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Donnerstag, 08. Dezember 2011

Geld und Erlösung

 

Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

Broch ist immer noch der am wenigsten bekannte Vertreter einer österreichischen literarischen Moderne, die sich mit den Namen Kafka, Musil und Canetti verbindet. Das liegt daran, dass das Brochsche Werk aufgrund seines Zwittercharakters zwischen Erkenntnistheorie, Kulturkritik und Literatur beim Lesen Widerstände provoziert.

In seinem in der Einschätzung Thomas Bernhards besten Buch, im Esch-Teil der in den Jahren 1931/32 erschienenen Schlafwandler- Trilogie, verzweifelt der Buchhalter Esch über der Tatsache, dass in der Welt die Rechnungen nicht ebenso glatt aufgehen wie in den Kontobüchern. Die reibungslose Buchführung gelang auch dem von den Nazis ins Exil getriebenen Autor nicht. Vieles blieb Fragment, und die literarische Produktion, darunter eines der kühnsten literarischen Experimente in der Geschichte der modernen Literatur, der Roman Der Tod des Vergil, wurde von zunehmenden Zweifeln begleitet. Doch genau das macht diesen Schriftsteller so faszinierend.

Geschäftsführer im Familienunternehmen

Hermann Broch gehörte jener Schicht assimilierter jüdischer Textilunternehmer an, deren Geschichte noch heute an der Topografie Wiens rund um den Wiener Rudolfsplatz und entlang des Franz-Josef-Kais im ersten Gemeindebezirk abzulesen ist. Ende des 19. Jahrhunderts siedelte sich in diesem urbanen Neubauviertel eine Reihe von Textilindustriellen und Großhändlern an. Bis in die 1960er-Jahre kam es zum Zuzug von vor allem osteuropäischen jüdischen Geschäftsleuten. Bei genauerem Hinsehen finden sich noch vergilbte Aufschriften und vor sich hin dämmernde Auslagen mit Unterwäsche Kollektionen, die nie wieder modern sein werden.

Die Fabrikationsstätten lagen außerhalb, im Falle der Brochs im südlich von Wien gelegenen Teesdorf. Hier beschäftigte die Familie, deren Geschäftsführer der Unternehmer wider Willen von 1907 bis zum Verkauf im Jahre 1927 war, in ihrer Spinnfabrik zeitweise mehrere tausend Arbeiter. Auf historischen Fotos ist der Direktor im weißen Sommeranzug zwischen seinen Arbeitern im Sonntagsstaat zu sehen; wenn man es nicht wüsste, es wäre schwer zu sagen, wer hier Arbeiter und wer der Herr Direktor ist. Broch engagierte sich in der Arbeiterwohlfahrt und in der örtlichen Politik.

Die Erfahrung in sozialpartnerschaftlichen Schlichtungsstellen, die permanente Herausforderung durch ökonomische Krisen, der Rationalisierungsdruck und schließlich der Widerwillen gegen die als Fron empfundene Tätigkeit als Geschäftsmann prägten Brochs Leben über Jahrzehnte. Dass es ihm mit seiner Ende der 1920er-Jahre entstandenen Trilogie Die Schlafwandler gelang, die europäische Wertekrise im Zusammenhang der ökonomischen und industriellen Umwälzungen exemplarisch zu beschreiben, hat in dieser ökonomischen Biografie seinen Grund.

 Bereits 1919 verfasste Broch einen Essay mit dem Titel „Konstitutionelle Diktatur als demokratisches Rätesystem“, ein Versuch, zwischen den radikalsozialistischen kurzlebigen Räterepubliken nach dem Ersten Weltkrieg, der beginnenden Diktatur des Bolschewismus und einem krisenanfälligen Kapitalismus theoretisch zu vermitteln. Das führte zu einer Annäherung an die Theorie und Praxis des österreichischen Austromarxismus, wobei Brochs Denken sich nie ganz von autoritären Vorstellungen zu lösen vermochte.

Sein Lebensthema wurde die Frage, wie Massenwahn entsteht, was mit der „Seele“ in der Moderne passiert. Unter dem Eindruck des in Europa siegreichen Faschismus kam es im amerikanischen Exil zu einer Initiative – The City of Man. A Declaration of World Democracy –, die von so berühmten Emigranten wie Thomas Mann und Albert Einstein mitgetragen wurde. Broch war für den wirtschaftspolitischen Teil verantwortlich. Doch auch als Wirtschaftstheoretiker war er zutiefst davon überzeugt, dass es für den Aufbau einer neuen Weltordnung unabdingbar ist, die innerpsychische Dynamik, das Fortleben archaischer Restbestände und die Jahrhunderte übergreifenden Prozesse der Säkularisierung und der Aufsplitterung von Wertesystemen mitzudenken.

