Kompass und Katasterkarte

Paul-Hen­ri Camp­bell zu Alex­an­dru Bulucz‘ Essay-Band Über Leben und Lite­ra­tur. Tex­te 2013 bis 2025

Neben sei­ner Lyrik und Über­set­zungs­ar­bei­ten legt Alex­an­dru Bulucz nun erst­mals gesam­melt in einem Band rund ein­hun­dert Tex­te vor, die sei­ne enor­me Kom­pe­tenz und Wei­te als Lite­ra­tur­kri­ti­ker zei­gen. Es fin­den sich dar­un­ter Rezen­sio­nen, Inter­views, Por­träts, aber inter­es­san­ter­wei­se auch Nota­te und Kurz­kom­men­ta­re zu ein­zel­nen Gedich­ten.

Die­se Misch­an­tho­lo­gie aus Kurz­pro­sa bil­det für jeden Leser, der die zeit­his­to­ri­schen Umwäl­zun­gen der Gegen­wart in ihren lite­ra­ri­schen Kon­kre­tio­nen zu begrei­fen ver­sucht, ein Werk von außer­or­dent­li­chem Inter­es­se. Denn hier ver­bürgt ist die Stim­me eines Autors, der nach drei­ßig Jah­ren Wen­de erst mit sei­nem Den­ken ansetzt: Alex­an­dru Bulucz ist dar­an inter­es­siert, die Lite­ra­tur im Jetzt neu aus­zu­lo­ten.

Gebo­ren 1987 in Alba Iulia, Rumä­ni­en, emi­griert Alex­an­dru Bulucz mit drei­zehn Jah­ren nach Bay­ern. In sei­nem drit­ten Gedicht­band Stun­den­holz (2024) erfah­ren wir vom Trau­ma des Abschieds aus Rumä­ni­en, davon, wie ihn sei­ne Mut­ter – den Vater mit den bei­den Schwes­tern ver­las­send – zunächst im Hof der Groß­mutter in Rumä­ni­en zurück­lässt. Die­ses „Urtrau­ma“ durch­zieht spä­ter sei­ne lite­ra­ri­sche Arbeit: Der Kna­be reist um die Jahr­tau­send­wen­de allein in einem Rei­se­bus aus der Buko­wi­na an den Weiß­wurst­äqua­tor, des­sen Spra­che er erst müh­sam, dann aber kon­se­quent bis in die raf­fi­nier­tes­te poe­ti­sche Vir­tuo­si­tät hin­ein meis­tern wird. Sicher, auch in Bay­ern gehen die Uhren anders, doch die Wun­de des Abschieds und die Mühe, sich in einer frem­den Spra­che neu zu behei­ma­ten, prä­gen eine Sicht­wei­se, die sei­ne Tex­te zum Kom­pass und zur Katas­ter­kar­te zugleich wer­den lässt.

Aus die­ser bio­gra­fi­schen Erfah­rung wächst sei­ne lite­ra­tur­kri­ti­sche Per­spek­ti­ve: sen­si­bel für Vul­nerabi­li­tät, Emi­gra­ti­on, pre­kä­re Ästhe­ti­ken und Assi­mi­la­ti­ons­dy­na­mi­ken. Doch sie bleibt nicht ste­hen, son­dern ent­wirft eine fun­da­men­tal neue Sicht­wei­se. Die­se dyna­mi­siert die euro­päi­schen und trans­at­lan­ti­schen Ein­sich­ten aus porös gewor­de­nen Lite­ra­tur­tra­di­tio­nen zu einer star­ken Such­be­we­gung nach einer zeit­ge­mä­ßen Neu­ver­or­tung des­sen, was Lite­ra­tur bewirkt, erzählt und ist.

Er ent­wi­ckelt dabei fas­zi­nie­ren­de Zugän­ge etwa zur israe­li­schen Autorin Agi Mis­hol oder der deutsch-kur­di­schen Autorin Ronya Oth­mann. In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Autoren und Autorin­nen wie Dilek Maya­türk, Sam Zam­rik, aber auch Lars Gustafs­son stellt er die Fra­ge nach der Ver­or­tung von Stim­me und Spra­che auf prä­gnan­te Wei­se neu. Sein gesamt­eu­ro­päi­scher und trans­at­lan­ti­scher Ansatz ist nicht schon mit E.E. Cum­mings, Eugè­ne Ionesco oder Paul Celan erschöpft, son­dern exer­ziert die­sen glo­ba­len Blick auch mit Autor:innen wie Jay­ne-Ann Igel oder Mar­cus Rol­off.

