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Montag, 12. Dezember 2011

Dichter unter Hochdruck

 

Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner.

„Mein Leben“, heißt es in seinem Tagebuch, „ist der unglückliche Versuch, ein Experiment zu überstehen.“ Und an anderer Stelle: „Ich bin geradezu süchtig danach unterzugehen!“ Schon vor Ausbruch seiner schweren Nierenkrankheit weiß Walter Buchebner, dass ihm „nur noch wenige Jahre“ bleiben; immer wieder klagt er darüber, sein Werk unvollendet hinterlassen zu müssen: „das sterben kommt wie ein stürmischer vers“. Und zu Silvester 1963 notiert er lakonisch: „1964 wird mein letztes Jahr!“

Als Dichter war Buchebner Früh- und Spätstarter zugleich: Einer, der, wie es sich für einen Lyriker gehört, schon mit zwölf Gedichte schrieb und sie später verbrannte; einer, der sich schon früh entschloss, sein Leben ganz „der Dichtung“ zu weihen; der sich mit Feuereifer auf die Weltliteratur stürzte und unter der provinziellen Enge seiner Herkunft litt. Er fand seinen ureigenen Ton aber erst spät. Jene Gedichte, die mit Fug und Recht als bedeutender Beitrag zur deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gelten können, entstanden in seinen letzten Lebensjahren.

 

Walter Buchebner, den der Kritiker Richard Reichensperger unter die „großen Außenseiter“ der Literatur nach ’45 reihte, wurde 1929 (also 17 Jahre vor Elfriede Jelinek) im obersteirischen Mürzzuschlag als Sohn eines katholischen Arbeiters geboren. 1945 entzog er sich der Einberufung zum Volkssturm durch Desertion. Nach der Matura übersiedelte er nach Wien und begann, Germanistik zu studieren. 1951 veröffentlichte Buchebner erstmals Gedichte in der Wiener Zeitschrift neue wege, in der damals viele später Berühmte wie Bernhard, Jandl oder Mayröcker debütierten. 1954 heiratete er eine Jugendfreundin und brach sein Studium ab. Er arbeitete unter anderem als Bauarbeiter, Fahrdienstleiter, Monteur, Telegrafist und Erzieher. Ab 1956 leitete er eine Wiener Städtische Bücherei. 1959 zeigten sich die ersten Symptome eines bösartigen Nierenleidens. 1962 erhielt er den Theodor-Körner-Preis für Lyrik.

In seinen letzten beiden Lebensjahren begann Buchebner unter dem Einfluss seines väterlichen Freundes, des Computerkunst-Pioniers Otto Beckmann, mit Tusche- und Ölmalerei. Trotz schwersten Schmerz- und Schlafmitteln konnte er schließlich nicht mehr arbeiten. 1964 nahm er sich in Paris das Leben. Erst postum erschienen die von Alois Vogel besorgten Bände zeit aus zellulose (1969) und die weiße wildnis (1974), 1994 gab die Walter Buchebner Gesellschaft, wieder unter dem Titel zeit aus zellulose, eine Gedichtauswahl heraus, die ebenfalls längst vergriffen ist.

Walter Buchebner, der mit religiös motivierten Arbeitswelt-Gedichten beginnt, verkörpert idealtypisch die Zerrissenheit seiner Generation, die ihm nach der NS-Katastrophe und dem moralischen Bankrott der Alten als „verlorene“ erscheint. In Wien findet er Zugang zum Kreis des einer konventionellen Ästhetik verpflichteten Remigranten Hermann Hakel. Buchebners Zeitkritik geriert sich zunächst als Klage eines existentialistisch angehauchten Romantikers über die USA-infiltrierte „Kinoplakat-“ und „Halbstarken- Kultur“ ohne haltbare Werte: „Wir aus den Bars und Espressos, / aus den Nachtlokalen und den Cafés. / Wir mit den Jacken aus Leder. / Wir ohne Gott und Gesetz“.

