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Samstag, 05. November 2011

Die Saat und die Steine

 

Herman Melvilles Bartleby der Schreiber in einer neuen Ausgabe. Von Nummer 5

Kontrollverlust gehört für viele von uns zu den unangenehmen Erfahrungen im
Leben. Melville konfrontiert in seiner Erzählung Bartleby einen gesetzten Juristen und Anlageberater – gleichzeitig der Erzähler der Geschichte – mit einem solchen Erlebnis. Die Geschäfte des Mannes laufen gut, drei Angestellte arbeiten für ihn. Sie mögen alle ihre Macken haben, sind im Grunde aber recht brauchbar. Als er einen weiteren Schreiber benötigt, stellt der Anwalt Bartleby ein. Zunächst ist er begeistert von dem neuen Mann. Bartleby wirkt seriös, wenn auch einsam, er bewältigt anfangs ein „unerhört großes Pensum an Schreibarbeiten“. Doch schnell zeigt der Neue merkwürdige Eigenheiten. Aufgefordert, ein kopiertes Dokument auf der Suche nach Fehlern mit dem Original abzugleichen, weigert er sich mit dem im Kontext übertrieben höflichen Satz: „I would prefer not to – Ich möchte lieber nicht.“


Von da an läuft in der Kanzlei nichts mehr rund. Der Anwalt sieht sich außer Stande, seiner Rolle als Chef gerecht zu werden und seinen Anspruch auf die Arbeitsleistung Bartlebys durchzusetzen. Das verwundert nicht, denn schon vorher hat er sich den Frechheiten und Nachlässigkeiten seiner älteren Angestellten gegenüber recht nachgiebig, man könnte auch sagen hilflos, gezeigt. Er ist ein Mann, der Konfrontationen lieber aus dem Weg geht. So stellt er den hypertonischen Turkey zwar zur Rede, als dieser anstelle des Siegels ein angekautes Ingwerplätzchen auf ein Dokument klebt, lässt sich jedoch mit einer frechen Antwort abspeisen. „Es fehlte damals nicht viel und ich hätte ihn entlassen“, beruhigt er sich über sein fehlendes Durchsetzungsvermögen. Bartleby potenziert dieses Scheitern seines Arbeitgebers an der erwarteten Rolle sowohl zahlenmäßig als auch qualitativ. Rund fünfundzwanzig Mal möchte er in der kurzen Erzählung „lieber nicht“ oder auch lieber etwas anderes. An die fünfzehn Mal sprechen die anderen Beteiligten von seinem „lieber nicht mögen“, rechnet man einen wütenden Ausfall des zweiten Angestellten Nippers gegen die gespreizte bartlebysche Lieblingswendung mit. Weil Bartleby ganz bei sich bleibt und keinerlei Groll oder Aggression gegen seinen Arbeitgeber zeigt, findet dieser kein Mittel, gegen die realistisch betrachtet doch erstaunliche Verweigerungshaltung eines weisungsgebundenen Angestellten. Der Anwalt pocht in seinem Bericht immer wieder auf sein Mitleid, um die eigene Schwäche zu rechtfertigen. Schließlich hat er herausgefunden, dass Bartleby, der gleich eingangs so einsam auf ihn wirkt, in seiner Kanzlei nicht nur arbeitet – beziehungsweise bald bloß noch rumhängt –, sondern auch auf die reduzierteste Art und Weise lebt. Außer ein paar Keksen scheint er nichts zu essen. Geld besitzt er zwar, wie der Erzähler bei einer heimlichen Untersuchung von Bartlebys Schreibpult herausfindet, gibt es aber offenbar nicht aus.

