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Samstag, 26. November 2011

„Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“

 

Schreiben, Texten, Bloggen, Twittern: Verändern moderne Technologien die literarischen Verfahren? Welche Chancen eröffnen die neuen Publikationsformen und Vermittlungsnetzwerke den AutorInnen, und wie behaupten sich diese im Kanon der etablierten Formen von kurzer Prosa? - Eine Umfrage des Literaturhauses Wien aus Anlass des Festivals „Short Cuts“.

Michael Stavarič

Es wäre eigenartig, würden sie es nicht tun schließlich und endlich verändern sie die Sprache an sich (Stichwort: mehr Anglizismen, Satzstellung, Reduktion, neue Metaphern etc.). Jede Ar von Auseinandersetzung mit der Sprache (also vor allem auch mit sich selbst) ist eine Chance. Die neuen Möglichkeiten bieten eine interaktive Ebene, die ein Buch/Printmedium nun mal nicht hat.

Cees Nooteboom

Ich twittere, blogge, texte etc. nicht, schreibe meine Bücher mit der Hand, will kein Facebook und keine Friends, finde es wunderbar, was alle anderen machen, habe aber selbst nicht das geringste Interesse daran, Eile ist eine Krankheit, und Kurzprosa hat es auch schon ohne Computer gegeben.

Jagoda Marinić

It could fucking blow our minds but it doesn´t.

Stefan Slupetzky

Die Textverarbeitungsmöglichkeiten, die der Computer dem Schreibenden bietet, erachte ich als Segen: Würde ich all die Korrekturen, denen ich meine Manuskripte während des Schreibvorgangs unterwerfe, handschriftlich durchführen, stünde ein geschwärztes Blatt Papier am Ende. Die Passionen des Bloggens und Twitterns dagegen sind für mich (jedenfalls in künstlerischer Hinsicht) entbehrlich; ich verbinde sie nicht mit dem Streben nach sprachlicher Vollkommenheit, sondern eher mit jenem nach vordergründiger Aufmerksamkeit.

Jochen Schmidt

*Blog, Facebook, Twitter*

Auf die Gefahr hin, das Schicksal der Ritter nach der Erfindung des Schießpulvers zu teilen, und obwohl nach Friedrich Kittler eigentlich feststeht, dass Aufschreibsysteme (Stahlfeder, Schreibmaschine, Microsoft Word) Literatur verändern, behaupte ich, dass sich durch die neuen Publikationsformen im Internet für mich am Schreiben nichts ändert. Warum sollte man am Speichermedium Buch festhalten? Ich hatte eben nie die Fantasie, eine Datei zu erstellen, sondern immer, ein Buch zu machen. Vielleicht bringt die Zukunft Autoren hervor, die nicht mehr unter dieser Neurose leiden, und denen es ausschließlich um die Verbreitung ihrer Ideen geht, wozu sich Twitter möglicherweise besser eignet.

Für mich persönlich ist ein Morgen am Bildschirm lähmend und macht mich unglücklich, während Bücher anregen und Lust auf mehr Bücher machen. Lust aufs Lesen gemacht zu bekommen, ist mein unscharfes Kriterium für gute Literatur. Da die meisten Verlage aber nicht von Lesern leben, sondern von Käufern, werden sie den Konkurrenzkampf mit den neuen Medien nicht überleben. Es wird dann andere, kleinere Verlage geben, die sich wieder mit Literatur befassen, und deren Lektorat nicht durch die Marketingabteilung ersetzt wurde. Autoren kann dieser Umbruch egal sein, denn sie sind in diesem Geschäft sowieso die einzigen, die keinen Profit machen.

Die Möglichkeiten, selbst zu publizieren, sind für mich noch das am wenigsten Neue an den neuen Medien. Man konnte seine Texte schon immer an die Litfasssäule kleben. Es hat noch nie ein Mangel an Büchern geherrscht. Die einzige knappe Ressource im Literaturbetrieb sind die Leser. Wenn jeder zum Autor wird (Blog, Twitter, Facebook), wird die Erfahrung, nicht gelesen zu werden, zum Massenphänomen.

