ Auf mei­nen fra­gen­den Blick ant­wor­te­test du: „Er will nicht, dass sein rich­ti­ger Name auf dem Klin­gel­schild steht.“

Samsa, wie ori­gi­nell, dach­te ich.

Im zwei­ten Stock ange­kom­men, stand dein Bru­der bereits in der Tür. Er war noch dün­ner als du, etwas klei­ner, wirk­te gute zehn Jah­re älter, als er war, trug ein ver­schlis­se­nes T‑Shirt unde­fi­nier­ba­rer Far­be und eine viel zu wei­te Jog­ging­ho­se, die er mit einem Leder­gür­tel in der Tail­le fixiert hat­te. Als wir uns mit dem Tisch an ihm vor­bei­scho­ben, sah ich, dass er einen sei­ner Bril­len­bü­gel mit grau­em Gewe­be­band am Gestell befes­tigt hat­te. Sein Haar muss­te er kurz zuvor gescho­ren haben, mit sei­nem fei­nen Flaum auf dem Kopf erin­ner­te er mich an Pati­en­ten kurz nach der Che­mo­the­ra­pie, wenn ihre Kör­per wie­der mit dem nor­ma­len Funk­tio­nie­ren ran­gen.

In der Woh­nung war es heiß und sti­ckig, ein säu­er­li­cher Geruch unge­lüf­te­ter Räu­me, der nicht zu der ange­neh­men Lee­re pass­te. Nach­dem wir den Tisch abge­stellt hat­ten, berühr­te ich einen der Heiz­kör­per, kurz nur, denn reflex­ar­tig zog sich mei­ne Hand zurück von dem hei­ßen Metall.

„Ziem­lich warm hast du’s hier“, sag­te ich.

„Arsch­loch“, sag­te er.

Mehr Dia­log haben wir nie zustan­de gebracht.

Ich dreh­te mich um und ging zurück zum Trans­por­ter, du bliebst noch eini­ge Minu­ten bei ihm, dann fuh­ren wir nach Hau­se. Wäh­rend der Fahrt woll­test du mir von ihm erzäh­len, aber ich woll­te nichts hören.

In den fol­gen­den Wochen hast du so viel mit dei­ner Schwes­ter und dei­ner Mut­ter tele­fo­niert wie nie zuvor. Eini­ges muss­te für ihn orga­ni­siert wer­den, aber zu viel durf­te es nicht sein, denn ihr befürch­te­tet, dass er dann wie­der sei­ne Sachen packen und ver­schwin­den wür­de. Er lehn­te einen Ter­min beim Inter­nis­ten ab, obwohl er dir von sei­nen stän­di­gen Magen­schmer­zen berich­te­tet hat­te, woll­te mit kei­nem Psy­cho­the­ra­peu­ten reden, erst recht nicht mit einem Psych­ia­ter, bloß einen Zahn­arzt woll­te er. Den bekam er.

Die Vor­be­rei­tun­gen für unse­re Hoch­zeit waren zu die­sem Zeit­punkt bereits in vol­lem Gan­ge, das Zelt bestellt, Cate­ring­ser­vice und Flo­rist beauf­tragt, die Ein­la­dun­gen seit Mona­ten ver­schickt – kei­ne an dei­nen Bru­der; das meis­te war vor den Anru­fen und vor sei­ner Rück­kehr gesche­hen. Seit Wochen frag­te ich mich, wann du auf das The­ma zu spre­chen kom­men wür­dest. Ich woll­te ihn nicht ein­la­den, denn ich fand ihn unzu­mut­bar und befürch­te­te Sze­nen, des­halb beschloss ich, sei­ne Belei­di­gung zum Anlass für mei­ne Wei­ge­rung zu neh­men. Aber das Gespräch soll­te nie­mals statt­fin­den.

Der Juni war kühl und reg­ne­risch und ich hat­te viel zu tun; die Leu­te hat­ten Schnup­fen oder waren hei­ser und beschwer­ten sich die gan­ze Zeit über den mie­sen Som­mer. Ich schrieb ihnen Krank­mel­dun­gen, emp­fahl Ruhe und Ibu­profen und dach­te, dass sie sich nach einer Woche Son­ne über die Hit­ze bekla­gen und mit Schwin­del­an­fäl­len und Son­nen­sti­chen im War­te­zim­mer sit­zen wür­den. Es war in die­ser Zeit, als ich anfing mich zu fra­gen, wes­halb wir eigent­lich beschlos­sen hat­ten zu hei­ra­ten. Ich dach­te: Man sagt an die­sem Tag der Trau­ung „Ja“ zum ande­ren, man hei­ra­tet, weil man etwas mit­ein­an­der vor­hat. Aber ich hat­te nichts Bestimm­tes mit dir vor, nicht ein­mal Wün­sche hat­te ich. Du woll­test Kin­der; aber nicht sofort, du woll­test mit mir zusam­men­le­ben; das taten wir bereits. In den letz­ten Mona­ten hat­ten wir, abge­se­hen von der Fei­er, nichts geplant, nicht ein­mal eine anschlie­ßen­de Rei­se. Lee­re füll­te mich aus und ich frag­te mich, ob die nächt­li­chen Anru­fe etwas damit zu tun hat­ten.

