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Sonntag, 01. Juli 2012

Da drüben, in der DDR

 

André Kubiczek hat mit seinem fünften Roman „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ zur alten Stärke zurückgefunden. Von Christoph Schröder

Als im Frühjahr 2002 Junge Talente, der Debütroman des 1969 in Potsdam geborenen André Kubiczek erschien, war das ein Versprechen. Kubiczek erzählte frisch, in einem schnoddrigen, aber absolut literarischen Ton von einem Parallelkosmos namens DDR; von einem jungen Menschen, der aus der Harzer Provinz aufbricht in ein Prenzlauer Berg-Berlin, das sich schon zum Zeitpunkt des Erscheinens in jenem unumkehrbaren Prozess befand, der mit dem unschönen Wort „Gentrifizierung“ beschrieben wird.

Es ging um Träume und Visionen, um eine künstlerische Bohème und um eine Form des hedonistischen Anarchismus, der auch ein Ausdruck von Opposition war. Berlin (Ost) und seine rasante Veränderung, auch durch den Umzug der Bundesregierung, die Kohlegebiete im Harz – all das sind stets Themen des Schriftstellers Kubiczek geblieben. Doch nach dem zweiten, ebenfalls starken Buch Die Guten und die Bösen kam man nicht umhin, Kubiczeks darauf folgende Romane mit dem Gefühl zu lesen, dass eine künstlerische Stagnation eingetreten sei.

Nun ist Kubiczeks fünfter Roman erschienen, knapp 500 Seiten dick. Und das Erfreuliche daran ist: Kubiczek hat zu seinen alten Stärken zurückgefunden, ohne den Topoi, um die er kreist, untreu zu werden. Allerdings hat er sie erweitert und durch eine weitere autobiografische Komponente ergänzt. Es ist, versteht sich, nicht nur das Was, sondern auch das Wie, das in Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn so überzeugend ist.

Es gibt eine Szene, in der sitzen Kubi, der Ich- Erzähler, und seine Freundin Katharina in einem glühend heißen Nachwendesommer in einem Hotelzimmer in Paris, vermeintlich angekommen am Ziel aller Wunschvorstellungen, jedenfalls ihrer. Paris also. Die große Kunst an allen Ecken; Realität löst sich auf in Filmszenen der Nouvelle Vague. Der ganze Klischeeapparat eben.

Er wiederum hasst die Stadt. Hat sie schon gehasst, als sie noch gar nicht hinfahren konnten, hat bereits die Vorstellung gehasst. „Klein, grau und duckmäuserisch“ sei er, Kubi, wird ihm vorgehalten; so wie der Staat, in dem sie aufgewachsen sind. „Als gäbe es“, denkt er sich, „keine originellere Sprache, die Vergangenheit zu beschreiben, die immerhin die Gegenwart unserer Kindheit gewesen war und auch die unserer Jugend, als gäbe es nur die dröge Sprache der Gegenpropaganda, das Zeitungsdeutsch der Zufallssieger.“

Demütigung und Degradierung

André Kubiczek hat zu diesem nichtpropagandistischen Sprechen gefunden, zu einer Erinnerungs- und Beschreibungssprache, die sich abhebt von dem, was man sonst und auch leider zu oft lesen musste über ein Aufwachsen im so genannten anderen Deutschland, da drüben, in der DDR. Das Ergebnis ist ein wunderbarer, komischer, ernsthafter Deutschland- und Bildungsroman und eine fernöstliche Abenteuergeschichte noch dazu.

Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn ist kein unpolitisches Buch. Es zählt und benennt die Verluste sehr deutlich – die Demütigungen der beruflichen Degradierung der ostdeutschen akademischen Eliten, zu denen die Eltern des Ich-Erzählers zählen. Oder auch die Umstrukturierung gewachsener Arbeiterwohnviertel in Wohlfühloasen der neuen Funktionselite der Berliner Republik.

Die diesbezüglichen Kapitel sind in ihrem journalistischen Reportagegestus im Übrigen die schwächsten des Romans. Man hat das zu oft gelesen, bei Kubiczek bereits und überhaupt. Man darf sich nicht täuschen lassen: Das Buch ist keineswegs ein nostalgisch aufpoliertes Stück Jugenderinnerung, keine Verteidigung der Kindheit im – aus heutiger Perspektive – falschen Staat.

