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Montag, 18. Juni 2007

Zwischen Erhabenheit und Trash

 

Henning Ahrens ist einer der originellsten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Das beweist er mit seinem neuen Roman "Tiertage". Von Christoph Schröder.

Wer in das Universum Henning Ahrens’ eintritt, sollte zunächst einmal sämtliche Gewohnheiten fahren lassen. Und sich darauf einstellen, dass hier ein Schriftsteller Welten erschafft, in denen prinzipiell alles möglich ist; Literaturwelten im klassischen Sinne, in denen der Fantasie und der Sprache keine Grenzen gesetzt werden. Und auch wenn es im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Szenarien sind, in die Ahrens seine Figuren und Leser gleichermaßen führt – den festen Boden der literarischen Tradition verlässt Ahrens dabei nie. Das Besondere an seiner Prosa ist, dass er die Genres spielend überwindet und sich aus einem erzählerischen Fundus von Möglichkeiten auf eine geradezu atemberaubend souveräne Art und Weise bedient: Science-Fiction-Trashambiente fügt sich mit Lyrismen zusammen, romantische Schauerliteratur paart sich mit Computerspielästhetik, Landleben mit scharfen Beobachtungen aus dem Berlin der Gegenwart. Und so kompliziert das klingen mag – das Ergebnis wirkt weder angestrengt noch ist es anstrengend zu lesen. Der 1964 geborene Henning Ahrens ist einer der leichtfüßigsten, komischsten und zugleich ernsthaftesten deutschsprachigen Autoren seiner Generation; ein Schriftsteller, der Gegenwelten erschafft und gegenwartsnah ist, ohne dem Zeitgeist auf den Leim zu gehen. Ein Multitalent, der auch aus dem Englischen übersetzt (zuletzt DBC Pierres Roman Bunny und Blair und vielleicht auch darum über einen so ungeheuren Vokabelreichtum verfügt.
Das zeigte sich bereits in seinem Debütroman Lauf Jäger lauf, dem ersten Prosatext, den Ahrens im Jahr 2002 nach zwei Lyrikbänden (Stoppelbrand und Lieblied was kommt) im S. Fischer Verlag veröffentlichte. Nicht nur der Titel lehnt sich an ein altes Lied an, auch der Auslöser der Handlung ist eine aus Fabeln wohlbekannte Gestalt: Ein Fuchs ist es, den der Tierkadaverbeseitiger Oskar Zorrow vom Zugfenster aus am Bahndamm erblickt. Ein kurzer Moment, dann verschwindet das Tier, doch bezirzt von dessen bersteingelben Augen zieht Zorrow die Notbremse des ICE – „war er noch bei Trost?“ – lässt sein Gepäck und die Zivilisation zurück und landet umstandslos in den Fängen dreier übler Gesellen: Ein Vollbärtiger, ein Mann mit Augenklappe und eine verwahrloste Frau schlagen Zorrow nieder. Kurz darauf liegt er gefesselt und nackt in der Küche eines dem Niedergang preisgegebenen Gutshofes. Zorrow ist in Morrzow gelandet, in der Gewalt der Widergänger und zugleich auf einer Spielwiese künstlerischer Möglichkeiten und Einfälle. In Morrzow scheint das Abwegige selbstverständlich: Elektrisches Licht gibt es nicht, dafür aber einen Kaffee- und einen Zigarettenautomaten – eine echte Ahrens-Kulisse. Die Gruppe der Widergänger, eine krude Mischung aus permanent rühreispachtelnder Kommune, Kampftruppe und literarischem Zirkel, unterhält sich in einer Sprache, die direkt dem Grimm’schen Wörterbuch entlehnt sein könnte – ein Wortschatz, konstituiert aus Märchenzitaten, Volksliedern und Binsenweisheiten. In ihrem Manifest schwören sie, gegen alles zu kämpfen, „was droht, was blendet, verroht, was Freiheit würgt, was Schönheit meuchelt und Freude zerstört.“ Das könnte beinahe auch das literarische Programm des Henning Ahrens sein – ein literarischer Widergänger, der das Erhabene persifliert und gleichzeitig Ernst nimmt, der durch Stile und Sprechweisen irrlichtert, sich den Trends widersetzt und vor allem eisern die Schutzzonen der Poesie und des Fiktionalen verteidigt.
Das wurde umso deutlicher in Ahrens’ zweitem Roman Langsamer Walzer, der 2004 erschien. Mit einem Auszug daraus trat Ahrens auch bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur an. Das Figurenkabinett, das sich dort durch eine Winterstadt bewegt, die auffallend Berlin ähnelt, wird gleich zu Beginn eingeführt: Wir treffen beispielsweise auf Lord OX, eine „ebenso massige wie undurchsichtige Gestalt“, auf Commander Coeursledge, einen Räuberhauptmann, auf Makaroff und Baldursson, zwei Schlachter, auf Lotte, eine zahme Barbie (von deren Artgenossen, seltsame, schlammfressende Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier, die ganze Stadt