Eugen Gomringer als „schwiizer“ Dichter

Von Felix Phil­ipp Ingold

Nach Gott­fried Kel­ler und Con­rad Fer­di­nand Mey­er, neben Max Frisch und Fried­rich Dür­ren­matt ist Eugen Gom­rin­ger – er schreibt sich kon­se­quent mit Klein­buch­sta­ben: eugen gom­rin­ger – der ein­zi­ge „Schwei­zer Autor“, der den Sta­tus eines Klas­si­kers erreicht und als sol­cher Ein­gang nicht nur in die natio­na­le Lite­ra­tur­ge­schich­te gefun­den hat, son­dern auch inter­na­tio­nal in belie­big vie­le Zeit­schrif­ten, Antho­lo­gien, Schul­bü­cher, Kata­log- und ande­re Sam­mel­wer­ke ein­ge­gan­gen ist. Eine Werk­aus­ga­be von Gom­rin­gers zahl­rei­chen dich­te­ri­schen und theo­re­ti­schen Tex­ten liegt bis­her nicht vor, sie sind aber in wech­seln­der Zusam­men­stel­lung weit­hin ver­brei­tet und gel­ten noch heu­te als Mus­ter­stü­cke „kon­kre­ter“ Poe­sie und Poe­tik.

Was Gom­rin­ger zeit­gleich mit den „Zür­cher Kon­kre­ten“ (Male­rei, Archi­tek­tur, Design), mit der „guten Form“ des Schwei­ze­ri­schen Werk­bunds und der „neu­en Bas­ler Typo­gra­fie“  seit den mitt­le­ren 1950er Jah­ren als „kon­stel­la­tio­nen“ dar­bot, waren Gedich­te in Form von visu­el­len Tex­ten oder Ideo­gram­men, Gedich­te, die glei­cher­mas­sen gele­sen und gese­hen und rezi­tiert wer­den kön­nen, die jeden Her­me­tis­mus unter­lau­fen (oder über­bie­ten), indem sie nur ein­fach sehen las­sen, was sie „bedeu­ten“ – zum Bei­spiel das Schwei­gen als Leer­stel­le in einem Gedicht­text, der ein­zig aus dem mehr­fach ver­wen­de­ten Wort „schwei­gen“ besteht und also eine Kon­stel­la­ti­on bil­det, deren Mit­te aus­ge­spart bleibt; die Lie­be, die ana­gram­ma­tisch aus den Wör­tern „lieb“ und „leib“ ent­fal­tet wird; der Wind, der sich als Let­tern­ge­stö­ber aus dem Wort „wind“ erhebt. „Kon­kret“ sind sol­che Text­ge­bil­de zu nen­nen, weil in ihnen die Wör­ter, die Buch­sta­ben als mate­ri­ell und optisch wahr­nehm­ba­re Gege­ben­hei­ten Vor­rang haben vor dem, was sie als Aus­sa­ge mit sich tra­gen.

Die ein­zi­ge „typisch“ schwei­ze­ri­sche Prä­gung scheint für Gom­rin­ger „die Freu­de an der Dis­zi­plin“ gewe­sen zu sein, das hier ver­brei­te­te Ord­nungs- und Nütz­lich­keits­den­ken.

Bis in die frü­hen 1970er-Jah­re konn­te sich die kon­kre­te Dich­tung als inter­me­dia­ler Epo­chen­stil behaup­ten, prak­ti­ziert und pro­pa­giert von Autoren wie Heis­sen­büt­tel, Mon, Ben­se, Rühm, Gapp­mayr und manch andern, mit einer Anhän­ger­schaft, die weit über den deut­schen Sprach­raum und über Euro­pa hin­aus­reich­te. Von Beginn an war Eugen Gom­rin­ger als Ver­fas­ser zahl­rei­cher Mani­fes­te und Pro­gramm­schrif­ten der wort­füh­ren­de Expo­nent und auch einer der pro­duk­tivs­ten Dich­ter der „Kon­kre­ten“, und noch als deren hohe Zeit längst vor­über war, blieb er ihnen als uner­müd­li­cher Sach­wal­ter und Archi­var ver­bun­den. Ein­hel­lig wird heu­te sei­ne dies­be­züg­li­che Füh­rungs­rol­le aner­kannt und gewür­digt.

