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Freitag, 14. Oktober 2011

Verquere Hoffnung, spröde Nähe, vertracktes Glück

 

Monique Schwitter verbindet in ihrem neuen Erzählband „Goldfischgedächtnis” virtuos Form und Inhalt. Von Nummer 8

Viel braucht die Schweizer Autorin und Schauspielerin Monique Schwitter nicht, um zu zeigen, was Literatur kann. Und keine paar Seiten braucht es, bis dieses Buch – es ist ihr drittes – mich auf seiner Seite hat mit seinen 15 Erzählungen, die ich wieder und wieder lesen könnte, weil mit ihnen im besten Sinn nicht fertig zu werden ist. Vorerst kommen sie ganz leicht daher, um sogleich aus scheinbar harmlosen Situationen eine abgründige Dynamik zu entwickeln und eine irisierende Irritation. Die Böden sind doppelt und vielfach, auf denen diese Geschichten sich bewegen, und auf doppelten Böden bewegt sich auch die Lektüre: Es gilt, dem „Schwindel“ (so der Titel einer Erzählung) standzuhalten, der die Texte grundiert und der einen jeden zu einem Balanceakt werden lässt. Immer ist es ein unsicheres Terrain, auf das die Autorin ihre Figuren schickt, in einer Welt, in der die Prozesse gemacht und die Aporien verzeichnet sind, einer Welt in Schieflage, einem fragilen Gebilde aus üblichen und unüblichen Verstrickungen, in dem es dennoch gilt, sich einzurichten, weil ein anderes nicht zu haben ist. Nichts ist abgesichert, am wenigsten das Leben und wie es dahinläuft und ebenso wenig das, was wir gewohnt sind, Ich zu nennen. Die Figuren in den Geschichten von Monique Schwitter sind erprobt in der modernen Erfahrung von Kontingenz, und sie sind klug genug zu wissen, dass jedes Leben sich bestimmt über eine Abfolge von Täuschungen und Enttäuschungen, von Erinnern und Vergessen, von Abschieden und Weitergehen.

Durchgängige Haltlosigkeit

„Das Nichts ist der Stoff, in dem die Dinge dieser Welt sich halten oder eben nicht halten“ – dieses Motto von Döblin überschreibt einen der Texte und es kann auch gelten für den ganzen Band. Eine durchgängige Haltlosigkeit ist das Unterfutter der Erzählungen, ihr Grundton ist verstörend, auch und gerade weil die Geschichten so lapidar erzählt werden, als wäre das Groteske die Norm. „Ich lebe allein und im Verborgenen. Ich bin eine Privatperson, ganz und gar, das gibt es auch heute noch. (…) Ich behalte mich für mich.“ Wir begegnen den Figuren Monique Schwitters dort, wo sie privat sind, als Freundinnen, als Liebende, als Mütter, Väter oder Töchter, als hartnäckig Scheiternde oder als beiläufig Einsame – sie kommen und sie gehen durch die Hintertür und immer sind sie eingeübt ins Absurde, das ihre Realitäten mit sich bringen: Eine Frau verliert das Grundgefühl, den „sound“ zu ihrem Leben, ein Mann sitzt in einem Hotelzimmer und liest, bis die Lektüre so in sein Leben eingreift, dass sie wirkungsmächtiger ist als das Wirkliche. Eine Schauspielerin versucht sich in der Technik, die Textmassen ihrer früheren Rollen zu vergessen und damit auch sich selbst. Eine Ich-Erzählerin findet sich mit einem Mann in der Badewanne wieder, dem sie schließlich das Leben nehmen muss, weil er die Erinnerung an ihre „lieben Toten“ nicht bezeugen will. Eine andere wiederum versucht tagtäglich auf einem Eichenstamm im Wald die Balance zu halten und trifft dabei auf einen Selbstmörder.

Solche Erzählungen sind Versuchsanordnungen, die die Grenzen des Realen auflösen und neu dimensionieren, Experimente zwischen Zufall, Notwendigkeit und Freiheit, Experimente am Spielfeld des Textes, die das Wirkliche überführen in das Mögliche. Es ist eine Literatur der unbemerkten Übergänge, die Monique Schwitter gestaltet, kaum ist auszumachen, wo sie die Dreh- und Kippmomente setzt, an denen sich das Geschehen weiterschraubt, ins Phantastische hinein. Die Wendungen sind haarscharf und nur zu haben durch äußerste sprachliche Präzision – und eben diese subtilen, beinah unmerklich dem Text untergeschobenen erzählerischen Interventionen sind es, die eine beklemmende Komik bewirken, selbst dort, wo manche der Geschichten auch annähernd gelungene Lebensmomente gestalten, eine kleine verquere Hoffnung, eine spröde Nähe, ein vertracktes Glück.

