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John Kennedy Tooles „Verschwörung der Idioten” in einer neuen Übersetzung von Alex Capus. Von Nummer 10 Wenn sich dein Glücksrad abwärts dreht, geh raus ins Kino und bring Schwung in dein Leben, sagte Ignatius zu sich selbst. Dann fiel ihm ein, dass er sowieso fast jeden Abend ins Kino ging, egal in welche Richtung sein Glücksrad sich gerade drehte.“ Ignatius J. Reilly hat studiert, wohnt bei seiner Mutter, ist monströs fett, unglaublich anspruchsvoll und leider intellektuell halbwegs brillant. Nach einem Einparkunfall wird die Geldnot der Kleinfamilie akut, und Ignaz muss sich eine Arbeit suchen. Alle Nebenpersonen sind exzellent getroffen. Es kommt der berühmte Yat-Dialekt von New Orleans vor. In den Dialogen entwickelt sich eine hilflose Komik. Man bekommt einen Eindruck von New Orleans. Wenn Sie sich nicht vorstellen können, wie ein amerikanischer Intellektueller ist, außer politisch korrekt „wie ein europäischer, nur mit Turnschuhen“, so ist Die Verschwörung der Idioten auch in diesem Punkt informativ. Die Stimme von Ignatius weicht nicht mehr aus dem Gedächtnis. Während die Nebenpersonen teils Sympathie erwecken, etwa der coole schwarze Underdog Jones, der Feger in der „Liebesnacht“, und seine blonde Kollegin Trixie, sind die beiden Helden selbst, mitsamt ihrer sprachlichen Einflussnahme auf die Narrative, recht massiv verstörend. Als gute Karikatur hat der Roman auch etwas Albtraumhaftes und wirkt als Zerrfilter für die eigene Umwelt der Leserin. Wer im Alltag ohne Magenkrämpfe von „Assis“ spricht, mag sich hier in leichtherzigen Lachanfällen austoben; wer ein bisschen die eigenen Abgründe kennt, dem wird dabei auch übel. Marginter versus Capus Alex Capus’ Neuübersetzung ist an manchen Stellen etwas „frischer“ als die ältere von Peter Marginter, welche dafür in den meisten Belangen genauer ist. Capus ist Schweizer, Marginter war Österreicher, was man irgendwie schemenhaft im Satzbau, und sehr deutlich bei ihren Versuchen merkt, Äquivalente für New Orleanser-Ausdrücke zu wählen. Es ist nun mal keine wirklich gute deutsche Übersetzung von gesprochenem Amerikanisch möglich. Wer halbwegs Englisch kann, greife zum Original. Ob man die schwungvolle schwarze Intonation Po-lice mit „Po-lizei“ (Capus) oder „Bullizei“ (Marginter) übersetzt, ist auch schon egal. „Stößt Fortuna dich radab, so geh ins Kino, bring Leben in dein Leben. Als Ignaz das zu sich sagen wollte, fiel ihm ein, daß er fast jeden Abend ins Kino ging, unabhängig von der Richtung, in der Fortuna sein Rad drehte.“ So lautet die eingangs zitierte Passage bei Marginter – einem etwas verschrobeneren Stilisten als der populäre Luftikus Capus. Wenn Marginter auch nicht in allen Sätzen sehr geschickt ist, so ist seine schrullige Hingabebereitschaft dem Werk angemessener als Capus’ Behandlung. Andererseits fühlt sich durch Capus’ kindlich-sorglose Handhabe der Ignaz für manche vielleicht näher an als durch die dicke Brille von Marginters Sympathie. Begleitende Lektüre: Toole hatte schon mit 16 einen Roman geschrieben, The Neon Bible. Das ist ein mehr zärtliches und trauriges Buch als die karikierende Burleske von Ignatius, und es als jugendliche „Fingerübung“ abzutun wie Capus in seinem „Nachwort“ greift ganz daneben. Zu fein sind die sprachlichen Schönheiten, die grammatischen und vokabularischen Extravaganzen, die vielleicht nur Jugendliche so notwendig, und dabei selbst überrascht, setzen. Neben dieser Neonbibel, die etwas zögerlich immer als Gothic-Roman bezeichnet wird, und in meiner Erinnerung voll mit der Farbe der Dämmerung wie nur zwei oder drei andere Bücher, die ich aber selbst als Teenager in der Dämmerung gelesen habe, wirkt Die Verschwörung der Idioten grell, zynisch, kunterbunt, unkonzentriert hüpfend, wie ein früher Disney-Zeichentrickfilm. Boethius’ Trost der Philosophie