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Dienstag, 02. August 2011

Lyrischer Moment

 

Sich Sorgen machen ums Gedicht. Von Silke Scheuermann

Ich liege im Garten, lese und betrachte die Versuche unserer so genannten „Hausgemeinschaft“, den Garten zu pflegen. Mein Mann und ich sind für die Terrasse zuständig. Der letzte Neuzugang, ein Bambus, hat gerade in seinem Steintopf schlappgemacht – irgendwie sind wir nie lange genug am selben Ort, um die mit großem Engagement aus dem Gartencenter ausgewählten Pflanzen am Leben zu erhalten. In seinem Buch Gärten. Ein Versuch über das Wesen der Menschheit schreibt Robert Harrison: „Schon seit Jahrtausenden und in sämtlichen Weltkulturen haben sich unsere Vorfahren menschliches Glück in seinem vollendeten Zustand als Gartenexistenz vorgestellt.“ Aber nicht müßig herumliegend, nein, in ewiger Sorge. Er schreibt, dass das Bedürfnis, sich um etwas zu kümmern zutiefst menschlich ist, und nur, wenn man für etwas Sorge trägt, hat man auch die Chance, damit glücklich zu sein.

Das ist auch der Grund, weshalb Odysseus es im Paradies nicht so mochte. Als die Nymphe Kalypso ihn auf ihre Insel Ogygia holte, wo grüne Wiesen, Zitronenbäume und Petersilie wuchsen – ja, Petersilie, das ist es, was das homerische Wort „Eppich“ meinte –, die Vögel zwitscherten und sich Zweige fruchtbeladen unter dem ewig sonnigen Himmel bogen, verbrachte er seine Tage verdrossen am Strand und sehnte sich zurück nach Ithaka. Weg von Unsterblichkeit und sehr viel Essen, hin zu Ehefrau und Familie, Krieg und Alltagssorgen. So liege ich da, betrachte die gelblich-grauen Pappelhalme und bin glücklich. Unten ist ein Teil noch ganz grün, an der Seite zumindest. Wir könnten neue Erde in den Topf geben und mehr gießen. Dazu müssten wir die Nachbarn aus dem zweiten Stock, die auf uns sauer sind, weil wir einen Hund haben, bitten, das Wasser wieder anzustellen. Oder ich könnte erst einmal eine dieser tollen Gartenzeitschriften kaufen und mich informieren. Die Fotos dort sind fantastisch – echte Kunst, und man muss ja nicht alles haben. Das Paradies ist zwar einerseits eine famose Idee und wird seit Jahrhunderten gerne bildhaft ausgeschmückt. Aber da Adam und Eva nicht die Schöpfer der schönen Umgebung waren, musste das Experiment zwangsläufig rasch scheitern: Hätten sie etwas zu bestellen, zu gärtnern gehabt, wäre das alles anders gekommen. So gelesen, klingt auch der mineralische „Garten der Götter“ aus dem Gilgamesch-Epos, mit seinen Lapislazuli- und Karneolbäumen, wo die Zedernstämme ganz aus Tigerauge gemacht sind und die Nadeln an den Zweigen aus Meereskorallen bestehen, wirklich nicht wie der Ort, an dem man sich gut unterhält. Ich dagegen wäre nun nicht unbedingt lieber irgendwo anders, trotz des kaputten Bambus. Paradiesvorstellungen sind hartnäckig und der Wunsch nach einem unterschiedslosen „In-der-Welt-Sein“ den Menschen anscheinend angeboren. Meine Lieblingsautorin Inger Christensen sieht den paradiesischen Zustand in ihrem Essay „Die ordnende Wirkung des Zufalls“ zwiespältig. Im Rausch vielleicht, in der Liebesbegegnung, im großstädtischen Strom anonymer Menschen, finde man wohl dann und wann eine Annäherung an das Amorphe dieser Glücksvorstellung. Aber nur eine Annäherung. „Alles andere wäre tödlich. Das Erlebnis eines scheinbaren Mangels an Unterschied zwischen Haut und Luft, Körper und Welt, zwischen Mensch und Mensch ist angenehm, ja geradezu paradiesisch angenehm, wäre in seiner extremen Konsequenz aber tödlich, ganz einfach ein Auslöschen des einzelnen Individuums.“ Und dann beschreibt sie ihre eigene unverhoffte Freude, sich eines Tags im Paradies wiederzufinden – in Edenkoben in der Pfalz, wo sie in einem Künstlerhaus lebte: „Das Fenster in meinem Zimmer mit der Aussicht über die weitgestreckte Landschaft ist ein modernes Paradiesbild“ – und da sage noch einer, Schriftsteller wären für ihre Stipendien nicht dankbar. Edenkoben, erklärt ihr ein Einheimischer, als sie beim Mittagstisch in der örtlichen Gaststube sitzt, hat als Wort keine Bedeutung. „Eden“ bedeutet „Eden“ für den Garten Eden, Koben für Stall. Weil die Leute, die hierher kommen, wie Pferde sind, ohne Essen und Trinken können sie nicht weitergehen, und das müssen sie vielleicht ja auch nicht, philosophiert er vor seiner interessierten Zuhörerin aus Dänemark. Christensen formuliert das um: „Eine Welt also, der das Paradies mangelt. Wo es aber ab und zu einen Stall gibt, der uns dazu bringt, uns an das Mangelnde zu erinnern. Ein Ort, wo wir Fremde sind und dennoch zu Hause.“