Klaus Nüchtern

mvg, omg, lol & rofl

Vor genau einem halben Jahrhundert hat Marshall McLuhan das Ende der Gutenberg-Galaxis verkündet, das ihm zufolge offiziellübrigens schon 1905 stattgefunden hat. Seitdem reißen die Befunde über das wahlweise als Erlösung oder Apokalypse ausgespinselte Ende der Schriftkultur nicht ab. Mit Ausnahme des Faxgerätes hat noch jede informationstechnologische Innovation Anlass gegeben, den Beginn des Endes der Welt, wie wir sie kennen, anzukündigen. Im Wesentlichen werden diese Befunde und Zukunftsszenarien von der kultursomatischen Disposition jener bestimmt, die sie erstellen. Da ein Bucheine bestimmte Mindestlänge haben Muss, ist Füllmaterial im Buch gebräuchlicher als in Onlineveröffentlichungen, schreibt die Autorin und Bloggerin Kathrin Passig in Das Buch als Geldbäumchen (Merkur 12/2010). Mindestens genauso plausibel lässt sich das genaue Gegenteil behaupten: Da der im Netz zur Verfügung stehende Raum im Prinzip endlos ist, neigen Onlineveröffentlichungen zur Geschwätzigkeit. Die Apologeten des Hypertextes gehen davon aus, dass sich Literatur und Lektüre von der Last der Linearität befreien, Schrift nicht mehr das dominante Medium sei, die Kategorien von Wirklichkeit oder Kausalität außer Kraft gesetzt werden. Viel ist davon nicht zu bemerken. Arno Schmidt hätte heute gewiss stark optimierte Voraussetzungen, um Zettels Traum zu produzieren, aber der Großteil der zeitgenössischen Literatur nutzt diese Möglichkeiten nicht einmal annähernd und ist in ihrem Wesen unberührt geblieben von den informationstechnologischen Revolutionen der letzten Jahrzehnte; sie könnte ebenso gut handschriftlich oder auf der mechanischen Schreibmaschine verfasst worden sein und auf manche trifft das ja wohl ohnedies noch zu. Sieht man von ein paar Akronymen wie mvg, omg, lol und rofl ab, scheinen die neuen Technologien die Textproduktion nicht wesentlich bereichert und verändert zu haben sieht man von Blogs ab, die in der Tat nicht bloß eine elektronische Simulation von Medien und Genres wie Buch, Zeitung, Kommentar oder Kolumne, sondern prinzipiell unabgeschlossen sind und eine neue Dimension der Kommentierung und der kollektiven Autorenschaft eröffnen. Die Utopien einer post-hierarchischen, partizipativen und quasi autorlosen Textproduktion im Netz sind insgesamt aber nur sehr unzureichend realisiert worden und vielfach auch bloß romantisierende Bemäntelung von Bedeutungslosigkeit.

So geduldig wie Papier ist das Netz allemal, das zwar keineswegs selbst rein virtuell und auch nicht ohne Energie und Rohstoffe aufrecht zu erhalten ist, aber die Kostenschwellen von Öffentlichkeit radikal gesenkt hat. Das eröffnet einerseits demokratischer Partizipation ganz neue Möglichkeiten, führt andererseits aber gerade dadurch zu einer Inflation: Wenn jeder publizieren kann und darf, entwertet das notwendiger Weise die massenhaft ins Netz gestellten Texte, und zwar genau deswegen, weil die herkömmlichen, auch auf einer Begrenztheit von Zeit, Geld und Rohstoffen beruhenden Selektionsinstanzen (Verlage, Lektorate, Redaktionen ) umgangen worden sind: Was nichts kostet, ist auch nichts wert und damit ist nicht die Zeit gemeint, die es den Konsumenten nun kostet, selbst das gigantische Angebot selektieren zu müssen.