Die Hoch­zeit war für den 18. August ange­setzt, da wür­den alle zurück aus den Som­mer­fe­ri­en sein und die Wahr­schein­lich­keit, dass das Wet­ter mit­spie­len wür­de, war groß. An einem Sams­tag Ende Juni, an dem ich gemein­sam mit Marei­ke mein Hoch­zeits­kleid aus­such­te – „reich­lich spät“, fand die Ver­käu­fe­rin –, kipp­te etwas in unse­rem Leben. Als ich gegen Abend nach Hau­se kam, saßt du auf dem Bal­kon, vor dir auf dem Tisch ein auf­ge­schla­ge­ner Notiz­block, in dei­nem Schoß ein Buch, das ich nie zuvor gese­hen hat­te. Zwei Zita­te hat­test du her­aus­ge­schrie­ben:

„Der Wüten­de ver­wei­gert einem Men­schen, den er für erlit­te­ne Schmer­zen oder Krän­kun­gen ver­ant­wort­lich macht, die Empa­thie. Sei­ne Wahr­neh­mung redu­ziert die­sen Men­schen auf ein ein­zi­ges Merk­mal: Ursa­che der Ver­sa­gung zu sein.“

„Hass geht aus der Wut her­vor. Im Unter­schied zu Wut hat Hass kei­ne anfall­ar­ti­ge Struk­tur mehr. Er ist dau­er­haf­ter, wobei sei­ne Dau­er­haf­tig­keit aus sei­ner Inte­gra­ti­on in die Cha­rak­ter­struk­tur einer Per­son resul­tiert.“

Du sahst, dass ich die Text­stel­len las, und sag­test: „Ich glau­be, mein Bru­der hasst mich. Und ich bin schuld dar­an. Ich kann das nicht aus­hal­ten.“ Dann hast du mir von dem Gespräch erzählt, das du mit ihm geführt hat­test, wäh­rend ich in einem Braut­mo­den­ge­schäft Cham­pa­gner getrun­ken und Klei­der anpro­biert hat­te.

Was ich dir nicht gesagt habe: Das war der ers­te Abend, an dem ich den Ste­cker aus der Tele­fon­buch­se zog.

Da ich mor­gens als Ers­te auf­stand, war es nicht schwie­rig, es vor dir zu ver­ber­gen. Ob dein Bru­der in den fol­gen­den Näch­ten ver­sucht hat, dich anzu­ru­fen, weiß nie­mand. Ein­mal hat er eure Mut­ter ange­ru­fen, aber sie hat­te eine ande­re Stra­te­gie als du: Sie sag­te ihm, dass sie eine alte Frau sei und ihren Schlaf brau­che, ger­ne wür­de sie sich mit ihm unter­hal­ten, aber nicht mit­ten in der Nacht am Tele­fon. Gespräch been­det.

Dass er das als Beweis ihrer fort­ge­setz­ten Gewalt­herr­schaft über ihn inter­pre­tier­te, erfuh­ren wir von dei­ner Schwes­ter. In den Mona­ten, die er dort, drei Kilo­me­ter ent­fernt vom Haus eurer Mut­ter, gewohnt hat­te, hat­te er sich kein ein­zi­ges Mal mit ihr getrof­fen.

Das nächt­li­che Still­le­gen unse­res Tele­fon­an­schlus­ses war mir schnell zur Gewohn­heit gewor­den, ich dach­te kaum noch dar­über nach. Umso mehr erschrak ich, als ich am 21. Juli gegen halb sie­ben den Ste­cker ein­steck­te und das Tele­fon sofort klin­gel­te. Ich nahm ab und hör­te die beben­de Stim­me dei­ner Schwes­ter, sie wein­te, war auf­ge­löst. Etli­che Male habe sie seit dem Vor­abend ver­sucht, uns zu errei­chen, ob wir das Tele­fon denn nicht gehört hat­ten?

Ich beschloss, auf die­se Fra­ge nie­mals zu ant­wor­ten.

Habe ich mir in den fol­gen­den Wochen vor­ge­stellt, wie dein Bru­der näch­te­lang ver­geb­lich ver­sucht hat, dich anzu­ru­fen? Mich gefragt, ob er sich im Stich gelas­sen und in sei­ner Wahr­neh­mung der Welt als feind­li­cher Ort bestä­tigt gefühlt hat­te, weil du nicht mehr ans Tele­fon gegan­gen warst? Fühl­te ich irgend­ei­ne Schuld?

Die Ant­wort ist Nein, und manch­mal habe ich