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Mittwoch, 07. Dezember 2011

Sebalds Neger

 

Vor zehn Jahren starb W.G. Sebald am Höhepunkt seines literarischen Erfolgs. Sein Stern steigt seitdem unaufhaltsam weiter, aber die Vereinnahmung als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seiten. Von Uwe Schütte

Gegen den Berufsstand, dem er selbst angehörte, verfügte W.G. Sebald über ein höchst gesundes Maß an Misstrauen. Die Germanistik als Zunft – wenngleich nie die Philologie als Disziplin an sich – schmähte und attackierte er bei zahlreichen Gelegenheiten. Und dies von Anfang an. Bereits in seiner 1969 veröffentlichten Magisterarbeit über den Wilhelminischen Dramatiker Carl Sternheim, den er einer Radikalkritik unterzog, monierte er: Andauernd werde „die Bedeutung Sternheims bekräftigt, ohne daß man sich je kritisch mit ihm auseinandersetzte. Das scheint mir symptomatisch für die deutsche Literaturkritik, die stets bereit ist, einen vom Hitlerregime diskreditierten Autor zu rehabilitieren, wahrscheinlich, weil sie von dem untergründigen Gefühl verfolgt wird, daß ihre eigene Rehabilitation noch nicht zur Genüge vollzogen sei.“

 

 

Damit legte Sebald den Finger auf einen wunden Punkt: Die braune Erblast der Talarträger der Nachkriegszeit zwang sie zu einem unkritischen Blick auf alle Autoren, die Repressalien der Nazis ausgesetzt waren. Dass eine oder zwei Professorengenerationen später eine weitgehend linksliberal erneuerte Germanistenschaft sich dann ebenso unkritisch gegenüber (vermeintlichen) Opfern der Nazizeit verhielt, hat Sebald 1993 zum Kernpunkt seiner Polemik gegen Alfred Andersch gemacht, der ihm als ein exemplarischer Fall erschien: 1943, auf dem Höhepunkt des Holocausts, hatte er seine jüdische Frau samt Tochter verlassen, um eine Schriftstellerkarriere im Nazi-Staat machen zu können. Doch das schien niemand zu interessieren oder zu stören.

 

Über dreißig Jahre hinweg, in denen Sebald ein hauptberuflicher Literaturwissenschaftler war, hat er sich sein Misstrauen gegen die Verhältnisse in der akademischen Germanistik wie im feuilletonistischen Literaturbetrieb erhalten. Wie berechtigt diese Vorbehalte waren, zeigte sich als Sebald im Jahre 1990 am Bachmann-Wettbewerb teilnahm. Vorgetragen hatte er die semi-authentische Paul Bereyter- Geschichte aus Die Ausgewanderten. Mit leeren Händen kehrte Sebald nach Norwich zurück. Wie Daniel Kehlmann in einer kleinen Polemik zu Recht hervorhob, war das eine veritable Blamage für den Literaturbetrieb, denn die hochkarätige Jury ehrte Birgit Vanderbeke mit dem Hauptpreis und sprach die restlichen fünf Auszeichnungen solchen heute schon mehr oder weniger vergessenen Autoren wie Franz Hodjak, Ludwig Roman Fleischer, Cornelia Manikowsky oder Pieke Biermann zu.

Signifikant ist die causa aber vor allem deshalb, weil sich anhand der Zusammensetzung der damaligen Jury exemplarisch die personellen Verflechtungen des deutschsprachigen Literaturbetriebs nachzeichnen lassen. Mit zwei der Jurymitglieder, Hellmuth Karasek und Peter von Matt, war Sebald bereits bekannt, denn er hatte, im Kontext des von ihm entfachten Skandals um Sternheim, mit den beiden Kritikern im Februar 1971 an einer Diskussion im Schweizer Rundfunk teilgenommen, wo er seine kritischen Vorbehalte an Sternheim verteidigte.