Antipoden: Broch und Canetti

Wie eng Geld, Ökonomie und Erlösung in der literarischen Fantasie der 1930er-Jahre zusammenhängen, zeigt sich deutlich bei den befreundeten Antipoden Broch und Canetti: Satirisches Kapital schlägt Broch im Esch-Teil der Schlafwandler wie Canetti in seinem 1931 fertig gestellten Roman Die Blendung aus der Konfrontation ökonomischer und religiöser Motive. Eschs Einsatz für ein Projekt, in dem es um die Organisation von Damenringkämpfen geht, ist weniger seinem ökonomischen Interesse geschuldet, als vielmehr dem diffusen Impuls, die Schaustellerin Ilona zu erlösen. Was Broch hier gelingt, ist die romanhafte Durchführung der psychodynamischen Dialektik von Schmutz und Reinheit: Das schmutzige Geld soll in der Wahnwelt des von Erlösung träumenden Kleinbürgers Esch dazu dienen, die Reinheit eines gefallenen Mädchens wiederherzustellen.

Das Geld entfaltet Macht aufgrund seines Verheißungscharakters. Wenn sich mit Geld nicht quasireligiöse Vorstellungen verbinden ließen, käme der Warenverkauf ins Stocken. Davon zeugen bei Canetti der Büchererlösungsglaube seines Protagonisten Kien und der Traum vom gelobten Land Amerika, den der Zwerg Fischerle träumt. Aber Geld ist promiskuitiv, es legt sich mit vielen Wahrheiten ins Bett. Darin besteht Kiens und Fischerles Fehler (und übrigens auch Eschs), dass sie an die Einzigartigkeit ihres Wahns glauben und nicht mit parallelen Wahnwelten rechnen.

Broch macht sich in den Schlafwandlern die Doppelbödigkeit alltagssprachlicher Wendungen und Begriffe zunutze, deren einerseits konkret-ökonomische, andererseits religiöse Bedeutung: Die Buchführung, gar die doppelte, die offene Rechnung, die beglichen werden muss, Begriffe wie Schuld und Gerechtigkeit steuern das Verhalten der Figuren. Geld ist in den Brochschen Romanen ein Ersatz für das aus dem Lot gekommene Gleichgewicht der Seele.

Dass der assimilierte jüdische Großstädter und ehemalige Textilunternehmer Broch nach der Schlafwandler-Trilogie, mit der er sich in die Geschichte der modernen Literatur eingeschrieben hatte, Mitte der 1930er-Jahre das ideologisch und ästhetisch belastete Modell des Heimatromans als Instrument der Zeitanalyse wählte, ist bemerkenswert. Brochs Roman Die Verzauberung spielt in einer Krisen- und Umbruchszeit, in der alle überlieferten Werte auf dem Spiel stehen, die geprägt ist durch das Nebeneinander entwickelter kapitalistischer Ökonomie und sowohl großbäuerlichen als auch kleinhäuslerischen ländlichen Strukturen.

Brochs Fragment gebliebener Roman über den ausbrechenden Massenwahn in einem kleinen Gebirgsdorf ist in drei Fassungen überliefert, die zwischen 1935 und 1951 entstanden sind. Er sollte eine Modellerzählung werden, die exemplarisch die politischen, mythischen, religiösen und sozialen Dimensionen der Zeit erfasst. Strukturbildend ist das Schema von Christ und Antichrist, im Roman übersetzt in die Konfrontation zwischen Mutter Gisson – sie repräsentiert die aus historischen Tiefen kommende gnostische Weisheit der großen Mutter – und Marius Ratti, einer Verkörperung des falschen Heiligen und wie Hitler ein Rattenfänger der Seelen. Broch versuchte, die schwarze Mystik der Menschenfänger vom positiven Wissen der wahren Religionsstifter abzusetzen. Sein Romanprojekt steht im Bannkreis des Missbrauchs mythischen Denkens durch die Nazis.

Jakob Bachofens 1861 erschienenes Buch Das Mutterrecht war für Broch eine wichtige Quelle. (Broch war Teil einer intensiven Bachofen-Rezeption in den 1920er-Jahren.) Bachofen stellt in einem Stufenmodell den Übergang vom Matriarchat – der „Weiberwirtschaft“, wie es in der Verzauberung heißt – zur Männerherrschaft bzw. zum Vaterrecht dar. Die Pointe in Brochs Roman ist, dass der männerbündlerische Weiberfeind Marius ein vaterloser Vagabund ist, ein verlorener Sohn.