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Gom­rin­gers lang­jäh­ri­ge Prä­senz und Auto­ri­tät im inter­na­tio­na­len Kar­tell der „Kon­kre­ten“ lässt die Fra­ge auf­kom­men, ob und inwie­weit sein Werk wie auch er selbst tat­säch­lich der schwei­ze­ri­schen Lite­ra­tur zuzu­ord­nen ist. Wohl hat er den Gross­teil sei­nes Lebens in der deut­schen (ale­man­ni­schen) Schweiz zuge­bracht, ist hier zur Schu­le gegan­gen, hat hier stu­diert und hat hier – in Bern, Asco­na, Frau­en­feld, Sankt Gal­len – sei­ne ers­ten „kon­kre­ten“ Tex­te und dann auch das Pro­gramm der kon­kre­ten Poe­sie aus­ge­ar­bei­tet. Doch schwei­ze­ri­sche (lite­ra­ri­sche) Quel­len, Tra­di­tio­nen oder The­men dafür gab es nicht. Die ent­schei­den­den Impul­se gin­gen von der klas­si­schen euro­päi­schen Moder­ne aus, von Mall­ar­mé, Mari­net­ti, Arno Holz, vor­ab jedoch vom nie­der­län­di­schen und rus­si­schen Kon­struk­ti­vis­mus der Zwi­schen­kriegs­zeit.

Die ein­zi­ge „typisch“ schwei­ze­ri­sche Prä­gung scheint für Gom­rin­ger (nach des­sen eige­nem Bekun­den) „die Freu­de an der Dis­zi­plin“ gewe­sen zu sein, das hier ver­brei­te­te Ord­nungs- und Nütz­lich­keits­den­ken, das er nicht zuletzt als enga­gier­ter Armee­of­fi­zier und nach dem Krieg als pro­fes­sio­nel­ler Wer­be­fach­mann in Anschlag brach­te. Die eher befremd­li­che, aber durch­aus pas­sen­de und davon her­ge­lei­te­te Losung „Kom­man­diert die Poe­sie!“ wur­de in der Fol­ge bestim­mend für sein Schaf­fen. Gera­de aus der selbst­auf­er­leg­ten Dis­zi­pli­nie­rung des Sprach­ma­te­ri­als und des­sen inge­niö­ser typo­gra­phi­scher Umset­zung erreich­te Gom­rin­ger eine poe­ti­sche Appell­wir­kung, die weit über die Dich­tung hin­aus­reicht und die das Eli­tä­re zum Popu­lä­ren hin öff­net – sei­ne zahl­rei­chen Auf­trags­tex­te, etwa die Wer­be­sprü­che für die Waren­haus­ket­te ABM, und sei­ne aus­ge­feil­ten poe­ti­schen Ela­bo­ra­te ver­dan­ken sich glei­cher­mas­sen die­ser aske­ti­schen, dabei stets auch spie­le­ri­schen Selbst­dis­zi­plin.

Als Pro­pa­gan­da­be­auf­trag­ter der Schwei­zer Schmir­gel- und Schleif­in­dus­trie, danach als Geschäfts­füh­rer des Schwei­ze­ri­schen Werk­bunds und als Grün­dungs­mit­glied des schwei­ze­ri­schen Ver­bands für Indus­trie­de­sign muss­te Gom­rin­ger sei­ne dich­te­ri­sche Schreib­ar­beit dras­tisch redu­zie­ren, ehe er sich 1967, „alle Schif­fe“ hin­ter sich „ver­bren­nend“, defi­ni­tiv nach Deutsch­land absetz­te. Dort aller­dings auf­er­leg­te er sich neue anspruchs­vol­le Ver­pflich­tun­gen als Fir­men­be­ra­ter, Kunst­ku­ra­tor, Hoch­schul­do­zent und inter­na­tio­nal gefrag­ter Vor­trags­rei­sen­der. Wäh­rend eines hal­ben Jahr­hun­derts blieb er, ohne sein Werk wesent­lich zu erwei­tern, unent­wegt tätig, ver­an­stal­te­te Lesun­gen und Aus­stel­lun­gen, ver­öf­fent­lich­te als Her­aus­ge­ber Dut­zen­de von Büchern und doku­men­tier­te akri­bisch den Nach­lass der „Kon­kre­ten“ wie auch sei­ne eige­ne lite­ra­ri­sche Hin­ter­las­sen­schaft; die­se ist 2018 ins Schwei­ze­ri­sche Lite­ra­tur­ar­chiv über­ge­führt wor­den.