Man darf das gigantische Potenzial der neuen Technologien deswegen nicht ignorieren oder geringschätzen, man sollte sich nur von der Vorstellung der Zeitenwende – „ab sofort alles anders!“ – verabschieden. Neue Medien werden alte zum Teil ersetzen (das Flugblatt etwa wird es neben Twitter nicht mehr leicht haben), aber vielfach auch nur ergänzen. Unterschiedliche User-Communities von unterschiedlichem historischen Alter werden nebeneinander bestehen, und jeder von uns wird mehreren von ihnen angehören: Er/sie wird also einen iPod benutzen, ohne deswegen seine/ihre Plattenoder CD-Sammlung aufzulösen; wird weiterhin Bücher aus Papier kaufen, sich aber hin und wieder, wenn es Zeit- oder Platzmangel als opportun erscheinen lassen, ein paar E-Books auf den Kindle laden. Manche Medien werden verstärkt oder überhaupt ins Netz abwandern. Und es wird möglicherweise zu einer medientechnologischen Kontinentaldrift kommen: Während Amazon.com im heurigen Frühjahr erstmals mehr E-Books als herkömmliche Bücher verkauft hat, konnten manche deutschsprachige Verlage die Verkaufszahlen ihrer E-Books zuletzt zwar verdoppeln, der Anteil am Gesamtumsatz dümpelt aber gerade einmal bei einem Prozent herum. Kein Wunder also, dass die langjährige Hysterie ums E-Book langsam in Skepsis umschlägt: Denn ein Zukunftsmarkt, der nur ein Angebot, aber keine Nachfrage kennt, wäre weder ein Markt, noch hätte er eine Zukunft.

Ann Cotten

Briefe und andere Gebrauchstexte waren Schriftstellern immer schon ein Gräuel. Jetzt sind noch ein paar Textsorten der Sorte dazugekommen. Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben.

Erwin Einzinger

Ich habe mit blogs noch keinerlei erwähnenswerte Erfahrungen gemacht, weil ich auf ungemein altmodische Weise meiner Arbeit nachgehe und den Großteil meines Schreibens mit der Hand erledige, in Notizbüchern verschiedenster Art, aus denen ich irgendwann dann das Material abtippe, aus dem ein Text entsteht. Diesen am Computer leichter als früher mit der Schreibmaschine bearbeiten und verändern zu können, ist außer der Nutzung des Computers für elektronische Post so ziemlich das Einzige, was mir die neuen Medien an Hilfe bieten, alles andere interessiert mich eher wenig. Ich besitze auch kein transportierbares Telefon, habe noch nie im Leben eine SMS verschickt, Twittern ist mir nicht wirklich ein Begriff, mit dem ich etwas anfangen kann. Das Schreiben mit der Hand bietet mir genug an faszinierenden Möglichkeiten des Sammelns, Festhaltens, Formulierens und Ausprobierens, und was die neuen Vermittlungsnetzwerke und Publikationsformen betrifft, bin ich ebenfalls nicht wirklich besonders davon betroffen. Für die jüngeren Generationen sieht die Sache mit Sicherheit wieder ganz anders aus, doch beschäftige ich mich damit nur wenig, lese nicht einmal eine Zeitung im Internet, sondern nur auf Papier, dasselbe gilt natürlich erst recht auch für Bücher.

Thomas Stangl

Ich denke, dass neue Technologien direkt oder indirekt sicher in vielfacher Weise Literatur beeinflussen. Aber nicht unbedingt auf klar sichtbare, eindeutige Art.

Weder prinzipielle Ablehnung noch eine blinde Anpassung ohne Rücksicht auf das einem als Autor selbst Wichtige und Entsprechende scheinen mir gescheit zu sein.