Neben Bachofens Mutterrecht gehörte ein anderes in den 1920er-Jahren einflussreiches Buch zu den Quellen Brochs: Paul Federns Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Gesellschaft von 1919. Federn entstammte dem Kreis der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft und war im amerikanischen Exil Brochs Analytiker. (Was den Komplex Hermann Broch und die Frauen anbelangt, ist der von Paul Michael Lützeler publizierte Briefwechsel zwischen Federn und Broch eine Fundgrube.)

In Brochs Rezeption der Bachofschen Thesen wird das verinnerlichte Wissen der Großen Mutter (Mutter Gisson) von der männlichen Suche nach Erkenntnis abgelöst. Die Hitlerfigur Marius Ratti kann als illegitimer Sohn Mutter Gissons interpretiert werden. Es geht in der Verzauberung um die Frage, wie Mutterrecht und Vaterrecht, wie Wissen und Erkenntnis, wie Natur und Fortschritt sich zueinander verhalten und miteinander ausgesöhnt werden können.

Die Verzauberung ist auch ein Generationenroman: Die Jungen, und hier folgt der Roman der Realität faschistischer Jugendbewegungen, ist besonders anfällig für die Verführungskraft demagogischer Heilssprecher und läuft einem zackigen Wehrsportapostel in Scharen nach. Die mittlere Generation ist fundamental verunsichert, sie lässt sich von der Aussicht auf Goldfunde im aufgelassenen Bergwerk des Dorfes bezirzen oder verfällt in einen psychisch- intellektuellen Dämmerzustand. Die Älteren – und der Verführer – führen das Gespräch über Erlösung, Natur und Religion.

Ritualmord

Auf dem Höhepunkt des Massenwahns, dessen Genese und Ausbruch das Buch schildert, kommt es zu einem Ritualmord. Zum Vollzugsorgan wird der Fleischhauer und Wirt des Dorfes, ein Mensch unerlöster sexueller Begierden und seelischer Nöte. Gerade ihn, den Marius Ratti als „Krämer“ und dessen einträglichen Dorfladen er als „Kramladen“ geschmäht hatte, lässt Broch zum mörderischen Handlanger der pseudorituellen Handlung werden.

Was Broch leisten wollte, war nichts Geringeres als eine Analyse faschistischen Massenwahns, wie er sie in den 1940er-Jahren in den Beiträgen zu seiner Massenwahntheorie vorlegte. Im Gegensatz zu Elias Canettis essayistisch-anthropologischer Analyse von Massensymbolen in seinem monumentalen Buch Masse und Macht, aber auch schon zuvor im Roman Die Blendung, in dem das Feuer als Massesymbol eine entscheidende Rolle spielt, geht es dem Freudianer Broch um eine Versuchsanordnung, in deren Mittelpunkt die Verführbarkeit der „Einzelseele“ steht.

Dass der Totalitätsdenker Broch den Faschismus als umfassendes Phänomen begreift, das ohne den Bezug auf die Instrumentalisierung von Restbeständen an Unaufgeklärtem nicht zu verstehen ist, das zeichnet Brochs Buch nach wie vor aus. In einem Gespräch über die Aktualität seines Ende der 1920er-Jahre entwickelten Ungleichzeitigkeitsbegriffs gibt der Philosoph Ernst Bloch ein persönliches Erlebnis wieder, das er auf einer politischen Massenveranstaltung in den frühen 1930er-Jahren hatte.

Er spricht von der ungleich größeren Faszination, die bei einer rednerischen Konfrontation das Erlösungspathos des nationalsozialistischen Redners weckte, während sein Gegenredner, der Zahlen und Fakten zur schlechten Wirtschaftslage auflistete und damit seine Zuhörer nur an die unbefriedigende soziale Wirklichkeit ihres Alltags erinnerte, kaum auf Aufmerksamkeit stieß.