Schriftsteller haben noch einen anderen Ort, wo sie das Paradies suchen: in der Sprache. „Der Drang des Schriftstellers, zur ordnenden Wirkung des Zufalls vorzudringen, weil sie Teil unseres Bewusstseins von eigener und der Sterblichkeit anderer ist – als wäre dieser Drang auch ein Teil unserer Vorstellungen vom Paradies, einem mythischen Ort für das unterschiedslose „In-der-Welt-Sein“ des Menschen.“

Inger Christensen fand den Weg zum Paradies der Sprache übrigens in den siebziger Jahren durch die Lektüre des Linguisten Noam Chomsky. Seine Idee einer angeborenen Sprachfähigkeit, die Annahme universaler Regeln, einer „Universalgrammatik“, war für Christensen „die unabweisbare Gewissheit, dass die Sprache die unmittelbare Verlängerung der Natur ist. Dass ich dasselbe Recht habe zu sprechen wie ein Baum, Blätter zu treiben.“ Eine wahrhaft paradiesische Vorstellung: das Einssein mit den Äußerungen des Lebens, wie sie andere Wesen tun. Doch so wie Kalypsos Insel und Adams und Evas Paradies von der Forschung an immer neuen empirisch nachweisbaren Plätzen verortet wird, ja, wie Evas Apfel, malum, genauso gut eine andere Frucht, nicht direkt Banane, aber doch eher Granatapfel gewesen sein könnte, ist auch der alt gewordene Chomsky widerlegt worden: Neben der Angeborenenheitsthese des menschlichen Spracherwerbs, so führt das gerade erschienene Buch Gehirn und Gedicht von Raoul Schrott und Arthur Jacobs aus, wackelten inzwischen auch andere Grundpfeiler dieses Theoriegebäudes, etwa die These der Unabhängigkeit von Syntax und Semantik. Grammatikalisches Wissen entwickle sich demnach tatsächlich parallel zum Wortschatz, es sei nicht schon da. Die Ausführungen von Schrott und Jacobs, die sich streckenweise lesen wie eine neurowissenschaftliche Habilitation, sind gleichwohl die schönste Lektüre im heimischen Garten. Eine Quelle von alten und neuen Wortschätzen.

Mein Mann singt leise vor sich hin, als er mit einem Besen die Pappelsamen vor dem Bambusskelett auf der Terrasse zusammenkehrt, eine Antwort auf das hässliche Pfeifen der Hundehasser von oben. Ich kann zwei Zeilen verstehen: „Ein Garten ist eine Idee / voll Sommerblütenschnee“. Wir sehen uns an, lächeln, und plötzlich glaube ich, dass das Gedicht uns so wertvoll ist, weil wir uns alle so viele Sorgen um es machen. Es bedeutet für uns den Schimmer des Paradieses und handelt wohl deshalb auch so oft von sich selbst. 

                                                     

Silke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman Die Stunde zwischen Hund und Wolf (Schöffling, 2007) und den Gedichtband Über Nacht ist es Winter (Schöffling, 2007). Soeben ist ihr neuer Roman Shanghai Perfomance erschienen.

 

 


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    Montag, 18. März 2013 

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