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Mehr als die Hälf­te sei­nes lan­gen Lebens hat Eugen Gom­rin­ger als kos­mo­po­li­ti­scher Exi­lant fern­ab sei­ner schwei­ze­ri­schen Hei­mat ver­bracht, vor­wie­gend in West­deutsch­land, von wo aus er immer wie­der welt­weit unter­wegs war. Dass er Deutsch bis ins hohe Alter mit leich­tem schwei­ze­ri­schem Akzent sprach und bis zuletzt auch an der hel­ve­ti­schen Arbeits- und Form­dis­zi­plin fest­hielt, bezeugt sei­ne fort­dau­ern­de Ver­bun­den­heit mit dem vier­spra­chi­gen Klein­staat. Wenn er in einem sei­ner bekann­tes­ten Dia­lekt­ge­dich­te („schwii­zer“, Erst­druck 1969) den schwei­ze­ri­schen Cha­rak­ter pro­to­ty­pisch her­aus­stellt, gibt er sich damit nicht ohne Iro­nie auch selbst zu erken­nen:

schwii­zer

lue­ge
aalue­ge
zue­lue­ge

nöd rede
sicher sii
nu lue­ge

nüd znäch
nu vu wii­tem
ruig blii­be

schwii­zer sii
schwii­zer blii­be
nu lue­ge

Abseits ste­hen, neu­tral und „ruhig“ blei­ben, sich „sicher“ füh­len, „von wei­tem“ zuse­hen, nicht „mit­re­den“ wol­len – das sind lau­ter pas­si­ve Qua­li­tä­ten, die man der Schweiz als Unent­schie­den­heit, gar als Feig­heit vor­wer­fen, aber auch als klu­ge Vor­sicht gut­schrei­ben kann. In einem bekennt­nis­haf­ten spä­ten Inter­view hat Gom­rin­ger zur Ent­ste­hung des Gedichts klar fest­ge­hal­ten: „Eigent­lich woll­te ich ein Selbst­por­trät ver­fas­sen, aber es wur­de gera­de­zu zu einem heim­li­chen Schwei­zer­psalm. […] Das dar­in ange­spro­che­ne zurück­hal­ten­de Beneh­men passt tat­säch­lich auf mich, aber anschei­nend eben auch auf vie­le ande­re.“ – Jeden­falls ist Gom­rin­ger zeit­le­bens poli­tisch und ideo­lo­gisch neu­tral geblie­ben und hat auch sei­ne lite­ra­ri­schen Tex­te von ent­spre­chen­der Befrach­tung frei­ge­hal­ten: Stets war ihm die „gute Form“ wich­ti­ger als jede aus­ser­künst­le­ri­sche Par­tei­nah­me.

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Die „gute Form“ hat­te Gom­rin­ger schon in sei­nen lyri­schen Anfän­gen gepflegt. Damals ver­fer­tig­te er, ermu­tigt durch Her­mann Hes­se, sei­ne ers­ten Sonet­te, deren rigi­de Struk­tur sein hand­werk­li­ches Geschick offen­bar her­aus­for­der­te. Sowohl Hes­se wie auch das Sonett waren für die spä­te­re „kon­kre­te“ Dich­tung obso­le­te Refe­ren­zen. Doch in sei­nem 80. Lebens­jahr­zehnt kam Gom­rin­ger noch ein­mal dar­auf zurück, glaub­te das Sonett „neu“ erfin­den zu kön­nen und star­te­te, davon aus­ge­hend, ein „neu­es“ (sein letz­tes) lite­ra­ri­sches „Expe­ri­ment“. Ab 2008 ver­fass­te er jeden­falls eine Viel­zahl von regu­lä­ren Sonet­ten aus oft­mals pri­va­tem Anlass, gröss­ten­teils mit beschau­li­chen Moti­ven oder gedank­li­chen Exkur­sen, die allem zuwi­der­lau­fen, was er einst als Wort­füh­rer der „Kon­kre­ten“ pro­pa­giert hat­te.

