volltext.net

Freitag, 04. November 2011

Der göttliche Löwe

 

In Sibylle Lewitscharoffs Roman Blumenberg erscheint das Numinose in Tiergestalt. Von Nummer 4

Eines Nachts sieht Blumenberg einen Löwen auf dem Teppich vor seinem Schreibtisch liegen. Während er noch um Beherrschung ringt, fängt sein gebildeter Kopf aber schon an, vor dem inneren Auge unsere dreitausendjährige Geschichte an Löwendarstellungen, Löwengleichnissen, Löwenfabeln und Löwenparabeln vorbeidefilieren zu lassen. Noch bevor Blumenberg dazu kommt panisch zu werden, wird er von einer Flut an biblischen Bildern und Heiligenlegenden überschwemmt. Selbstverständlich kommt ihm auch Hieronymus im Gehäus in den Sinn, der auf Dürers Stich friedlich am Schreibtisch in seiner Studierstube sitzt, während vor ihm ein müder, fast heiter dreinschauender Löwe liegt.


Auch Blumenberg sitzt am liebsten in seinem nächtlichen Studiergehäus, wo er in aller Ruhe über das, was die Welt schon längst nicht mehr im Innersten zusammenhält, nachsinnen kann. Äußerlich gesehen geschieht in Lewitscharoffs
Roman reichlich wenig. Was bei ihr aber nichts Neues ist. Denn auch in ihrem letzten sitzt die Protagonistin nur auf dem Rücksitz eines Autos und lässt eine rasende Suada gegen die Welt im Allgemeinen und die Bulgaren im Besonderen ab. Auch in Consummatus haben wir es nur mit einem Sitzenden zu tun, der in einer Kneipe einen Wodka nach dem anderen kippt und in dessen Kopf mit jedem Glas mehr die irdische Sphäre mit der jenseitigen verschwimmt. Jetzt dagegen begegnen wir dem „Stubenhocker“ Blumenberg, der seine Nächte in seinem Studierzimmer verbringt, wo er sich vor der Welt geschützt fühlen kann.

Ordnung und Wildwuchs

Womit Lewitscharoff ein nicht ganz unpassendes Bild des realen Philosophen Hans Blumenberg zeichnet, der sich sogar dagegen gewehrt hatte, dass man ihn fotografiert. Blumenberg wollte (im Hegelschen Sinne) als Geist, nicht aber als Person des öffentlichen Lebens präsent sein. So wie sein Löwe, der nur für ihn selbst sichtbar ist, sonst jedoch von niemandem wahrgenommen wird. Außer von einer Nonne, der Blumenberg auf einem Spaziergang begegnet und die sozusagen schon von Berufs wegen einen gewissen Draht zum Unsichtbaren hat. Sie ist gerade mit dem Stutzen von Sträuchern beschäftigt und kommt sofort auf das prekäre Verhältnis zwischen Ordnung und Wildwuchs zu sprechen. Womit sie ein Thema anschlägt, das den gesamten Roman durchzieht. Denn in jeder Hinsicht geht es in ihm um die Frage, wie viel abenteuerliches Durcheinander unsere Köpfe und Seelen vertragen, und wie viel Halt nötig ist, um nicht im Irrsinn zu enden und unterzugehen. Für die vier Blumenberg-Studenten, denen wir hier begegnen, gerät dieses Problem zur existenziellen Zerreißprobe. Aber auch (der reale) Blumenberg schwankt ständig zwischen dem Anspruch auf ein in sich konsistentes Argumentieren und der Lust am uferlosen Assoziieren. Was ihm in strengeren Philosophenkreisen denn auch den Vorwurf feuilletonistischer Bildungshuberei eintrug.

Lewitscharoff versinnbildlicht diese Gegensätze in den Bildern des Gehäuses und des Meeres. Das eine steht fürs Übersichtliche und Festgezurrte, das andere fürs Wogende und Exzessive. Das eine für Trost- und Schutzbedürftigkeit, das andere fürs Maßlose und Unfassbare. Auf nahezu jeder Seite begegnen wir dem Bild solcher Gehäuse, nicht nur in Gestalt von Mönchszellen und nächtlicher Studierstuben, sondern auch im Sinne von „Gedankengehäusen“ und Platonscher Höhlen, aber auch in Form von Zettelkästen, die dem Ideenwirrwarr eine Ordnung verleihen sollen. Auch Blumenbergs Sprechzimmer an der Uni, das sich mit einer Doppeltür verschließen lässt, gehört dazu, und auch das Klavierspiel von Arturo Benedetti Michelangeli, das Blumenberg deshalb so schätzt, weil dessen analytische Klarheit das „strukturelle Geäst“ der Musik offen legt und sich nicht in romantischen Schwelgereien verliert. Auch jede Weltanschauung, jeder Glaube und jedes wissenschaftliche System stellt ein Gehäus dar, mit dem wir die Unwägbarkeiten des Lebens und seine dunkel bleibenden Gründe zu bebildern und zu erklären versuchen. Nicht zuletzt bilden auch ritualisierte Tagesabläufe unserem „Leibkerker“ eine Art Gehäus, mit dem wir uns vor den Launen des Zufalls und den zerstreuungssüchtigen Einflüsterungen der Begierden zu schützen versuchen.


