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Donnerstag, 03. November 2011

Ein oulipotisches Bilderbuch

 

Gelungene Verbindung von Text und Comic: Jochen Schmidts und Line Hovens „Dudenbrooks”. Von Nummer 7

Oulipo. Nein, dieser Name steht nicht für ein exotisches Land oder Tier, sondern er ist die Abkürzung der Autorenvereinigung „L’Ouvroir de Littérature Potentielle“. „Werkstatt für potentielle Literatur“ nannte man sich damals 1960. „Man“, das sind solche literarischen Schwergewichte wie Raymond Queneau, Italo Calvino oder Oskar Pastior. Der berüchtigtsteText ihrer Gruppe ist vielleicht Georges Perecs La Disparition, ein Roman, der gänzlich auf den Buchstaben „e“ verzichtet. Ein typisches oulipotisches Experiment: Eine strenge und an sich unmögliche formale Vorgabe soll zur Erweiterung der Sprache und des Denkens führen. Ulk? Schwachsinn? Oder gar – Tiefsinn? Vielleicht alles drei zusammen. Denn Oulipo geht aus dem Surrealismus hervor, der ja gerade im scheinbar Nutzlosen und Unsinnigen eine höhere Ordnung der Dinge erkannte. Man kann durchaus von einer klassischen Laborsituation sprechen: Der Surrealist begibt sich inhaltlich und formal in eine Situation, die nicht mehr seiner Kontrolle unterliegt oder rational erklärbar ist. Literarisch hat das niemand so beeindruckend vorgeführt wie André Breton in Nadja. Ziellos streift der Ich-Erzähler durch Paris und trifft auf die junge Titelheldin, die ihn mit ihrer Schönheit und ihrem irrationalen Verhalten unmittelbar fasziniert. Während er sich im weiteren Verlauf des Buches immer mehr auf die psychisch Kranke einlässt, praktiziert Breton auch formal ein Experiment mit ungewissem Ausgang: In seinen Text montiert er Foto-Abbildungen, ohne dass in vielen Fällen eindeutig wäre, in welchem Zusammenhang beide zueinander stehen.

Solche inspirierende Spielereien, die mit dem Feuereifer und dem Ernst des Forschers betrieben werden, sind heute in der Literatur praktisch inexistent. Tatsächlich nimmt ja der momentan vorherrschende Geschmack die genau gegenteilige Position ein: Wir befinden uns auf dem vorläufigen Höhepunkt eines neoromantischen Autorenkults, in dem die Person des Urhebers genauso wichtig ist wie sein Erzeugnis. Man kann darin die Wiederkehr des Geniebegriffs sehen – ein Geniebegriff, bei dem freilich der spirituelle Ernst, der Novalis oder Schlegel beseelte, durch Marketingstrategien ersetzt wurde.

Surrealistischer Schock

In so einem Klima wirkt Jochen Schmidts und Line Hovens oulipotisches Dudenbrooks-Bilderbuch wie ein Fremdkörper, wie ein kleiner wohltuender Schock im besten surrealistischen Sinne. Vielleicht hat ja vor allem ein Autor aus der DDR, so wie es der studierte Romanist Jochen Schmidt, 1970 in Ost-Berlin geboren, in seinem wunderbar poetischen Vorwort nahelegt, ein Gespür für scheinbar sinnlose Regeln: „In dem Land, aus dem ich komme, war fast jeder ein Bastler, und reich war, wer die Fähigkeit besaß, in den Dingen mehr als ihre Funktion zu sehen.“ Die strenge Regel, die sich Schmidt hier für das Schreiben selbst auferlegt hat, lautet: „Jede Geschichte enthält sieben Wörter desselben Anfangsbuchstabens, wie sie im Abstand von jeweils 10, 20, 30 oder 40 Wörtern im Duden stehen.“ Der Zufall gibt also gewissermaßen das Gerüst ab für die folgenden 26 Kürzestgeschichten aus drei, vier Sätzen – was Schmidt aber dann daraus macht, trägt wiederum seine unverwechselbare Handschrift. Über jeder Geschichte steht der Name der Person, um die es im Folgenden geht, von A wie Adam bis Z wie Zarah. So wird nach und nach eine Genealogie absonderlicher Existenzen entwickelt, wir begegnen Magiern, Verbrechern, Quirlverleihern und Schönheitsköniginnen mit Paparazzi-Problemen. Manchmal gelingen Schmidt in den kurzen Texten kleine absurde Romane: „Die einen wollten den Zerlumpten in Zement werfen, die anderen dachten an Zervelatwurst. Aber dann traf Zarah ein, die Chefin des Kellnersyndikats die so gerne aus der Bewirtungsordnung zitierte. Sie zog an ihrer Zigarette und spielte mit der Kette aus Zechprellerzähnen, die ihren weißen Hals schmückte.“ Meistens freilich läuft es eher auf das Ulkhafte heraus: „Beim Davispokal sieht man so manchen Dämlack dasitzen und Darjeeling trinken. Dank der Entdeckung Amerikas kann man stattdessen auch nach Dakota fahren und dort eine Daguerrotypie von Dieter machen, sofern er sich dafür die Zeit nimmt.“

