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Freitag, 04. November 2011

Reale Fiktion, fiktive Faction

 

Volker Harry Altwassers jüngster Roman „Letzte Fischer”. Von Nummer 12

Was ist das? Ein Autor, Matrose der Nationalen Volksarmee (NVA), später Gefreiter auf der Fregatte Bremen, schreibt einen Roman über die Seefahrt. Vier Perspektiven, auktorialer Epilog. Ein Roman über Walfang, Fischindustrie und Piraten. Über Sicherheit und Sicherheitsdienste. Über Liebe, Maßnahmen zur Belebung des Arbeitsmarktes in Mecklenburg und die Kurznasenseefledermaus, das Geschöpf ohne Wikipediaeintrag: Ogcocephalus nasutus, flach, tiefseeig, selten. Am Ende finden sich eine ungeordnete Liste verwendeter Quellen, ein unintegrierbarer Essay zu Männercharakteren, der Aufruf, einen Verein zum Schutz hässlicher Pflanzen und Tiere (auch Menschen?) zu gründen – und das zweite Ende des Romans. Was das ist? Ein Roman nach „dem Erzählen“, das Mitte der Neunziger feuilletonweit ausgerufen wurde, nach der Postmoderne, nach 9/11, nach der Entdeckung der historischen Naturwissenschaften als Variantenbereicherung des Abenteuerromans, nach Diskussionen um „Realismus“ im Erzählen. Die rasch verpufften. Scheinbar. Ein Roman nach dem Tod der Soap, die als Zitat ihrer selbst weiterlebt. Ein Roman in Zeiten, in denen das geheime Schlagwort „Authentizität“ heißt. Authentizität, Biografie, Eleganz.


Dem Fisch die Haut abziehen

Robert Rösch, 37 Jahre alt, ist Fischer auf dem Fang- und Verarbeitungsschiff Saudade. Auf den Spuren großer Schwärme von Thunfisch oder Rotbarsch befährt es die Meere der Welt. In der ersten Szene trägt Rösch, zart von Körperbau und Wesen, eine Kurznasenseefledermaus auf Deck. Genauer: ihre graue, mit Giftstacheln bewehrte Haut. Er weiß, wie man sie dem Fisch so abzieht, dass ihre Innenseite nach Amber duftet und purpurn leuchtet. Und der Mannschaft ein dickes Zugeld verdient.

Was ist das: Ein Roman, der im Konjunktiv beginnt. Der wuchert, scheitert, voller Seemannsknoten, Seemannsgarn. Der die literarische Tradition „ausspinnt“ – und spannend wird. Schotten, Lasten, Tanks, die Nock. Ein Roman, der etwas weiß: Das Geheimnis der Fischhaut ist verbunden mit unsichtbaren, unheimlichen Augenblicken zwischen Leben und Tod. Mit den Künsten der Sekunde, des Rhythmus, der Not und des Gefühls. Von diesen Augenblicken erzählt der Roman. Es ist Robert Röschs Kunst, den allerletzten Noch-Lebens-Augenblick der Kurznasenseefledermaus zu treffen. Ihr die Haut bei lebendigem Leib abzuziehen. Es ist Altwassers Kunst, diesen Augenblick auszudehnen und in vielfachen Spiegelungen in seinem Roman immer wieder zu zeigen: für seine Figuren und uns.

Saudade. Ist der Fang zu groß, wird er lebend aufbewahrt, in bösen Becken, die wir noch kennen  lernen werden. Wer das Schiff betritt, legt seine Landidentität ab. Man ruft einander beim Seefahrernamen. Privates hat an Bord nichts zu suchen. Kaum indes hat Letzte Fischer begonnen, geht Filigraner (Rösch) zum Kapitän und erzählt von einem Ausflug in die bayrischen Berge, bei dem seine Frau fast ums Leben kam. Rösch sorgt sich um sie – und liebt das Schiff. Diese letzte Insel der männlichen Welt.

