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Freitag, 14. Oktober 2011

Die Anstrengung zu leben

 

In Monique Schwitters „Goldfischgedächtnis” ist der Tod allgegenwärtig. Von Nummer 9

Haben Goldfische ein Gedächtnis und wenn ja, woran erinnern sie sich? An das Vorüberziehen der Menschen vor dem Aquarium? Ist ihr Blick davon müde geworden? Die älteste Tochter eines Freundes besaß als Jugendliche einen Goldfisch mit eindeutiger Suizidabsicht. Er sprang immer wieder aus seinem runden Aquarium, eine Glasschale eigentlich, wurde auf dem Teppich gefunden und in seine Schale zurückgeworfen, in der er dann weiter seine Runden schwamm. Immer im Kreis. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er so lange – vier Monate – an seiner festen Absicht gehindert werden konnte.

Die Geschichten von Monique Schwitter in Goldfischgedächtnis erzählen von der Anstrengung zu leben. Ganz allein. Und es wird mit jeder Runde im Goldfischglas anstrengender. Menschen und Gegenstände, die vorüber zogen, tauchen nicht mehr auf, sind aber trotzdem da. Als Netzhautabdruck, Synapsenkurzschluss, Schulterschuss: Mama, Papa, Mascha, David, Philipp, Schneewittchen. Tote, verloren Gegangene, Verlassene. Oft muss auch ein Goldfisch lachen: Während des Taufrituals in „Andante con moto“ zum Beispiel. Da singt ein Kreis von Intellektuellen, Künstlern, Alkoholikern, Kranken, vom Leben Gezeichneten und keineswegs Gläubigen in der Rhythmusmesse das in den 70er-Jahren so beliebte Lied „Glaube, das ist die Macht des Guten, / Glaube hält allem Bösen stand. / Glaube gibt uns die Kraft zum Leben, / Führt uns Hand in Hand“. Ich muss es beim Lesen mitsingen. Oder wenn eine (fast) Tote der (noch) lebendigen Freundin ihre erste Begegnung erzählt, oder wenn sich eine Kurzsichtige (fünf Dioptrien) und ein Kurzsichtiger (sieben Dioptrien) gegenseitig in der Badewanne betrachten.

Projektionen werden real

Es sind schöne Geschichten, die Monique Schwitter da erzählt. Alle durch das Goldfischaquariumsglas: milchig, ein wenig verschwommen. Das Aquarium muss konkav sein, weil es wirkt gleichzeitig wie ein Vergrößerungsglas, auf den Brennpunkt des Interesses gerichtet. Es gefällt mir, wenn in der Literatur Projektionen real werden – eine reale Mutter, ein realer Vater, ein realer Freund, ein reales Kind –, und trotzdem Projektionsflächen bleiben. Dazu ist viel Realitätssinn nötig. Niemand schreibt Projektionsgeschichten ohne Weltkenntnis. Das wird in der Literaturkritik oft übersehen und dann Fantasie genannt. Genauso wie umgekehrt im realen Leben Projektionen als wahr bezeichnet werden. Das wird dann Glaube genannt. Oder seit nicht allzu langer Zeit Esoterik. Welche schöne Literaturprojektionen: Der Mann mit schneeweißer Haut, ebenholzschwarzen Haaren und Augen und einer hohen Stimme: Schneewittchen. Der Vater, Spieler und Trinker, den sich die Protagonistin immer wieder tot vorstellt. „Ich habe mir oft gewünscht, mein Vater sei tot. Aber er lebt. Wo, weiß ich nicht, und wie, mag ich mir nicht vorstellen, aber er lebt, taucht alle paar Jahre auf und tritt gegen mein Leben.“. Eine Tote, mit der die Erzählerin spricht, und die ihr widerspricht. Ein Speisesaal in der Schweiz (die „Kronenhalle“), in dem sie nie war oder doch war, und in dem sie mit Friedrich Dürrenmatt gesprochen hat oder das Gespräch aufgrund seiner Geschichte Das Versprechen nur projiziert hat. Egal. In der Literatur ganz egal. Im Leben nicht. Und deshalb müssen immer wieder Projektion und Realität in den Geschichten überprüft werden, oft anhand Dritter, die sich in die Geschichte „einmischen“, die Mutter beispielsweise, die eine Geschichte aus dem Leben der Erzählerin wiedergibt, an die sich diese nicht erinnert, die tote Freundin, die ständig in die Geschichte der ersten Begegnung eingreift, die Erzählerin selbst. Die Erinnerung ist eben ein vielschichtiges Konglomerat aus Wirklichkeit, Assoziation, selbst Erlebtem und von anderen Erzähltem, Fotos, Familiengeschichten etc. So werden einzelne Versatzstücke aneinander gemessen, gegeneinander abgewogen, aneinander gerieben, denn alle wirkliche Erkenntnis beruht auf selbst Erlebtem und alles selbst Erlebte und selbst Erkannte spielt am Rande des Wahnsinns. An der Kante eines „gerade noch“. Wer sich vor dem Wahnsinn fürchtet, wird kein guter Schriftsteller sein, wer sich vor dem Wahnsinn gar nicht fürchtet, wird es ebenfalls nicht sein. Monique Schwitter fürchtet sich. Im Fürchten ist sie absolut furchtlos. Sie geht in ihren Geschichten an die Grenze von Tragik und Komik, Trostlosigkeit und Hoffnung, Liebe und Unberührtheit, Leben und Tod. Man merkt nach einer Seite, dass sie weiß, wovon sie spricht. Und das ist heute eine Ausnahme. All die Krimi- und Spaß- und Comedy- und (nur) handwerklich perfekten Autoren wissen es nicht. Alles Papier. Und, das ist fast schon ein Witz, auch längst nicht so lustig wie Monique Schwitter. „Das Nylonkostüm“ ist eine gruselige Geschichte. Weit gruseliger als der Halloween-Brauch, sich als Toter zu verkleiden, weshalb Jan, der Vater Leons, sich im Internet einen dünnen schwarzen Nylonanzug mit aufgezeichnetem Skelett bestellt, um den Wunsch seines sechsjährigen Sohnes zu erfüllen. Nein, das wirklich Gruselige steckt nicht in dem Kostüm. Auch nicht darin, dass Jans Frau, Leons Mutter, vier Monaten, zuvor gestorben ist. Nicht einmal darin, dass Vater und Sohn dieses Ereignis, jeder auf seine Weise, verdrängen. Das Gruselige steckt in dem Kreislauf: Der Sohn wünscht sich zu Halloween, dass der Vater sich als Toter verkleidet. Der Vater verkleidet sich als Toter. Der Sohn erschrickt furchtbar vor dem als Toter verkleideten Vater, den er durchaus erkennt. Er schlottert am ganzen Leib und versteckt sich unter dem Bett. Der Vater zieht ihn hervor, beruhigt den Sohn, der seit dem Tod der Mutter im Ehebett schläft, indem er ihn streichelt. Warum aber diese Worte: „Er weiß, dass es nicht richtig ist, aber er spürt, wie Leon sich entspannt“? Darin liegt das Grauen in dieser Geschichte.