Literarisches Erweckungserlebnis

Mit seiner Verquickung eines an die zwanziger Jahre erinnernden antiurbanen Affekts mit der Kritik am Materialismus der Wiederaufbauzeit liegt Buchebner ganz im Trend der altklugen „jungen“ Lyrik der Nachkriegsjahre. Eine Parisreise beschert ihm 1960 sein literarisches Erweckungserlebnis: „Um 17 Uhr 15 entschließe ich mich, ab diesem Augenblick mit diesen sentimentalen Sterbe- und Liebesgedichten Schluß zu machen.“ Der Dichter als Schreck der Wirtschaftswunder- Knaben: die Selbstzufriedenen, die Saturierten sind nun Zielscheibe seiner Attacke. Buchebner stimmt in den Chor der kunstschaffenden Provinzler ein, die Wien in seinem „unbegreiflichen wohlstands-provinzialismus“ enttäuscht für provinziell erklären und sich nach Paris sehnen, dessen Anziehungskraft auf die im Dritten Reich intellektuell ausgehungerte deutsche und österreichische Jugend (Hertha Kräftner, Thomas Bernhard, Arnulf Rainer oder Maria Lassnig) damals ähnlich stark war wie jene, die heute von New York ausgeht. Bei aller Euphorie siedelt Walter Buchebner seinen poetischen Standort prägnant „zwei millimeter neben paris“ an. Gelernt hat er dort jedenfalls, dass man nicht alles lernen kann, so nützlich Fleiß und Wißbegier sein mögen: „müßiggang ist aller dichtung anfang!“

In seinen Gedichten figuriert die Stadt Wien nun einerseits allegorisch als Hure und steht so für ein ganzes Land, das im Namen des Wirtschaftsaufschwungs – politisch, touristisch, kulturell – auf den Strich geht. Andererseits entwirft Buchebners lyrisches name-dropping eine ganz konkrete Wiener Topografie, von den Szene-Lokalen, Adebar, Hawelka, Fattys Saloon, bis zum Friedhof von St. Marx. Sich selbst führt der begeisterte Ornithologe als Eule in die bizarre Szenerie ein, als ebenso distanzierte wie aufmerksame, schaurige Beobachterin.

Obwohl Namen wie Helmut Qualtinger und Hans Weigel (der Kritiker) das Zeitkolorit verstärken, erscheinen Buchebners nekrophil-melancholische Viennensia heute nicht antiquiert. Sein düsteres Wien-Bild ist noch keine abgegriffene Schwarz-Weiß-Postkarte im Ramschladen der Anti-Literatur. Artmanns med ana schwoazzn dintn ist gerade erst (1958) erschienen, und den Kampf gegen Walzer-Klischees umgibt noch der Hauch der Pioniertat. Der Dichter untersucht „das wiener blut zur zeit der demokratie“ und diagnostiziert wässrigen Heurigensaft.

Walter Buchebners Spätwerk ist geprägt von Aggression, von einer kaum unterdrückbaren Wut: eine heiße Poesie mitten im Kalten Krieg. Zwei Typen von Gedichten dominieren: zum einen die ironisch-satirische Vignette, in der Örtlichkeiten, Zeitereignisse, Personen beim Namen genannt und merkwürdig sperrige, überreizte, überspannte, nach herkömmlichem Empfinden „unlyrische“ Formulierungen ausgestellt werden, etwa: „versorgt mit medikamenten und zynischer hoffnungslosigkeit“. Oder: „nachts fällt taumelnd atheistischer schnee auf europas neurotische ten-nessee-williams-fluren“. Hierher gehören auch die von den amerikanischen Beat-Poeten Allen Ginsberg und Jack Kerouac beeinflussten Hymnen in freien Rhythmen. Zum anderen gibt es das Gedicht in der Tradition des schlichten Vagantenliedes à la François Villon, das individuelles Leid unsentimental zusammenfasst und zugleich den Außenseiter als Stachel im Fleisch der Stadt vorführt. In „ich kann nicht schlafen wien“ heißt es: „am liebsten möchte ich / bomben in deine ohren stecken / und eine handvoll granaten in deine suppe / und dann durch die hintertüre verschwinden / wenn ich dich nur anspornen könnte / dich stadt im fetten walfischbauch“.