,Nachwuchsschriftsteller‘ aus England

Neunzehn Jahre nachdem sich die drei Germanisten erstmals in einem Zürcher Rundfunkstudio begegnet sind, sitzen dann der etablierte Kritiker aus Hamburg und der Züricher Professor zu Gericht über den ‚Nachwuchsschriftsteller‘ aus England. Ihr Urteil fällt deutlich aus: Während von Matt den Text von Sebald konsequent befürwortet, votiert Karasek konsistent gegen ihn. Wenige Monate später sitzt Karasek dann in der Unterhaltungssendung „Das literarische Quartett“ und sagt über Die Ausgewanderten: „Ich habe ganz, ganz selten bei der Lektüre […] wirklich so innegehalten wie bei diesem Buch und gedacht, ich bin sehr dankbar, dass ich das lesen musste. Ich habe ein Stück bedeutende Literatur entdeckt.“

Wen könnte es angesichts solcher Perfidien, Kurswechsel und literaturkritischer Offenbarungseide erstaunen, dass Sebald darauf Wert legte, seine skeptische Distanz zum deutschen Literaturbetrieb zu erhalten. Es ist daher von umso größerer Ironie, dass ausgerechnet ein solch dezidierter Kritiker der deutschen Literaturkritik zum ihrem Liebling avancieren sollte. An Vergleichen mit literarischen Größen mangelte es nie in den Rezensionen und Essays, insbesondere wenn sie aus dem angloamerikanischen Raum kamen. Es finden sich da inter alia Referenzen auf Nabokov, Naipaul, Eco, Borges, Calvino, Bernhard, Kafka, Poe, Proust und andere mehr.

Unisono also eine Aufnahme in die exklusive Riege der größten Autoren der Gegenwart. An den Universitäten hat es etwas gedauert, bis man ihn kanonisierte, aber seit einigen Jahren ist Sebald aus den Seminaren in Deutschland, England und den Vereinigten Staaten nicht mehr wegzudenken. Allerdings lief Sebalds Siegeszug in der Literaturwissenschaft vor allem über die Wahrnehmung als ‚Holocaust-Autor‘ ab; ein Label, gegen das er sich immer verwehrt hat. Der einflussreiche US-Kritiker Richard Eder etwa hatte Sebald in seiner einen Monat vor dessen Tod in der New York Times Book Review erschienenen Austerlitz-Rezension gar an der Seite von Primo Levi zum „prime speaker of the holocaust“ erhoben.

Im anglophonen Raum gilt er insofern als Verkörperung der Wunschfigur des ‚guten Deutschen‘ und die Briten hielten sich natürlich zugute, dass sein Talent auf ihrer Insel herangereift war, wenngleich sie nie verstanden, warum er sich – anders als Conrad oder Nabokov – so beharrlich weigerte seine Bücher in ihrer Sprache zu schreiben. In Deutschland wiederum sahen nicht wenige in ihm eine Art Messias aus dem Allgäu, der durch seine Bücher, insbesondere Austerlitz, die deutschjüdische kulturelle Symbiose wiederherstellte in Form einer Art literarischer Restitution der von den Nazis begangenen Verbrechen.

Aber damit dergleichen Stilisierung funktioniert, muss natürlich alles exorziert werden, was nicht ins hehre Bild des Gutmenschen und Holocaust- Autoren passt – Aussetzer, Aberrationen, Fehlleistungen, die das Porträt des Literaturhelden Sebald nur unnötig stören. Und das gilt im Großen wie im Kleinen. Also nicht nur die Interventionen wie die Andersch-Polemik oder die kontroversen Thesen zu Luftkrieg und Literatur, sondern auch Textstellen oder Motive, in denen sich der störrische Eigensinn Sebalds dokumentiert.

Schwarzer Holocaust-Kitsch

 

Dergleichen nämlich gibt es viele, und einige von ihnen sind zwangsläufig zum Gegenstand der Diskussion von Literaturwissenschaftlern wie Kritikern geworden. Ein paar Beispiele dafür: die Analogisierung von Heringsfang und Holocaust unter dem Vorzeichen gnadenloser Ausrottung, die geschmacklose Verknüpfung der brutalen belgischen Kolonialpolitik im 19. Jahrhundert mit einer überdurchschnittlichen Frequenz körperlicher Behinderungen unter Belgiern in der Gegenwart oder die als schwarzer Holocaust-Kitsch geschmähte Verbindung der Ramschgegenstände in einem Theresienstädter Trödelladen mit dem Schicksal der Insassen des Konzentrationslagers.