ist in der Verschwörung ein vielzitiertes Werk. Das könnte man auch mal lesen, mit dem zusätzlichen Amüsement der Vorstellung, ein amerikanischer Literaturstudent lese das und werde davon berührt. Was bedeutet Fortuna denn dem, der sich physisch, das heißt in der Anlage seiner Zeit, als Verstopfung seines eigenen Schicksals engagiert? Übrigens kommt am Ende der Verschwörung eine Szene, in der der Leib des Helden wie ein Fatsuit wirkt, in dem ein atemlos verliebter, atemlos unsicherer junger Mann sich von Myrna Markoff in einem Auto davonfahren lässt. John Lyly ist der elisabethanische Poet, über den Toole dissertiert hat. Gleich zweimal hat er über ihn Arbeiten geschrieben, einmal an der Tulane, einmal an der Columbia University. Einige Seelenverwandtschaft kann man hier vermuten, ist doch Lyly der Geselligkeit mehr zugetan als dem Studium; ein begnadeter Wit, allseits beliebt, in dessen Karriere jegliche Stellung ausbleibt; ein sprachlicher Vorläufer Shakespeares, dessen Lebendigkeit allerdings mit seiner Pedanterie zu kämpfen hat, außerdem der Urheber einer blumigen Modesprache, dem Euphuism. Echos Es gibt einen seltsamen Film Grey Gardens von den Maysles Brüdern (1975) über die Cousine von Jacky Kennedy Onassis und deren Mutter, also Jacky Kennedys Tante, die in einer großen, versifften Villa schimpfend und fantasierend durch einen verwahrlosten Alltag driften. Im Film ist es auch der unentschieden sich treiben lassende Schnitt, der einen wahnsinnig macht. Man ist angehalten, poetische, schöne Fluchten im zunächst nur erschreckenden Elend der realitätsfernen Ziellosigkeit auszumachen. Dabei ist kein Fortschritt zu machen, aber die Eindrücke sind einigermaßen unvergesslich. Ein anderes Echo fand ich in Marc Degens’ („fast ein Roman“) Hier keine Kunst (2008), das einen der Tooleschen Hauptfigur Ignaz irgendwie sehr verwandten Degens gelingt, was den Stil betrifft, etwas, was auch bei Toole bemerkenswert ist: die Helden, die den Ton prägen, sind gebildet, legen wie selbstverständlich Wert auf Sprache, und trotzdem ist diese Sprache durch und durch verklebt mit Privata – wie eben bei Leuten, die nie von zuhause ausgezogen sind. Das merkt man in der Übersetzung wahrscheinlich nur, wenn man darauf besonders Acht gibt, da alles sehr von den Problemen der Übersetzung verstellt ist, es liest sich halt choppy wie bei hohem Seegang. Toole war eine Show Die Entstehungsgeschichte des – Autors ist in diesem Fall sehr interessant. Das Nachwort gibt nur eine reduzierte Zusammenfassung. Was man sich sofort fragt: War Toole fett? – In den letzten zwei Jahren seines Lebens, ja. Doch den Roman hatte er lange vorher geschrieben, und zwar, als er 1961 eingezogen worden war und in der Armee mit ein paar anderen Literaturstudenten auf Puerto Rico spanischsprachigen Rekruten Englischunterricht erteilte. Das erste Bild von Ignaz, wo aufgrund einer Gewichtsverlagerung eine Fettwelle von oben bis unten über die Masse seines Körpers rollt, schrieb ein hochbegabter junger Mann mit einem Hauch Babyspeck und einem süßroten Mund, der zwei Schulklassen übersprungen hatte, Englische Literatur studierte und später an mehreren Universitäten unterrichtete. Bei Studenten und Kollegen war er für sein brillantes Entertainertum beliebt. Den Kollegen fiel aber auch seine Unnahbarkeit auf: Toole war eine Art Show. Die Figur Ignaz teilt zwar einige biographische Daten mit seinem Autor, etwa die episodische Anstellung als Hot-Dog-Verkäufer, war aber vor allem ein deutlich wieder erkennbares Portrait eines Kollegen, des Mediävisten Bob Byrne, eines beleibten Lautenisten, dessen Bärenfellmütze Toole wiederholt rügte. Dass Toole später seinem Helden immer ähnlicher wurde, muss seine schrecklichsten Ahnungen wahr gemacht haben. Man nennt als Grund für Tooles Kippen in seine psychischen Schrecken – Ängste, Paranoia, Fressen – immer, grob