Detailreiche Schabkartonbilder

Die Texte wären also oft einfach „nur“ witzig – wären da nicht die ganzseitigen, begleitenden Illustrationen Line Hovens. Schon mit ihrem Debüt-Comic Liebe schaut weg erzielte sie 2007 einen beachtlichen Erfolg. Seine Faszination bestand zu einem guten Teil in Hovens ungewöhnlicher Technik: Aus schwarz bestrichenem Karton schabt sie weiße Konturen. Die fertigen Bilder strahlen eine seltsame Stimmung aus, irgendetwas zwischen der Strenge mittelalterlicher Holzschnitte und der altmodischen Eleganz von Grafiken aus den 50er-Jahren. Hoven hat sich nun bei diesem Projekt von Schmidts Geschichten inspirieren lassen. Dabei herausgekommen ist aber mehr als nur eine einfache Illustration. Die Plot- und Szene-Gerippe Schmidts erwachen auf ihren detailreichen Schabkartonbildern zum Leben. Wenn von „Wilfried“ die Rede ist, der im „Waldesdunkel“ auf eine Quelle stößt, dann sieht man bei Hoven einen Mann mittleren Alters in voller Montur und mit auffälligem 70er-Jahre-Schnauzbart bis zur Hüfte in einem Urwaldteich stehen, eine Szene, die in ihrem Realismus und ihrer absurden Unheimlichkeit nicht von ungefähran Collagen von Max Ernst erinnert. Aber Hovens  Bilder gehen noch weiter. Wo Schmidt schräg ist, ist sie oft rabenschwarz. So etwa bei „Yvonne“, die bei der „Yamswurzelernte“ einen reichen „Yankee“ kennen lernt. Auf der Illustration trägt er eine SM-Kluft und wird von Yvonne, die auf seinem Rücken reitet, mit einem Baseballschläger angetrieben. Die schönsten Bilder sind dann jene, in denen sich Hoven völlig von der Vorlage löst. Bei Schmidt geht „Franziska“ mit ihrer „Feile“ zur Werkbank und macht keine „Faxen“; bei Hoven steht sie mit der Feile in der Hand in einer in der Geschichte nicht erwähnten morbiden Kruzifixfabrik.

Ähnlich geglückte Ergänzungen von Text und Bild finden sich heute selten, ganz zu schweigen von der aus der Mode gekommenen Bildgeschichte. Dudenbrooks. Geschichten aus dem Wörterbuch, das von dem kleinen mutigen Berliner Verlag Jacoby & Stuart in aufwändiger Aufmachung veröffentlicht wurde, zeigt, dass Autor und Zeichner als Team Dinge erreichen können, denen man sonst im Comicbereich, wo heute nahezu ausschließlich Bild und Wort in der Hand eines einzigen Künstlers liegen, kaum begegnet.

Jochen Schmidt / Line Hoven: Dudenbrooks. Geschichten aus dem Wörterbuch. Jacoby & S tuart, Berlin 2011. 64 Seiten, € 19,95 (D) / € 20,60 (A).

 


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    Montag, 18. März 2013 

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