Als Gefahr der neuen Medien und Vermittlungsformen sehe ich, dass komplexe Sachverhalte und Gedankengänge eher schwieriger darstellbar sind. Und dass sie noch radikaler nach Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren und jeder Satz unter dem Zwang zur Selbstvermarktung zu stehen droht. Als positiv die mögliche Auflösung traditioneller Hierarchien und Formen; neue Arten von Vernetzung; das Ephemere ....

Dinge, von denen Avantgardeliteratur lange geträumt hat. Wobei ich es seltsam fände, wenn ephemere Formen gleich auf einen Kanon zielen.

Julia Franck

Moderne Technologien erweitern schlicht das Spektrum der Instrumente und Foren für Texterzeugung, vielleicht auch ihre Anlässe? Ähnlich wie der Minnesänger Text erzeugte und dieser vor allem mündlich ein Forum von bestimmten Zuhörern hatte. Es erscheint mir nicht nachvollziehbar, warum allein das Instrument und das jeweilige Forum eine Korrelation zur qualitativen Bewertung eines Textes aufweisen sollte. Der Charakter ist natürlich von Knappheit geprägt sowie vom Impuls, auf aktuelles Geschehen zu reagieren. Literatur war traditionell zu langsam, um unmittelbar auf Informationen hin produziert zu werden. Ihr Entstehungsort ein einsamer.

Eher vermute ich, dass sich in der Entwicklung bestimmter Qualitätsurteile etwas ändern könnte, weil das Internet ständige Gegenwart ermöglicht, zudem eine riesige Vielfalt, die kaum elitär qualitative Urteile formt, sondern im höchsten Grad demokratisch organisiert ist. Zudem verändert sich durch die ständige Präsenz bestimmter Informationen im Internet wie auch durch die Tatsache der ständigen virtuellen Kontakt- und Sendemöglichkeit die qualitative Wahrnehmung. Wurde früher ein Jakob Wassermann in gedruckter Form ausführlich gelesen, steht er vermutlich unter anderem in der Folge des Nationalsozialismus heute außerhalb literarischer Wahrnehmung und sind seine Texte nur mit Mühe abrufbar. Paul Celan wurde unmittelbar mit der Lesung der Todesfuge während der Tagung der Gruppe 47 für unmöglich erklärt, verrissen und aus dem Feld getrieben. Erst im Verlauf von Jahren sollten sich diejenigen eine Stimme verschaffen, die seine Dichtung schätzen und als wertvoll in die spätere Zeit vermitteln.

Doch finden sich die verbalen Verhöhnungen und Vernichtungen seiner Zeitgenossen heute nicht unmittelbar neben seinem Namen. Damals gab es noch kein Internet und kein solches demokratisches Gedächtnis, das ewig heutig ist. Jeder Kanon unterliegt Moden. Die kurze Prosa eines Kästner oder eines Döblin liest heute keiner mehr außerhalb der Germanistik, dafür tobt das Internet von Aphorismen eines Oscar Wilde oder namenloser japanischer Dichter. Vielleicht ist der Vorteil der kurzen Prosa, egal ob im Blog oder im Twitter, dass sie auf keinen Kanon und keine verstaubten Regale angewiesen ist, sondern zeitlich absolut unmittelbar in eine Zeit wirkt, aus der sie schöpft. Wie lang sie in einer Zukunft noch gelesen wird, hängt, wie bei gedruckten oder langen Texten, von ihren Qualitäten ab.

Jochen Rausch

Das Recherchieren ist durch das Netz und andere zeitgemäße Technologien einfacher geworden. Allerdings sollte man den Blick für die seriöse Quelle haben. Die Wahrheitsgrenzen verschwimmen im Netz, auch die Interessenlagen der Uploader sind oft unklar. Aber das zeitgleich mögliche Schreiben und Recherchieren kommt insbesondere literarischen Formen entgegen, die sich an der Wirklichkeit orientieren.