Natür­lich geschieht die­se Aus­ein­an­der­set­zung nicht im Vaku­um. Ulja­na Wolf etwa arbei­te­te in ihrem Essay­band Ety­mo­lo­gi­scher Gos­sip (2021) mit einem eher sprach­be­zo­ge­nen Inter­es­se an dem, was sie einst in ihren Pro­sa­ge­dich­ten als ihre „schöns­te Len­ge­vitch“ bezeich­net hat­te. Auch essay­is­ti­sche Neu­be­stim­mun­gen der Lite­ra­tur im Lich­te einer mul­ti­po­la­ren Welt sowie die dar­aus neu­ge­la­ger­te Ent­schei­dungs­mäch­tig­keit lote­ten etwa Essays von Ilja Tro­ja­now oder Robert Men­as­se aus. Scharf und pole­misch – auf eine schnapp­at­men­de digi­ta­le Ver­nunft hin – ent­warf Eva Men­as­se (Alles und nichts sagen. Vom Zustand der Debat­te in der Digi­tal­mo­der­ne, 2023) eine neue Essay­is­tik.

Die­se Ansät­ze unter­schei­den sich dra­ma­tisch von den staats­tra­gen­den Insze­nie­run­gen, wie sie etwa bei den Reden zum Leip­zi­ger Buch­preis zur Euro­päi­schen Ver­stän­di­gung statt­fin­den, zuletzt bei Alhierd Bachare­vič. So wich­tig die­se Art von Ver­an­stal­tun­gen sein mögen: hier geht es oft weni­ger um Lite­ra­tur­kri­tik als um das kul­tur­po­li­ti­sche Ram­pen­licht. Das ist sicher­lich wich­tig, aber nicht sicht- und stil­prä­gend.

Bulucz kennt die­se Kon­tex­te aus nächs­ter Nähe. Als Mit­glied im Board von PEN Ber­lin – und schon bei der Grün­dung der Orga­ni­sa­ti­on – hat er vehe­men­te Debat­ten geführt. Er weiß, wie zer­mür­bend es ist, dis­kur­si­ve Räu­me offen­zu­hal­ten, die zugleich auch maxi­ma­le Kon­tro­ver­se ermög­li­chen, ohne bei tie­fen, emo­tio­nal ver­an­ker­ten Über­zeu­gun­gen aus dem Ruder zu lau­fen. Und er hat erfah­ren, wel­che Kon­se­quen­zen ein fehl­ge­lei­te­ter Pazi­fis­mus im deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb ent­fal­ten kann: etwa als er sich destruk­tiv gegen Deniz Yücel rich­te­te, der mit enor­mem per­sön­li­chem Ein­satz kla­re Posi­tio­nen gegen Putins Impe­ria­lis­mus ein­for­der­te.

Es geht also um ein aus­dau­ern­des Bemü­hen um einen neu­en Stil – einen Stil, der nicht deduk­tiv aus domi­nan­ten Ideo­lo­gien her­ge­lei­tet oder von Insti­tu­tio­nen zum Selbst­er­halt kurz­fris­tig pri­vi­le­giert wird. Es geht Bulucz um eine Hal­tung, die Lite­ra­tur nicht bloß aus infor­mier­ter Beflis­sen­heit, müder Kon­tex­tua­li­sie­rung oder oppor­tu­ner Nobi­li­tie­rung der eige­nen Moral betrach­tet, son­dern sie in ihrer welt­ent­wer­fen­den, welt­ver­wur­zel­ten, wehr­haf­ten wie auch künst­le­risch labi­len Dimen­si­on erkennt – um dann ein gül­ti­ges Urteil über sie zu fäl­len. Denn ein gutes kri­ti­sches Urteil ver­hält sich zur Lite­ra­tur wie der Schleif­stein zum Schwert. Und dazu braucht es siche­ren Umgang nicht nur mit dem Neu­en und Neu­ar­ti­gen, son­dern auch eine kri­ti­sche Ein­woh­ner­schaft in der Tra­di­ti­on.