Die Situation gestaltet sich zunehmend grotesk. Der Anwalt versucht, Bartleby zu entlassen und abzufinden – erfolglos. Bartleby möchte lieber nicht gehen, er möchte auch nicht sagen, warum er bleiben will. Der Anwalt setzt ihm schließlich eine Frist von sechs Tagen, nach der er verschwunden sein soll. Bartleby lässt die Frist verstreichen. Da sein Boss sich außer Stande sieht, ihn mit Gewalt vor die Tür zu setzen, versucht er ihn zu ignorieren. Auch das misslingt. Nach einer Phase des Fatalismus gerät der Anwalt erneut unter Druck, weil die Anwesenheit des verstockten Schreibers allmählich seine Kunden und Kollegen irritiert. Es gibt nur noch einen Ausweg: „Da er mich nicht verlassen will, muss ich ihn verlassen.“ So wechselt die Kanzlei ihren Standort. In einer bewegenden Szene schildert Melville, wie das Mobiliar aus den alten Räumlichkeiten fortgebracht wird: „Die ganze Zeit über stand der Schreiber hinter seinem Wandschirm, der auf meine Anweisung den Beschluss bilden sollte. Schließlich wurde er weggezogen, einem riesigen Folianten gleich zusammengeklappt, und Bartleby blieb als regungsloser Bewohner des kahlen Raumes zurück. Ich stand eine Weile am Eingang und beobachtete ihn einen Augenblick lang, während mir eine innere Stimme Vorwürfe machte.“

Bartleby möchte lieber nicht

Nicht nur vermisst der Anwalt seinen schweigsamen Verweigerer bald, er ist ihn nicht mal losgeworden. Die alte Kanzlei steht nicht lange leer, schließlich befinden wir uns im New York der 1850er-Jahre, das schon ähnlich busy ist wie heute. Die neuen Mieter und mit ihnen der Hauswirt beschweren sich, dass Bartleby dort geblieben ist und nach seinem Rauswurf aus den Räumen der Kanzlei im Treppenhaus rumlungert. Um den eigenen Ruf nicht zu gefährden – jedenfalls sagt er das, obwohl wir ahnen, dass hier längst Zuneigung im Spiel ist –, versucht er ein weiteres Mal, Bartleby zu einem Berufswechsel und damit zum Verlassen des Hauses zu bewegen. Der aber möchte lieber nicht. Der Anwalt verlässt nun gar die Stadt, weil er seines Problems nicht Herr werden kann. Bei seiner Rückkehr erfährt er, dass man Bartleby als Vagabunden ins Gefängnis gebracht hat. Dort schaut er wie zuvor in der Kanzlei stumm die Mauer an. Er isst gar nicht mehr und verweigert bald jedes Gespräch. Bei seinem letzten Besuch findet der Erzähler ihn im Gefängnishof: „Das ägyptisch anmutende Mauerwerk bedrückte mich durch seine Düsterkeit. Zu Füßen aber wuchs ein eingeschlossener, weicher Rasen. Es schien das Herz der die Zeiten überdauernden Pyramiden zu sein, in welchem Grassamen, von Vögeln fallengelassen, kraft eines seltsamen Zaubers durch die Spalten gedrungen, aufgegangen war.“ Hier stirbt Bartleby.


Am Ende zeigt sich der Erzähler merkwürdig unberührt vom Schicksal seines Schreibers. Es scheint nicht, dass sich in seinem Leben durch die Begegnung mit dem Sonderling etwas verändert hätte. Auf der Suche nach einer Erklärung gibt er noch ein „Gerücht“ an uns weiter. Demzufolge war Bartleby, bevor er nach New York kam, Angestellter des „Amtes für unzustellbare Briefe“ in Washington. Dort scheint er sich mit der Hoffnungslosigkeit infiziert zu haben – lauter Briefe voller Leben, doch mit verstorbenen Adressaten. Die Erklärung, die uns hier für Bartlebys Eigenheit gegeben wird, wirkt ebenso dürftig wie die ihr folgende Verallgemeinerung. Sie erscheint im Grunde als eine nachgeschobene Rechtfertigung für die gescheiterte Kommunikation zwischen dem Anwalt und seinem merkwürdigen Angestellten. Der Witz des Textes liegt für mich dagegen in einer kleinen Szene, in der Bartleby ankündigt, endgültig keine Schreibarbeiten mehr zu erledigen. Sein Boss fragt ihn nach dem Grund, und Bartleby erwidert: „Sehen Sie denn den Grund nicht selber?“ Darauf vermutet der Anwalt bei seinem Schreiber eine Ermüdung der Augen. Zwischen diesen beiden gibt es nichts weiter auszusprechen. Eine Welt der Funktionszusammenhänge prallt hier auf eine der bloßen, nicht gerechtfertigten und nicht zu rechtfertigenden Existenz. Die verschrobene Rätselhaftigkeit dieser Figur resultiert aus der relativen Blindheit ihres Schilderers.


