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Montag, 09. Juli 2012

Der Mückenschwarm

 

Poetologische Fragmente, am Kern vorbei. Von Matthias Nawrat

AKE (Außerkörperliche Erfahrung)

Ich schreibe, um außerkörperliche Erfahrungen zu machen. Ich schreibe, um außerpersönliche Erfahrungen zu machen. Ich schreibe, um die Erfahrungen von jemand anderem zu machen. Ich schreibe, weil nichts mich so sehr überraschen kann wie das, was beim Schreiben entsteht: Weil es nichts mit mir zu tun hat. Weil es von sich aus lebt. Weil es auch da sein könnte, wenn ich nie gewesen wäre. Ich schreibe, um das Gefühl zu haben, das sich einstellt, wenn mir wieder etwas „passiert“ ist. Ich schreibe, weil die größte Schönheit in der Welt in der Schönheit einer leuchtenden Wortkombination liegt, die ich noch nie gesehen habe. Ich habe ein tiefes Bedauern für Menschen, die nicht schreiben. Weil sie nur halbe Menschen sind. Ehrlich: Ich verstehe diese Menschen nicht.

Der Mückenschwarm

Ich schreibe jeden Tag. Ich beginne mit einer Übung: schreiben ohne abzusetzen, schreiben ohne Ziel und ohne Anspruch, schreiben ohne Ehrgeiz. Schreiben als offene Haltung allem Gegenüber was kommt, egal was kommt. Und es kommt immer was. Je mehr ich schreibe, desto mehr kommt. Und desto häufiger kommt auch was Überraschendes. Es scheint mir in solchen Augenblicken, dass ich nichts erfinde, sondern nur finde. Die Sprache ist schon immer da. Es ist, als würde ein unendlich langer Mückenschwarm an meinem Fenster vorbeifliegen. Jeden Tag öffne ich das Fenster und halte meine hohle Hand hinaus.

Verdrehte Welt

Schreiben als Forschung: Ich erforsche, was beim Leser wirkt. Also erforsche ich den Leser und ich erforsche mich als den ersten Leser. Ich erforsche aber auch, was in der Welt alles möglich und „der Fall“ ist. Ich finde eine Wahrheit in der Welt nicht, indem ich sie mir ausdenke oder beobachte und dann eine Geschichte über sie schreibe. Ich beginne mit dem Schreiben und ich stoße auf sie im Schreiben. Es tauchen bei meinen Schreibübungen Figuren auf, Dinge werden gesagt, getan, gedacht, nicht gesagt, nicht getan, nicht gedacht. Gegenstände zeigen bisher versteckte Seiten. Ich wäre nie in der Lage, mir eine Wahrheit in der Welt vorzudenken. Nur das ungerichtete Schreiben ist mächtig genug, weil es wie Träumen ist: Es verdreht die Welt, es bringt Dinge miteinander in Berührung, die im Denken nie in gegenseitige Nähe kämen. Schreiben ist wie ein Bild von Escher, es generiert Unmögliches, und was will ich mehr?

Warum bin ich heute unglücklich?

Ich fühle mich schlecht, wenn ich einige Tage hintereinander nichts geschrieben habe. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas moralisch Verwerfliches tue, wenn ich mich vom Schreiben fernhalte. Ich weiß nicht, woher das Gefühl kommt. Ich kenne die Instanz nicht, von der ich mich gerichtet fühlen sollte. Ich mag mich nicht, vielleicht ist es das. Oder besser: Ich liebe mich nicht. Warum bin ich heute unglücklich? Ich habe heute nichts Gutes geschrieben. Wie soll man mit einer solchen Verzweiflung auf lange Sicht umgehen können?

Der Ekel

Wo immer ich mir selbst begegne im Schreiben, wo immer ich mich selbst ertappe im Text, dort überkommt mich der Ekel. Der Ekel, weil die Literatur mich nicht braucht. Sie will nicht in das Zentrum des Schwarzen Lochs sehen, in dem der Autor sitzt. Sie will höchstens in den Strudel geraten, den das Schwarze Loch erzeugt. Genauso, wie niemand im Zentrum eines Schwarzen Lochs überleben würde, würde die Literatur sterben, würde sie dort hinein geraten. Sie würde zermalmt von der Masse des „realen Autors“. Die Literatur möchte in Rotation begriffen sein, sie möchte kreisen um den Autor, mal am äußersten Rand des Strudels und gemächlich, mal auf kleineren Kreisen und mit großer Geschwindigkeit, dem Tod sehr nah. Aber nie möchte sie Auge in Auge treten mit der Zermalmungsmaschine genannt „Matthias Nawrat“. Sicher hat jeder Text etwas mit meinen realen Erfahrungen zu tun. Aber keine Spur der realen Erfahrung darf am Ende in einem Text enthalten sein. Der Ekel ist ein starkes Gefühl.

