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Neulich war ich auf dem Friedhof. Dort, in Friedberg in der Wetterau, liegen meine Großeltern, meine Urgroßeltern und meine Ururgroßeltern, alle unter demselben Stein. Der Stein stammt aus unseren Steinwerken, meine Familie hat früher die Grabsteine für diesen Friedhof gemacht. Wir hatten einen Diabas-Steinbruch. Als ich 17, 18 Jahre alt war, kannte ich fast alle Grabsteine des Friedhofs auswendig. Er liegt nicht weit von meinem Elternhaus entfernt. Die letzte Beerdigung auf diesem Friedhof, die meine eigene Familie betraf, war die meines mir zeitlebens verhassten Onkels J., dem ich heute in memoriam immer ähnlicher werde. Er war der Dorfschluri. Hierzulande sagt man auch Flabbes. Einer, der an Baustellen herumsteht und schaut. Inzwischen hat meine Seele eine geheime Verwandtschaft zu ihm, dem Abscheulichen, entdeckt. Bei Familienfesten diene ich inzwischen mitunter geradezu als sein Stellvertreter. Onkel J.: Zangengeburt, dürres Kind, geistig zurückgeblieben, darüber hinaus vollkommen schmerzunempfindlich, eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit mit Glenn Gould ist auf Fotos aus den 50er-Jahren unabweisbar. Sein Vater, mein Großvater, verabscheute seinen Erstgeborenen, prügelte ihn mit einem Lederriemen, und wenn J. in der Steinmetzfirma bei etwas half oder gewisse von ihm selbst erfundene Tätigkeiten ausübte (das machte er auch zu Hause: er richtete sich eine Fantasiewerkstatt ein und schraubte und polierte dort in ganz sinnlosen Scheinhandlungen vor sich hin, als sei auch er Handwerker), dann nahm ihn mein Großvater nicht im Automobil nach Hause mit, sondern mein Onkel musste die drei Kilometer von der Firma bis hin zu seinem Elternhaus zu Fuß laufen. Zu meiner Zeit, sagen wir in den 70er-Jahren, arbeitete Onkel J. in Frankfurt bei der Post im Hauptbahnhof, schleppte Pakete, duschte nie und verströmte einen so unerträglichen Gestank, dass dieser Gestank binnen zwei Minuten in jedem Haus bis in die hinterste Ritze drang. Wenn er zu uns kam, verließ ich sofort das Haus und ging meistens auf den Friedhof. In J.s Elternhaus (er wohnte zeitlebens bei seiner Mutter in Bad Nauheim) wurde ihm eigens ein Bad im Keller eingerichtet, direkt neben seiner Fantasiewerkstatt. Der Keller war sein Bezirk. Heute bewohne ich dieses Haus. Ich könnte ein J.-Museum aufmachen ... Ich sprach von einer geheimen, seelischen Verwandtschaft. Nun, ich bin vergleichsweise reinlich, sehe überhaupt nicht aus wie Glenn Gould und habe mir nie eine Fantasiewerkstatt eingerichtet (obgleich J.s Spannböcke und Drechseleisen noch immer dastehen, wenngleich auch er wie fast alle früheren Bewohner des Hauses schon tot ist). Aber manches wird doch langsam sehr ähnlich. Erstens: Wenn J. zu meinen Eltern kam (sonntags aßen meine Großmutter und er regelmäßig bei uns), dann ging er immer als erstes in die Küche, öffnete den Kühlschrank, holte sich ein Henninger-Bier heraus (bei der Henninger Bräu arbeitete mein Vater, die ganze Familie trank Haustrunk), dann öffnete er den genau über dem Kühlschrank gelegenen Glasschrank, holte einen Henninger-Glasbierkrug heraus, füllte sich den Krug, trank ihn schon am Kühlschrank zur Hälfte aus und machte dabei ein so widerwärtiges Lustgeräusch, dass er mir das