Melvilles Text bietet sich für verschiedene Lesarten an; eine sehr eigene, die sich ganz auf den christlich-karitativen Aspekt der Geschichte wirft, stellt Wilhelm Genazino in seinem Nachwort zu dieser Ausgabe vor. Auch im biografischen Kontext ist die Erzählung schon gedeutet worden. Als Bartleby 1853 in einem literarischen Magazin erschien, zunächst anonym und drei Jahre später in einem Erzählband unter Melvilles Namen, konnte die Erzählung ihrem Autor nichts von seiner verblassenden Publizität zurückgewinnen. Melville war bekannt geworden als Autor kurzweiliger Südsee-Romane. Während er sich schreibend immer weiter rauswagte und die wilden Romane Moby Dick, der ihn Jahrzehnte später berühmt machte, und Pierre oder die Doppeldeutigkeiten schrieb, verlor er zunehmend die Gunst von Kritikern und Publikum. Seine Hinwendung zur kurzen Erzählung wird als Konzession an den Literaturbetrieb
gesehen – ein letzter Versuch, als Schriftsteller den Lebensunterhalt für eine große Familie aufzubringen, bevor er eine Stelle beim Zoll annehmen und zwanzig Jahre lang einer seiner Intellektualität und Kreativität sicher nicht genügenden Arbeit nachgehen musste. In dieser Periode wird er hauptsächlich Gedichte und einen Versroman von gewaltigen Ausmaßen verfassen.

Trauriger Kopist

Bartleby wird bisweilen im Hinblick auf diese biografische Situation gedeutet, der traurige Kopist geistloser Vertragswerke als ahnungsvolles Bild des Weges, den Melville in seinem Leben noch zu gehen hatte. In einem Punkt trifft er sich wohl mit der von ihm geschaffenen Figur: An beiden prallen die Appelle ab, doch vernünftig zu sein. Während Bartleby aber etwas mönchisch Enthaltsames hat, wirkt sein Autor in diesen Jahren noch übervoll mit Energie und will die literarische Welt herausfordern. Er kann sich den Erwartungen von Publikum und Kritik nicht beugen, mag sein, dass er sie völlig verkennt. Nach dem Misserfolg von Moby Dick schreibt er jedenfalls mit Pierre ein boshaftes, die Moral der Zeit herausforderndes Werk, und wird öffentlich für verrückt erklärt, ein Vorwurf, der lange an ihm nagt. Doch seine Antwort ist nicht Verweigerung, er zieht sich nicht weiter zurück, als er muss. Bis zum Ende seines Lebens sucht er immer wieder die Öffentlichkeit. Freilich ist sie klein geworden, von seinem letzten Buch werden in den ersten Jahren nicht mal hundert Stück verkauft, und gegen Ende seines Lebens lässt er privat einige Gedichte in einer 25er-Auflage drucken. Wer Erfolg aber zum Signum eines Autors macht und diesen an Auflagen und Aufmerksamkeit misst, ist ebenso wenig in der Lage, den Horizont zu sehen, wie der Mann „schon vorgerückten Alters“, der über den Beweggründen seines merkwürdigen Schreibers brütet.