Sechs Monate im Jahr lebt Mathilde allein an der Küste. Sie arbeitet als Lehrerin und will, dass Rösch Fischzüchter wird, an Land. Mathilde ist die schwierigste Figur des Romans. Doch es gelingt Altwasser, auch das Land allmählich in Fahrt zu setzen. Mathilde – oder ihre echtlebende Spiegelung – waren, wie der Epilog erzählt, die Auslöser des Romans. Es kommt nicht darauf an, ob das Seemannsgarn ist oder nicht. Es kommt darauf an, dass der Epilog das erzählt. Doppelt wird Letzte Fischer im „Erleben“ verankert: Altwasser kennt, worüber er schreibt, und schreibt nach Stücken fremden Lebens. Faction, doch literarisch. Die Figuren beginnen ein Eigenleben, die Wirklichkeiten des Romans zeigen sich als gleitende Räume aus Erlebtem, Gedachtem und Erinnertem. Wir lesen großartige Beschreibungen der Walverarbeitung im Bauch der Rimbaud, der Häutung der Seefledermaus, des Endes des Robert Rösch und all seiner Kameraden.


Seeleute im Thunfischtank


Mathilde denkt an ihre Tochter Luise. Als Leiterin eines kleinen Sicherungsteams soll die 23-Jährige dafür sorgen, dass die Rimbaud mitsamt ihrer Ladung – 100 tote, verarbeitete Wale – unbehelligt den Hafen von Spitzbergen erreicht. Mitsamt des neuen Auszubildenden, Tommy, der der letzte Hochseefischer werden möchte. Der letzte auch, der hiervon erzählt. Bevor der Fisch ganz verschwunden sein wird. Er verliebt sich in Luise. Eine gute Weile geht es gut.

Was ist das? Wir wechseln die Perspektiven, die Schiffe. Bis Mathilde am Meer steht und klagt. Bis Luise etwas träumt, das wirklich wird. Bis die Saudade vor der Piratenküste Somalias kreuzt. Bis 256 Seeleute im Innersten ihres Schiffes in einem Tank voller Thunfisch schwimmen. Eiskaltes Wasser, gefräßiger Fisch. Bis jemand an einem Anker in die Tiefe gezogen wird. Bis ein Schiff explodiert. Bis Luise die Rollen wechselt, aber das geschieht erst im Epilog. Bis der Autor, scheinbar, direkt zu uns spricht.

Was das ist? Reale Fiktion, fiktive Faction. 13 Jahre hat Altwasser an diesem Buch gearbeitet. Manchmal belehrt es, schrammt den Botschaftston. Dann liegt es schief. Meist ist es spannend. Auf ganz eigene Weise mischt Letzte Fischer die Genres: Abenteuerroman, Seefahrerroman, Liebesroman, Walfangroman (und Moby Dick lässt grüßen), Piratenroman, Lügenroman. Romanbericht, journalistischer Roman. Er zeigt eine in Unsicherheiten, Geld und Brutalität zerscherbte, zeitgenössische Welt.

Und bricht Gesetze.

So zu schreiben, ungekämmt und obsessiv, lernt man nirgends. Im Gegenteil. Sex, Crime und Tod, dazu Seefahrtklischees. Dagegen: überzeugende Details. Genaue Wahrnehmungen. Dazu: literarische Anspielungen, romantische Versatzstücke, Metaphorisierungen. Die Welt dreht rasch, der Roman / sein Autor ebenfalls. Gegen Walfang sein und im Roman den Walfang ausführlich und überzeugend schildern (müssen). Details und Grausamkeit. Was das ist? Ein über sich hinausschießender Text, ein Hefeteig, der mächtig aufgeht, den Autor mitschwemmt, fast niederreißt. Doch das gehört unbedingt dazu, so ein – lebendiges Projekt, so ein interessanter Versuch an der Grenze zwischen Leben und Fiktion und Faction, zwischen eigenem Erlebtem, Angeeignetem, Nacherzähltem, Erfundenem und Recherchiertem, so eine Verwirbelung in Böse und Gut. Versuche von Nähe und Beziehung, eingelassen in die harte Geschäftswelt im rechtefreien Kommerzraum Meer.

Was das ist? Eine Herausforderung. Ein wilder Haufen. Leben und Fiktion, durch die Mangel gedreht. Wirklich ersponnen, verstrickend erfunden. Sich (und uns?) immer wieder voraus.


Volker Harry Altwasser: Letzte Fischer. Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2011. 503 Seiten, € 24 (D) / € 24,70 (A).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

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    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

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