Das Schreiben am Computer ist (im Vergleich zum Schreiben mit der Hand oder an einer Schreibmaschine) mehr als nur eine technische Veränderung: der Computer lädt ein, alles und jedes jederzeit zu verändern. Das macht den Schreibprozess aufwändiger und langwieriger, aber vielleicht ist auch das Ergebnis besser. Das häufige Überarbeiten und Übersetzen der eigenen Texte in die nächst höhere Qualitätsebene wäre ohne Computer kaum denkbar.

Aus meiner Sicht befinden wir uns in einem Transformationsprozess die analogen Medien stehen neben den digitalen Medien und werden (voraussichtlich) von diesen mehr und mehr abgelöst. Momentan ersetzen digitale Auftritte (noch) nicht die klassische Veröffentlichung auf gedrucktem Papier sicher auch, weil das literarische Publikum über den Text hinaus den Wert und die Haptik eines gedruckten Werkes (noch) recht hoch bewertet. Ob und wann sich dies ändert, wann also digitale Bücher das gedruckte Buch ablösen, ist schwer zu prognostizieren, möglicherweise existieren digitale und analoge Publikationsformen so lange nebeneinander, wie dies wirtschaftlich darstellbar ist.

Bjarte Breiteig

English

During the night of July 22nd the same day that big parts of my hometown Oslo were destroyed by a terrorist my colleague John Erik Riley published a series of tweets. In short, concrete memories, he expressed his love for Oslo. Others joined him, and that night, twitter was full of tiny, beautiful stories. The twitter form showed its strength: immediacy.

But now, afterwards, these tweets have lost their function, they are not interesting to read any more. And so, it seems, all the new electronic publication forms call for the immediate writing, and not so much for the writing made to last. To be honest, I still havent had any real literary experience from reading a blog. That does not mean that I dont find the form interesting, but I cannot see that it has had any impact on the way fiction is written.

On the net, everybody can write for anybody. This is liberating for the one who judges the literary hierarchy as something snobbish. On the other hand, the blog is a defenceless victim of populism. Without any quality-checking system, the only way out is to get popular. The result is more and more noise.

Personally, I still hold it as the peak of the day when it's time to turn off the computer and move over to my shelf to find a book.

Marlene Streeruwitz

Ja, moderne Technologien verändern die literarischen Verfahren und die literarische Produktion. Und ja. Wie immer bringen basale Veränderungen auch neue Möglichkeiten mit sich. Als Autorin, die alle diese Möglichkeiten aktiv nutzt und damit eine Steigerung des Impakts und durchaus eine Vergrößerung der Unabhängigkeit erreicht hat, möchte ich die Frage der Durchsetzung an die Vermittler zurückgeben. Was diese Frage will, ist eine Beschreibung der Zustände, in denen Arbeit stattfindet. Es geht aber um die Deutung, und da müssen alle Stimmen gehört werden. Die Frage, die hier gestellt wird, lautet doch eigentlich Wie geht es dir dabei? Das ist eine Frage aus der Sportberichterstattung, die nie über das Hier und Jetzt hinausgeht. Mir geht es nun ziemlich gut dabei. Aber bedeutet das, dass die Kulturtechnik Literatur alle Veränderungen überstehen wird. Ich kann das nicht beantworten. Und möchte das gar nicht.

Esther Dischereit

Fastfax an Leserin

Bloggen, Twittern mit dem Bleistift kämpfen mit dem Wort als Waffe für Jasmin-Revolution gegen diejenigen, die Seiten abschalten Stummheit verordnen, die Wahrheit im Ungeschriebenen einmauern. Gegen die Lügner. Das Bloggen war nicht aufzuhalten so, als hätten die Leute sich selbst in Ländern über Entfernungen hinweg gehört und beschlossen, zusammen zu schreien. (E.D.)