Alle diese Themen würden reichlich abstrakt bleiben, gäbe es die vier Blumenberg-Studenten Isa, Richard, Hansi und Gerhard nicht, von denen Blumenberg so gut wie nichts mitkriegt. Isa kommt aus einem wohlhabenden Heilbronner Haus und hat eine wohlbehütete Kindheit hinter sich. Was sie in ihrem bisherigen Leben offenbar vermisst, ist eine gehörige Portion Wahnsinn. Ob sie ihn immer schon in sich trägt oder ihn während des Studiums mit aller Gewalt zu kultivieren anfängt, erfahren wir nicht. Weil es ihr in der deutschen Provinz mit der Zeit zu langweilig wird und auch Blumenberg nicht hält, was sie sich von ihm versprochen hat, beschließt sie nach Paris zu ziehen, um bei Lacan eine Analyse zu machen. Was heißt, dass sie nicht von irgendeinem Leiden kuriert, sondern in noch größere Abgründe gestoßen werden will. Denn laut Lacan geht es bei einer richtigen Psychoanalyse nicht um Therapie, sondern darum, dem Bodenlosen so ungeschützt wie nur möglich in die Augen zu blicken. Was Isa noch vor ihrem geplanten Aufbruch wortwörtlich verstehen will, indem sie sich von einer Brücke stürzt.

Blumenbergs Studenten sterben früh

Ihr Freund Gerhard, der ein ausgeglicheneres Gemüt besitzt, bleibt ratlos zurück, ohne allerdings in Trauer zu vergehen. Isa war ihm durch ihre Koketterie mit dem Wahnsinn, die offenbar nicht nur Koketterie war, schon länger fremd geworden. Er ist der Einzige, der es zum Assistenten bringen wird, nur dass ihn der Tod bereits in jungen Jahren holt. Ganz anders Hansi, der für alle etwas Rätselhaftes besitzt, nachts allein durch die Kneipen zieht und sich gelegentlich ein blaues Auge holt, wenn er wildfremde Leute mit dem Rezitieren seltsamer Gedichte belästigt. Ohne einen Abschluss eröffnet er eine philosophische Lebensberatungspraxis, in der er die meiste Zeit alleine herumsitzt. Zuhören würde er seinen Kunden ohnehin nicht können, da er manisch in sich selbst kreist. Nach ein paar Jahren sieht er aus wie der ausgemergelte, irre aus den Augen leuchtende Artaud. Im Bahnhof Zoo, wo er schließlich bizarre Predigten ans vorbeiziehende Volk hält, kommt er Anfang der 90er-Jahre zu Tode, als ihn die Polizei abschleppt und er bloß noch wild um sich schlägt.

Auch Richard will eines Tages nicht mehr einleuchten, warum er eigentlich seine Doktorarbeit zu Ende bringen soll. Es drängt ihn aus Deutschland weg, aus einem Land, in dem es immer noch Nazis gibt und das wie die gesamte westliche Welt von der Ausbeutung der Dritten Welt lebt. Mit Anflügen von heiligem Zorn und marxistischen Phrasen im Kopf bricht er nach Südamerika auf, wo er die wahrere Welt zu finden hofft. Während der Roman über weite Strecken im reinen Geistesgehäus seiner Protagonisten spielt, holt Lewitscharoff hier zu einer fulminanten Schilderung einer Amazonasfahrt aus. Während Richard sich tagelang auf einem Dampfer in einer Hängematte den Fluss hinab treiben lässt, fängt es ihm zu dämmern an, dass nicht die Welt draußen an allem Schuld hat, was ihm nicht passt, sondern er selbst ein Versager ist. Es ist eine Einsicht, die ihn keineswegs zur Verzweiflung treibt, sondern etwas Befreiendes besitzt. Was ihm aber nicht mehr viel nützt, da er sich in ein Mädchen verliebt, das ihn in eine Falle lockt. Am Ende liegt er irgendwo in Brasilien tot in einem Schuppen, umgebracht von zwei Typen, deren Motive im Dunkeln bleiben.