Die Jahre des Übergangs von der beinah exaltierten Verfassung eines Autors, der sich vor Gedanken und Assoziationen kaum zu retten weiß und damit auch prahlt, zu dem konzise Prosa verfassenden und sich dem Korsett des Versmaßes unterwerfenden Dichter der spätere Jahre, mögen nicht leicht gewesen sein, und wer den Veränderungen im Ton seiner wenigen Lebenszeugnisse vom Überschwang zum Schweigen über die eigene Verfassung folgt, wird schnell davon berührt. Trotzdem bleibt die Frage, ob die Dauerproduktivität und vermeintlich immerzu auf der Höhe bleibende kreative Potenz anderer Autoren glücklich, Melville dagegen tragisch zu nennen ist. Die Geschichte von Bartleby sagt uns, dass es im Grunde keine Wahl gibt. Keine ihrer Figuren scheint eine Handlungsalternative zu haben. Der Erzähler, und mit ihm die sagen wir Menschen mit Realitätssinn, sind eben unerschütterlich. Sie ziehen aus ihren Erlebnissen Lehren von stupender Allgemeinheit: „Ach, Bartleby! Ach Menschheit!“, rufen sie mit dem Erzähler und gehen damit ihrer Wege. Und die anderen sind auch wie sie sind. Die Freiheit der Wahl ist keiner dieser Figuren gegeben. Mit einem ketzerischen Gedanken könnte man darauf kommen, dass Bartleby unter diesen Voraussetzungen sogar für ein Maximum an Freiheit steht, in dem er sich herausnimmt, die scheinbare Wahl zu verweigern. Er weiß schon, dass positive Entscheidungen zu nichts führen. Seine Weigerung, einen anderen Beruf zu ergreifen, hat etwas von ängstlicher Vermeidung, denn nichts ist ihm recht. Ebenso liegt eine Weisheit in ihr: Die Veränderung würde zu nichts führen. In Moby Dick drückt es der alte Kapitän Peleg, als er den jungen Ismael für den Walfang anheuert, so aus: „Warum setzt du dir da in den Kopf, daß du die Welt sehen willst? Mußt du um Kap Hoorn rumsegeln, damit du noch mehr davon zu sehen kriegst, he? Kannst du die Welt nicht von dem Fleck aus sehen, wo du stehst?“ Im Unterschied zu Ismael, den Pelegs Gedanke überrascht (seine Aussicht ist zwar grenzenlos, aber „unsagbar eintönig“), weiß Bartleby bereits Bescheid. Sein Aufenthalt in den „tombs“, wie das New Yorker Gefängnis genannt wird, ändert für ihn gar nicht viel, hier wie dort schaut er die Wand an. Er macht sich keine Hoffnungen. Auch das reizt den Erzähler, wenn er trotzig auf den im Gefängnishof wachsenden Rasen hinweist.


Saatkörner aus ägyptischen Pyramiden

Ganz nebenbei und ohne dass der Erzähler selbst es bemerkt, schleicht sich eine Andeutung von Freiheit in den Text. Sie findet sich in dem Bild der Vögel, die in seiner Fantasie die Grassaat zu dem gruftigen Gemäuer getragen und absichtslos fallen gelassen haben. Nur durch einen „seltsamen Zauber“ können die Samen ins Innere gelangt und aufgegangen sein. Das Bild der seinerzeit noch rätselhaften Pyramiden taucht bereits auf in einem Brief Melvilles an den fast väterlich verehrten Autor Hawthorne aus dem Jahr 1851, zwei Jahre vor dem Erscheinen von Bartleby und mitten in der manischen Arbeit an Moby Dick. Da schreibt der amerikanische Autor: „Ich gleiche einem jener Saatkörner, die man aus den ägyptischen Pyramiden herausgeholt hat und die, nachdem sie dreitausend Jahre Saatkörner und nichts als Saatkörner gewesen, in englische Erde gepflanzt wurden, sich entwickelten, ergrünten und dann verschimmelten.“


Auch hier findet sich die merkwürdige Verbindung der unbelebten Steinmonumente mit den Keimen des Lebens. Sobald sie sich entwickeln, vergehen sie auch. Melvilles Blick auf die Welt zeigt sich an dieser Stelle wie in Bartleby tief vom christlichen Vanitas-Gedanken durchdrungen: Alles, was Menschen unternehmen, ist am Ende vergeblich. Dass Melville es dennoch nicht vorzog, lieber nicht zu schreiben, kann uns nur freuen. Er hat die eitle Welt der schönen Kunst bereichert.


Herman Melville: Bartleby der Schreiber. Mit einem Nachwort von Wilhelm Genazino. Aus dem Englischen von Karlernst Ziem. C.H. Beck, M ünchen 2011. 91 Seiten, € 14,95 (D) / € 15,40 (A).

 


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    Dienstag, 24. Juni 2014 

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