Leben und Lite­ra­tur

Alex­an­dru Bulucz steht nicht zwi­schen Tra­di­tio­nen, son­dern in ihnen – mit dem Wis­sen, dass etwas gesche­hen muss, damit Kri­tik Gül­tig­keit hat. Viel­leicht ist es eine Lust und Hei­ter­keit, im Mal­strom die­ser Tra­di­tio­nen mit bei­den Füßen zu stamp­fen. Dabei schöpft Bulucz aus jener Ener­gie, die man einen post­pe­re­gri­na­ti­schen Phan­tom­schmerz nen­nen könn­te – eine eigen­ar­ti­ge Sehn­sucht nach der Sehn­sucht.

So fin­den sich in den rund 100 Tex­ten eine Wan­der­schaft, die wagt, getrie­ben ist und viel ris­kiert. Dar­un­ter Inter­views, die mehr Gespräch und Dia­log als Fra­ge­run­de sind. Schon mit den drei Bän­den von „Ein­sich­ten im Dia­log“ leg­te der Autor buch­lan­ge Inter­views mit Die­ter Hen­rich, Peter Stras­ser oder Hans-Jörg Rhein­ber­ger als die Gesprächs- und Dia­log­form vor. Die­se poin­tier­te und fra­gen­de Neu­gier beflü­gelt auch sei­ne Essay­is­tik.

Wer sich in die­sen Essays und Inter­views bewegt, übt zugleich eine neue Gang­art. Man wird neu wur­zeln, trotz ver­gif­te­ter Böden. Exem­pla­risch zeigt sich das im Nach­ruf auf Wer­ner Hama­cher, der im Lich­te der Frank­fur­ter Schu­le gele­sen wird, oder in einem sym­pa­thi­schen Gespräch mit Robert Spae­mann. Bulucz bewegt sich genüss­lich auf den Bruch­li­ni­en und Ver­wer­fun­gen euro­päi­scher Tra­di­tio­nen.

Denn sei­en wir ehr­lich: Viel zu lan­ge war die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur­kri­tik eine klein­di­men­sio­nier­te Kar­tof­fel­ern­te auf dem inzwi­schen sau­er­bö­dig gewor­de­nen Feld der Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Drei­ßig Jah­re war sie damit beschäf­tigt, sich an der deutsch-deut­schen „Ein­heit“ abzu­ar­bei­ten, aus­rei­chend vie­le Per­spek­ti­ven aus Meck­len­burg und Sach­sen zu berück­sich­ti­gen oder in Öster­reich die anti-hei­mat­li­te­ra­ri­schen Nach­klän­ge der Auf­ar­bei­tungs­li­te­ra­tur zu ver­fol­gen. Hier und da eine Stim­me her­vor­zu­he­ben, um das „auch“ deutsch­spra­chig „sicht­bar zu machen“. Alles löb­lich. Aber es fehl­te – bei aller pejo­ra­ti­ven Debat­te um den bei Ger­ma­nis­ten ver­pön­ten inter­na­tio­nal style – die glo­ba­le Per­spek­ti­ve.

In die­ser deut­schen Melan­ge aus Selbst­be­züg­lich­keit und Gön­ner­haf­tig­keit reüs­sier­ten Stim­men, die sich durch eine „klu­ge“, aber rou­ti­nier­te Ödnis aus­zeich­ne­ten. Doch wie die drei epo­cha­len Ereig­nis­se – Covid-19, die Inva­si­on der Ukrai­ne und der 7. Okto­ber – zeig­ten: Die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur war hoff­nungs­los insu­lar, in einer rasant gewan­del­ten Welt hilf­los, weil sie noch zu sehr mit Retro­spek­ti­ven und Jubi­lä­en beschäf­tigt war. Acht­zig Jah­re Auf­ar­bei­tungs­li­te­ra­tur kipp­ten zwi­schen Ver­ständ­nis für Putin oder Hamas, stol­per­ten in ori­en­tie­rungs­lo­se Mora­lis­men und eier­ten in einer Welt, die nicht län­ger als ein Pup­pen­haus exo­ti­scher Anders­heit zu „bespie­len“ war. Schuld dar­an ist auch die Lite­ra­tur­kri­tik. Sie ver­zich­te­te auf jene Wan­der­schaft, die mit Kri­ti­kern wie Alex­an­dru Bulucz statt­fin­det – ohne Sicher­heits­gurt und Fang­netz.