 

 

 

Es ist von bitterer Ironie, dass mit Sebalds Texten genau das passierte, was er immer an der Germanistik beanstandet hat, nämlich die Ausblendung unliebsamer Aspekte, weil es mehr darum geht ein (vor-)bestimmtes Bild zu befestigen als einen Text wirklich kritisch zu lesen. Immer wieder taucht in Sebalds Werk Inkommensurables auf, das gelegentlich auch für Verwunderung oder Irritation sorgt. Exemplarisch dafür ist ein Punkt, der bisher bewusst umgangen wurde. Vielleicht, weil sich darin die Problematik der Verklärung Sebalds zum Philosemiten in quasi inverser Form zeigt. Was ich meine, sind Sebalds ‚Neger‘. Menschen schwarzafrikanischer Herkunft mit diesem verpönten Begriff zu bezeichnen, gehört seit den siebziger Jahren zweifellos zu den zentralen Geboten politischer Korrektheit. Sebald aber verwendet ihn durchgängig in seinem literarischen Werk. Und dies mit einer Unbeirrbarkeit, die von fast schon provozierender Insistenz ist.

 

In Schwindel. Gefühle. beschreibt der Erzähler gegen Ende, wie er nach dem Besuch der National Gallery gen Liverpool Street Station geht, als er an den Eingang jener geisterhaften, immer menschenleeren U-Bahn-Station gelangt, die offenkundig eines der vielen Portale in die Unterwelt darstellt, die es in Sebalds Werk gibt. Unsicher, ob er die Station betreten soll, blickt der Erzähler in „die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war.“ Nicht nur der anstößige Begriff fällt hier, auffällig ist auch die über die Todesfarbe schwarz vermittelte Assoziation der Afro-Londonerin als Wächterin des Eingangs zum Totenreich.

 

Dieselbe Assoziation taucht nochmals in anderer Konstellation im nachgelassenen Campo Santo- Material auf. Am Ende einer bewegenden Passage erinnert sich Sebald an den Tod seines Großvaters und setzt seine „Trauerlast“ in Relation zu der Begegnung mit den „irgendwie undeutlichen und unpassenden Wesen“, die nichts anderes sind als die Gespenster der Toten, und die

 

 

„etwas eigenartig Abwartendes und Lauerndes an sich haben und auf ihren Gesichtern den Ausdruck tragen eines uns gramen Geschlechts. Es ist noch nicht lange her, da stand vor mir in der Kassenschlange eines Supermarkts ein sehr dunkelhäutiger, tatsächlich fast kohlrabenschwarzer Mensch […] Wahrscheinlich gestern erst zum Studium nach Norwich gekommen aus Zaire oder Uganda, dachte ich mir und vergaß ihn bis, gegen Abend desselben Tags, die drei Töchter eines unserer Freunde an der Haustür klopften und die Nachricht brachten, daß ihr Vater vor Morgen an einem schweren Herzschlag gestorben sei.“

 

 

Sebalds Allegorisierung des afrikanischen Studenten zum Todesboten, so konstatiert die Literaturwissenschaftlerin Anne Fuchs, kippt „unfreiwillig ins Rassencliché vom ‚schwarzen Mann‘“. Wie ein solches Klischee zu bewerten ist oder in den Zusammenhang passt, wird nicht weiter kommentiert, sondern – so insinuiert auch die Relegierung der Beobachtung in eine Fußnote – eher als Aussetzer bewertet.

 

 

Sebald geht aber nicht nur am Beginn und Ende seines Werks bemerkenswert unbekümmert mit dem Thema um. In der Ambros Adelwarth- Geschichte aus Die Ausgewanderten kommt der ‚Neger‘-Begriff an gleich zwei Stellen vor: Zunächst im Zusammenhang mit den Kindheitserinnerungen des Erzählers an die US-Besatzer im Allgäu, deren lockere Lebenseinstellung den spießigen Normen der Deutschen völlig konträr lief:

 

 

„Die Weiber gingen in Hosen herum und warfen ihre lippenstiftverschmierten Zigarettenkippen einfach auf die Straße, die Männer hatten die Füße auf dem Tisch, die Kinder ließen die Fahrräder in der Nacht im Garten liegen, und was man von den Negern halten sollte, das wußte sowieso kein Mensch.“

 

 

Natürlich spricht eminente Sympathie aus dieser Beschreibung, und der Schlussbogen über die afroamerikanischen GIs ahmt mit offensichtlich ironischem Gestus die Bemerkungen nach, die seinerzeit unter den Sonthofenern umgingen. Auch ein anderer Punkt ist hier zu bedenken: Dass ein wesentliches Element von Sebalds Poetik die Bewahrung eines überholten Sprachbestands darstellt – was er in Interviews sowohl mit seiner Emigration ins fremdsprachige Ausland und seiner Aversion gegen das moderne Deutsch begründete –, ist oftmals positiv hervorgehoben worden. In diesem Fall wird der Leser geradezu darauf gestoßen, dass der Begriff nicht abwertend gemeint ist, sondern eine positive Umpolung erfährt.

