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In Sibylle Lewitscharoffs Roman Blumenberg erscheint das Numinose in Tiergestalt. Von Nummer 4 Eines Nachts sieht Blumenberg einen Löwen auf dem Teppich vor seinem Schreibtisch liegen. Während er noch um Beherrschung ringt, fängt sein gebildeter Kopf aber schon an, vor dem inneren Auge unsere dreitausendjährige Geschichte an Löwendarstellungen, Löwengleichnissen, Löwenfabeln und Löwenparabeln vorbeidefilieren zu lassen. Noch bevor Blumenberg dazu kommt panisch zu werden, wird er von einer Flut an biblischen Bildern und Heiligenlegenden überschwemmt. Selbstverständlich kommt ihm auch Hieronymus im Gehäus in den Sinn, der auf Dürers Stich friedlich am Schreibtisch in seiner Studierstube sitzt, während vor ihm ein müder, fast heiter dreinschauender Löwe liegt.
Ordnung und Wildwuchs Womit Lewitscharoff ein nicht ganz unpassendes Bild des realen Philosophen Hans Blumenberg zeichnet, der sich sogar dagegen gewehrt hatte, dass man ihn fotografiert. Blumenberg wollte (im Hegelschen Sinne) als Geist, nicht aber als Person des öffentlichen Lebens präsent sein. So wie sein Löwe, der nur für ihn selbst sichtbar ist, sonst jedoch von niemandem wahrgenommen wird. Außer von einer Nonne, der Blumenberg auf einem Spaziergang begegnet und die sozusagen schon von Berufs wegen einen gewissen Draht zum Unsichtbaren hat. Sie ist gerade mit dem Stutzen von Sträuchern beschäftigt und kommt sofort auf das prekäre Verhältnis zwischen Ordnung und Wildwuchs zu sprechen. Womit sie ein Thema anschlägt, das den gesamten Roman durchzieht. Denn in jeder Hinsicht geht es in ihm um die Frage, wie viel abenteuerliches Durcheinander unsere Köpfe und Seelen vertragen, und wie viel Halt nötig ist, um nicht im Irrsinn zu enden und unterzugehen. Für die vier Blumenberg-Studenten, denen wir hier begegnen, gerät dieses Problem zur existenziellen Zerreißprobe. Aber auch (der reale) Blumenberg schwankt ständig zwischen dem Anspruch auf ein in sich konsistentes Argumentieren und der Lust am uferlosen Assoziieren. Was ihm in strengeren Philosophenkreisen denn auch den Vorwurf feuilletonistischer Bildungshuberei eintrug. Lewitscharoff versinnbildlicht diese Gegensätze in den Bildern des Gehäuses und des Meeres. Das eine steht fürs Übersichtliche und Festgezurrte, das andere fürs Wogende und Exzessive. Das eine für Trost- und Schutzbedürftigkeit, das andere fürs Maßlose und Unfassbare. Auf nahezu jeder Seite begegnen wir dem Bild solcher Gehäuse, nicht nur in Gestalt von Mönchszellen und nächtlicher Studierstuben, sondern auch im Sinne von „Gedankengehäusen“ und Platonscher Höhlen, aber auch in Form von Zettelkästen, die dem Ideenwirrwarr eine Ordnung verleihen sollen. Auch Blumenbergs Sprechzimmer an der Uni, das sich mit einer Doppeltür verschließen lässt, gehört dazu, und auch das Klavierspiel von Arturo Benedetti Michelangeli, das Blumenberg deshalb so schätzt, weil dessen analytische Klarheit das „strukturelle Geäst“ der Musik offen legt und sich nicht in romantischen Schwelgereien verliert. Auch jede Weltanschauung, jeder Glaube und jedes wissenschaftliche System stellt ein Gehäus dar, mit dem wir die Unwägbarkeiten des Lebens und seine dunkel bleibenden Gründe zu bebildern und zu erklären versuchen. Nicht zuletzt bilden auch ritualisierte Tagesabläufe unserem „Leibkerker“ eine Art Gehäus, mit dem wir uns vor den Launen des Zufalls und den zerstreuungssüchtigen Einflüsterungen der Begierden zu schützen versuchen.
