„Die anderen Systeme schließen aus, die Poesie umschlingt“

Manfred Rothenbergers Gespräche mit Elke Erb. Von Almut Tina Schmidt

Online seit: 22. April 2026
Elke Erb © Christine Bofinger
Elke Erb: „Ich war zweimal in der Nervenklinik. Das ist schon ein Grenzbereich.“ Foto: Christine Bofinger

Wach, aber ruhig blickt das kleine Kind dich an – auch wenn es eigentlich nur neugierig die eigenen Finger betrachtet. Es liegt auf dem Schoß seiner Mutter, in einem Liegestuhl im Freien, die Mutter hat die Augen geschlossen, wirkt erschöpft und entspannt zugleich. Mit diesem Foto beginnt der Band Tanzende Ordnungslust, in dem Manfred Rothenberger seine Gespräche mit Elke Erb in ihren letzten Lebensjahren dokumentiert. Das Buch enthält viele schöne Aufnahmen von Elke Erb, aber keine einzige, die die Dichterin als Diva inszeniert. „Wohl keine andere Autorin im deutschen Sprachraum ist derart selbstreflexiv und dabei so eminent uneitel“, konstatiert Jan Kuhlbrodt in seinem Beitrag zum „Text+Kritik“-Band über Elke Erb 2017 in Bezug auf Leben wie Werk. Die sind bei einem radikal poetischen Menschen wie Elke Erb ohnehin nicht zu trennen. „Ich arbeite sowieso immer“, erklärt sie Rothenberger – Lyrik als Lebensform, durchlässig und widerständig zugleich.

Das vermittelt sich in ihrem gesamten Werk, von den beiläufig klingenden Alltags- oder Reisebeobachtungen vieler kürzerer Gedichte über die formal avancierten Spracherkundungsvariationen der Winkelzüge, ihrem konsequent das Allgemeine im Persönlichsten befragenden Hauptwerk der 1980er-Jahre, bis zur ins Kunstwerk integrierten Selbstkommentarebene der mittleren bis späten Lyrikbände. Und es spiegelt sich wider in der lebenslangen Auseinandersetzung mit den Texten anderer als Übersetzerin respektive Nachdichterin und Herausgeberin.

„Wir waren leider auch immer relativ arm, das heißt, ich habe viele Anziehsachen selber genäht.“

Im mündlichen Dialog mit Rothenberger überwiegt eine gewisse Alterslakonie, die zum Unterhaltungswert dieser Gespräche beiträgt. Unangepasst genug sind ihre Positionen allemal. So findet sich keinerlei Tendenz, die eigene Kindheit zu verklären: „Ich war ein Achtmonatskind, da konnte man nicht viel erwarten.“ Und: „Wenn du auf dem Land aufwächst, dann denkst du, das kann nicht alles sein. Da war ja nix. Außer meiner grundsätzlichen Empfindungsbereitschaft.“ Später, während des