Aber die­se Zeit ist für Alex­an­dru Bulucz auch eine Zeit, in der er von Frank­furt am Main nach Ber­lin umzieht, dort zwei­fa­cher Vater wird, zahl­rei­che Lite­ra­tur­prei­se – wie etwa den Wolf­gang-Wey­rauch-För­der­preis (2019), den Deutsch­land­funk­preis beim Bach­mann­wett­be­werb (2022) oder den Höl­ty-Preis für Lyrik (2024) – erhält. Auch die­se Ereig­nis­se schär­fen die Urteils­kraft.

Was die Sicher­heit die­ses Urteils angeht, kann man z.B. in sei­nen Autoren­por­träts beob­ach­ten – etwa zu Din­çer Güçye­ter, Ors­olya Kalá­sz, Mila Hau­go­vá oder Mir­cea Căr­tă­res­cu. Dort erkennt Bulucz nicht nur natio­na­le Umeti­ket­tie­run­gen des­sen, was euro­päi­sche Lite­ra­ten sei­en, son­dern er nimmt die lite­ra­ri­schen Signa­tu­ren einer glo­ba­len Gegen­wart wahr, in die er die­se ein­schreibt.

Dabei idea­li­siert er nicht, son­dern nimmt so man­cher Gewohn­heit die Scheu­klap­pen ab. Wenn er über Alex­an­der Sino­wjew (1922–2006) schreibt, dann hebt er nicht des­sen roman­ti­sche Dis­si­den­ten­rol­le her­vor, wie es in Deutsch­land bra­ve Sozi­al­de­mo­kra­ten tun, son­dern zeigt auch, wie die­ser spä­ter zum ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Schwurb­ler wur­de. Gera­de in sol­chen Bei­trä­gen demons­triert Bulucz, dass er sich von einer Kri­tik ver­ab­schie­det hat, die nur die geläu­ter­ten Koor­di­na­ten eines Hein­rich Böll liebt. Sein kri­ti­sches Auge hat einen Blick für die Pro­duk­tiv­kräf­te des Zwie­lich­ti­gen, Ambi­va­len­ten, Gebro­che­nen. Dazu gehö­ren etwa Tex­te zu Wer­ner Söll­ner oder Sascha Ander­son.

Denn im Wesent­li­chen ist sowohl der Inter­view­er wie auch der Essay­ist ein Suchen­der. Bulucz’ Tex­te zei­gen, dass die Monu­men­te des post­so­wje­ti­schen Ostens im Exodus erfüllt blei­ben von einer Sehn­sucht nach Behei­ma­tung in neu­er Expres­si­vi­tät – ein post­pe­re­gri­na­ti­scher Phan­tom­schmerz. Was hier die essay­is­ti­sche Ver­nunft ent­wi­ckelt, ist eine Neu­ver­wur­ze­lung der lite­ra­ri­schen Stim­men in einer höchst dyna­mi­schen Tra­di­ti­on, in den Pat­terns und Mus­ter der Gegen­wart.

Alex­an­dru Bulucz macht deut­lich, dass Lite­ra­tur­kri­tik kei­ne kom­men­tie­ren­de Mar­gi­na­lie oder Fuß­no­te zur Lite­ra­tur inner­halb eines Betriebs ist, son­dern eine exis­ten­ti­el­le Pra­xis: Sie ver­bin­det bio­gra­fi­sche Brü­che mit poe­ti­schen Neu­an­fän­gen und öff­net das Den­ken für glo­ba­le Ver­flech­tun­gen. Sei­ne Tex­te zei­gen, dass Kri­tik nicht auf die Pose der Urteils­kraft redu­ziert wer­den darf, son­dern als Such­be­we­gung gelebt wird – tas­tend, ver­letz­lich, ent­schie­den. Wer ihm folgt, begeg­net einer Lite­ra­tur, die sich nicht abschließt, son­dern immer neu zur Welt hin auf­bricht.

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Online seit: 12. Dezem­ber 2025

Zuletzt geän­dert: 12. Dez. 2025