Urbild des Grauens wurde. Für ihn klang es wahrscheinlich herzhaft. Übrigens reichte der Weg vom Eingang in die Küche, um das ganze Haus vollzustinken. Es war eine Art Silage-Geruch. Ich ging währenddessen auf den Friedhof, lernte die Grabsteine auswendig und atmete tief durch ... Heute, 20 Jahre danach, muss ich, wenn ich nach Hause (also nach Bad Nauheim, in sein Haus) komme, regelmäßig an ihn denken, denn meistens schütte ich mir als allererstes sofort ein Bier ins Glas und mache ein Lustgeräusch, einsam vor dem Kühlschrank stehend, wie er. Zweitens: J. ging viel in Kneipen. Es gab eine Zeit, da begann auch ich, viel in Kneipen zu gehen. Ich mied die sogenannten Cafés und stellte mich lieber in Bier- und Apfelweinwirtschaften. Das tue ich bis heute. Kaum hatte ich damit angefangen (ich war etwa 20), traf ich jedesmal meinen Onkel J. Er und ich, die beiden einzigen Kneipengänger unserer Familie. Im Laufe unseres Lebens haben wir nicht nur manchmal die gleichen Leute kennengelernt, sondern stets auch die gleichen Gaststätten aufgesucht: Die Schillerlinde, die Dunkel, das Goldene Faß, den Hanauer Hof und dergleichen mehr. Mein Onkel war da ein ganz bunter Hund. Drittens: Er streunte wie ein Köter durch die Gassen seiner Heimatstadt. Ich auch. Bei der Weihnachtsgans (an Weihnachten zwang man ihn zur körperlichen Reinigung) wedelte er nach dem dritten Bissen Jahr um Jahr mit dem Messer und sagte mit sich peristaltisch umkehrender Stimme: „Ursel“ ... (Ursula, meine Mutter) ... „Ursel, dei Gänsi iss dess beste Gänsi, dess de je gemacht hast“. Ich habe diesen offenbar sinnlosen Satz zeit meines Lebens gehasst. Heute spreche ich ihn J. zu Ehren bei jeder Weihnachtsgans, nach dem dritten Bissen und mit dem Messer wedelnd. Nur das Sich-Umkehren der Peristaltik gelingt mir noch nicht. Mysteriös wird unsere Seelenverwandtschaft aber durch folgendes: mein stinkender, hässlicher, übrigens brutal-cholerischer, mir mit den Jahren in seiner Armut aber immer vertrautere Onkel war der einzige in unserer Familie, der sich mit der Natur auskannte. Er konnte Vögel erkennen und schaute nebst Volksmusiksendungen am liebsten Natursendungen (heute würde er die ganze Nacht Fickwerbungen schauen, auf ihre Weise auch Natursendungen, die es damals aber noch nicht gab, Gott sei Dank). Heute bin ich der einzige in der Familie, der Vögel erkennen kann. Volksmusiksendungen schaue ich allerdings noch nicht. Auch keine Fickwerbungen. Ich habe gar keinen Fernseher. Das ist meine Heimat. Als mein Onkel starb, assistierte ich bei der Beerdigung. Die Sargträger waren natürlich betrunken. Das wäre mein Onkel an diesem Tag sicherlich auch gewesen, hätte er ihn erlebt. Das ist meine Heimat. Eine Friedhofsheimat. Meine Familie ist eine Familie, die immer Grabsteine gemacht hat. Auch ihren eigenen. J.s Name passte allerdings nicht mehr auf die Familiengrabplatte. Er hat jetzt eine kleine Nebenplatte. Sie erinnert mich jedesmal an das eigenartige Badezimmer im Keller. Sein Bezirk. Dieses in memoriam.
Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, lebt als freier Schriftsteller in Brixen und Bad Nauheim. Zuletzt erschienen der Roman Kirillow (Suhrkamp, 2005) und Bullau, ein gemeinsam mit Christine Büchner verfasster „Versuch über Natur“(Heinrich & Hahn, 2006). |