Blumenbergs Studenten sterben früh Ihr Freund Gerhard, der ein ausgeglicheneres Gemüt besitzt, bleibt ratlos zurück, ohne allerdings in Trauer zu vergehen. Isa war ihm durch ihre Koketterie mit dem Wahnsinn, die offenbar nicht nur Koketterie war, schon länger fremd geworden. Er ist der Einzige, der es zum Assistenten bringen wird, nur dass ihn der Tod bereits in jungen Jahren holt. Ganz anders Hansi, der für alle etwas Rätselhaftes besitzt, nachts allein durch die Kneipen zieht und sich gelegentlich ein blaues Auge holt, wenn er wildfremde Leute mit dem Rezitieren seltsamer Gedichte belästigt. Ohne einen Abschluss eröffnet er eine philosophische Lebensberatungspraxis, in der er die meiste Zeit alleine herumsitzt. Zuhören würde er seinen Kunden ohnehin nicht können, da er manisch in sich selbst kreist. Nach ein paar Jahren sieht er aus wie der ausgemergelte, irre aus den Augen leuchtende Artaud. Im Bahnhof Zoo, wo er schließlich bizarre Predigten ans vorbeiziehende Volk hält, kommt er Anfang der 90er-Jahre zu Tode, als ihn die Polizei abschleppt und er bloß noch wild um sich schlägt. Auch Richard will eines Tages nicht mehr einleuchten, warum er eigentlich seine Doktorarbeit zu Ende bringen soll. Es drängt ihn aus Deutschland weg, aus einem Land, in dem es immer noch Nazis gibt und das wie die gesamte westliche Welt von der Ausbeutung der Dritten Welt lebt. Mit Anflügen von heiligem Zorn und marxistischen Phrasen im Kopf bricht er nach Südamerika auf, wo er die wahrere Welt zu finden hofft. Während der Roman über weite Strecken im reinen Geistesgehäus seiner Protagonisten spielt, holt Lewitscharoff hier zu einer fulminanten Schilderung einer Amazonasfahrt aus. Während Richard sich tagelang auf einem Dampfer in einer Hängematte den Fluss hinab treiben lässt, fängt es ihm zu dämmern an, dass nicht die Welt draußen an allem Schuld hat, was ihm nicht passt, sondern er selbst ein Versager ist. Es ist eine Einsicht, die ihn keineswegs zur Verzweiflung treibt, sondern etwas Befreiendes besitzt. Was ihm aber nicht mehr viel nützt, da er sich in ein Mädchen verliebt, das ihn in eine Falle lockt. Am Ende liegt er irgendwo in Brasilien tot in einem Schuppen, umgebracht von zwei Typen, deren Motive im Dunkeln bleiben. Drei dieser vier Studenten stehen für eine Post-68er-Generation, die ihre besten Jahre mit autistischem Spintisieren, krampfigem Rebellieren und einem Deutschlandhass dahingehen lässt, der sich aus einer reichlich abstrakten, jedoch edelmütig dünkenden Dritte-Welt-Fürsorge speist, die von dürren kapitalismuskritischen Parolen lebt. Kleine Texte über Löwen Und was hat es mit Blumenbergs Löwen auf sich? Der reale Blumenberg hatte tatsächlich über Jahre hinweg kleinere Texte über Löwen verfasst, die posthum erschienen sind. Martin Meyer, der Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, hat sie herausgegeben, und er ist auch unschwer in dem Literaturredakteur zu erkennen, mit dem Blumenberg zu nächtlicher Stunde immer wieder telefoniert. Manchmal ist Blumenberg nahe daran, ihm von seinem Löwen zu erzählen. Doch jedes Mal, wenn es beinahe so weit ist, traut er sich nicht, aus Angst für verrückt gehalten zu werden. Dafür erfahren wir Leser nur umso genauer, welche Eigenschaften der Löwe besitzt und welche Rolle er für Blumenberg spielt. Er ist der „Tröster“, der „Kraftstrom“, der „Unerkannte“. Auch ist vom Ungeheuerlichen und vom Wunder die Rede. Womit er lauter Prädikate in sich vereint, die man gewöhnlich Gott zuspricht. Gleich zu Anfang fragt sich Blumenberg, ob er es etwa mit „dem abwesenden Löwen, der nicht zu dem gehörte, was der Fall ist“, zu tun hat. Womit nicht nur eine ganze Theologie von Luther bis Karl Barth aufblitzt, in der Gott als „deus absconditus“, also als der große Verborgene, ausgewiesen wird. Auch Wittgenstein lässt grüßen, dessen berühmter Eingangssatz zu seinem Tractatus lautet: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, wogegen der letzte, nicht weniger berühmte, besagt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“.