Ich schreibe morgen dem Schreibenden aus Taiwan und rede mit einer aus Chicago. Ich aber blogge nicht, ich twittere nicht tatsächlich twittere ich vor mich hin wie ein zitterndes Blatt und fürchte mich vor dem Container-Müll, der liegen bleibt. Sprachmüll-Sondermüll-Schreibsteuer für Verlautbarungsnot. (E.D.)

Wahrscheinlich können wir zu Team-Gedichten zusammenkommen. Mein Blog ist ein Tamagochi-Ei, füttern, wickeln, liebhaben, abstellen. Wörter werden fortwährend ohne Punkt und Komma geredet, das Gegenüber wird ein- und abgestellt, zu- und weggeschaltet. Das kollektive Schreibspiel für illustre Kreise Verfahren zur Behandlung der Schreibsucht sind noch nicht bekannt. Die Wirklichkeit im Selbstbedienungsladen für schwer Kommunizierbare. Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Schreiblabor. Schrei labor orare beten Mühsal und beten. Im Labor sind die Türen so dick. Oder kennst du die alle draußen? (E.D.)

Oma sagt, Kind, bleib stehen, ich mache das Foto. Das Kind rennt, fällt, schreit Kamera Schuss. Das subjektive Objekt oder das objektive Subjekt. Wer schreibt, schreibt immerdar. Der Adrenalin-Spiegel der Läuferin steigt nach einer halben Stunde? Der Schreibspiegel zerbricht wegen Wortflutung. (XE.D.)

Ich sah einen, der war alt, taub und stumm. Nach einer halben Stunde war er alt, taub und stumm. Nach einer dreiviertel Stunde war er alt, taub und stumm. Nach einer Woche war er alt, taub und stumm. Nach einem Monat war er alt, taub und stumm. Staub fiel zwischen die Tasten, sodass sie verstopften. Der Mann begann sich zu bewegen. (XE.D.)

Schreiben ohne Anhalten. Über das Aufspannen einer Schreibmembran zwischen Osten und  Westen, Norden und Süden. Himmel und Hölle. Sodass wir einmal vollkommen zugeschrieben sein werden. Diese Worte verursachen einen Lärm, der die Ohren zufallen lässt. Die Gedanken verklappen sich. Sie sind ein Environment-Fall. Ein Studiengangs ... (E.D.)

Tu die Gans in den Ofen. (E.D.)

die Gans in (E.D.)

Ja ich auch. (E.D.)

(X.D.) 4 und 5 Fremdfake. Geschlossen. Fake. Cut Off. Schon wieder alles geschlossen. Warum eigentlich? (E.D.)

Melde die namenlose Frau aus Der Morgen an dem der Zeitungsträger ab bewegungsarm. (E.D.)

Ja. ()

Ich blog mich weg. Du mich auch also nur und aber das hat mich sehr gekränkt zwei tage untwitter sie zählt die knöpfe an der Jacke er liebt nicht liebt nicht liebt nich... immer noch keins twittern in outlook mit chef von diensten als maßnahme wie sie Ihre meinung direkt ----- stammtisch auf Bildschirm mit Bierseidel ----- flobben da können sie über jemanden reden ohne hinterher aus der Arbeit zu

fliegen. Starten bis der Server knackt. Nackt und ohne Zunge starrte ich auf den Schirm, ein Gerät für handicapped, Zungenlose. Ich schlpieb, ich schleibe, ich bleibe, schneide, schreibe immerdar.

(E.D.)

I change my clothes now. ()

Klarname: Esther Dischereit

Rebekka Göpfert

Über den eigentlichen Schreibprozess in der digitalen Welt kann ich natürlich nichts sagen, wohl aber darüber, was ich zu lesen bekomme. Eine sehr erfreuliche Entwicklung sehe ich darin, dass es endlich wieder einen Platz für die im deutschsprachigen Buchhandel und bei vielen Verlagen so wenig geschätzten Kurzgeschichten und Essays gibt: Für sie bieten E-Buch-Verlage nun eine ideale Veröffentlichungsplattform, einen angemessenen Rahmen und die nötige Liebe durch die Lektoren.