Drei dieser vier Studenten stehen für eine Post-68er-Generation, die ihre besten Jahre mit autistischem Spintisieren, krampfigem Rebellieren und einem Deutschlandhass dahingehen lässt, der sich aus einer reichlich abstrakten, jedoch edelmütig dünkenden Dritte-Welt-Fürsorge speist, die von dürren kapitalismuskritischen Parolen lebt.
Womit diese Studenten den leibhaftigen Gegensatz zu Blumenberg bilden, der sich als katholisch getaufter Jude während des Krieges verstecken und tatsächlich am eigenen Leib erfahren musste, was himmelschreiendes Unrecht ist. Den kostenlosen moralischen Aufwallungen und dogmatischen Verhärtungen der Nachgeborenen kann er deshalb wenig abgewinnen.

Kleine Texte über Löwen

Und was hat es mit Blumenbergs Löwen auf sich? Der reale Blumenberg hatte tatsächlich über Jahre hinweg kleinere Texte über Löwen verfasst, die posthum erschienen sind. Martin Meyer, der Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, hat sie herausgegeben, und er ist auch unschwer in dem Literaturredakteur zu erkennen, mit dem Blumenberg zu nächtlicher Stunde immer wieder telefoniert. Manchmal ist Blumenberg nahe daran, ihm von seinem Löwen zu erzählen. Doch jedes Mal, wenn es beinahe so weit ist, traut er sich nicht, aus Angst für verrückt gehalten zu werden. Dafür erfahren wir Leser nur umso genauer, welche Eigenschaften der Löwe besitzt und welche Rolle er für Blumenberg spielt. Er ist der „Tröster“, der „Kraftstrom“, der „Unerkannte“. Auch ist vom Ungeheuerlichen und vom Wunder die Rede. Womit er lauter Prädikate in sich vereint, die man gewöhnlich Gott zuspricht. Gleich zu Anfang fragt sich Blumenberg, ob er es etwa mit „dem abwesenden Löwen, der nicht zu dem gehörte, was der Fall ist“, zu tun hat. Womit nicht nur eine ganze Theologie von Luther bis Karl Barth aufblitzt, in der Gott als „deus absconditus“, also als der große Verborgene, ausgewiesen wird. Auch Wittgenstein lässt grüßen, dessen berühmter Eingangssatz zu seinem Tractatus lautet: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, wogegen der letzte, nicht weniger berühmte, besagt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“.


In seiner Abhandlung über Die Legitimität der Neuzeit behauptet Blumenberg (etwas vereinfacht gesagt), dass Gottes Macht im Mittelalter derart absolut war, dass es keine Steigerung mehr für ihn gab, weshalb er sich aus Selbstschutz in seine Abwesenheit zurückgezogen und die Welt sich selbst überlassen hat. Was zur Folge haben sollte, dass der Mensch sich selbst zum Schöpfer allen Sinns erklärte und sich die göttliche Eigenschaft vollkommener Selbstbestimmung, sprich: Autonomie, zuzusprechen anfing. Womit jedoch die Frage nach dem Zweck des Daseins nicht aus der Welt verschwinden wollte, sondern lediglich in weniger theologischer Gestalt überlebte. Gott war von da an fort und trotzdem noch da, was – heideggerianisch ausgedrückt – heißt, dass er seither in seiner Abwesenheit anwest. Blumenberg selbst zählte sich nicht zu den Gläubigen, doch schwingen in seinem Denken, wie Lewitscharoff formuliert, lauter „theologische Obertöne“ mit.