Den­noch ver­such­te er das Sonett als eine angeb­li­che Urform „kon­kre­ter“ Dich­tung zu recht­fer­ti­gen mit der Fest­stel­lung: „es erfor­dert kon­zen­trier­tes ‘berich­ten’ von inne­ren und äus­se­ren fak­ten in einer vor­ge­ge­be­nen struk­tur, deren durch­schau­bar­keit ich akzep­tie­re …“  – Dazu das hoch­ge­mu­te Bekennt­nis: „Ich könn­te jeden Tag ein Sonett schrei­ben.“ Und das liest sich dann bei­spiels­wei­se so:

resort

wir gäs­te aus­ge­wählt aus deut­scher fer­ne
genies­sen gär­ten tei­che fei­ne rasen
der rosen düf­te in genau­en vasen
des kel­lers ruhm und einer küche ster­ne

es ist die schöns­te mög­li­cher oasen
das bild­nis eines lan­des dich­tem ker­ne
hier ist und isst man immer wie­der ger­ne
bleibt unge­stört von etwa schlech­ten phra­sen

scheint es nicht sinn zu sein auf sol­cher rei­se
am teich zu wei­len auf gebo­gner brü­cke
wo alte karp­fen zie­hen ihre krei­se

sie schnap­pen off­nen munds nah gutem stü­cke
emp­fan­gen spen­de und ent­schwin­den lei­se
sie sind im schwei­gen die berühm­te lücke

Sol­che Ver­se könn­ten auch auf der Spei­se­kar­te eines Gour­met-Restau­rants ste­hen oder auf der Ein­la­dung zu einem Work­shop für tra­di­tio­nel­le Reim­kunst, doch Gom­rin­ger biegt sie selbst­ge­wiss auf die „kon­kre­te“ Dich­tung zurück, indem er mit der Schluss­zei­le direkt auf „die berühm­te lücke“  anspielt, die er einst in einem sei­ner bekann­tes­ten Gedich­te unter dem Titel „schwei­gen“ (1960) visua­li­siert hat­te:

eugen gomringer – "schweigen"

Ins­ge­samt hat Eugen Gom­rin­ger vier Bän­de mit Sonet­ten vor­ge­legt, zuletzt eine Samm­lung von weit über hun­dert Tex­ten („sämt­li­che sonet­te“, 2019) – jeder Vers, jeder Reim hand­werk­lich sau­ber gear­bei­tet, alles in erwart­ba­rer, höchst kon­ven­tio­nel­ler Bild­spra­che und Gedan­ken­füh­rung, ganz ohne die eins­ti­ge Spiel- und Risi­ko­freu­de, die doch immer wie­der (wohl auch für ihn selbst) über­ra­schen­de Wort­kon­stel­la­tio­nen her­vor­ge­bracht hat­te.

Ent­ge­gen den Beteue­run­gen des Autors ist die­se alt­meis­ter­lich bewerk­stel­lig­te lyri­sche Form eher mit sei­nen dich­te­ri­schen Anfän­gen als mit sei­nen spä­te­ren „kon­kre­ten“ Tex­ten zu ver­glei­chen, sehr wohl jedoch erin­nert sie an die klas­si­zis­tisch gefüg­ten und gereim­ten Sonet­te eines Con­rad Fer­di­nand Mey­er oder Gott­fried Kel­ler. Ob Gom­rin­ger viel­leicht doch als ein „typisch“ schwei­ze­ri­scher Dich­ter gel­ten kann? Und dar­über hin­aus als ein authen­ti­scher „Schwii­zer“?

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Felix Phil­ipp Ingold arbei­tet als frei­er Autor, Über­set­zer und Her­aus­ge­ber in Zürich. Zuletzt erschie­nen: Mär­zem­ber (Gedich­te und Sprü­che, 2024); Rus­si­scher Expres­sio­nis­mus (Mono­gra­phie, 2025); aus dem Fran­zö­si­schen: Hen­ri Meschon­nic, Das Dun­kel arbei­tet (Gedich­te, 2025).

Online seit: 12. Novem­ber 2025

Zuletzt geän­dert: 13. Nov. 2025