Robert Menasse

Ich glaube nicht, dass diese modernen Technologien kurzfristig die literarischen Verfahren dramatisch verändern, eher die journalistischen Verfahren, und möglicherweise die Rezeption, wobei ich vermute, dass diese Netzwerke die Rezeption von Autoren-Namen als Markennamen verändern, und nicht einmal so sehr die Rezeption der literarischen Texte selbst ... Wie gesagt, das ist das, was ich glaube, aber glauben heißt nicht wissen ... Auf jeden Fall finde ich diese Frage und eine etwaige Diskussion darüber unnötig zeitgeistig, solange keine wirklichen Erfahrungen mit deutlicher Symptomatik vorliegen. Man hat vor nicht allzu langer Zeit (die dennoch rückblickend wie das Neolithikum wirkt) geglaubt, dass der PC die literarischen Schreibverfahren verändern wird. Möglich, dass er das getan hat aber im Produkt Buch (z. B. Roman) sichtbar ist es nicht! Was ich allerdings als Folge der neuen Kommunikationsformen fürchte, ist, dass hermeneutische Basics verloren gehen. Aber das betrifft auch wieder nur die Rezeption ...

Elfriede Czurda

Da ich weder texte noch blogge noch twittere noch poste, fehlt mir sowohl eine Meinung wie auch jede Kenntnis aus derartiger zerstreuter Produktion; sie interessiert mich aus genau dieser Zerstreuungseffizienz nicht.

Dass die neuen und neuesten Medien neue Streuungsmöglichkeiten bieten, ist wohl auch eher eine Frage nach neuen Märkten als nach neuen Vertiefungen des Denkens der Gegenwart.

 


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    Dienstag, 24. Juni 2014 

    VOLLTEXT_2_14_Cover

    AUSGABE 2/2014

    Hurrah! Hurrah! Die Beine in die Hand! Hurrah!
    Eine literarische Schlachtenfolge. Von Thomas Lang

    „Expressionist Artillerist“   
    Die radikale Wortkunst des Franz Richard Behrens. Michael Braun im Gespräch mit Michael Lentz

    Neulich
    Von Andreas Maier

    Individuen ohne Rollentitel   
    Cornelius Hell über Angelika Reitzers neuen Roman Wir Erben 

    Die Bewohner von Château Talbot
    Von Arno Geiger

    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Im Brot und in der Banane wissen wir zahlreiche Diskurse am Werk
    Germanisten erforschen die Gegenwartsliteratur. Von Gunther Nickel

    Dicker Mann auf der Suche nach dem Ausnahmezustand
    Thomas Ballhausen über Augen zu und durch von Manu Larcenet

    „Wir ziehen unsere Entfaltung durch, so lange wir können“
    Lydia Mischkulnig im Gespräch mit Helmut Gollner über ihren Roman Vom Gebrauch der Wünsche

    Lyrischer Moment  
    Von Silke Scheuermann

    Die Angst des Affenforschers vor den Menschen  
    Ulrike Draesner im Gespräch mit Andreas Puff-Trojan über ihren neuen Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt

    Das Einstecktuch   
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Tagesberichte aus der Jetztzeit   
    Vorabdruck aus dem Kalendarium Leben und Werk von Felix Philipp Ingold

    Überwiegend ernst gemeint   
    Kathrin Passig über die Automatische Literaturkritik

    Geht es um alles, geht es um nichts?   
    Von Michael Schmitt

    Bachmann-Preis 2014: Porträts und Texte der TeilnehmerInnen
    Kerstin Preiwuß, Roman Marchel, Birgit Pölzl, Senthuran Varatharajah, Gertraud Klemm, Romana Ganzoni, Michael Fehr, Anne-Kathrin Heier, Olga Flor, Karen Köhler, Tobias Sommer, Tex Rubinowitz, Georg Petz, Katharina Gericke