zusammenfassend, die so lange erfolglose Suche nach einem Verlag. In Wirklichkeit war gleich sein erster Versuch, bei dem großen Verlag Simon & Schuster, quasi erfolgreich: Der Lektor war begeistert von dem Manuskript, verlangte aber noch einige Arbeit daran. (Wer hatte Recht? Die Geschichte gibt natürlich Toole recht: er habe gewusst, dass das Werk so, wie es ist, ein Meisterstück ist. Der Lektor steht blöd da. Wäre es Toole aber gelungen, die Handlung in seinem Buch zu verschärfen, die geschickte Arbeit des Lektors wäre weitgehend unbekannt geblieben.) So verzögerte sich und entschwand nach zwei Jahren schließlich die erhoffte Ausstiegshilfe aus einem Familienleben, dem Toole alleine nicht schaffte zu entkommen, entkommen zu wollen, bevor es zu spät war. Ja, Toole hatte eine arge Mutter, eine unrunde, theatralische Frau, die ihn als kindlichen Performer mit viel Ehrgeiz erzogen und dabei etwas isoliert hatte. Im Dokumentarfilm John Kennedy Toole: the omega point von Joe Sanford, den man sich im Internet frei ansehen kann, hört man Thelma Toole sprechen und Klavier spielen; ihre exzentrische Betonung lässt sich nicht von der Wirklichkeit leiten; sie war Aussprachelehrerin. Sie war immer unzufrieden, vor allem mit ihrem Mann, und es ist zu merken, wie ihre theatralische Begabung einen Raum mit dem füllen kann, was ihr in den Sinn kommt. Leute, die die Familie kannten, formulieren, Thelma Toole habe ihren Sohn als Phänomen kreiert und auch wieder zerstört. Als Toole in der Armee als Sprachlehrer arbeitete und sein Buch schrieb, ging es ihm gut, er wurde erwachsen. Sein Modell der sozialen Isolation bei gleichzeitiger Geselligkeit, dessen Notwendigkeit er von klein auf spürte und als Normalität auch kultivierte, konnte in der Struktur der Armee, besonders als er zum Büroinhaber befördert wurde, gut überdauern. Er kehrte zurück in sein Elternhaus, wo, können wir vermuten, von früh bis spät die Mutter auf ihn und den dement werdenden Vater einredete. Ihre welterschaffende Kraft war ausreichend, im Sohn nach und nach eine ziemlich paranoische Sicht auf die Welt zu verstärken, und als pflichtbewusster und liebevoller Kerl erschien es ihm unmöglich, das Elternhaus zu verlassen.
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Montag, 18. März 2013
Titelgeschichte: „It Can’t Be All in One Language“
Ezra Pounds Cantos in zweisprachiger Gesamtausgabe. Von Felix Philipp Ingold
„Gott ist ein Ingenieur“
Ernst-Wilhelm Händler im Gespräch mit Andreas Puff-Trojan über seinen neuen Roman Der Überlebende
Kindheit in der Psychiatrie
Joachim Meyerhoff setzt sein autobiografisches Erzählprojekt fort. Von Christoph Schröder
„Nicht vorschnell das Künstlernäschen rümpfen“
Gisela Trahms im Gespräch mit Georg Klein
Ein Feind, der ehrt.
Daphne du Mauriers Erzählung Die Vögel. Von Georg Klein
Neulich Von Andreas Maier
„So möchte ich heute noch schreiben, im existenziellen Sinne“
Josef Winkler im Gespräch mit Katrin Hillgruber
Wortschatz der Nacht
Auszug aus einem frühen Text von Josef Winkler
Aufzeichnungen aus dem Krieg
Aus einem Journal von Julien Gracq
Die Bewohner von Château Talbot
Von Arno Geiger
Die Sprache als Gesamtkunstwerk
Gedenkblatt zum 100. Todestag von Ferdinand de Saussure. Von Felix Philipp Ingold
Hose und Satz
Ein Dramolett von Klaus Siblewski
Ein komischer letzter Seufzer
James Gordon Farrells Troubles zeigt Irland in der traumatisierten Wahrnehmung eines Kriegsheimkehrers. Von John Banville
Heimliche Elevationen
Alexander Nitzberg über Wilhelm Klemms Gesammelte Verse
Der Tod des Fahrrads
Clemens J. Setz über Donald Barthelme
Silentium
Eine Erzählung von Ildikó Noémi Nagy
Lyrik-Logbuch
Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart
Lyrischer Moment
Von Silke Scheuermann
Das Preisausschreiben
Eine Erzählung von Grace Paley
Unwürdige Lektüren
Anna Weidenholzer blättert in der Boulevardpresse