Ein Körper schreibt

Schreiben ist körperliche Arbeit. Mein Rücken gebeugt, mein Mund zusammengezogen vom Kaffee, in der Nase der Geruch desselben, meine Finger gelb vom Nikotin und nach selbigem riechend, das porige und saugende Papier unter meinem Kugelschreiber, das Knistern beim Umblättern, die eng anliegenden Zeilen (frierende Hunde im Schnee), das Knarzen des Stuhls unter mir, das Dröhnen von der Baustelle vor dem Haus, der Gesang der Kohlmeise im Baum, das Pinkeln-Müssen zwischendrin (zu viel Kaffee?), der Juckreiz an Beinen und Bauch (weil noch ungeduscht). Das Schreiben ist eine bestimmte leibliche Art und Weise des In-der-Welt-Seins.

Die dicke Wurst

Ich weiß nicht, wie man schreiben soll ohne Größenwahn. Ohne die Sicherheit, dass man diesmal aber wirklich ein gefeierter Schriftsteller sein wird, sobald der aktuelle Text vollendet ist. Zumindest im Moment des Schreibens kann ich das nicht hinterfragen. Das Hinterfragen kommt später. (Das dicke Ende kommt zuletzt. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Beim Schreiben geht es um die Wurst.) Größenwahn und Selbstzweifel, sie mögen im „realen“ Leben ungesund sein. Beim Schreiben haben sie für mich eine Funktion: Der Größenwahn heizt mich an, Gewagtes zu probieren. Der Selbstzweifel hilft, aus dem wuchernden Material einen genau durchdachten Text zu machen.

Die soziale Ader der Worte

Manchmal reicht ein einziges gelesenes Wort aus, und schon schließen sich weitere Worte an. Ich lese und stoße unerwartet auf einen Heber in den Bereich der Sprache. Dafür taugt alles: Zeitungen, Straßenkarten, Kochrezepte, Arzneimittelbeilagen. Worte leben nicht alleine. Sie pflegen Freund- oder Feindschaften zu ihren Nachbarn, sie stehen in Kontakt mit weitverstreut lebenden Verwandten. Ein Wort kommuniziert stets mit vielen anderen. Lesen ist daher von Anfang an auch Schreiben. Fremde Texte evozieren stets einen über sie hinausgehenden Text, der noch nicht auf dem Papier steht. Sie fordern mich auf: Schreib mich weiter, über meine Ränder hinaus! Es gibt den Verkehr der Wörter untereinander, das sind normale gesellschaftliche Vorgänge. Freude empfinde ich dann, wenn plötzlich zwei ins Gespräch kommen, die sich zuvor nicht kannten.

Wie ein alter Bär

Aber so ganz stimmt das alles nicht. Ich kann nicht jeden Tag schreiben. Manchmal stehe ich morgens auf und mich überfällt eine grundlose Abneigung gegen das Schreiben. In einigen Fällen überkomme ich sie und schreibe trotzdem. In anderen Fällen nicht, und dann weiß ich: Dein Tag wird beschissen sein. Ich kann nichts dagegen tun und laufe in mein Verderben. Am Ende des Tages denke ich: Du wirst nie wieder etwas Gutes schreiben, es ist vorbei. Zwei Tage vergehen. Drei Tage. Wenn es gut läuft, kann ich mir sagen: Du musst es machen wie der alte Bär, wenn die Jäger kommen. Dich hinlegen und ruhig verhalten. Bis in einigen Tagen der Wald wieder begehbar ist. Aber welche Gewissheit kann man haben, dass es wieder so sein wird? Reicht die Erfahrung, dass es bisher immer so war? Ich bin den Launen des Schreibens ausgeliefert wie nichts anderem. Ich kann nur hoffen, dass ich mit der Zeit immer mehr sein kann wie der alte Bär.

 

Matthias Nawrat
Gewinner des kelag-Preises beim Ingeborg Bachmann-Preis 2012.

Geboren 1979 in O pole (PL), lebt in Biel und Bamberg. 1989 Umsiedlung nach Bamberg in Deutschland. Zwischen 2000 und 2007 Biologiestudium in Heidelberg und Freiburg im Breisgau. Seit 2007 freier Wissenschaftsjournalist. Zwischen 2009 und 2012 Studium Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Verschiedene literarische Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in poet Nr. 12. Verschiedene literarische Auszeichnungen, unter anderem 1. Preis des MDRL iteraturwettbewerbs 2011 und Silberschweinpreis der lit.Cologne 2012 sowie Aufenthaltsstipendium des LCB 2012. Arbeitet derzeit am zweiten Roman.

 


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    Dienstag, 24. Juni 2014 

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    Bachmann-Preis 2014: Porträts und Texte der TeilnehmerInnen
    Kerstin Preiwuß, Roman Marchel, Birgit Pölzl, Senthuran Varatharajah, Gertraud Klemm, Romana Ganzoni, Michael Fehr, Anne-Kathrin Heier, Olga Flor, Karen Köhler, Tobias Sommer, Tex Rubinowitz, Georg Petz, Katharina Gericke