 

 

Noch eindeutiger ist die Sympathie für die von ‚Weißen‘ in chauvinistischer Weise abgewerteten ‚Schwarzen‘ zu Beginn von Austerlitz. Dort beschreibt der Erzähler das während der Kolonialzeit errichtete Bahnhofsgebäude von Antwerpen. Auf einem der Erkertürme thront als verharmlosendes Sinnbild imperialistischer Ausbeutung ein mit „Grünspan überzogener Negerknabe, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben […] seit einem Jahrhundert allein gegen den flandrischen Himmel steht.“ Es ist dies eine Einsamkeit, in der sich selbstredend auch die soziale Isolation migrantischer Gruppen in den europäischen Gesellschaften spiegelt.

 

 

Doch zurück zur Adelwarth-Geschichte. Rund 50 Seiten später befinden wir uns im Jahr 1984; ein Zeitpunkt, an dem das N-Wort längst ein verpönter Begriff ist: Der Erzähler fliegt nach Amerika, um nach Ithaca, New York State, zu gelangen, wo das Sanatorium steht, in dem Cosmo und Ambros Adelwarth ihr trauriges Ende fanden. In einem Straßenkreuzer fährt er auf dem Highway, die angesichts der menschenleeren Gegend bizarre Geschwindigkeitsbegrenzung streng einhaltend, dabei nahezu im Gleichschritt mit einem Auto auf der Nachbarspur: „Ich befand mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herz geschlossen hatten“.

 

 

Erneut eine dezidiert sympathische Schilderung, in der das tabuisierte Wort aber umso mehr irritiert. Warum also verwendet es Sebald? Eines zumindest ist sicher: Ein Rassist war er auf keikeinen Fall. Auch leichtherzige Naivität in xenophobischen Angelegenheiten wird man ihm kaum bescheinigen. Doch gerade dies rückt die Frage, warum er in seinen literarischen Texten so insistent von ‚Negern‘ spricht und nur ein einziges Mal auf das kommensurablere ‚Afrikaner‘ ausweicht. (Übrigens benutzt er im literarischen Werk auch durchgehend den Begriff ‚Zigeuner‘ anstelle von ‚Sinti und Roma‘.)

 

Aversion gegen Diskurszwänge

 

Eine definitive Erklärung habe ich nicht anzubieten. Dafür aber ein paar Konjekturen: Vielleicht hatte es mit seiner Aversion gegen die gerade an britischen Universitäten aufgenötigten Diskurszwänge politischer Korrektheit zu tun, die etwa vorschreiben wollen, im Seminar nicht den Begriff ‚brainstorming‘ zu benutzen, weil dieser an Epilepsie leidende ‚StudentInnen‘ diskriminieren könnte, weshalb die Metapher ‚thought shower‘ vorzuziehen sei. Von ‚Afroeuropäern‘ zu sprechen, wie man dies vereinzelt in literarischen Texten insbesondere österreichischer Autoren findet, war jedenfalls keine Sache Sebalds.

 

Erklärtermaßen ging es Sebald darum, seinen Lesern bewusst Stolpersteine in den Lesefluss zu legen, etwa durch ellenlange Listen, einmontierte Fotos oder aus der Mode gekommene Wörter, um sie für den literarischen Charakter seiner Texte zu sensibilisieren. Ein solcher Effekt lässt sich aber auch durch die Verwendung verpönter Bezeichnungen erreichen. Indem man über die ‚Neger‘ stolpert, wird einem im Übrigen auch in Erinnerung gerufen, dass durch political correctness das Problem sozialer Integration und das Fehlen einer Chancengleichheit für Minderheiten ja nur sprachlich entsorgt, aber nicht politisch gelöst wird. 

Auf den kulturhistorischen Umstand, dass die Entstehung der das N-Wort enthaltenden Texte Sebalds koinzidiert mit der in der afroamerikanischen Populärkultur als subversive Strategie benutzten Selbstbezeichnung nigger durch Musikgruppen wie Public Enemy und insbesondere den Gangsta-Rappern N.W.A. (Niggaz With Attitude) sei hier nur in Parenthese verwiesen, da er diese Entwicklung kaum wahrgenommen haben dürfte. Zumindest unterstreicht dies, dass sich in den achtziger Jahren unter den ‚Schwarzen‘ ein Bewusstsein für die Übertünchung sozialer Exklusionen durch politisch korrekte Sprachformen herausgebildet hatte.