Fragiles Gehäuse

So wie es auch in Lewitscharoffs Büchern der Fall ist. Womit wieder einmal bewiesen ist, dass Wittgenstein mit seinem apodiktischen Schlusssatz nur sehr bedingt Recht hat. Dass Gott sich nicht in Lehrsätze fassen lässt und der Glaube ein fragiles Gehäuse bleibt, ist das eine. Dass es dennoch tausenderlei Arten, über Dinge zu reden, gibt, die sich nicht fassen lassen, das andere. Blumenberg war mit Nietzsche (und Derrida) der Meinung, dass auch noch unsere nüchternsten und scheinbar wissenschaftlichsten Begriffe nichts anderes als ausgeglühte Metaphern sind. Was bedeutet, dass es keine einzige Sprache gibt, die einen direkten Zugriff auf etwas besitzt, weder in der sichtbaren noch in der unsichtbaren Welt. Nur über Bilder können wir versuchen, das Unfassbare fassbar zu machen. Dass sich die Sprachen der Literatur dafür besser
eignen als jeder akademische Jargon, ist evident. Was allein das letzte Kapitel des Romans belegt, in dem wir uns an einem Ort befinden, der irgendwo zwischen Himmel, Hölle und Erde angesiedelt ist. Es handelt sich um eine Jenseitsvision mit platonischen Ingredienzien, da es sich auch um eine Art Höhle handelt, in der Blumenberg, seine vier Studenten und die Nonne sich nur noch „um der Verwicklung willen verwickeln“ und nicht mehr, um sich zu streiten oder Recht zu haben. Es ist ein Ort, an dem es keine Sorge, keinen Trieb, keinen Ehrgeiz, keinen Zorn, keine Rebellion, keinen Gelehrsamkeitsdrang und auch kein Bedürfnis mehr gibt, der Höhle unbedingt entkommen und ans Licht streben zu wollen. Nur dass der Löwe auf einmal „Blumenberg!“ brüllt und ihn mit seiner Pranke in eine andere Welt reißt.

Kann man philosophisch-theologische Romane schreiben? Wer es versucht, wird damit nicht viel Glück haben. Sollte den Leser dennoch das Bedürfnis nach etwas Derartigem ankommen, so ist er mit gelehrten Abhandlungen und Traktaten in aller Regel besser beraten. Sibylle Lewitscharoff hat gottseidank keinen solchen Roman geschrieben, obwohl sie mit allen religionsgeschichtlichen Wassern gewaschen ist. Allerdings hat sie wieder einmal bewiesen, dass es möglich ist, den Innenwelten des spekulativen Grübelns zu einer Sprache zu verhelfen, die alles Abstrakte und Thesenhafte in reines Erzählen verwandelt. Der reale Blumenberg hatte immer wieder versucht, die akademische Begrifflichkeit literarisch aufzulockern. Seinen ein wenig steifen Stil konnte er dabei nie ganz ablegen. Ihm fehlte, was Lewitscharoff besitzt, nämlich die Fähigkeit, das Schwere leicht erscheinen zu lassen.


Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg. Roman. Suhrkamp, Berlin 2011. 220 Seiten, € 21,90 (D) / € 22,60 (A).

 


<< zurück

    Donnerstag, 16. Oktober 2014 

    VT_3_14_Cover

    AUSGABE 3/2014

    „Das Vergessen ist eine Illusion“
    Nino Haratischwili im Gespräch mit Insa Wilke über ihren Jahrhundert-Roman Das achte Leben (Für Brilka).

    Alles voll kalter Gefühle   
    Herta Müller im Gespräch mit Angelika Klammer über die Verhörmethoden der Securitate

    Jeder hinkt für sich allein
    Robert Seethalers fatalistischer schmaler Roman Ein ganzes Leben. Von Christoph Schröder

    Paroli geboten   
    Klaus Zeyringer im Gespräch mit Ludwig Laher über dessen Roman Bitter 

    Keine Schreibmaschine, keine Signierstunde
    Gisela Trahms im Gespräch mit dem Julien Gracq-Übersetzer Dieter Hornig

    Writer at Large  
    Verdammte Scheiße, wo ist Inga? Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Staub über Hamburg
    Ein Dramolett von Klaus Siblewski

    Erkundungen im Möglichkeitsraum
    Ernst-Wilhelm Händlers Versuch über den Roman als Erkenntnisinstrument. Von Andreas Puff-Trojan

    Neulich
    Von Andreas Maier

    Noten  
    Eine Erzählung von Thomas Ballhausen

    Die Bewohner von Château Talbot   
    Von Arno Geiger

    Maschinelle Zukunftsprognose   
    Alban Nikolai Herbst über das Haus der Halluzinationen von Lars Popp

    Writer at Large   
    In den Rettungsbooten. Eine Kolumne von Norbert Gstrein

    Der Wälzer-König von Amsterdam
    Detlev van Heest über J. J. Voskuils monumentalen Roman Das Büro

    Laienherrschaft – in Klagenfurt und anderswo   
    Zum aktuellen Status von Literatur und Literaturkritik. Von Felix Philipp Ingold

    Der Nachhall von 9/11   
    Mit Der Distelfink ist Donna Tartt ein facettenreicher Roman gelungen. Von Clarissa Stadler

    Schreiben 2020
    Mit Texten von: Marion Poschmann, Thomas Melle, Ulrike Draesner, Thomas Hettche, Marcel Beyer, Teresa Präauer, Philipp Schönthaler, Benjamin Stein, Matthias Nawrat, Daniela Seel, Gunther Geltinger