Zum Ende schreiben

Cla­ri­ce Lis­pec­tors lite­ra­ri­sche Pas­si­on. Von Felix Phil­ipp Ingold
Clarice Lispector © privat

Cla­ri­ce Lis­pec­tor: „Ich zie­he mich in die Rosen zurück, in die Wör­ter. Kläg­li­cher Trost. Ich unter­lie­ge der Infla­ti­on. Habe kei­nen Wert.“

Irgend­wann im Ver­lauf die­ses Jah­res wäre der 100. Geburts­tag der bra­si­lia­ni­schen Schrift­stel­le­rin Cla­ri­ce Lis­pec­tor zu fei­ern, hiel­te man sich denn an ihre eige­ne Zeit­rech­nung, deren Beginn sie will­kür­lich auf 1925 ange­setzt hat. In Wirk­lich­keit wur­de sie fünf Jah­re frü­her, am 10. Dezem­ber 1920, in Tsche­tschel­nik, einem pro­vin­zi­el­len Grenz­ort der süd­li­chen Ukrai­ne gebo­ren. Kurz danach emi­grier­te ihre Fami­lie – die Eltern mit drei Töch­tern – unter den Bedro­hun­gen des rus­si­schen Bür­ger­kriegs auf beschwer­li­chen Wegen nach Süd­ame­ri­ka. Die will­kür­li­che Kür­zung ihrer Bio­gra­phie um die ers­ten Lebens­jah­re hat die Autorin nicht etwa aus weib­li­cher Eitel­keit bewerk­stel­ligt, viel­mehr in der Absicht, ihre sla­wi­sche und jüdi­sche Her­kunft wie auch ihren ursprüng­lich hebräi­schen Namen (Cha­ja) aus­zu­blen­den, um sich in der por­tu­gie­si­schen Spra­che und in der bra­si­lia­ni­schen Lite­ra­tur eigen­stän­dig zu behaup­ten. Heu­te genießt ihr erzäh­le­ri­sches Werk welt­weit – von Japan bis Kana­da und nicht zuletzt in ihrer ukrai­ni­schen Hei­mat – höchs­te Aner­ken­nung. So gut wie alles, was Cla­ri­ce Lis­pec­tor ver­öf­fent­licht hat (Roma­ne, Erzäh­lun­gen, Repor­ta­gen, Essays, Kolum­nen), liegt in deut­scher Fas­sung vor, aus­ge­nom­men der pos­tum publi­zier­te Pro­sa­band Ein Hauch von Leben (1978), der als Sum­ma ihres Schaf­fens und gleich­zei­tig als Selbst­kom­men­tar dazu gel­ten kann. – In einer Neu­über­set­zung ist jüngst Die Pas­si­on nach G. H. erschie­nen, Lis­pec­tors auto­fik­tio­na­ler Meis­ter­ro­man von 1964, der in man­cher Hin­sicht auf den Nach­lass­band vor­aus­weist.

„Die Schrift ist der unbe­stimm­te, unein­heit­li­che, unfi­xier­ba­re Ort, wohin unser Sub­jekt ent­flieht, das Schwarz­weiß, in dem sich jede Iden­ti­tät auf­zu­lö­sen beginnt, ange­fan­gen mit der­je­ni­gen des schrei­ben­den Kör­pers.“ Mit die­ser etwas prä­ten­tiö­sen For­mu­lie­rung hat Roland Bar­thes 1968 in sei­nem weg­wei­sen­den Essay über den „Tod des Autors“ den Auto­ri­täts­ver­lust indi­vi­du­el­ler Autor­schaft auf den Punkt gebracht und die Auf­lö­sung „jeder Iden­ti­tät“ im lite­ra­ri­schen Text fest­ge­schrie­ben. Dabei ist zu beach­ten, dass „unser Sub­jekt“ im Fran­zö­si­schen nicht nur das Sub­jekt als natür­li­che oder gram­ma­ti­sche Per­son bezeich­net, son­dern auch das The­ma („le sujet“) als Motiv und Gegen­stand des Schrei­bens.

Das damals viel­dis­ku­tier­te „Ver­schwin­den“, ja, den „Tod“ des Autors und