Fiktion, mein Lebenselixier

Virtuos, wie sich bei Monique Schwitter Inhalt und Form verbinden – ein stringentes Erzählen und eine in nichts unsichere, aufs Äußerste reduzierte Sprache bringen die Brüche, die mikroskopisch feinen Risse, die Wechselfälle des Geschehens erst hervor. Nicht zufällig also, dass die meisten der Geschichten auch das Erzählen mitreflektieren – als Möglichkeit, sich das Wirkliche lebbarer zu machen: „Wie immer ist die Realität weniger schön und die Fiktion mein Überlebenselixier“. Das Erzählen konstituiert Erinnerung, es vergegenwärtigt Geschichte und ist ihr Korrektiv, wenn es ins Vergangene eingreift, es um- und fortschreibt und damit zu einer haltbaren, unvergesslichen Realität werden lässt. Schreiben, so scheint es beim Lesen von Schwitters Erzählungen, heißt vor allem Lücken zu füllen und das Nichts zu gestalten, heißt dem Verschwinden entgegenzuarbeiten und dem Vergessen einen Kontrapunkt entgegenzusetzen.

„Goldfischgedächtnis“, die Titelerzählung, beschreibt in berührender Beiläufigkeit die Allianz von Realität und Fiktion: „Abends saßen wir gemeinsam am runden Tisch. (…) Ich unterhielt die Familie beim Essen, weil ich die Stille nicht ertragen konnte. Es waren sehr lustige oder ganz schreckliche Geschichten. Ich erfand sie, manche stimmten im Ansatz, die schmückte ich aus. (…) Ich habe oft erzählt, mein Vater sei tot. Aber das stimmt nicht.“ Der Vater verschwindet und lässt die krebskranke Mutter und die Tochter zurück, für die er seither nur in der Schwebe zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Imagination und phantomhafter Präsenz existiert. Und eben dadurch auf bizarre Weise real bleibt.

Alles endet in den Geschichten von Monique Schwitter so unmittelbar, wie es begonnen hat. In unerwarteten und zugleich zwingenden Pointierungen, die keinen Schlusspunkt setzen, sondern im Gegenteil ins Offene führen, dorthin, wo die Böden nachgeben, auf denen wir uns bewegen und dorthin, wo es nichts mehr zu deuten gibt. „Die Geschichte endet hier. Bevor wir weinen.

 

Monique Schwitter: Goldfischgedächtnis. Erzählungen. Literaturverlag Droschl, Graz 2011. 190 Seiten, € 19 (D) / € 19 (A).

 


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    Donnerstag, 16. Oktober 2014 

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    AUSGABE 3/2014

    „Das Vergessen ist eine Illusion“
    Nino Haratischwili im Gespräch mit Insa Wilke über ihren Jahrhundert-Roman Das achte Leben (Für Brilka).

    Alles voll kalter Gefühle   
    Herta Müller im Gespräch mit Angelika Klammer über die Verhörmethoden der Securitate

    Jeder hinkt für sich allein
    Robert Seethalers fatalistischer schmaler Roman Ein ganzes Leben. Von Christoph Schröder

    Paroli geboten   
    Klaus Zeyringer im Gespräch mit Ludwig Laher über dessen Roman Bitter 

    Keine Schreibmaschine, keine Signierstunde
    Gisela Trahms im Gespräch mit dem Julien Gracq-Übersetzer Dieter Hornig

    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Staub über Hamburg
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Erkundungen im Möglichkeitsraum
    Ernst-Wilhelm Händlers Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument. Von Andreas Puff-Trojan

    Neulich
    Von Andreas Maier

    Noten  
    Eine Erzählung von Thomas Ballhausen

    Die Bewohner von Château Talbot   
    Von Arno Geiger

    Maschinelle Zukunftsprognose   
    Alban Nikolai Herbst über das Haus der Halluzinationen von Lars Popp

    Writer at Large   
    In den Rettungsbooten. Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Wälzer-König von Amsterdam
    Detlev van Heest über J. J. Voskuils monumentalen Roman Das Büro

    Laienherrschaft – in Klagenfurt und anderswo   
    Zum aktuellen Status von Literatur und Literaturkritik. Von Felix Philipp Ingold

    Der Nachhall von 9/11   
    Mit Der Distelfink ist Donna Tartt ein facettenreicher Roman gelungen. Von Clarissa Stadler

    Schreiben 2020
    Mit Texten von: Marion Poschmann, Thomas Melle, Ulrike Draesner, Thomas Hettche, Marcel Beyer, Teresa Präauer, Philipp Schönthaler, Benjamin Stein, Matthias Nawrat, Daniela Seel, Gunther Geltinger