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Samstag, 12. November 2011

Vom Plaudern der sich Zugeneigten

 

Der Briefwechsel zwischen Werner und Elisabeth Heisenberg aus den Jahren 1937–1946. Von Nummer 14

Ein privater und lange privat gebliebener, aber dann doch noch veröffentlichter Briefwechsel zwischen einem prominenten Mann und dessen Frau weckt beim Leser Gelüste. Gelüste nach der Teilhabe an Intimitäten. Schrulligkeiten. Peinlichkeiten. Nach Offenbarungen von Seelenqualen. Oder anderswo verhohlenen Gedanken. Verborgene Mitteilungen also aus dem womöglich erst in diesen Zeugnissen wahrhaftigen Leben einer öffentlichen Person.

Der Briefwechsel zwischen Werner und Elisabeth Heisenberg aus den Jahren 1937–1946 befriedigt diese Gelüste nicht. Im Gegenteil. Mitgeteilt werden von beiden Schreibenden überwiegend die kleinen Ereignisse des Tages. Nichts so Spannendes. Nichts so Überraschendes. Nichts so Bemerkenswertes. „Etwas mit Dir plaudern“ nennen sie es manchmal. Dieses „Plaudern“ ist durchströmt von wechselseitiger Zuneigung. In dem Hin und Her der Briefe im jeweiligen Ich-Du entsteht die Einheit zweier Menschen. Und so stellt sich nach dem Lesen des Briefverkehrs nach über 300 Seiten ein Gefühl der Befriedigung und der Wärme ein ob dieser Ehe. Und mit dem Ende des Briefwechsels können und dürfen Elisabeth und die sechs Kinder ab 1946 endlich dauerhaft mit dem Ehemann und Vater in Göttingen zusammenleben.

Hochzeitsvorbereitungen

Die 23-jährige Elisabeth Schumacher heiratet 1937 den um 13 Jahre älteren bereits mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichneten Werner Heisenberg. Die ersten Briefe stammen aus der Verlobungszeit. Elisabeth ist eine gewisse Scheu anzumerken. Wird sie ihm genügen. Wird er ihre manchmal stürmische Art aushalten. Die junge Frau berichtet ihrem zukünftigen Mann von den Hochzeitsvorbereitungen. Von einer Knieverletzung. Vom kalten Frühlingsregen. Der zukünftige Ehemann erzählt von einem Arztbesuch. Von Terminen. Von Musikabenden. Und beide freuen sich aufeinander. Auf die gemeinsamen Wochenenden. Auf die vollends gemeinsame Zeit nach der Hochzeit.

1938 gebiert Elisabeth Heisenberg Zwillinge. Werner Heisenberg fährt in diesem Jahr auf eine Vortragsreise nach England. Von dort aus teilt er seine Eindrücke mit. Teilt ein wenig über die Engländer mit. Über die Politik und die Physiker und die Treffen mit vielen vielen Leuten und beklagt die knappe Zeit. Elisabeth ist während dieser Wochen bei ihren Eltern. Sie schreibt über die Menschen ihrer engsten Umgebung und die Atmosphäre in dem Berliner Haus. Schreibt also über ihre Kinder und das Kindermädchen und berichtet über das nun entspanntere Verhältnis zu ihren Eltern.

Umzug ins Allgäu

1939 gebiert Elisabeth das dritte Kind. Und im Sommer dieses Jahres zieht sie mit den zwei Söhnen und der Tochter in ein vor kurzem erworbenes Haus nach Urfeld im Allgäu. Ein Haus mit viel Wald drumherum und mit Seeblick. Von hier aus wird sie sich ihrem Ehemann in den nächsten Jahren mitteilen. Zuerst ist sie mit den Kindern nur den Sommer über dort. Ab 1942 wird sie wegen des Krieges ganz dort bleiben. Der Ehemann schreibt von einer Vortragsreise aus den USA. Schreibt aus Leipzig. Aus Berlin. Aus Kopenhagen. Aus Zürich. Aus England. Aus Hechingen. Und zuletzt aus Alswede bei Osnabrück.

Die Briefe folgen in engem Abstand. Und beim Hintereinanderlesen gewinnen die Gemüter dieser zwei Menschen an Kontur. Werner Heisenbergs Briefe sind bis Mai 1945, bis zum Kriegsende zunehmend von Schwermut überschattet. Er wirkt müde. Erschöpft. Zerrissen. 1942 schreibt er aus Berlin: „Hier ist alles so unruhig, dauernde Besprechungen mit den verschiedensten Menschen, und zu den Dingen, zu denen ich eigentlich gemacht bin, nämlich zum ruhigen Nachdenken über Fragen in der Natur, komme ich überhaupt nicht“. Sein berufliches Sein als Physiker ist nicht mehr klar umrissen. Seine Aufgaben als Naturwissenschaftler in Staat und Gesellschaft unklar. Und die Zukunft wird immer ungewisser. Nur die tagtäglichen Dinge bleiben noch zu tun.

August 1944 schreibt er: „Ich finde es fast unmöglich, das allgemeine Schicksal bewußt mitzutragen, und so zieht man sich eben in seine kleine Welt und zu den Pflichten zurück, die einfach und immer klar zu erfüllen sind.“ Er berichtet vom Einmachen des Obstes im Herbst. Vom Pilzsuchen. Vom Kohlen Einkellern. Von Musikabenden. Teilt mit, dass es in Berlin oft brennt. Dass es oft Alarm gibt, und er seine Briefe im Luftschutzkeller schreibt.