bevölkert ist), auf Dr. Walter Krock („kein Arzt, aber im Besitz von Medikamenten“) oder auf Alfonso Velur, vorgestellt als „Präsident von Europa“. In der Winterstadt herrscht Endzeitstimmung. Es herrscht Krieg zwischen Amerika und Europa. Beständig rieselt der Schnee. Sieben Tage lang. Und der entscheidende, der letzte Angriff der europäischen Truppen auf die von den Amerikanern besetzte Mitte steht unmittelbar bevor. Wer sich in der Winterstadt aufhält und kein Soldat ist, tut das illegal. Truppen durchstöbern die Stadt, allerlei dubiose Figuren bevölkern sie, jeder sucht etwas, vielleicht sein Heil, vielleicht Liebe oder Erlösung, vielleicht auch nur eine Geschichte. Die Rasanz, mit der Ahrens in Langsamer Walzer Perspektiven, Schauplätze, Handlungsebenen wechselt, und die Kunstfertigkeit, mit der er die sprachlichen Verhältnisse zum Tanzen bringt, suchen ihresgleichen. Dass das Hauptquartier von Commander Coeursledge („erst Stempelfabrik, dann Verlagshaus“) in der Samuelstraße (ausgerechnet!) ganz auffallend dem S. Fischer-Stammsitz in Frankfurt ähnelt; dass kurz vor dem Sturmangriff auf die Stadt ein Soldat sein Telefon aus der Tasche nimmt und durchgibt: „Ground control to Major Tom – take your protein pills and put your helmet on!“ – das sind die feinen ironischen Details und Wirklichkeitsversatzstücke, die man bei Ahrens immer wieder findet.
Nun ist in diesem Jahr sein neuer Roman erschienen, Tiertage, eine Liebesgeschichte in mehrfacher Hinsicht und noch weit mehr als das. Sein bislang bestes Buch und möglicherweise auch sein realistischstes – wenn man von einem Roman, in dem ein sprechender Hase mit Hilfe seines besten Freundes, eines sprechenden und philosophierenden Reihers, eine Serie von Kriminalfällen aufklärt, überhaupt in diese Kategorie fallen darf. Es ist ein heißer Sommer in Sarsum, einem Dorf auf dem niedersächsischen Land, und den Fluten des Baggersees entsteigt eine geradezu traumhafte blonde Gestalt: Miranda Schmid, soeben mit Mann und drei Kindern nach Sarsum gezogen und ab sofort Objekt der Begierde des männlichen Teils der Sarsumer Gesellschaft. „Einen Sinn gibt es nicht, es sei denn der Richtstrahl unseres Herzens. Im Grunde ist alles Sehnsucht und Illusion, und das Einzige, was Wert und Bestand hat, ist die Schwärmerei.“ Diesen Satz des Naturmystikers und Privatforschers Hans Jürgen von der Wense, dessen Werk soeben ganz langsam entdeckt wird, hat Henning Ahrens seinem Roman vorangestellt. Und von Sehnsucht und Schwärmerei sind sie alle ergriffen in Sarsum, jeder auf seine Weise: Der schnöde sitzen gelassene Lehrer Viktor Hoppe und der alternde Stilllebenmaler Rudolf Wolters verzehren sich nach Miranda Schmid. Der alte Säufer Madsack, der am Morgen Kirchgängerinnen anpöbelt und sich am Abend Prostituierte kommen lässt, sehnt sich nach einem Ausweg aus der Einsamkeit. Die erfolgreiche Asta Frey, die in der Republik umherreist, um doofe Managementseminare abzuhalten, vermisst ihre Kinder und verflucht den Mann, der diese nach Berlin mitgenommen hat. Und Berlin verflucht sie gleich noch mit, immer wieder und auf höchst amüsante Weise. Und schließlich Mr Allyours, „ein Rammler in den besten Jahren“, der mit seiner Frau eigentlich glücklich ist, und sich dennoch in die bezaubernde Häsin Lady Why verguckt hat. Von vielen kleinen Beben wird die zwischen Trägheit und Aggression schwankende Sarsumer Sommerwelt erschüttert; eine Erschütterung, die Tier und Mensch gleichermaßen erfasst. Mr Allyours und sein Freund, der Reiher Fledgling McFeather, sind gleichzeitig Seismographen und aktive Teilnehmer. Dass Henning Ahrens sämtliche Kreaturen gleichberechtigt nebeneinander stellt und in den Hasen, Reihern, Pferden die menschlichen Verhaltensweisen spiegelt und ironisiert, ist der charmante Grundgedanke von Tiertage und gleichzeitig die in der Literatur eingelöste Utopie einer Einheitlichkeit von Mensch und Natur. Dass hinter der Schwärmerei auch immer die Angst vor der Vergänglichkeit lauert, hinter der Verliebtheit auch die Lächerlichkeit, die Peinlichkeit, die Selbstaufgabe, versteht sich von selbst. Das macht Tiertage so traurig. Und so komisch zugleich. So ist nun einmal unsere Welt. Vielleicht ist Henning Ahrens am Ende doch ein Realist.

Henning Ahrens: Tiertage. Roman. S.Fischer, Frankfurt am Main 2007. 288 S., € 18,90 (D) / € 19,50 (A) / sFr 33,40.

 


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