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Herman Melvilles Bartleby der Schreiber in einer neuen Ausgabe. Von Nummer 5 Kontrollverlust gehört für viele von uns zu den unangenehmen Erfahrungen im
Die Situation gestaltet sich zunehmend grotesk. Der Anwalt versucht, Bartleby zu entlassen und abzufinden – erfolglos. Bartleby möchte lieber nicht gehen, er möchte auch nicht sagen, warum er bleiben will. Der Anwalt setzt ihm schließlich eine Frist von sechs Tagen, nach der er verschwunden sein soll. Bartleby lässt die Frist verstreichen. Da sein Boss sich außer Stande sieht, ihn mit Gewalt vor die Tür zu setzen, versucht er ihn zu ignorieren. Auch das misslingt. Nach einer Phase des Fatalismus gerät der Anwalt erneut unter Druck, weil die Anwesenheit des verstockten Schreibers allmählich seine Kunden und Kollegen irritiert. Es gibt nur noch einen Ausweg: „Da er mich nicht verlassen will, muss ich ihn verlassen.“ So wechselt die Kanzlei ihren Standort. In einer bewegenden Szene schildert Melville, wie das Mobiliar aus den alten Räumlichkeiten fortgebracht wird: „Die ganze Zeit über stand der Schreiber hinter seinem Wandschirm, der auf meine Anweisung den Beschluss bilden sollte. Schließlich wurde er weggezogen, einem riesigen Folianten gleich zusammengeklappt, und Bartleby blieb als regungsloser Bewohner des kahlen Raumes zurück. Ich stand eine Weile am Eingang und beobachtete ihn einen Augenblick lang, während mir eine innere Stimme Vorwürfe machte.“ Bartleby möchte lieber nicht Nicht nur vermisst der Anwalt seinen schweigsamen Verweigerer bald, er ist ihn nicht mal losgeworden. Die alte Kanzlei steht nicht lange leer, schließlich befinden wir uns im New York der 1850er-Jahre, das schon ähnlich busy ist wie heute. Die neuen Mieter und mit ihnen der Hauswirt beschweren sich, dass Bartleby dort geblieben ist und nach seinem Rauswurf aus den Räumen der Kanzlei im Treppenhaus rumlungert. Um den eigenen Ruf nicht zu gefährden – jedenfalls sagt er das, obwohl wir ahnen, dass hier längst Zuneigung im Spiel ist –, versucht er ein weiteres Mal, Bartleby zu einem Berufswechsel und damit zum Verlassen des Hauses zu bewegen. Der aber möchte lieber nicht. Der Anwalt verlässt nun gar die Stadt, weil er seines Problems nicht Herr werden kann. Bei seiner Rückkehr erfährt er, dass man Bartleby als Vagabunden ins Gefängnis gebracht hat. Dort schaut er wie zuvor in der Kanzlei stumm die Mauer an. Er isst gar nicht mehr und verweigert bald jedes Gespräch. Bei seinem letzten Besuch findet der Erzähler ihn im Gefängnishof: „Das ägyptisch anmutende Mauerwerk bedrückte mich durch seine Düsterkeit. Zu Füßen aber wuchs ein eingeschlossener, weicher Rasen. Es schien das Herz der die Zeiten überdauernden Pyramiden zu sein, in welchem Grassamen, von Vögeln fallengelassen, kraft eines seltsamen Zaubers durch die Spalten gedrungen, aufgegangen war.“ Hier stirbt Bartleby.