Im Mai 1945 wird Werner Heisenberg von den Amerikanern verhaftet und nach England gebracht. Aber der bekannte Atomphysiker soll bald wieder ein Institut in Göttingen leiten dürfen. Er wird als Naturwissenschaftler erneut einen anerkannten, einen renommierten Platz in der Welt da draußen bekommen Und jetzt ändert sich der Tonfall. Heiter ist er jetzt. Beschwingt und gelöst. Werner Heisenberg ist voller Tatendrang und Energie. Das Zukünftige hat wieder zu leuchten begonnen.

Die Briefe Elisabeths an Werner sind anders gestimmt. Sie hat seit 1938 sechs Kinder auf die Welt gebracht. Mit diesen sechs Kindern und wechselnden Haushälterinnen und Kindermädchen lebt sie abgeschieden von gesellschaftlichen Verpflichtungen in Urfeld. In den letzten Kriegsmonaten müssen in dem Haus zwölf Menschen unterkommen. Elisabeths Welt ist klein. Überschaubar. Und voller tagtäglicher Arbeit. Es ist schwere körperliche Arbeit. Und es ist Nervenarbeit mit den auf engstem Raum lebenden Erwachsenen. Diese sind nicht selten schwierig. Schlampig. Leidbetont. In den Briefen an ihren Mann berichtet sie ihm über die Sorgen eines Pflichtjahrmädchens. Oder wie eine andere in übertriebenem Eifer partout nicht ihren freien Nachmittag nehmen will. Sie schreibt über die Arbeit im Garten und über die Zerstörung der Beete durch die Hirsche. Schreibt über das Licht am See und die Blumen und den Geruch des Waldes. Schreibt über die Kinder und die Freuden mit den Kindern. Schreibt wie sie das Musiküben und den Schulunterricht organisiert. Zuletzt schreibt sie auch über die Knappheit der Nahrungsmittel. Wie sie Wasser mit ein bisschen Mehl kocht, und die Kinder die Mehlklümpchen darin so lieben.

Keine Klagen

Doch sie klagt nicht. Sie jammert nicht. Sie beschwert sich nicht. Trotz der vielen Arbeit. Trotz des Schwangerseins. Trotz der Beschränktheit der Nahrungsmittel. Sie ist in ihrem tagtäglichen Alltag und lebt in diesem tagtäglichen Alltag. Und zwar ganz. „Manchmal hab ich ja wirklich Angst, ich gehe ganz unter im Alltag, aber dann sag ich mir, das mich umgebende Leben ist doch sicher ebenso lehrreich und fruchtbar wie ein ganzer Schrank voll Bücher – mehr sogar noch.“ Schreibt sie im Juni 1939. Aber Elisabeth ist nicht nur Mutter. So wie sie nicht klagt und nicht jammert über den Zustand der Welt, so geht sie nicht unter im Sorgen und sich Kümmern um die Kinder. Im Oktober 1944 schreibt sie ihrem Mann, wie sehr sie sich nach ihm sehnt und fährt dann fort: „Ich bin nicht so gemacht, dass mir für die Kinder zu leben schon ein Inhalt ist. Die Frauen sind verschieden darin. Manche leben immer weiter für den Mann wie in der Brautzeit und manche vergessen alles und gehen ganz in ihren Kindern auf. Ich gehöre nicht zu diesen, obgleich du ja weisst, wieviel mir die Kinder bedeuten. Aber ich sehe sie heranwachsen und empfinde sie als Schiffe, die gerichtet werden, einmal aus dem Hafen zu fahren. Ich werde alles tun und alles opfern, um sie fit for life zu machen, so sehr es in meinen Kräften steht, aber meine Seele gehört
zu dir und nicht zu ihnen.“

Und Elisabeth hat viel Kraft in sich. 1941 schreibt sie : „Aber am Nachmittag habe ich mich ganz den Kindern gewidmet.(...) - Ich habe heute – vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben – gespürt, wie es ist, wenn man sich selbst ganz ausschaltet und nur für das Wohl anderer lebt. Es erfüllt einen selbst mit großem Frieden und übt Ruhe und Frieden auch auf den ganzen Kreis aus, in dem man lebt.“

Die Abgeschiedenheit in Urfeld mag diese Zufriedenheit begünstigt haben. Werner Heisenberg beklagt oft die fehlende äußere Ruhe. Aber auch Elisabeth hätte Gründe zur Klage finden können. Unabhängig davon ob das zu Tuende als mehr oder minder schwer empfunden wird. Gelingende Hingabe an das, was getan werden muss, ist ein Zeichen besonderer Stärke. Und die Stärke dieser Frau verbindet sich mit Warmherzigkeit.

Genau dies beglückt auch den Lesenden. Noch heute kann genau dies die Lesenden beglücken.

 

Werner Heisenberg / Elisabeth Heisenberg: „Meine liebe Li!“. Der Briefwechsel 1937 – 1946. Herausgegeben von A nna Maria Hirsch-Heisenberg. R esidenz Verlag, St. Pölten 2011. 352 S eiten, € 29,90 (D) / € 29,90 (A).

 


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