Alles beginnt mit einer Flucht. Zu Beginn des Romans sitzt Kubi in einem Internetcafé in Vientiane, der Hauptstadt von Laos. Eine Mail an einen gewissen Kupfer, den wir im weiteren Verlauf noch näher kennenlernen werden, verrät zweierlei: Kupfer hat Kubi die Frau geklaut; Kubi hat Kupfer Geld geklaut, wovon allerdings ausreichend vorhanden gewesen sein muss, und sich aus dem Staub gemacht. Laos ist kein Zufall; es ist das Heimatland von Kubis Mutter. Sie ist die heimliche Heldin des Romans; sie zu begreifen, ihren Lebensweg nachzugehen macht der Ich-Erzähler sich nun auf und rollt dabei naturgemäß die eigene Familiengeschichte auf.

Kubiczek erzählt nicht chronologisch; er springt in den Zeiten; er nimmt sich Zeit; der Roman ist opulent, aber nicht zu dick; zumeist glänzend formuliert aber nie verschwätzt. Die Mutter, Tochter eines hochrangigen laotischen Politikers, der später einem Attentat zum Opfer fiel, hat der Vater während seines Studienaufenthaltes in Moskau kennengelernt. Sie geht, unter recht abenteuerlichen Umständen (eine charmante kleine Agenteneinlage) mit ihm zurück in die DDR, nach Potsdam, erkrankt in jungen Jahren an Krebs und stirbt früh. Ebenso ergeht es dem Bruder, der nach einem Unfall und mehreren verpfuschten Operationen sein Dasein in einem grenzdebilen Dämmerzustand verbringt.

Ein Paralleldeutschland

Es geht nicht um Aufrechnung, nicht um Abrechnung, sondern in jedem einzelnen der Kapitel um eine literarische Ich-Aufrechterhaltung, die stets in einer angemessenen Tonlage erarbeitet und erschrieben werden muss. Der etwa 70 Seiten umfassende „Kurze Bericht über die Liebe“, in dem der Ich-Erzähler, basierend auf einem mit dem mittlerweile desillusionierten und verbitterten Vater geführten Tonband-Interview, die Moskauepisode in den 60er-Jahren rekonstruiert, ist nicht nur ein kleines Virtuosenstück, eine Novelle im Roman sozusagen, sie erzählt auch eine Geschichte aus einem Paralleldeutschland.

Eine Geschichte, die aus der Perspektive einer strengen Westfixierung, aus der der „Zufallssieger“, höchst exotisch anmutet. Ähnliches gilt für die Militärzeit im Jahr 1988. Hier taucht auch jener Kupfer zum ersten Mal auf, als schikanöser, großmäuliger, aber nicht gänzlich unsympathischer Stubengenosse. 20 Jahre später wird er auf der Terrasse seines Hauses in der Rummelsburger Bucht stehen, weiterhin großmäulig, aber nicht mehr sympathisch.

Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn wird, das sei eingestanden, mitgetragen von einer Welle des biografischen Erzählens, auf der die deutsche Gegenwartsliteratur zur Zeit ohnehin surft. Doch sowohl Kubiczek als auch ein Erzähler-Alter Ego suchen im Erzählen den Ausweg; zwangsläufig, weil sie anders waren und anders sind.

Die DDR ist dicht; was darin war, ist abgeschlossen oder abgestorben, sei es das Aufbruchgefühl einer Heiner Müller-Bohème-Existenz, von der der junge Kubi einst getragen war; sei es die gut ausgestattete und erträgliche sozialistische Kleinbürgerexistenz der Großeltern, die im Roman eine Art Hortus conclusus bildet. Alles weg. Jetzt ist jetzt; jetzt ist Vientiane, Laos. Ein Wendepunkt zwischen Krise und Neubeginn. Exakt dorthin hat André Kubiczek uns in zahlreichen Wendungen geführt. Wir Leser sind sehr gerne mitgegangen.

 

André Kubiczek: Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn. Roman. Piper Verlag, München 2012. 480 Seiten, € 22,99 (D) / € 23,70 (A).

 

Christoph Schröder, Jahrgang 1973, lebt als freier Autor und Literaturkritiker in Frankfurt am Main. Er schreibt unter anderem für die Feuilletons der Zeit, der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen Zeitung.

 

 


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