Trauriger Kopist Bartleby wird bisweilen im Hinblick auf diese biografische Situation gedeutet, der traurige Kopist geistloser Vertragswerke als ahnungsvolles Bild des Weges, den Melville in seinem Leben noch zu gehen hatte. In einem Punkt trifft er sich wohl mit der von ihm geschaffenen Figur: An beiden prallen die Appelle ab, doch vernünftig zu sein. Während Bartleby aber etwas mönchisch Enthaltsames hat, wirkt sein Autor in diesen Jahren noch übervoll mit Energie und will die literarische Welt herausfordern. Er kann sich den Erwartungen von Publikum und Kritik nicht beugen, mag sein, dass er sie völlig verkennt. Nach dem Misserfolg von Moby Dick schreibt er jedenfalls mit Pierre ein boshaftes, die Moral der Zeit herausforderndes Werk, und wird öffentlich für verrückt erklärt, ein Vorwurf, der lange an ihm nagt. Doch seine Antwort ist nicht Verweigerung, er zieht sich nicht weiter zurück, als er muss. Bis zum Ende seines Lebens sucht er immer wieder die Öffentlichkeit. Freilich ist sie klein geworden, von seinem letzten Buch werden in den ersten Jahren nicht mal hundert Stück verkauft, und gegen Ende seines Lebens lässt er privat einige Gedichte in einer 25er-Auflage drucken. Wer Erfolg aber zum Signum eines Autors macht und diesen an Auflagen und Aufmerksamkeit misst, ist ebenso wenig in der Lage, den Horizont zu sehen, wie der Mann „schon vorgerückten Alters“, der über den Beweggründen seines merkwürdigen Schreibers brütet.
Ganz nebenbei und ohne dass der Erzähler selbst es bemerkt, schleicht sich eine Andeutung von Freiheit in den Text. Sie findet sich in dem Bild der Vögel, die in seiner Fantasie die Grassaat zu dem gruftigen Gemäuer getragen und absichtslos fallen gelassen haben. Nur durch einen „seltsamen Zauber“ können die Samen ins Innere gelangt und aufgegangen sein. Das Bild der seinerzeit noch rätselhaften Pyramiden taucht bereits auf in einem Brief Melvilles an den fast väterlich verehrten Autor Hawthorne aus dem Jahr 1851, zwei Jahre vor dem Erscheinen von Bartleby und mitten in der manischen Arbeit an Moby Dick. Da schreibt der amerikanische Autor: „Ich gleiche einem jener Saatkörner, die man aus den ägyptischen Pyramiden herausgeholt hat und die, nachdem sie dreitausend Jahre Saatkörner und nichts als Saatkörner gewesen, in englische Erde gepflanzt wurden, sich entwickelten, ergrünten und dann verschimmelten.“
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Montag, 18. März 2013
Titelgeschichte: „It Can’t Be All in One Language“
Ezra Pounds Cantos in zweisprachiger Gesamtausgabe. Von Felix Philipp Ingold
„Gott ist ein Ingenieur“
Ernst-Wilhelm Händler im Gespräch mit Andreas Puff-Trojan über seinen neuen Roman Der Überlebende
Kindheit in der Psychiatrie
Joachim Meyerhoff setzt sein autobiografisches Erzählprojekt fort. Von Christoph Schröder
„Nicht vorschnell das Künstlernäschen rümpfen“
Gisela Trahms im Gespräch mit Georg Klein
Ein Feind, der ehrt.
Daphne du Mauriers Erzählung Die Vögel. Von Georg Klein
Neulich Von Andreas Maier
„So möchte ich heute noch schreiben, im existenziellen Sinne“
Josef Winkler im Gespräch mit Katrin Hillgruber
Wortschatz der Nacht
Auszug aus einem frühen Text von Josef Winkler
Aufzeichnungen aus dem Krieg
Aus einem Journal von Julien Gracq
Die Bewohner von Château Talbot
Von Arno Geiger
Die Sprache als Gesamtkunstwerk
Gedenkblatt zum 100. Todestag von Ferdinand de Saussure. Von Felix Philipp Ingold
Hose und Satz
Ein Dramolett von Klaus Siblewski
Ein komischer letzter Seufzer
James Gordon Farrells Troubles zeigt Irland in der traumatisierten Wahrnehmung eines Kriegsheimkehrers. Von John Banville
Heimliche Elevationen
Alexander Nitzberg über Wilhelm Klemms Gesammelte Verse
Der Tod des Fahrrads
Clemens J. Setz über Donald Barthelme
Silentium
Eine Erzählung von Ildikó Noémi Nagy
Lyrik-Logbuch
Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart
Lyrischer Moment
Von Silke Scheuermann
Das Preisausschreiben
Eine Erzählung von Grace Paley
Unwürdige Lektüren
Anna Weidenholzer blättert in der Boulevardpresse