Keine Tragödie ohne Komik

Der Tod ist für die 1972 in der Schweiz geborene Autorin allgegenwärtig. In ihren Erzählungen allgegenwärtig für die ganz Jungen, für die mittleren Alters und für die ganz Alten. Immer wieder kommen früh verstorbene Kinder vor, vor fünfundzwanzig Jahren bei der Geburt gestorben wie Mascha in „Seine Tochter Mascha“, an die er sich erinnert, während er gedankenverloren mit seinen beiden lebenden, jungen Kindern in einem Eiscafé sitzt, in einem Teich ertrunken wie Philipp in „Die Schaukel“. Der Tod von Kindern wirft lange Schatten in die Zukunft, verändert Familienverhältnisse, das Gedächtnis, die Wahrnehmung. Nichts bleibt, wie es ist. Die Todesnähe von Menschen mittleren Alters ist die stehende Peilung für die Freunde und Angehörigen. Sie wirft Schatten zurück auf vergangene Beziehungen, Freundschaften, Verhältnisse (wie Lottl in „Unsere Geschichte“, Magdalena in „Andante con moto“) und nach vorn auf die eigene Zukunft. Der erwartete Tod der ganz Alten löscht die Vergangenheit langsam aus (in beiden Fällen übrigens Künstler, ein Schriftsteller in „Haiku und Horror“ und eine Schauspielerin in „Die Grube“). Aber: Keine Tragödie ohne ihre komischen Seiten.

Am schrecklichsten ist allemal der Tod von Kindern, komisch sind hier nur die Verrenkungen und Verstrickungen der Überlebenden, die sich diesem Tod nicht stellen, ihn oder die Umstände, die dazu führten, verdrängen, um überleben zu können. Schrecklich ist auch der Tod von Erwachsenen, aber auch komisch die Situation, in der sie sich befinden (die krebskranke Lottl und ihre Freundin essen – sozusagen angesichts des Todes – die absolut trockenen, grauslichen Kekse der Mutter brav auf), und schließlich die Selbstironie der Alten. Die ihm noch mögliche höchste Kunstform des Schriftstellers Brandtner in „Haiku und Horror“ ist das „Jisei“, das japanische Todesgedicht, das wie jedes Haiku einen kleinen Scherz enthält. Das bedeutet nicht, dass der Scherz den Horror des Todes löschen kann. Sie stehen beide nebeneinander. Ich weiß nicht, warum Monique Schwitter so viel vom Tod weiß, wahrscheinlich weil sie sehenden Auges lebt.

Ein Motto des Buches lautet „Erinnerungen verschönern das Leben; / Vergessen macht es erträglich.“ (Honoré de Balzac). Das andere „Alle was man vergessen hat, / schreit im Traum nach Hilfe.“ (Elias Canetti). Diese beiden Aussagen treffen punktgenau das wunderbare Buch Goldfischgedächtnis.

 


Monique Schwitter: Goldfischgedächtnis. Erzählungen. Literaturverlag Droschl, Graz 2011. 190 Seiten, € 19 (D) / € 19 (A).

 


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    Dienstag, 24. Juni 2014 

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    Hurrah! Hurrah! Die Beine in die Hand! Hurrah!
    Eine literarische Schlachtenfolge. Von Thomas Lang

    „Expressionist Artillerist“   
    Die radikale Wortkunst des Franz Richard Behrens. Michael Braun im Gespräch mit Michael Lentz

    Neulich
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    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

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    Germanisten erforschen die Gegenwartsliteratur. Von Gunther Nickel

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    Vorabdruck aus dem Kalendarium Leben und Werk von Felix Philipp Ingold

    Überwiegend ernst gemeint   
    Kathrin Passig über die Automatische Literaturkritik

    Geht es um alles, geht es um nichts?   
    Von Michael Schmitt

    Bachmann-Preis 2014: Porträts und Texte der TeilnehmerInnen
    Kerstin Preiwuß, Roman Marchel, Birgit Pölzl, Senthuran Varatharajah, Gertraud Klemm, Romana Ganzoni, Michael Fehr, Anne-Kathrin Heier, Olga Flor, Karen Köhler, Tobias Sommer, Tex Rubinowitz, Georg Petz, Katharina Gericke