Fragiles Gehäuse So wie es auch in Lewitscharoffs Büchern der Fall ist. Womit wieder einmal bewiesen ist, dass Wittgenstein mit seinem apodiktischen Schlusssatz nur sehr bedingt Recht hat. Dass Gott sich nicht in Lehrsätze fassen lässt und der Glaube ein fragiles Gehäuse bleibt, ist das eine. Dass es dennoch tausenderlei Arten, über Dinge zu reden, gibt, die sich nicht fassen lassen, das andere. Blumenberg war mit Nietzsche (und Derrida) der Meinung, dass auch noch unsere nüchternsten und scheinbar wissenschaftlichsten Begriffe nichts anderes als ausgeglühte Metaphern sind. Was bedeutet, dass es keine einzige Sprache gibt, die einen direkten Zugriff auf etwas besitzt, weder in der sichtbaren noch in der unsichtbaren Welt. Nur über Bilder können wir versuchen, das Unfassbare fassbar zu machen. Dass sich die Sprachen der Literatur dafür besser Kann man philosophisch-theologische Romane schreiben? Wer es versucht, wird damit nicht viel Glück haben. Sollte den Leser dennoch das Bedürfnis nach etwas Derartigem ankommen, so ist er mit gelehrten Abhandlungen und Traktaten in aller Regel besser beraten. Sibylle Lewitscharoff hat gottseidank keinen solchen Roman geschrieben, obwohl sie mit allen religionsgeschichtlichen Wassern gewaschen ist. Allerdings hat sie wieder einmal bewiesen, dass es möglich ist, den Innenwelten des spekulativen Grübelns zu einer Sprache zu verhelfen, die alles Abstrakte und Thesenhafte in reines Erzählen verwandelt. Der reale Blumenberg hatte immer wieder versucht, die akademische Begrifflichkeit literarisch aufzulockern. Seinen ein wenig steifen Stil konnte er dabei nie ganz ablegen. Ihm fehlte, was Lewitscharoff besitzt, nämlich die Fähigkeit, das Schwere leicht erscheinen zu lassen.
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Montag, 18. März 2013
Titelgeschichte: „It Can’t Be All in One Language“
Ezra Pounds Cantos in zweisprachiger Gesamtausgabe. Von Felix Philipp Ingold
„Gott ist ein Ingenieur“
Ernst-Wilhelm Händler im Gespräch mit Andreas Puff-Trojan über seinen neuen Roman Der Überlebende
Kindheit in der Psychiatrie
Joachim Meyerhoff setzt sein autobiografisches Erzählprojekt fort. Von Christoph Schröder
„Nicht vorschnell das Künstlernäschen rümpfen“
Gisela Trahms im Gespräch mit Georg Klein
Ein Feind, der ehrt.
Daphne du Mauriers Erzählung Die Vögel. Von Georg Klein
Neulich Von Andreas Maier
„So möchte ich heute noch schreiben, im existenziellen Sinne“
Josef Winkler im Gespräch mit Katrin Hillgruber
Wortschatz der Nacht
Auszug aus einem frühen Text von Josef Winkler
Aufzeichnungen aus dem Krieg
Aus einem Journal von Julien Gracq
Die Bewohner von Château Talbot
Von Arno Geiger
Die Sprache als Gesamtkunstwerk
Gedenkblatt zum 100. Todestag von Ferdinand de Saussure. Von Felix Philipp Ingold
Hose und Satz
Ein Dramolett von Klaus Siblewski
Ein komischer letzter Seufzer
James Gordon Farrells Troubles zeigt Irland in der traumatisierten Wahrnehmung eines Kriegsheimkehrers. Von John Banville
Heimliche Elevationen
Alexander Nitzberg über Wilhelm Klemms Gesammelte Verse
Der Tod des Fahrrads
Clemens J. Setz über Donald Barthelme
Silentium
Eine Erzählung von Ildikó Noémi Nagy
Lyrik-Logbuch
Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart
Lyrischer Moment
Von Silke Scheuermann
Das Preisausschreiben
Eine Erzählung von Grace Paley
Unwürdige Lektüren
Anna Weidenholzer blättert in der Boulevardpresse