Genüsslich ausgemalte Gewaltbilder

Buchebners Verse strotzen von genüsslich ausgemalten Gewaltbildern, von Darstellungen einschneidender Methoden, wie man den Satten und Verfetteten zu Leibe rücken könnte. Zu dem, was heute als das Revolutionäre in der Literatur dieser Zeit gilt, ging Buchebner freilich auf Distanz, und das mag mit dafür verantwortlich sein, dass er im gegenwärtig gültigen Kanon der österreichischen Nachkriegsliteratur nicht vertreten ist: In seiner feindlichen Haltung gegen die Wiener Gruppe um Artmann, Rühm & Co., die er in seinem Tagebuch „die verrückte Gruppe“ nennt, trifft Buchebner sich mit deren konservativen Kritikern. Ihm ist es nicht darum zu tun, gegen die Mitteilungsfunktion der Sprache aufzubegehren, er will die Gesellschaft angreifen, in der „adolf hitlers gespenst“ umgeht, direkt, ohne philosophische Subtilität, und dazu sind ihm die bewährten sprachlichen Mittel gerade recht. Er macht die hinter der kaisergelben Fassade versteckte braune Zeit zum Thema, als dies noch ganz und gar nicht zum guten Ton gehört. „man stimmt das gedächtnis wie ein klavier / dezent auf vergessen“, lautet sein Urteil – und: „die zukunft emigriert in die geschichte“. Die Geschichte, das sind die Habsburger.

Nach der Meinung Wendelin Schmidt-Denglers gibt es wenig österreichische Lyrik aus den sechziger Jahren von ähnlich nachhaltiger Wirkung wie die Buchebners. Nicht zuletzt hätten sich seine „polemischen Ziele“ (von der „etwas verwahrlosten universität“ bis zum Parteienproporz) als haltbar erwiesen. Bei der Intensität, mit der hier „die Bilder ausgeschüttet werden“, sei es erstaunlich, wie wenig Peinliches ihm in seinem „Kampf um die Metapher“ unterlaufen sei. Der zehn Jahre ältere Dichterkollege Michael Guttenbrunner sagte über Buchebner: „Die Gedichte sind voller Gebärdenspiel und Gestikulation. Er übt Prophetenamt aus. Der Kessel steht unter größtem Druck, und er legt immer noch nach und faucht in die Flammen.“

Seinem ironischen Selbstbild eines „abendländischen halbintellektuellen“ zum Trotz stilisiert das lyrische Ich sich ganz ernsthaft zum Rebellen par excellence. Noch seinen Tod bezeichnet Buchebner, ganz im Sinne von Albert Camus, als „meine totale revolte“.

 

Daniela Strigl ist Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin in Wien. Zuletzt gab sie den Band Walter Buchebner: ich die eule von wien. heraus (Edition Atelier, 2011)

 


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    Donnerstag, 16. Oktober 2014 

    VT_3_14_Cover

    AUSGABE 3/2014

    „Das Vergessen ist eine Illusion“
    Nino Haratischwili im Gespräch mit Insa Wilke über ihren Jahrhundert-Roman Das achte Leben (Für Brilka).

    Alles voll kalter Gefühle   
    Herta Müller im Gespräch mit Angelika Klammer über die Verhörmethoden der Securitate

    Jeder hinkt für sich allein
    Robert Seethalers fatalistischer schmaler Roman Ein ganzes Leben. Von Christoph Schröder

    Paroli geboten   
    Klaus Zeyringer im Gespräch mit Ludwig Laher über dessen Roman Bitter 

    Keine Schreibmaschine, keine Signierstunde
    Gisela Trahms im Gespräch mit dem Julien Gracq-Übersetzer Dieter Hornig

    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Staub über Hamburg
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Erkundungen im Möglichkeitsraum
    Ernst-Wilhelm Händlers Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument. Von Andreas Puff-Trojan

    Neulich
    Von Andreas Maier

    Noten  
    Eine Erzählung von Thomas Ballhausen

    Die Bewohner von Château Talbot   
    Von Arno Geiger

    Maschinelle Zukunftsprognose   
    Alban Nikolai Herbst über das Haus der Halluzinationen von Lars Popp

    Writer at Large   
    In den Rettungsbooten. Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Wälzer-König von Amsterdam
    Detlev van Heest über J. J. Voskuils monumentalen Roman Das Büro

    Laienherrschaft – in Klagenfurt und anderswo   
    Zum aktuellen Status von Literatur und Literaturkritik. Von Felix Philipp Ingold

    Der Nachhall von 9/11   
    Mit Der Distelfink ist Donna Tartt ein facettenreicher Roman gelungen. Von Clarissa Stadler

    Schreiben 2020
    Mit Texten von: Marion Poschmann, Thomas Melle, Ulrike Draesner, Thomas Hettche, Marcel Beyer, Teresa Präauer, Philipp Schönthaler, Benjamin Stein, Matthias Nawrat, Daniela Seel, Gunther Geltinger