Ähnliches klingt in der ersten Rede des kleinbürgerlichen Studienrates Zacharias in Brochs Novellen-Roman Die Schuldlosen an: „Denn wir sind das Volk der Unendlichkeit und eben darum das des Todes, während die anderen im Endlichen verblieben sind, im Krämergeist, im Geldgeist, verhaftet der Messbarkeit, weil sie bloß das Leben und nicht den Tod kennen wollen.“

Die Verbindung von kruder Weltverbesserungsrhetorik, Erlösungsversprechen und aggressiver antikapitalistischer Rhetorik verleiht der Marius-Figur eine unheimliche Plausibilität. Marius’ Saat ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Landarzt und Erzähler fühlt sich unwohl bei dem Gedanken, in der Stadt gefertigte „Maschinenanzüge“ zu tragen. Zur überzeugenden Zeichnung der Marius-Figur zählt die Zuschreibung scheinbar widersprüchlicher Attribute. So kommentiert der Landarzt: „Jeder Bauer verachtet den unproduktiven Handelsmann. Aber daß es jetzt so deutlich ausgesprochen werden konnte, das stammte von Marius her.

Meine Vermutung, daß er ein kommunistischer Propagandist sein könnte, der den Haß gegen die verächtliche unproduktive Arbeit schürt, gewann wieder an Boden.“ Broch nimmt die antikapitalistische Rhetorik der Nazis wie deren Niederschlag in den Heimatromanen vom Schlage Karl Heinrich Waggerls in seinen Roman auf. Die kleine Zäzilie singt in der Verzauberung den Refrain der antikapitalistisch-faschistischen Agitation: „Wir fluchen den Händlern und Agenten / Denn sie tun unsern Boden schänden. / Wir Jungen die Zukunft in Händen halten“.

Was in Brochs Romanen der 1930er-Jahre überzeugt, ist die Überblendung bzw. Engführung der ökonomischen Sphäre mit der kollektiven, wenn auch je verschieden motivierten Hoffnung auf Erlösung. Die Agitatoren des Massenwahns Marius und Wenzel bezahlen Dienstleistungen wie das Flicken ihrer ausgelatschten Schuhe mit pseudoreligiösen Versprechungen. „Er wird uns erlösen“, sagt der Schuster in der Verzauberung über Marius. Schuld, Gerechtigkeit, Erlösung – sie werden in anderer als barer Münze bezahlt.

 

Bernhard Fetz, Jahrgang 1963, ist Literaturwissenschaftler, Kritiker und Direktor des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek.

Die Beitrag basiert auf einem Anfang November von der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus, dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung veranstalteten Symposium zu „Hermann Broch und das Geld“. Ursula Seeber gestaltete einen Rundgang durch Hermann Brochs Wien

 


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    Donnerstag, 16. Oktober 2014 

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    AUSGABE 3/2014

    „Das Vergessen ist eine Illusion“
    Nino Haratischwili im Gespräch mit Insa Wilke über ihren Jahrhundert-Roman Das achte Leben (Für Brilka).

    Alles voll kalter Gefühle   
    Herta Müller im Gespräch mit Angelika Klammer über die Verhörmethoden der Securitate

    Jeder hinkt für sich allein
    Robert Seethalers fatalistischer schmaler Roman Ein ganzes Leben. Von Christoph Schröder

    Paroli geboten   
    Klaus Zeyringer im Gespräch mit Ludwig Laher über dessen Roman Bitter 

    Keine Schreibmaschine, keine Signierstunde
    Gisela Trahms im Gespräch mit dem Julien Gracq-Übersetzer Dieter Hornig

    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Staub über Hamburg
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Erkundungen im Möglichkeitsraum
    Ernst-Wilhelm Händlers Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument. Von Andreas Puff-Trojan

    Neulich
    Von Andreas Maier

    Noten  
    Eine Erzählung von Thomas Ballhausen

    Die Bewohner von Château Talbot   
    Von Arno Geiger

    Maschinelle Zukunftsprognose   
    Alban Nikolai Herbst über das Haus der Halluzinationen von Lars Popp

    Writer at Large   
    In den Rettungsbooten. Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Wälzer-König von Amsterdam
    Detlev van Heest über J. J. Voskuils monumentalen Roman Das Büro

    Laienherrschaft – in Klagenfurt und anderswo   
    Zum aktuellen Status von Literatur und Literaturkritik. Von Felix Philipp Ingold

    Der Nachhall von 9/11   
    Mit Der Distelfink ist Donna Tartt ein facettenreicher Roman gelungen. Von Clarissa Stadler

    Schreiben 2020
    Mit Texten von: Marion Poschmann, Thomas Melle, Ulrike Draesner, Thomas Hettche, Marcel Beyer, Teresa Präauer, Philipp Schönthaler, Benjamin Stein, Matthias Nawrat, Daniela Seel, Gunther Geltinger