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Dienstag, 13. Februar 2007

Vom Geruch der Schundhefte

 

Alois Hotschnig liest Perry Rhodan und Gespenster-Krimis von Jason Dark.

Der Bagger setzte zurück, um den Abfall an einer anderen Stelle der Deponie abzuladen. Darauf warteten wir und wühlten mit Schürhaken und Stöcken in den frisch aufgerissenen Schichten nach Fundstücken jeder Art, um uns über die Abenteuer, Sehnsüchte und Wünsche herzumachen, die unsere Nachbarn im Dorf dort entsorgten.
Flaschen stapelten wir übereinander, um Steine danach zu werfen. Spraydosen kamen ins Feuer, wo sie explodieren sollten und explodierten. Und auf Zeitungen und Zeitschriften waren wir aus, die wir auf den Steinen am Ufer der Drau zum Trocknen auflegten. Heimat- und Arztromane, Quick, Spiegel, Praline und Stern, Lassiter, Jerry Cotton, Perry Rhodan. Und Gespenster-Krimis von Jason Dark, die es mir besonders angetan hatten.
Manches war nicht mit nach Hause zu nehmen, und so legten wir im Wald ringsum Lager mit unseren Fundstücken an, unter Wurzeln, im dichten Gestrüpp, in das sich kein Erwachsener verirren würde, und schauten und lasen und tauschten uns über das Gelesene aus.
Jede Zeitschrift hatte ihren Geruch, den Bravogeruch und den Sterngeruch und den Spiegelgeruch, bei dem ich an die Ordination des Arztes denken musste, den ich aufsuchte, wenn ein Zahn zu ziehen war, und der daher ein Ordinationsgeruch war. Und es gab den Geruch dieser Schundhefte, wie die Eltern sie nannten, meinen Geruch, Abenteuer und Schrecken, meinen ersten Lesegeruch, den ich mit diesen Gespenstergeschichten entdeckte, durch die ich zwischen den Müllhalden sitzend die Lust an der Spannung zu spüren bekam, die mich ausmachte und ausmacht, und das Verlangen, mich auf die Gespenster einzulassen, die mich bis dahin geplagt hatten. Auf die ließ ich mich ein und las mich von einer Befürchtung zur nächsten und merkte, sie wurden kleiner und kleiner, und die Gespenster aus dem wirklichen Leben machten sich auf und davon und verschwanden, und ich wurde süchtig danach, ihnen nachzustellen und sie in mir aufzuspüren und an diesem Ort abzulagern und mich in eine Welt vorzuwagen, die es bis dahin für mich nicht gegeben hatte, zumindest dachte ich das, in mich selbst, und in eine Lesewelt, von der ich mehr haben wollte und mit jedem Tag mehr, von diesen Geschichten, die doch bald nicht mehr genügten, und von Geschichten überhaupt, die man sich erzählte oder eben verschwieg.
Den Ort meiner Suche habe ich durch andere Orte ersetzt. Doch heute noch, jetzt, immer wieder, wenn ich ein Buch aus dem Regal einer Bücherwand nehme, bin ich für Momente das Kind, das damals dort eines dieser Hefte aus dem Müll holte und las. Auf Flohmärkten und in Trödelstuben zieht es mich immer auch zu den Ständen und Laden mit den Groschenromanen von damals und jetzt. Dann ist mir danach, sie in die Hand zu nehmen und daran zu riechen und dabei an den Ort zurückzukehren, an dem für mich damals das Lesen begann, und dem Kind zu begegnen, das dort in den Möglichkeiten stochert und sucht.

Alois Hotschnig, geboren 1959 in Berg, studierte Medizin, Germanistik und Anglistik in Innsbruck, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Zuletzt erschien der Erzählband Die Kinder beruhigte das nicht (Kiepenheuer & Witsch, 2006).

 


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