 

 

In ähnlicher Weise mag man auch die auffällige Verbindung schwarzhäutiger Personen mit dem Tod bei Sebald verstehen: Es erinnert uns daran, dass trotz aller tolerant-antirassistischen Einstellungen ein wohl anthropologisch verankerter Rest bleibt, der in Menschen mit schwarzer Hautfarbe das ‚Andere‘ unserer ‚weißen‘ Gemeinschaften erkennt, sodass in der Begegnung mit ihnen ein kurzer, von unserer Ratio sogleich unterdrückter ‚Schrecken‘ entstehen mag, der vielleicht umkodiert als Erinnerung an den Tod an die Oberfläche tritt.

 

 

Die Schriften des heute nahezu vergessenen Paläoanthropologen Rudolf Bilz, in denen es häufig um evolutionspsychologische Fragen der Herkunft und des Umgangs mit Angstregungen geht, die aus dem Kontakt mit Normabweichlern entstehen, hat Sebald in seinen literaturkritischen Schriften wiederholt zitiert. Das kulturanthropologische Phänomen einer diskriminierenden Markierung von Minderheiten und Außenseitern beschäftigte ihn nachdrücklich: Eines der Bücher, die er mir ausdrücklich zur Lektüre empfahl, war Christian Enzensbergers Größerer Versuch über den Schmutz. Darin geht es an zentraler Stelle um die Konstruktion schwarzer Hautfarbe als Insignium eines sozialen Makels, den der Betroffene schlichtweg nicht abzuwaschen vermag.

 

 

 

Sebalds ‚Neger‘ gehören im Übrigen in eine ganze Reihe politischer Inkorrektheiten, die sich Sebald in Texten wie Interviews geleistet hat – etwa wenn er in Austerlitz den unter Hitler erfolgten faschistischen ‚Aufbruch‘ der Deutschen dem biblischen Auszug der Juden unter Moses analogisierte oder in seinem letzten Interview die These vertrat, er sehe den Holocaust „durchaus nicht als ein Unikum an“ – offensichtlich um darauf aufmerksam zu machen, dass die Welt und der Umgang der Menschen untereinander doch komkomplexer ist, als sich jene ausmalen, die immer genau wissen, was richtig oder was falsch ist. Und daher wollen, dass wir nach ihrer Pfeife tanzen.

 

 

 

Peter von Matt gab dem Filmemacher Thomas Honickel nach dem Tod des Schriftstellers auf die Interview-Frage „Was hätten Sie von Sebald noch erwartet?” zur Antwort: „Das kann ich nicht sagen, aber er war einer, dem man eigentlich alles zutraute, weil man wusste ja nie genau, was kommen würde.“ Solche Unberechenbarkeit ist ein Teil des Sebald’schen Eigensinns, der der deutschen Literatur neue Perspektiven eröffnete und ein Werk schuf, dessen aufklärerischer Impuls nur dann ganz erfasst wird, wenn man die Texte ernst nimmt mit allen herausfordernden Widersprüchen und inkommensurablen Kanten.

 

 

W.G. Sebald: Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen. Eichborn, Frankfurt a. M ain 2001. 356 Seiten, € 22,90 (D) / € 23,60 (A).


W.G. Sebald: Austerlitz. Roman. Hanser, München 2001. 424 Seiten, € 23,50 (D) / € 24,20 (A).


Uwe Schütte ist Dozent für Germanistik an der Universität Aston und hat bei W.G. Sebald über Gerhard Roth promoviert. Soeben ist der Band W.G. S ebald: Einführung in Leben & Werk (UTB, 2011) erschienen.

 


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    Donnerstag, 16. Oktober 2014 

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    AUSGABE 3/2014

    „Das Vergessen ist eine Illusion“
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    Herta Müller im Gespräch mit Angelika Klammer über die Verhörmethoden der Securitate

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    Von Arno Geiger

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    Zum aktuellen Status von Literatur und Literaturkritik. Von Felix Philipp Ingold

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    Mit Der Distelfink ist Donna Tartt ein facettenreicher Roman gelungen. Von Clarissa Stadler

    Schreiben 2020
    Mit Texten von: Marion Poschmann, Thomas Melle, Ulrike Draesner, Thomas Hettche, Marcel Beyer, Teresa Präauer, Philipp Schönthaler, Benjamin Stein, Matthias Nawrat, Daniela Seel, Gunther Geltinger